E-Book, Deutsch, Band 9, 480 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn Act of Treason - Der große Verrat
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-86552-994-7
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Ein Mitch Rapp Thriller
E-Book, Deutsch, Band 9, 480 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-994-7
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vince Flynn wird von Lesern und Kritikern als Meister des modernen Polit-Thrillers gefeiert. Dabei begann seine literarische Laufbahn eher holprig: Der Traum von einer Pilotenlaufbahn beim Marine Corps platzte aus gesundheitlichen Gründen. Stattdessen schlug er sich als Immobilienmakler, Marketingassistent und Barkeeper durch. Neben der Arbeit kämpfte er gegen seine Legasthenie und verschlang Bücher seiner Idole Hemingway, Ludlum, Clancy, Tolkien, Vidal und Irving, bevor er selbst mit dem Schreiben begann. Insgesamt 60 Verlage lehnten sein Roman-Debüt ab. Doch Flynn gab nicht auf und veröffentlichte es in Eigenregie. Der Auftakt einer einzigartigen Erfolgsgeschichte: Term Limits wurde ein Verkaufsschlager, ein großer US-Verleger griff zu, die Folgebände waren fortan auf Spitzenpositionen in den Bestseller-Charts abonniert. Der Autor verstarb 2013 im Alter von 47 Jahren infolge einer Krebserkrankung. Der Anti-Terror-Kämpfer Mitch Rapp ist der Held in bisher 18 Romanen. Aufgrund des bahnbrechenden Erfolgs (Verkauf alleine in den USA schon über 22 Millionen Bücher) wird die Reihe in Absprache mit Flynns Erben inzwischen von Kyle Mills fortgesetzt.
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PROLOG
Washington, D. C.
Oktober
Die motorisierte Eskorte rumpelte über das Kopfsteinpflaster. Drei Motorräder fuhren an der Spitze, gefolgt von einem Einsatzfahrzeug der Hauptstadtpolizei, zwei Wagen des Secret Service und zwei identisch wirkenden Limousinen. Dahinter folgten Suburbans und weitere Limousinen. Ein beeindruckender Anblick, vor allem wenn man berücksichtigte, dass die beiden Männer, um deren Schutz es ging, noch gar nicht ins Weiße Haus eingezogen waren. Allerdings hatte zu Beginn der Woche eine terroristische Splittergruppe ihre Absicht erklärt, die anstehenden Wahlen zu stören. Dem Secret Service blieb keine andere Wahl als die Bedrohung ernst zu nehmen.
Mark Ross saß auf dem Rücksitz der zweiten Limousine und massierte seine Schläfen. Die Mutter aller Kopfschmerzen brodelte an der Schädelbasis und breitete sich langsam Richtung Stirn aus. Er versuchte das permanente Geplapper des Mannes neben sich auszublenden und fragte sich, wieso um alles in der Welt er sich auf dieses Abenteuer eingelassen hatte. Wäre er nur im Senat geblieben, wo er echte Macht besaß. An Macht lag es auch, dass er nun in diesem Fahrzeug saß – oder zumindest an der Aussicht darauf.
In ihrem Verhältnis bildeten sich tiefe Risse, daran bestand kein Zweifel. Es war seit jeher eine Zweckgemeinschaft gewesen. Sie wiesen beide spezifische Stärken und Schwächen auf, die sich kaum überschnitten. Lobbyisten und Leute in Schlüsselpositionen erklärten ihnen, dass sie einander hervorragend ergänzten. Auf dem Papier sah alles perfekt aus. Die perfekte Verbindung. Hätten sie sich die Mühe gemacht, klassische griechische Tragödien zu lesen, wäre ihnen bewusst geworden, dass die Götter sehr grausam sein konnten. Vor allem wenn es um die Selbstüberschätzung von Menschen ging.
