Florin | Comisario Canario - Der Maulwurf unter Palmen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

Florin Comisario Canario - Der Maulwurf unter Palmen

La Gomera-Krimi
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-8271-8744-4
Verlag: Edition CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection

La Gomera-Krimi

E-Book, Deutsch, 512 Seiten

ISBN: 978-3-8271-8744-4
Verlag: Edition CW Niemeyer
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection



Jorge Alturo, Kommissar aus Teneriffa, ist schüchtern bei Frauen, im Dienst korrekt und hat einen empfindlichen Magen. Schlendrian kann er nicht leiden. Sein Spitzname: El Topo, der Maulwurf. Da wird er wegen des Mordes an einem alten Mann auf die kleine Nachbarinsel La Gomera beordert, wo sich alles um Gemütlichkeit und scharfes Essen dreht. Als sein Wagen explodiert, bleibt ihm nichts übrig, als im rostzerfressenen Kleinbus eines deutschen Alt-Aussteigers über die Insel zu holpern. Schnell merkt er, dass die Einheimischen eine Menge vertuschen - zum Beispiel das spurlose Verschwinden eines Hippie-Mädchens in den 1980er Jahren. Obwohl El Topo um sein Leben fürchten muss, wühlt er sich durch das Dickicht der Spuren. Was ist damals auf La Gomera wirklich geschehen?

Bevor Elisabeth Florin anfing, Bücher zu schreiben, arbeitete sie viele Jahre als Journalistin bei renommierten deutschen Medien und in der Kommunikation von Banken. Als Kontrapunkt zur schnelllebigen Welt entdeckte sie ihre Liebe zu einer kleinen, ganz besonderen Insel im Atlantik: La Gomera. Mit ihrem kleinen Hund Teddy lebt sie mittlerweile ganzjährig dort. Das lief am Anfang alles andere als rund. Auf La Gomera bedeutet »mañana« nämlich nicht morgen, sondern »heute nicht«. Oder sogar »nie«. Aber wer hier dauerhaft lebt, merkt irgendwann: Manchmal ist das gar nicht so schlecht.
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Dienstag. Martes.


Die Fähre rollte und schlingerte. Die See war rau an diesem Morgen. Aber der Benchijigua-Express, der zwischen Teneriffa und La Gomera verkehrte, fuhr bei fast jedem Wetter.

Der Kapitän auf der Brücke fluchte unterdrückt. Die steife Brise störte ihn nicht, die war er gewohnt. Was ihn nervte, waren die zu erwartenden Fragen von Passagieren der ersten Klasse. Sobald sich ein Lüftchen regte, machten sich die Gäste der „Clase Oro“, der „Goldklasse“ – so hieß die Lounge auf dem Oberdeck – Sorgen um ihre BMWs und Audis.

Er ließ den ersten Offizier übernehmen und ging hinunter aufs Passagierdeck, um es hinter sich zu bringen. Doch niemand sprach ihn an, als er am goldbraunen Tresen der „Clase Oro“ einen Milchkaffee bestellte.

Verwundert schaute er sich um. Die Goldklasse war fast leer, ein ungewohnter Anblick für einen Dienstagmorgen.

Um einen runden Tisch hatte sich eine Familie mit kleinen Kindern gruppiert, wahrscheinlich Touristen.

In einem Sessel am Fenster saß ein einzelner Mann Mitte vierzig im dunkelgrauen Anzug, einen gleichfarbigen Hut und eine Aktentasche auf dem Schoß. Das schwarze Haar und die Physiognomie verrieten den Spanier. Seine Haut war hell, und sein Teint sah aus, als miede er die Sonne. So, wie er gerade eine unsichtbare Staubfluse von seinem Hut entfernte, machte der Mann einen peniblen, fast überkorrekten Eindruck.

Zufrieden trank der Kapitän seinen Kaffee aus und wandte sich zum Gehen.

Hätte er über den Mann im dunklen Anzug nachgedacht, würde er ihn für einen Finanzbeamten oder vielleicht einen Steuerberater gehalten haben. Bestimmt nicht für das, was er in Wirklichkeit war.

Jorge Alturo – so hieß der Mann – war einer der besten Mordermittler Teneriffas. Sofern man ihn aufgrund seiner Kombinationsgabe beurteilte. In Gegenwart anderer Menschen fühlte er sich manchmal etwas hilflos; das war seine Achillesferse.

