E-Book, Deutsch, 200 Seiten
Flex Der Wanderer zwischen beiden Welten
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-944869-09-4
Verlag: RUTHebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 200 Seiten
ISBN: 978-3-944869-09-4
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Kapitel 1
Eine stürmische Vorfrühlingsnacht ging durch die kriegswunden Laubwälder Welsch-Lothringens, wo monatelanger Eisenhagel jeden Stamm gezeichnet und zerschroten hatte. Ich lag als Kriegsfreiwilliger wie hundert Nächte zuvor auf der granatenzerpflügten Waldblöße als Horchposten und sah mit windheißen Augen in das flackernde Helldunkel der Sturmnacht, durch die ruhlose Scheinwerfer über deutsche und französische Schützengräben wanderten. Der Braus des Nachtsturms schwoll anbrandend über mich hin. Fremde Stimmen füllten die zuckende Luft. Über Helmspitze und Gewehrlauf hin sang und pfiff es schneidend, schrill und klagend, und hoch über den feindlichen Heerhaufen, die sich lauernd im Dunkel gegenüberlagen, zogen mit messerscharfem Schrei wandernde Graugänse nach Norden.
Die verflackernde Lichtfülle schweifender Leuchtkugeln hellte wieder und wieder in jähem Überfall die klumpigen Umrisse kauernder Gestalten auf, die in Mantel und Zeltbahn gehüllt gleich mir, eine Kette von Spähern, sich vor unseren Drahtverhauen in Erdmulden und Kalkgruben schmiegten. Die Postenkette unsres schlesischen Regiments zog sich vom Bois des Chevaliers hinüber zum Bois de Vérines, und das wandernde Heer der wilden Gänse strich gespensterhaft über uns alle dahin. Ohne im Dunkel die ineinanderlaufenden Zeilen zu sehen, schrieb ich auf einen Fetzen Papier ein paar Verse:
Im Geschäftszimmer des Regiments erfuhren wir, daß wir bei Morgengrauen mit zwanzig andern Kriegsfreiwilligen nach Deutschland in Marsch gesetzt würden, um im Posener Warthelager eine Offiziersausbildung durchzumachen. Auf der abschüssigen Dorfstraße zwischen der granatenzertrümmerten Kirche und dem Pfarrhaus mit seinen Kriegergräbern trat unser kleiner Trupp in der Frühe des folgenden Tages an. Zur gleichen Zeit wie wir sollte ein Kommando von Berufsschlächtern, die zur Verwendung in der Heimat aus der Truppe gezogen waren, den Ort verlassen. Während wir nun in Reih und Glied, des Marschbefehls gewärtig, vor dem Pfarrhaus standen, trat ein Major an uns heran und rief uns von weitem zu: »Seid ihr die Metzger, Kerls?« und ein Chorus von beleidigten und vergnügten Stimmen antwortete: »Nein, Herr Major, wir sind die Offiziersaspiranten!« Während der Major mit einem verdrießlichen Gemurmel an unserem grauen Häuflein vorbei die Suche nach seinen Metzgern fortsetzte, sah ich zufällig in ein paar auffallend schöne lichtgraue Menschenaugen. Sie gehörten meinem Nebenmann und standen randvoll fröhlichen Lachens. Wir sahen uns an und begegneten uns in der Freude an einem jener kleinen harmlos-spaßhaften Erlebnisse, an denen unser Kriegsfreiwilligendasein reich war. Was für reine Augen hat der junge Mensch! dachte ich und merkte beim Aufruf durch den Regimentsschreiber auf seinen Namen. »Ernst Wurche.« »Hier!« Nun, dachte ich, es ist hübsch, daß du und ich den gleichen Weg haben . . . .
Ein paar Stunden später stieg unser kleiner Trupp die mit Strömen von Heldenblut getränkten Höhen der Côtes Lorraines von Hâtonchatel nach Vigneulles hinab. Der steile Abstieg und die von Tau und Sonne sprühend frische Luft rückte einem, ohne daß man's recht wußte, den Kopf in den Nacken, und bald flatterte ein Lied wie eine helle frohe Fahne über dem grauen Häuflein. »Wohlauf, die Luft geht frisch und rein! Wer lange sitzt, muß rosten. Den allersonnigsten Sonnenschein läßt uns der Himmel kosten.« Wie lange hatte man das nicht gesungen! Wer hatte es angestimmt? Der junge Student mir zur Seite hatte eine Stimme, so hell und rein wie seine Augen. Wer so singt, mit dem wird gut plaudern sein, dachte ich, während er unbekümmert froh die frischerwachte Wanderlust im Liede ausschwingen ließ . . . .