Ross hatte Josh Alexanders Aufstieg natürlich die ganze Zeit beobachtet. Alexander, der aufstrebende Star der Demokraten, war amtierender Gouverneur in Georgia. Die alten weißen Männer in der Partei hatten irgendwann begriffen, dass ein Liberaler aus dem Nordosten schlicht unwählbar war. Die einzige echte Chance auf einen Wahlsieg bestand darin, ihm einen gottesgläubigen Amtskollegen aus dem Süden an die Seite zu stellen. Auf diese Weise konnten sie am Bible Belt punkten und den Republikanern genug Staaten entreißen, um zu triumphieren. Alexander war eine naheliegende Wahl. Er sah gut aus, war smart und souverän im Auftreten. Zudem verfügte die Familie seiner Frau über ein größeres Vermögen als manches Entwicklungsland. Gegen ihn sprach eigentlich nur, dass er noch relativ jung war. Mit 45 hielten ihn viele für zu grün hinter den Ohren, was vor allem für seine mangelnde Erfahrung in der Außenpolitik galt. Erste Umfragen deuteten an, dass die Wähler ihm kein entschlossenes Durchgreifen im Kampf gegen den Terrorismus zutrauten. Da kam Mark Ross mit seinen drei Amtszeiten in Connecticut ins Spiel. Er war amtierender Leiter der nationalen Nachrichtendienste und genoss unter den Demokraten einen Ruf als harter Hund.
Unter normalen Umständen wären die beiden Männer in einer US-weiten Wahl nie gemeinsam angetreten. Die aktuelle Kampagne hatte jedoch eine unerwartete Wendung genommen, als der amtierende Präsident seine Parkinsonerkrankung bekannt machte und erklärte, nicht für eine zweite Amtszeit zur Verfügung zu stehen. Weniger als ein Jahr vor den Neuwahlen erwischte er die Partei damit auf dem falschen Fuß. Die Vorwahlen waren in vollem Gang, und als einzigen ernst zu nehmenden Kandidaten hatten sie Sherman Baxter III. anzubieten. Ausnahmslos, den Präsidenten eingeschlossen, hielten sie Baxter für einen Totalausfall. Er galt als unauffälligster Vizepräsident in der Geschichte der Vereinigten Staaten, und das sagte eine Menge aus. Selbst in seinem Heimatstaat Kalifornien lag seine Zustimmungsrate unter 30 Prozent. Man konnte vieles ignorieren, aber nicht so einen desaströsen Wert. Die Parteiältesten zogen Baxter auf die Seite und verkündeten ihm, dass der Weg für ihn hier zu Ende ging. Nach einer Auflistung seiner Defizite und Fehler der letzten drei Jahre verzichtete er auf Gegenwehr.
Ross zog in der Zwischenzeit fieberhaft die Fäden hinter den Kulissen. Er galt als gut vernetzt an der Wall Street, genoss ein hohes Ansehen in seiner bisherigen Arena, dem US-Senat, und war clever genug, seinen Hut nicht vorzeitig in den Ring zu werfen. Er wartete die Primarys in New Hampshire ab, bei denen sich Alexander als klarer Favorit abzeichnete. Danach stand er in seinem Netzwerk bei den entscheidenden Personen auf der Matte und überzeugte sie, dass ein junger Gouverneur einen Running Mate brauchte, dem man auf dem Feld der nationalen Sicherheit etwas zutraute. Er schickte Repräsentanten los, damit sie für ihn die Werbetrommel rührten, umgarnte persönlich die wichtigsten Geldgeber der Partei und stellte erste Kontakte zu dem attraktiven jungen Gouverneur aus Georgia her.
Am Ende lief alles genau so, wie Ross es sich wünschte. Als er beim Nominierungsparteitag die Bühne betrat, brach donnernder Applaus aus. Sie gingen mit großem Selbstbewusstsein und einem Acht-Punkte-Vorsprung ins Rennen. Das war vor drei Monaten gewesen. Der Gipfelpunkt. Die Krönung ihrer Kampagne. Seitdem bluteten sie aus wie Schweine auf der Schlachtbank. Zwei Wochen vor der Wahl hinkten sie ihren Konkurrenten drei Prozentpunkte hinterher und Ross spürte den Druck. Ihre Wahlforscher brachten immer wieder dasselbe Problem zur Sprache: Die Wähler nahmen das Duo in Fragen der nationalen Sicherheit deutlich schwächer wahr als ihre Widersacher. Eigentlich wäre es die Aufgabe von Ross gewesen, hier in die Bresche zu springen. Wie hätte er ahnen sollen, dass der amtierende Präsident sie am langen Arm verhungern ließ?