Jorge Alturo legte Hut und Aktentasche beiseite und trat auf das Deck hinaus. Direkt vor ihm erhob sich der mächtige Schornstein der Fähre. Hinter ihm streckte der Radarturm seine metallenen Finger in den wolkenlosen Himmel.

Die Luft war salzig, es roch nach Fisch und Seetang. Der Wind packte ihn, und er griff nach der Reling, um Halt zu finden. Unter ihm brodelte die See. Die Gewässer waren hier sehr tief, über zweitausend Meter. Vielen Leuten gefiel die Vorstellung. Ein bisschen Nervenkitzel, ein Hauch von Abenteuer.

Alturo war fester Boden unter den Füßen bedeutend lieber. Er wollte sich eine Zigarette anzünden, aber dann entdeckte er das Schild mit dem Rauchverbot und steckte die Schachtel weg.

In der Entfernung war ein dunkler Schemen zu erkennen, der aus dem Wasser aufstieg: La Gomera.

Alturo war einmal übers Wochenende dort gewesen.

Die kleine Insel war ihm ein wenig unheimlich. Da war diese Feuchtigkeit, beinahe Kühle, die oben in den Bergen in der Luft lag und auf der Haut prickelte, auch wenn unten im Tal weit höhere Temperaturen herrschten. Und dann die Stille im Regenwald, die eigentlich keine war.

Prompt hatte er sich verirrt und war stundenlang ziellos herumgelaufen. Die Einheimischen hatten den Kopf geschüttelt, als er ihnen hinterher sein Leid klagte. Überall gebe es Wegweiser.

Die hatte er wohl übersehen.

Mit Mühe tauchte Alturo aus der Erinnerung auf und straffte sich. Diesmal war er in offiziellem Auftrag hier.

Die Informationen, die er zu dem Fall erhalten hatte, waren mager. Ein Einheimischer war tot am Strand gefunden worden, offenbar erschossen. Wahrscheinlich Streitigkeiten, die eskaliert waren. Die Gomeros waren nicht schnell aus der Ruhe zu bringen, aber wenn es einmal so weit war, konnten sie ganz schön hitzig werden – das war allgemein bekannt.

Alles in allem wohl ein Routinefall, der sich ohne Weiteres aufklären ließ.

Alturos Kollegen in Santa Cruz waren in Deckung gegangen, um dem Aufenthalt in der Provinz zu entkommen.

Er war als Einziger unverheiratet. „Wir sollten die anderen nicht von ihren Familien trennen, vor allem jetzt, vor den Feierlichkeiten zu Ehren von Christoph Kolumbus. Das verstehen Sie doch, Alturo?“, hatte der Chef gesagt.

Kolumbus, sicher. Im Juli wäre ihm sein Chef mit der Fiesta del Carmen gekommen, im August mit der Fiesta de la Virgen de Candelaria.

Wenn ein Fall auf den Tisch kam, der so aussah, als würde er keine Ehre einbringen, landete er bei Alturo. Am liebsten schickten sie ihn in die Provinz, möglichst weit weg von der Zentrale der Policía Nacional in Santa Cruz. Manchmal war der Fall doch komplizierter, als er auf den ersten Blick aussah. Das waren die Ermittlungen, die Jorge Alturo liebte.

Die Hafeneinfahrt war näher gerückt. Die schroffen Felsen der Steilküste waren deutlich zu erkennen. Möwen flatterten kreischend über seinen Kopf hinweg.

Jorge wandte sich ab und ging wieder hinein.

Sein Blick fiel auf die Familie am Nebentisch. Vermutlich Nordeuropäer, der rötlichen Haut nach. Ein Kind in einer Trage. Und ein etwa fünfjähriger Junge, das Gesicht übersät mit Sommersprossen.

Jorge lächelte, als er den Knirps beobachtete, wie er von einem Fenster zum anderen rannte und sich die Nase platt drückte. Wahrscheinlich hatten ihm seine Eltern erzählt, dass man zwischen den Inseln Tümmler und Grindwale zu sehen bekam. Manchmal sogar Orcas.

Aber heute war das Wetter zu stürmisch, um da draußen etwas zu erkennen.

Gischt spritzte am Fenster hoch. Das Schiff schwankte hin und her. Der Junge fiel zu Boden. Er verzog das Gesicht, schrie aber nicht. Tapferer Bursche.

Jorge hockte sich neben den Kleinen hin, der sich gerade aufrappelte.

„Da draußen sind gerade eine Menge Delfine, mein Junge“, sagte er auf Englisch.

