E-Book, Deutsch, 600 Seiten
Fleming Barrow's Boys
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-86648-377-4
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Eine unglaubliche Geschichte von wahrem Heldenmut und bravourösem Scheitern
E-Book, Deutsch, 600 Seiten
ISBN: 978-3-86648-377-4
Verlag: mareverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Fergus Fleming wurde 1959 geboren. Er studierte an der Oxford University und der City University in London, arbeitete als Tischler und war Lektor bei Time-Life Books, bis er als freier Schriftsteller zum Bestsellerautor wurde. Fergus Fleming lebt in Gloucester.
Weitere Infos & Material
Vorwort und Dank
Chronologie der wichtigsten Expeditionen
1 Der Mann bei der Admiralität
2 Tod auf dem Kongo
3 Das Trugbild vom Lancaster-Sund
4 Buchans Rückzug
5 Der westlichste Punkt
6 Winter auf der Melville-Insel
7 Die Vizekonsuln von Murzouk
8 Fehlschlag am Foxe-Becken
9 Der Mann, der seine Stiefel aß
10 Lyons Abreise
11 Kabbelei in der Sahara
12 Der Verrückte von Timbuktu
13 Die Straße von Badagry
14 Parry zum Pol
15 Ross' Wiederauferstehung
16 Das Rätsel der Niger
17 Ein zweites Singapur
18 Die Prüfung der Victory
19 "Jedes Tier taugt zum Löwen"
20 Unterwegs übers Land
21 Das untere Ende der Welt
22 "Sehen Sie, wie unsere Hände zittern?"
23 Der letzte Posten
24 Erebus und Terror
25 Der Arktische Rat
26 Investigator
27 Franklins Schicksal
28 Den Globus reiten
Epilog
Quellennachweis und Literaturverzeichnis
Bibliographie
Register
1.
Der Mann bei der Admiralität
Gibt es – zu jeder Zeit, vor allem aber in Friedenszeiten – eine ehrenhaftere Aufgabe für Teile unserer Seestreitkräfte als die, jene Lücken in den Wissenschaften der Geographie und Hydrographie zu schließen, deren Umrisse von Cook, Vancouver, Flinders und anderen unserer Landsleute auf so bravouröse Art vorgezeichnet worden sind?»1
Diese Worte schrieb John Barrow, Zweiter Sekretär der Admiralität, 1816 in seinem Vorwort zu Kapitän James Kingsleys Bericht über dessen Kongoexpedition desselben Jahres. Sie fanden nur wenige Leser, aber ihre Schwerter-zu-Pflugscharen-Gesinnung wurde von vielen, zumal von den Offizieren der Königlichen Marine, geteilt.
Die Königliche Marine, während der Napoleonischen Kriege so stark angeschwollen, dass sie hundert Jahre lang keinen ebenbürtigen Gegner haben sollte, sah sich mit massiver Abrüstung konfrontiert. Unter dem Strich war das ein einfacher Vorgang: Die Schiffe wurden außer Dienst gestellt und die Matrosen wieder auf jene Straßen geworfen, auf denen sie oft genug zum Dienst gepresst worden waren. Anders die Offiziere. Sie wollten Karriere machen, sie hatten politischen Einfluss, und man konnte sie nicht einfach entlassen. Tatsächlich wuchs ihre Zahl so stark an, dass, nachdem die Marine von 130.000 auf 23.000 Mann reduziert worden war, ein Offizier auf vier Männer kam. Doch neunzig Prozent dieser Offiziere waren überflüssig. Bei halbiertem Gehalt zur Untätigkeit verdammt, sehnten sie sich nach irgendetwas – ein Krieg wäre genau das Richtige gewesen –, um wieder Dienst tun zu können. Doch ein Krieg war nicht in Sicht, und auf Beförderung konnten sie nur hoffen, wenn ein ranghöherer Offizier verstarb. Leider Gottes waren solche Todesfälle in Friedenszeiten selten. Die Folgen der Napoleonischen Kriege blieben noch dreißig Jahre danach spürbar: Das Durchschnittsalter der Admiräle lag bei sechsundsiebzig Jahren, und Hunderte ergrauter und in tiefer Melancholie versunkener Kapitäne fristeten ihr Dasein bei halbiertem Gehalt. Im Jahr 1846 taten nur 172 von 1.151 Offizieren vollen Dienst.
