E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn American Assassin - Wie alles begann
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-86552-583-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 1, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-583-3
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
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PROLOG
Beirut, Libanon
Mitch Rapp betrachtete sich in dem staubigen, an mehreren Stellen gesprungenen Spiegel und stellte seine geistige Gesundheit ernsthaft infrage. Weder zitterte er, noch hatte er feuchte Hände. Er war auch nicht nervös. Er nahm lediglich eine kühle, analytische Einschätzung seiner Fähigkeiten und Erfolgschancen vor. Er ging den Plan noch einmal von vorn bis hinten durch und gelangte erneut zum Ergebnis, dass er aller Voraussicht nach übel zugerichtet, schwer gefoltert oder möglicherweise sogar tot aus der Sache herauskam. Trotzdem konnte er sich nicht dazu durchringen, den Einsatz abzubrechen. Und damit schloss sich der Kreis hin zu der Frage, ob er noch ganz richtig im Kopf war. Was für eine Art Mensch musste man sein, um so etwas freiwillig zu tun? Rapp dachte ausgiebig darüber nach und entschied dann, dass ein anderer diese Frage beantworten musste.
Jeder sonst schien sich damit zu begnügen, die Hände in den Schoß zu legen, aber das passte nicht zu Rapp. Eine unangenehme Truppe namens Islamischer Dschihad hatte zwei seiner Kollegen in den Straßen von Beirut in die Finger bekommen. Ein verlängerter Arm der Hisbollah, der auf Entführungen, Folter und Selbstmordattentate spezialisiert war. Die Dschihads hatten ohne jeden Zweifel längst mit dem Verhör ihrer jüngsten Gefangenen begonnen. Sie würden die Männer unaussprechlichen Schmerzen aussetzen und sie wie eine Zwiebel Schicht für Schicht abschälen, bis sie bekamen, was sie wollten.
So lautete die brutale Wahrheit und wenn seine Kollegen sich an den Glauben klammerten, dass es in ihrem Fall anders lief, bestätigte das allenfalls, dass sie sich bewusst oder unbewusst auf eine tröstliche Verzerrung der Realität einließen. Nachdem er einen Tag lang mit angesehen hatte, dass exakt die Leute absolut nichts taten, die vorher zugesichert hatten, sich um die Situation zu kümmern, beschloss Rapp, selbst eine Lösung für das Problem zu finden.
Gut möglich, dass die Bürokraten vom Auswärtigen Dienst in Washington es für ausreichend hielten, der Angelegenheit ihren natürlichen Gang zu lassen. Rapp tat das nicht. Er hatte zu viel durchgemacht, um hinzunehmen, dass seine Tarnung aufflog. Darüber hinaus ließen sein Ehrgefühl und sein Stolz als Krieger es nicht zu, untätig zu bleiben. Er war zusammen mit diesen Jungs durch die Hölle gegangen. Den einen respektierte, bewunderte und mochte er. Den anderen respektierte, bewunderte und hasste er. Der Drang, etwas zu unternehmen, irgendetwas, um sie zu retten, war ungeheuer stark.
Die Bande in Washington mochte es hinbekommen, sie als anonyme Agenten und Opfer der Schlacht abzuschreiben, aber die Leute, die selbst im Schützengraben kauerten, nahmen das Ganze ungleich persönlicher. Krieger mögen es überhaupt nicht, ihresgleichen durch die Hand des Feindes sterben zu sehen, weil sie insgeheim wissen, dass sie selbst eines Tages in exakt die gleiche Lage geraten könnten. Und, weiß Gott, sie setzten voraus, dass ihre Regierungsvertreter Himmel und Hölle in Bewegung setzten, um sie heil nach Hause zu holen.
Rapp beäugte sein fragmentiertes Spiegelbild: ein dichter, ungekämmter Schopf schwarzer Haare mit Bart, gebräunte olivfarbene Haut und dunkle Augen, die fast schwarz wirkten. Er konnte sich inmitten der Feinde bewegen, ohne einen misstrauischen Blick zu ernten, aber das drohte sich zu ändern, wenn er nicht bald aktiv wurde. Er dachte über seine Ausbildung nach und alles, was er dafür geopfert hatte. Die komplette Operation würde bald auffliegen und seinem Einsatz im Außendienst ein vorzeitiges Ende bereiten. Dann drohte er hinter irgendeinem Schreibtisch in Washington zu landen, wo er die nächsten 25 Jahre versauerte. Jeden Morgen würde er mit dem quälenden Vorwurf aufwachen, dass er damals etwas hätte unternehmen müssen, irgendetwas – und der Vorwurf würde ihn auch nachts in seinen Träumen verfolgen. Früher oder später raubte ihm die Sache dann seine Männlichkeit und ließ ihn bis ans Ende seiner Tage daran zweifeln, ob er wirklich Eier in der Hose hatte. Die Überlegungen ließen Rapp erschaudern. Er mochte ein bisschen verrückt sein, hatte aber genug griechische Tragödien gelesen, um zu wissen, dass ihm dieses dauerhafte Zweifeln an sich selbst früher oder später eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie verschaffen würde.
Nein, entschied er. Lieber gehe ich mit wehenden Fahnen unter.