Der Mann hatte sich gerade dann, als sie ihn am meisten brauchten, von ihnen abgewendet. Ja, er unterstützte sie offiziell, aber das war zu erwarten. Er würde wohl kaum auf einer Konkurrenzveranstaltung der Republikaner auftreten. Allerdings gehörte es auch zum Schlachtplan, dass er bei ihren Wahlauftritten auf der Bühne stand und half, Millionenspenden einzuwerben, um den Wettlauf bei den TV-Spots für sich zu entscheiden. Er hätte seine öffentliche Plattform nutzen sollen, um sein Vertrauen in den jungen Kandidaten und dessen erfahrenen Vize zu erklären. Stattdessen schwieg er und zeigte ihnen die kalte Schulter.
Der Presse wurde offiziell kommuniziert, dass die Krankheit dem Präsidenten schwer zusetzte und es ihm an Energie für den Wahlkampf fehlte. Dass er sich auf sein Amt und die Arbeit für das amerikanische Volk konzentrierte. Ein paar Tage lang kaufte Ross ihm diese Entschuldigung ab, dann holte ihn die Realität ein. Zwei vertrauenswürdige Quellen steckten ihm, dass der Präsident ein echtes Problem mit seiner Kandidatur hatte. Er schien beleidigt zu sein, dass ihn niemand gefragt hatte, wen er für einen geeigneten Running Mate von Alexander hielt. Und er machte keinen Hehl daraus, dass Ross für ihn ein Fehlgriff war.
Dieses Urteil hatte Ross tief getroffen, obwohl er sich bemühte, es als Trugschluss eines verbitterten alten Mannes am Ende seiner politischen Reise abzutun. Er blieb seiner Linie treu, niemals aufzugeben, verdoppelte seine Anstrengungen und bemühte sich, eine positive Einstellung zu bewahren. An diesem Morgen fühlte Ross sich jedoch ein wenig verzweifelt. Ihnen blieben nur noch zwei Wochen. In dieser kurzen Zeitspanne konnte man die Einstellungen der Wähler nicht mehr allzu stark beeinflussen. Sie brauchten eine echte Oktober-Überraschung, um sich erneut an die Spitze zu setzen. Was für eine herrliche Vorstellung, dem Präsidenten ihren Sieg am Tag des offiziellen Amtsantritts unter die Nase zu reiben.
Die Wagenkolonne wurde langsamer und die Führungsfahrzeuge lösten sich vom Konvoi. Ross spähte durch die getönten, kugelsicheren Scheiben auf die Medienvertreter, die sich vor dem Herrenhaus versammelt hatten. Das schwere schwarze Eisentor schwang auf und die zwei Limousinen rollten auf die enge, ringförmige Zufahrt. Dumbarton Oaks war ein neun Hektar großes Anwesen in Georgetown und von historischer Bedeutung als Austragungsort einer Konferenz, die 1944 zur Gründung der Vereinten Nationen geführt hatte. Die Idee, hier eine Expertenrunde zu Fragen der nationalen Sicherheit zu veranstalten, stammte von Ross. Die klügsten Köpfe des Landes sollten sich mit der aktuellen Bedrohungslage auseinandersetzen. Neben einem ehemaligen Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs nahmen zwei frühere Außenminister, ein Ex-Verteidigungsminister, mehrere CIA-Direktoren im Ruhestand und einige weniger bekannte Generäle teil, ferner eine Auswahl von Auguren für Nahostpolitik und muslimische Geistliche aus der ganzen Welt.
Im Anschluss an die dreistündige Veranstaltung war ein diplomatischer Empfang im Haus des Vizepräsidenten am Naval Observatory angesetzt, für sie ausgerichtet von der aktuellen rechten Hand des Staatsoberhaupts. Alle entscheidenden Botschafter hatten ihr Kommen zugesagt. Ross und Alexander wollten dort ihr Konzept für Sicherheit, Frieden und Wohlstand im 21. Jahrhundert vorstellen. Eigentlich hatte die Veranstaltung im Weißen Haus stattfinden sollen, doch dort ließ man sie abblitzen. Der gesamte Wahlkampf – ach was, seine gesamte politische Karriere – hing vom Verlauf dieses Nachmittags ab. Hätte er an Gott geglaubt, hätte er ein Gebet gesprochen, doch das tat er nicht. Stattdessen verlegte er sich darauf, den amtierenden Präsidenten zu verfluchen.
Die Limousine stoppte. Zum ersten Mal seit fünf Minuten sah Ross seinen kontinuierlich jammernden Wahlkampfmanager an. »Stu« – er vergewisserte sich, dass seine Krawatte gerade hing –...