Steiler und steiler drängte die Straße in die weite lothringische Ebene hinab. In scharfer Wendung zwang sie auf halber Höhe plötzlich den Blick rückwärts und hinauf zu der in Morgenröte und Frühnebeln badenden Kirche von Hâtonchatel, aus deren gotischem Zierat die junge Sonne gleichsam in hellen Bächen hervorsickerte, empor zu den zerschossenen Häusern, die sie umdrängten, und zu dem Bergfriedhof davor, über dessen graue Mauern das Leben in Büscheln frischen Grüns mit hundert schlanken Zweigen voll silbrig schimmernden Teufelszwirns und schwellender Haselkätzchen hinausdrängte. Je tiefer wir stiegen, desto thronender hob sich über das Tal und die taufeuchten Rebenhänge, in immer hellerer Sonne schwelgend, die Kirchenruine von Hâtonchatel, eine Gottesburg, vor der sich das reiche Land hinauf und hinab breitete wie ein Gebetsteppich für Scharen von Pilgern.
Vielleicht hätte ich dies alles nicht so gesehen ohne den zwanzigjährigen Kameraden neben mir. Er sang nicht mehr, sondern war ganz in Schauen und Schreiten versunken. Trotz und Demut, die Anmut des Jünglings, lagen wie ein Glanz über der Haltung des straffen Körpers, dem schlanken Kraftwuchs der Glieder, dem stolzen Nacken und der eigenwilligen Schönheit von Mund und Kinn. Sein Gehen war federnde, in sich beruhende und lässig bewährte Kraft, jenes Gehen, das »Schreiten« heißt, ein geruhiges, stolzes und in Stunden der Gefahr hochmütiges Schreiten. Der Gang dieses Menschen konnte Spiel sein oder Kampf oder Gottesdienst, je nach der Stunde. Er war Andacht und Freude. Wie der schlanke, schöne Mensch in dem abgetragenen grauen Rock wie ein Pilger den Berg hinabzog, die lichten grauen Augen ganz voll Glanz und zielsicherer Sehnsucht, war er wie Zarathustra, der von den Höhen kommt, oder der Goethesche Wandrer. Die Sonne spielte durch den feinen Kalkstaub, den seine und unsere Füße aufrührten, und der helle Stein der Bergstraße schien unter seinen Sohlen zu klingen . . . .
Sein Gang war Wille und Freude. Er ging aus Vergangenheit in Zukunft, aus den Lehrjahren ging er in seine Meisterjahre hinüber. Hinter ihm versanken die Berge, auf denen er mit Picke und Spaten geschanzt hatte, die Wälder, deren zentnerschwere Stämme er stundenweit auf willigen Schultern getragen, die Dörfer, deren Straßen er mit Schaufel und Kotrechen saubergehalten hatte, die Gräben, in denen er zu allen Stunden des Tages und der Nacht seinen Wachdienst getan, und die Erdlöcher und Unterstände. in denen er soviel Monate hindurch mit Handwerkern, Fabrikern und polnischen Landarbeitern gute Kameradschaft gehalten hatte. Er hatte sechs Monate hindurch den grauen Rock ohne Knopf und Tressen getragen, und von den härtesten und niedrigsten Diensten war ihm nichts geschenkt worden. Nun schritt er von den Bergen herab, um Führer zu werden. Aber er warf die Vergangenheit nicht von sich wie einen abgetragenen Rock, sondern nahm sie mit sich wie einen heimlichen Schatz. Er hatte sechs schwere Monate hindurch um die Seele seines Volkes gedient, von der so viele reden, ohne sie zu kennen. Nur wer beherzt und bescheiden die ganze Not und Armseligkeit der Vielen, ihre Freuden und Gefahren mitträgt, Hunger und Durst, Frost und Schlaflosigkeit, Schmutz und Ungeziefer, Gefahr und Krankheit leidet, nur dem erschließt das Volk seine heimlichen Kammern, seine Rumpelkammern und seine Schatzkammern. Wer mit hellen und gütigen Augen durch diese Kammern hindurchgegangen ist, der ist wohl berufen, unter die Führer des Volkes zu treten. Als ein Wissender an Kopf und Herzen stieg der junge Kriegsfreiwillige von den lothringischen Bergen herab, um Führer und Helfer in seinem Volke zu werden. Davon klang sein Schritt. Und wenn die Menschen mit allem lügen und heucheln könnten, Blick und Stimme und Gang der Starken und Reinen können sie nicht erheucheln und nachtäuschen. Noch hatte ich mit dem jungen Studenten kein Wort gesprochen, aber Blick und Stimme und Gang des Jünglings waren mir freund...




