E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: ABAEN07
Florin Merano criminale
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-98707-271-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Reihe: ABAEN07
ISBN: 978-3-98707-271-0
Verlag: Emons Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Elisabeth Florin wuchs in Süddeutschland auf; ihre journalistische Laufbahn begann sie in den 1980er Jahren bei der RAI in Südtirol. Von den Menschen in Südtirol und ihrer Geschichte fasziniert, verbringt sie seither viel Zeit in Meran und Umgebung. Sie arbeitete 25 Jahre lang als Finanzjournalistin und Kommunikationsexpertin, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete.
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Overkill
Algunder Waalweg, im Tunnel
9Uhr
»Mach dich auf was gefasst.« Emmenegger lenkt den Dienstwagen auf den Parkplatz am Eingang des Waalwegs. Da stehen bereits zwei Fahrzeuge der Spurensicherung und ein Krankenwagen. Er stellt den Motor ab. »Der Tatort ist wohl eine ziemliche Schweinerei.«
»Kopfschuss mit großem Kaliber, hab ich läuten hören.« Eva tut, als würde sie so was jeden Tag zu Gesicht bekommen. In Wirklichkeit ist ihr genauso mulmig zumute wie ihm.
Der Notruf ist bei der Carabinieri-Station Meran-Mitte eingegangen. Die Schilderung der Kollegen klingt nach einem speziellen Fall, außerhalb des Üblichen. Falls man einen Mord so bezeichnen kann.
Im Gehen blickt Emmenegger zu Eva hinüber. Ihre Locken hüpfen auf und ab, das rotblonde Haar sprüht Funken. Eva ist seit über drei Jahren die Frau seines Herzens. Und sie ist seine Kollegin und einzige Mitarbeiterin in der Meraner Mordkommission.
»Das Opfer ist eine ältere Frau.« Eva wird langsamer. »Der Mörder hat direkt vor ihr gestanden und ihr in den Kopf geschossen.«
Ihre blauen Augen suchen die seinen.
Sie sind allein auf der Strecke. Alle Eingänge zum Waalweg sind abgeriegelt.
Vogelgezwitscher. In den Obstbäumen rauscht ein leichter Sommerwind. Weinblätter rascheln leise. Und irgendeiner brüllt.
»Da vorn muss es sein. Ich hör ihn schon.«
Wie immer ist Arnold Kohlgruber, der Chef der Spurensicherung von Meran, schon von Weitem zu vernehmen. Seine lauthals erteilten Anweisungen kümmern allerdings keinen. Seine Mitarbeiter benehmen sich, als wären sie taub.
»Er klingt anders als sonst. Irgendwie gedämpft.«
»Vielleicht ist er heiser.«
Jetzt macht der Weg eine Biegung. Der Tunnel kommt in Sicht. Überall rot-weißes Absperrband, so straff festgezurrt, als wäre die Welt dadurch ein bisschen sicherer.
Ein Uniformierter tritt auf sie zu. »Frau Marthaler. Emmenegger. Mein Gott.« Carabiniere Pitti schüttelt den Kopf. Von seinem leicht amüsierten Tonfall ist heute nichts zu spüren. »Schreckliche Sache. Das ist nicht bloß Mord. Sondern eine verdammte Hinrichtung.«
»Wissen wir, wer die Tote ist?«
»Wir haben ihre Handtasche sichergestellt. Darin befand sich eine Geldbörse mit ihrem Ausweis. Maria Klagenfurth, wohnhaft in der Kallmünzgasse, geboren am 5. Mai 1964 in Meran.«
Ach du meine Güte. Die arme Frau hat heute Geburtstag, sogar einen runden. Den sechzigsten.
»Wer hat die Leiche gefunden?«
»Eine Joggerin. Die hat uns benachrichtigt. Jetzt sitzt sie in dem Krankenwagen auf dem Parkplatz. Sie steht unter Schock.« Pitti räuspert sich. »Die Leiche liegt am anderen Ende des Tunnels. Kohlgruber hat Holzplanken legen lassen. Auf die tretet bitte.«
***
Drinnen im Tunnel ist es gleißend hell. Das kalte Licht der Scheinwerfer sticht in die Augen. Leute in grünen Plastiküberzügen kauern auf dem Boden. Einer davon fischt mit einem Sieb nach irgendwas im Bach. Igor, Kohlgrubers rechte Hand. Ein Nicken zur Begrüßung.