Ein halbes Gehalt war keine besonders erfreuliche Aussicht, zumal es gerade eben den Lebensunterhalt sicherte. Und als Barrow die Frage nach einer «ehrenhaften Aufgabe» stellte, war die Reaktion entsprechend begeistert. Welche Aufgabe? Genau das war der Punkt.
Kapitän James Kingston Tuckey hätte es ihnen verraten können. Aber leider war er tot.
Der Sitzungssaal des Rates der Admiralität im ersten Stock des Admiralty House, Whitehall, war das Nervenzentrum der größten und mächtigsten Flotte der Welt. An einer Wand hing, über zwei Globen und zwischen Bücherregalen, eine grau-blaue Uhr, deren Pendel über einer Windrose hin- und herschwang. An einer anderen Wand waren Karten aufgerollt, immer neun hintereinander, auf denen jede Küste der damals bekannten Welt verzeichnet war. In der Mitte des Raumes übten die Lords der Admiralität, flankiert von Kohlefeuern, ihre Macht an einem Mahagonitisch aus. Dieser Tisch war im Sheraton-Stil gearbeitet, hatte Beine mit kannelierten Pilastern sowie eine mit hellgrünem Leder bespannte Platte und bot Platz für zehn Männer.
In diesem Raum trat John Barrow 1804 sein Amt als Zweiter Sekretär der Admiralität an. Mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung zwischen 1806 und 1807 sollte er es unter diversen Whig- und Tory-Regierungen einundvierzig Jahre lang innehaben. Der Zweite Sekretär, nur vordergründig eine Nebenfigur, hatte erheblichen Einfluss. Im Unterschied zur Marineverwaltung, die für Fragen der Versorgung und Administration zuständig war, entschied der Rat der Admiralität, der aus sieben Lords und zwei Sekretären bestand, über die Flotteneinsätze. Die Lords waren in ihr Amt berufen worden und weder gründlich mit dem Flottenwesen vertraut noch besonders daran interessiert. Trotzdem standen sie an der Spitze, und im Falle von Entscheidungen berieten sie sich mit ihren Sekretären. Der Erste Sekretär war wie die Lords Mitglied des Parlaments. Er hatte sich um alle politischen Aspekte der Marine zu kümmern. Der Zweite Sekretär hingegen, kein Politiker, sondern ein Beamter, hatte die Aufgabe, die Entscheidungen seiner Vorgesetzten in die Tat umzusetzen und dafür zu sorgen, dass der Verwaltungsapparat reibungslos funktionierte.
Ein Außenstehender, der das, was am grünen Tisch vor sich ging, hätte beobachten können, wäre rasch überzeugt gewesen zu wissen, wer die Macht besaß. Die Lords – insbesondere der Erste Lord – repräsentierten sie schon mit ihrer feinen Kleidung, ihrer Aura der Langeweile und ihren festen politischen Überzeugungen. Der Erste Sekretär dürfte mitgeredet haben, wenn auch ehrerbietig. Und der Zweite Sekretär? Er schwieg und schrieb Protokoll. Das Gehalt der Männer jedoch besagte etwas anderes. Die einfachen Lords erhielten tausend Pfund pro Jahr. Der Erste Sekretär erhielt das Vierfache dieser Summe, und das Gehalt des Zweiten Sekretärs entsprach mit zweitausend Pfund pro Jahr dem des Ersten Lords. Der Erste und der Zweite Sekretär dürften also die mächtigsten Männer bei der Admiralität gewesen sein.