Die Augen des Jungen leuchteten. „Wirklich?“

„Auf jeden Fall. Du kannst sie bloß momentan nicht sehen. Aber das Wichtigste ist ja, zu wissen, dass sie da sind. Sie können übers Wasser springen und mit Bällen spielen, hast du das gewusst?“

Der Kleine schüttelte den Kopf. Der fremde Mann war ihm wohl ein wenig unheimlich, denn auf einmal machte er kehrt und rannte davon.

Jorge sah ihm nach. Es wäre schön, selbst Kinder zu haben. Eins, oder vielleicht sogar zwei. Aber hierfür fehlte ihm bisher die Grundvoraussetzung – eine Frau.

Jorge musterte die Eltern, aber die beiden Erwachsenen waren zu sehr mit ihren Handys beschäftigt, um auf ihren Sprössling zu achten.

Mittlerweile sauste der Kleine kreuz und quer durch die Lounge, vorbei an steinernen Blumenkübeln, einem Chromgeländer und Barhockern, die in den Boden eingelassen waren und ziemlich massiv aussahen.

Jorge sah es kommen. Die Fähre schlingerte, der Kleine stürzte über eine Treppenstufe und fiel gegen das Geländer. Bevor sein Kopf auf einer der Streben aufschlug, war Jorge auf den Beinen und fing den Jungen auf.

Jetzt schrie der Kleine aus Leibeskräften. Die Eltern starrten feindselig herüber, als hätte Jorge dem Jungen etwas angetan. Er stellte ihn auf die Beine und führte ihn zum Tisch. „Sie sollten aufpassen.“

Er erwartete keinen Dank, und er bekam auch keinen.

***

Zwanzig Minuten später holperte Jorge mit seinem Wagen über die Rampe der Fähre hinaus auf den Kai.

Sein Blick streifte die Ansammlung bunter Häuser, die gegenüber dem Hafen am Steilhang klebten. Der Anblick war vermutlich nicht viel anders als vor fünfhundert Jahren, als Christoph Kolumbus von San Sebastián de La Gomera in den Atlantik hinaussegelte, um den Seeweg nach Indien zu finden.

Jorge Alturo passierte das kleine Fährterminal. Heute herrschte wenig Betrieb. Einmal im Jahr war das anders, im Dezember, wenn das härteste Ruderrennen der Welt in die Karibik startete.

Die sportliche Leistung nötigte Jorge hohen Respekt ab, aber bei der Vorstellung, in einer Nussschale aufs Meer hinauszufahren, überlief ihn ein Schauder. Zwischen La Gomera und Antigua lagen fünftausend Kilometer Atlantik. Tief. Sturmumtost. Gefährlich.

Die dunklen Eckquader des mittelalterlichen Wehrturms Torre del Conde glänzten in der Morgensonne. Auf dem Rasen spielten Hunde. Ein alter Mann ging in aller Seelenruhe über die Straße, ohne nach links und rechts zu schauen.

Jorge dachte an Santa Cruz, die geschäftige Hauptstadt von Teneriffa. Wohin man auch schaute, jedermann schien geradewegs auf sein Ziel zuzusteuern.

La Gomera war anders. Die Insel war ein vulkanischer Kegel mit schroffen, steil aufragenden Felszacken und tief eingeschnittenen Tälern. Jede Straße endete in einer Bucht. Es gab keine Autopista wie auf Teneriffa, die an der Küste entlangführte.

Auf La Gomera brauchte man Zeit. Sofort: Das war ein Fremdwort hier.

Jorge machte das nichts aus. Die Wahrheit herauszufinden, war auch ein Geduldsspiel.

Er passierte den Roque del Sombrero. Sein terrassierter, von einem riesigen, hutähnlichen Felsen gekrönter Bergrücken zeichnete sich gestochen scharf gegen den blauen Himmel ab.

Keuchend schraubte sich sein alter Toyota Corolla am Rand der tief eingeschnittenen Vera-Schlucht nach oben. Man hatte ihm wie immer kein Dienstfahrzeug bewilligt. Angeblich waren alle anderweitig im Einsatz.

Jorge bremste ab und fuhr auf einen kleinen, als Aussichtspunkt gekennzeichneten Parkplatz. Er öffnete die Motorhaube, um den Motor abkühlen zu lassen.

Tief unter ihm lag ein Palmenhain, mittendrin eine Ortschaft mit weißen Häusern....



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