Die Frau lehnt mit dem Oberkörper an der Wand. Die Mauer ist schwarz vor geronnenem Blut. Der Unterleib liegt im Waal. An der Bachkante sind Blutspritzer.
Genau in der Mitte zwischen den Augenbrauen ist ein kreisrundes Loch. Der Mund der Toten ist halb geöffnet. Zähne und Unterlippe blutverkrustet. Aufs Kinn ist Blut getropft.
Hinter sich hört er Eva husten. Er dreht sich zu ihr um. Ihr Gesicht ist blass.
Am liebsten würde er sie an den Schultern packen und von hier wegbringen. Wenn’s sein muss, zum Einrichtungshaus, Möbel kaufen.
»Alles in Ordnung, meine Liebe?« Die süffisante Stimme kennt jeder Polizist in Meran. Dr. Sara Landers, die Gerichtsmedizinerin, kniet neben der Toten auf einer Plane. Eva wirft der Frau einen bitterbösen Blick zu.
Die Landers ist wie immer elegant gekleidet, aber heute ist ihr dunkelgrauer Hosenanzug ein wenig zerknittert, und auf dem Kittel, den sie drüber trägt, sind Schmutzspuren.
»Aus kurzer Distanz mit einer großkalibrigen Waffe in den Kopf geschossen«, sagt Sara Landers im Aufstehen. »Zur Waffe kann Ihnen die Spurensicherung vermutlich mehr sagen. Am Hinterkopf befindet sich eine große Austrittswunde. Alles Weitere nach der Obduktion.«
»Wissen Sie schon, wann der Tod eingetreten ist?«
Sara Landers berührt den blutigen Kiefer der Toten. Die Geste wirkt seltsam sanft bei der Frau, die wegen ihrer kalten Augen und des unnahbaren Wesens im ganzen Polizeihaus den Spitznamen Eiskönigin trägt. »Die Leichenstarre hat gerade eingesetzt. Meiner Meinung nach ist sie höchstens zwei Stunden tot.«
Emmenegger betrachtet die Tote. Die geweiteten Augen sind starr und leblos, aber er bildet sich ein, Überraschung darin zu lesen.
Kurz geschnittene graue Haare. Stämmige Taille. Ein paar Pfund Übergewicht, auch an den Hüften.
Ein schwarzer Faltenrock, wahrscheinlich Kunstfaser. Feste Schnürschuhe aus Kunstleder, die bequem ausschauen. Die Strümpfe dunkel, drunter die Wülste von Krampfadern. Vielleicht ein Beruf, der mit viel Stehen verbunden war.
Die Oberarme, die aus den kurzen Ärmeln hervorschauen, sind muskulös. Aus dem Ausschnitt des sonnengelben Poloshirts lugt ein buntes Halstuch. Es wirkt neu, bis auf die Blutspritzer. Vielleicht ein Geburtstagsgeschenk. Wahrscheinlich war sie stolz darauf und konnte es gar nicht erwarten, den Schal vorzuführen …
Eva hat auch ein paar, aber die flattern lose im Wind, zusammen mit ihrem Haar. Das Tuch der Frau ist festgesteckt. Nicht einmal der Tod konnte es durcheinanderbringen.
Eine praktische, ordentliche Frau. Wahrscheinlich hatte sie nicht viel Phantasie. Aber auf jeden Fall eine, die die kleinen Dinge im Leben mochte – und fröhliche Farben liebte.
Vorsichtig greift Emmenegger nach der rechten Hand der Toten. Kein Ehering. Schwielen an den Handflächen. Sie hatte wohl kein leichtes Leben.
Die Finger sind schon steif. Emmenegger weiß selbst nicht recht, warum er sie kurz drückt.
Pitti ist herangetreten.