Er nickte seiner Reflexion zu und holte tief Luft, bevor er ans Fenster ging. Mit einer sanften Bewegung zog er den zerschlissenen Vorhang zur Seite und schaute auf die Straße hinunter. Die zwei Fußsoldaten des Islamischen Dschihad standen immer noch auf der anderen Seite und behielten die Lage im Auge. Rapp hatte in der Nachbarschaft ein paar Andeutungen über seine Absichten fallen lassen, und kaum eine Stunde, nachdem er einem gierigen lokalen Händler den siebten 100-Dollar-Schein in die Hand gedrückt hatte, waren sie aufgetaucht. Zunächst war er mit der Idee schwanger gegangen, einen der Lakaien zu töten und den anderen auszuquetschen, aber er wusste, dass sich so ein Zwischenfall zu schnell herumsprach. Noch bevor er die notwendigen Informationen bekommen hatte, würden seine Kollegen entweder an einen anderen Standort verlegt werden oder tot sein. Rapp schüttelte den Kopf. Ihm blieb keine andere Möglichkeit. Es gab nur diese eine Option. Warum also das Unabwendbare unnötig hinauszögern?
Er kritzelte eilig eine Notiz auf einen Zettel und ließ sie auf dem kleinen Schreibtisch in der Zimmerecke liegen. Danach packte er seine Sonnenbrille, die Karte und eine größere Menge Geld ein und machte sich auf den Weg. Der Aufzug funktionierte nicht, also musste er das Treppenhaus benutzen, um die vier Etagen nach unten in die Lobby zu kommen. Der neue Mitarbeiter am Empfang machte einen ungeheuer nervösen Eindruck, was Rapp als Indiz wertete, dass jemand mit ihm gesprochen hatte. Durch den Vordereingang trat er hinaus ins grelle Sonnenlicht und hielt sich die Karte vor die Stirn, um nicht geblendet zu werden. Sein Blick scannte die Straße nach links und rechts ab. Hinter den Gläsern der Sonnenbrille behielt er unauffällig das Duo vom Islamischen Dschihad im Auge. Er gab vor, sich auf die Karte zu konzentrieren, und wandte sich nach rechts, in Richtung Osten.
Innerhalb weniger Meter begann sein Nervensystem, das Gehirn mit Alarmsignalen zu traktieren, jedes davon dringlicher als das vorherige. Er musste seine komplette Willenskraft aufbieten, um alles zu verdrängen, was ihm in der Ausbildung eingeimpft und während einer gefühlten Million Jahren praktischer Einsätze als Überlebensinstinkt eingeprägt worden war. Direkt vor ihm parkte ein vertrauter schwarzer Wagen auf der anderen Straßenseite. Rapp ignorierte den Kerl, der am Steuer saß, und bog in eine schmale Seitengasse ab. Kaum 30 Schritte weiter hatte sich ein brutal wirkender Mann vor einem Laden aufgebaut. Sein linkes Bein ruhte stabil auf dem Asphalt, das andere lehnte angewinkelt an der Wand hinter ihm. Sein wuchtiger Körper stützte sich gegen das Mauerwerk, während er den Rauch einer Zigarette inhalierte. Etwas an ihm kam Rapp vage vertraut vor, bis hin zu Details wie der eingestaubten schwarzen Hose und dem weißen Anzughemd mit den Schweißflecken unter den Achseln.
Abgesehen von ihm lag die Gasse wie ausgestorben da. Die Überlebenden des blutigen Bürgerkriegs hatten ein feines Gespür für Ärger und die weise Entscheidung getroffen, in ihren Wohnungen zu bleiben, bis auf diesem morgendlichen Nebenschauplatz wieder Ruhe einkehrte. Die Schritte in seinem Rücken hallten wie Stöckelschuhe auf dem Steinboden einer leeren Kathedrale. Rapp hörte, wie die Verfolger aufholten. Der Motor eines Wagens heulte auf – zweifellos der schwarze BMW, den er eben bemerkt hatte. Mit jedem weiteren Schritt fühlte er sich eingekesselter. Sein Gehirn spielte in Hochgeschwindigkeit alle erdenklichen Szenarien durch und forschte nach einer Möglichkeit, die drohende Katastrophe abzuwenden.
Sie waren jetzt ganz nah. Rapp spürte ihre Präsenz förmlich. Der kräftige Bursche vor ihm schnippte die Kippe auf den Boden und stieß sich mit etwas mehr Schwung von der Mauer ab, als er es ihm zugetraut hätte. Er speicherte dieses Detail ab. Der Mann lächelte ihn an und zog einen kleinen Lederknüppel aus der Tasche. Rapp ließ die Karte in gespieltem Erstaunen fallen und wandte sich zur Flucht. Die beiden Männer standen genau dort, wo er sie erwartet hatte, mit gezogener Waffe. Einer zielte auf Rapps Kopf, der andere auf seine Brust.
Die Limousine kam schlitternd rechts neben ihm zum Stehen. Der Kofferraum und die vordere Beifahrertür sprangen auf. Rapp wusste ganz genau, was jetzt kam. Er schloss die Augen und spannte die Kiefermuskulatur an, als der Knüppel auch schon auf seinen Hinterkopf knallte. Rapp stolperte nach vorn und sackte in den Armen der Männer mit den Pistolen zusammen. Er machte sich schwer und spürte, dass die Kerle mit seinem Gewicht zu kämpfen hatten. Die Arme des Riesen umklammerten seinen Brustkorb und zerrten ihn hoch. Man befreite Rapp von der 9-Millimeter-Beretta, die hinten im Hosenbund steckte, und schleifte ihn die wenigen Meter bis zum Kofferraum des Wagens. Rapp schlug mit dem Kopf voran gegen die Auskleidung. Der Rest seines Körpers wurde brutal zusammengeschoben, als sich der Deckel mit einem lauten Knall schloss.
Der Motor röhrte und die Hinterreifen fraßen sich durch eine Schicht aus Kieseln und Dreck, bis sie stabilen Asphalt erreichten. Rapp wurde hin und her geschleudert, während der Wagen beschleunigte. Er öffnete vorsichtig die Augenlider und wurde von der erwarteten Finsternis...