Als Barrow, ein vierzigjähriger Mann mit dunklem Haar und rundem Gesicht, zu dieser illustren Runde stieß, war er im wahrsten Sinne des Wortes ein Sekretär. 1764 in der Stadt Ulverston im nördlichen Lancashire geboren, floss kein einziger Tropfen blauen Blutes in seinen Adern. Seine Eltern lebten in einem kleinen Cottage, von dem aus sein Vater, der in sozialer und ökonomischer Hinsicht nur knapp über einem Landarbeiter stand, zwei Felder bewirtschaftete. Doch John Barrow erwies sich als sehr intelligentes Kind. Er besuchte die Tower Bank School in Ulverston, beherrschte mit dreizehn Jahren Lateinisch und Griechisch und kannte sich mit Shakespeares Werken aus. Eine Weile arbeitete er als Privatlehrer eines Seekadetten, der älter war als er selbst. Dies stärkte sein Selbstvertrauen und verschaffte ihm Grundkenntnisse in der Navigation. Barrow war überaus wissenshungrig und stürzte sich in die Arbeit. Selbst «in diesem frühen Lebensabschnitt», schrieb er später, «hasste ich den Müßiggang aus vollem Herzen».2 Eine eher selbstgefällige Aussage. Aber zum Zeitpunkt, als er sie tat, hatte er durchaus Anlass zur Selbstgefälligkeit.
In rascher Folge vertiefte Barrow sich, angeleitet durch einen einsiedlerischen «weisen Mann», in die Mathematik und die Astronomie, führte Buch für eine lokale Metallgießerei, fuhr einen Sommer auf Walfang vor Spitzbergen, besuchte das Königliche Observatorium in Greenwich und wurde mit zwanzig Jahren Hauslehrer von Thomas Staunton, einem Wunderkind, das fünf Sprachen beherrschte und ihm Chinesisch beibrachte.
Barrow war zweifellos intelligent. Aber durch Intelligenz allein brachte es im England des achtzehnten Jahrhunderts kaum jemand zu etwas. Entscheidend war die Patronage. Zu Barrows Glück war der Vater des Wunderkindes ein Baron. Dieser Baron genoss das Vertrauen Lord Macartneys, der wiederum das Vertrauen diverser Herzöge und Fürsten genoss. Als man Macartney 1795 als Botschafter für die Chinamission Englands vorschlug, lief die Patronage-Maschinerie an. Die Herzöge und Fürsten fragten Macartney, ob er Chinesisch beherrsche. Er beherrschte es nicht und fragte den Baron, ob dieser jemanden kennte. Der Baron schlug John Barrow vor, der auf diese Weise zum offiziellen Dolmetscher der Mission von Lord Macartney ernannt wurde.
Diese Mission war ein grandioses Debakel. Macartney, der mit allen Wundern der westlichen Welt beladen in Peking eintraf – mit Kanonen und Teleskopen, einem Vierspänner sowie einem Heißluftballon samt Pilot –, wurde mit widerwilliger Höflichkeit aufgenommen und am Ende mit formvollendeter Verachtung vor die Tür gesetzt. Der chinesische Kaiser befand, die Anwesenheit eines britischen Botschafters «steht nicht im Einklang mit den Gesetzen des Himmlischen Reiches, und zudem sind Wir der Ansicht, dass sie Eurem Land zu keinem Nutzen dient». Außerdem «haben Wir künstliche Gegenstände nie sehr geschätzt und nicht den geringsten Bedarf an den Produkten Eures Landes». Und um einen endgültigen Strich unter die ganze Angelegenheit zu setzen, fügte er hinzu: «Dies ist ein Sondererlass!»3
Als Übersetzer dürfte Barrow also häufig den Hiobsboten gespielt haben, aber irgendwie gelang es ihm während der aussichtslosen Mission, Macartneys Gunst zu gewinnen. Als dieser, nur wenige Monate nach seiner Rückkehr aus China, zum Gouverneur der Kap-Kolonie in Südafrika ernannt wurde, durfte Barrow ihn begleiten.
Der Bauernsohn, der Chinesisch beherrschte, übertraf sich selbst. Er führte die erste Volkszählung in der Kap-Kolonie durch, kartierte das Landesinnere bis zum Oranje, einem Fluss in Namibia, führte, obgleich Amateur auf diesem Gebiet, einige geologische Untersuchungen durch und erlangte sogar eine Audienz bei Shaka, dem König...