»Wo ist ihre Handtasche? Ich würde sie mir gern mal ansehen.«
Pitti verzieht den Mund. »Tut mir leid, daran hab ich nicht gedacht. Die Spusi hat sie eingetütet; sie ist schon auf dem Weg ins Labor.«
»War ein Handy drin?«
»Nein. Bloß der Geldbeutel und ihre Hausschlüssel. Äh – wegen dieser Joggerin, die sie gefunden hat. Die Sanis haben ihr eine Beruhigungsspritze gegeben. Ihr solltet jetzt gleich mit ihr sprechen.«
»Eva, könntest du das übernehmen?«
Ihre Augen werden schmal. Emmenegger sieht ihr hinterher, wie sie mit erhobenem Kopf davonstapft.
Jemand tippt ihm von hinten auf die Schulter. Arnold Kohlgruber, der Spusi-Chef, ist ein vierschrötiger Mann mit einem struppigen Haarschopf und einem Hang zum Drama.
»Ich kann dir sagen, womit wir’s hier zu tun haben. Hundertprozentig ein Jagdunfall.«
Emmenegger seufzt. Kohlgruber ist berüchtigt wegen seiner abstrusen Theorien zum Tathergang. Dass so was Aufgabe der Kripo ist und nicht die seine, ist ihm wurscht.
»Der halbe Hinterkopf ist weg. Die Munition wahrscheinlich .44er Magnum. Das war eine Jagdwaffe. Irgendein Depp war auf Hasenjagd und hat falsch gezielt.«
»Jetzt hot’s di, Kohlgruber. Wieso sollte einer mit so einem Ding auf einen Hasen schießen wollen? Von dem Tier würde kaum was übrig bleiben.«
»Ich sag ja, das war ein Depp. Ein junger Kerl halt, wahrscheinlich so ein Freizeit-Wilderer.«
»Das war doch kein Versehen! Der Schütze muss direkt vor der Frau gestanden haben.«
»Vielleicht war er zeitweilig wirr im Kopf.«
»Verwirrt, aha. Er will also dem Hasen eins aufs Fell brennen. Der sich plötzlich in eine Frau verwandelt.«
»Jesses, dir kann man wieder mal nix recht machen.« Frustriert wirft Kohlgruber die Arme hoch und kollidiert dabei beinahe mit der Tatortbeleuchtung. »Du kannst dich ja dann entschuldigen, wenn ihr den Wilderer habt.« Und weg ist er.
***
Während Eva Richtung Parkplatz läuft, versucht sie sich zu beruhigen. Um ein Haar hätte sie sich vorhin übergeben und den Tatort versaut.
Es war nicht das viele Blut, was ihr zugesetzt hat. Da war eine Präsenz in dem Tunnel gewesen, die sie hatte schaudern lassen. Etwas sehr Böses.
Ein guter Freund fällt ihr ein, Schauspieler am Meraner Stadttheater. Er hätte es auch gespürt.
Emmi gegenüber wird sie es auf keinen Fall erwähnen. »Deine Phantasie geht wieder mal mit dir durch, Eva Marthaler«, flüstert sie durch die Zähne.
Seit ein paar Monaten ist ihre Beziehung ein bisschen angespannt. Emmi neckt sie nicht mehr so oft. Und auch Evas Herz ist schwer.
Eigentlich wollten sie heiraten. Doch dann hat der Polizeichef durchblicken lassen, dass er ein Ehepaar als Ermittlerteam nicht akzeptieren kann. Eva liebt Emmi, aber sie kann sich nicht vorstellen, die Polizeiarbeit aufzugeben. Ihm geht es genauso. Es gibt derzeit keine freien Stellen außerhalb der Meraner Mordkommission, die in Frage kämen.
Einer offenen Aussprache weichen sie beide aus. Erst mal liegen die Hochzeitspläne auf Eis.
Eins von Evas Prinzipien: Wenn man sich ein Herz fasst und die Dinge anpackt, findet sich ein Ausweg. Aber diesmal will ihr partout nichts einfallen, was dem lähmenden Warten ein Ende setzt.
Eva denkt wieder an das Etwas im Tunnel.
Irgendwas Schlimmes bahnt sich an.
Auf dem Parkplatz an der Töllgrabenbrücke vertreten sich zwei Sanitäter die Beine und rauchen.
Auf dem Beifahrersitz kauert eine junge Frau in einer rosa Jogginghose und einem bauchfreien Top. Die Wolldecke,...




