E-Book, Deutsch, Band 12, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
Flynn Pursuit of Honor – Codex der Ehre
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-86552-523-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, Band 12, 512 Seiten
Reihe: Mitch Rapp
ISBN: 978-3-86552-523-9
Verlag: Festa Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
Vince Flynn wird von Lesern und Kritikern als Meister des modernen Polit-Thrillers gefeiert. Dabei begann seine literarische Laufbahn eher holprig: Der Traum von einer Pilotenlaufbahn beim Marine Corps platzte aus gesundheitlichen Gründen. Stattdessen schlug er sich als Immobilienmakler, Marketingassistent und Barkeeper durch. Neben der Arbeit kämpfte er gegen seine Legasthenie und verschlang Bücher seiner Idole Hemingway, Ludlum, Clancy, Tolkien, Vidal und Irving, bevor er selbst mit dem Schreiben begann. Insgesamt 60 Verlage lehnten sein Roman-Debüt ab. Doch Flynn gab nicht auf und veröffentlichte es in Eigenregie. Der Auftakt einer einzigartigen Erfolgsgeschichte: Term Limits wurde ein Verkaufsschlager, ein großer US-Verleger griff zu, die Folgebände waren fortan auf Spitzenpositionen in den Bestseller-Charts abonniert. Der Autor verstarb 2013 im Alter von 47 Jahren infolge einer Krebserkrankung. Der Anti-Terror-Kämpfer Mitch Rapp ist der Held in bisher 23 Romanen. Aufgrund des bahnbrechenden Erfolgs (Verkauf alleine in den USA schon über 20 Millionen Bücher) wird die Reihe in Absprache mit Flynns Erben inzwischen von Kyle Mills und Don Bentley fortgesetzt. Mitch Rapp ist der Held aus dem Hollywood-Blockbuster ?American Assassin? mit Dylan O'Brien und Michael Keaton. Die Mitch-Rapp-Serie: 1 - AMERICAN ASSASSIN - Wie alles begann 2 - KILL SHOT - In die Enge getrieben 3 - TRANSFER OF POWER - Der Angriff 4 - THE THIRD OPTION - Die Entscheidung 5 - SEPARATION OF POWER - Die Macht 6 - EXECUTIVE POWER - Das Kommando 7 - MEMORIAL DAY - Die Gefahr 8 - CONSENT TO KILL - Der Feind 9 - ACT OF TREASON - Der große Verrat 10 - PROTECT AND DEFEND - Die Bedrohung 11 - EXTREME MEASURES - Der Gegenschlag 12 - PURSUIT OF HONOR - Codex der Ehre 13 - THE LAST MAN - Die Exekution 14 - THE SURVIVOR - Die Abrechnung (mit Kyle Mills) 15 - ORDER TO KILL - Tod auf Bestellung (von Kyle Mills) 16 - ENEMY OF THE STATE - Der Verräter (von Kyle Mills) 17 - RED WAR - Die Invasion (von Kyle Mills) 18 - LETHAL AGENT - Die Pandemie (von Kyle Mills) 19 - TOTAL POWER - In die Finsternis (von Kyle Mills) 20 - ENEMY AT THE GATES - Der Feind im Nacken (von Kyle Mills) 21 - OATH OF LOYALTY (von Kyle Mills) 22 - CODE RED (von Kyle Mills) 23 - CAPTURE OR KILL (von Don Bentley)
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
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New York City
Kurz vor 22 Uhr entschied Mitch Rapp, dass es Zeit wurde, in Aktion zu treten. Er stieg aus der Limousine, ließ den Regenschirm in der kühlen Aprilnacht aufschnappen, schlug den Kragen des schwarzen Trenchcoats hoch und überquerte die regenüberflutete East Twentieth Street. Er umkurvte die Pfützen und vollgelaufenen Abflussrinnen, ohne sich daran zu stören. Das Wetter war ein Segen. Es hielt ungebetene Zuschauer von den Straßen fern und lieferte ihm einen Vorwand, sein Gesicht vor der ständig wachsenden Armee städtischer Überwachungskameras zu verbergen.
Rapp war nach New York gekommen, um das Schicksal eines Mannes zu besiegeln. Zuvor hatte er sich die Frage gestellt, ob es klug war, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Abgesehen von dem Risiko, dabei erwischt zu werden, gab es noch ein weiteres, deutlich drückenderes Problem. Vor gerade mal sechs Tagen hatte eine Reihe von Explosionen Washington, D. C. erschüttert, 185 Menschen getötet und Hunderte weitere verletzt. Drei der Terroristen befanden sich noch auf freiem Fuß. Rapp hatte die Anweisung erhalten, natürlich unter der Hand, sie unbedingt zu finden. Bislang gestaltete sich die Suche jedoch unglaublich kompliziert. Er wartete nach wie vor auf eine konkrete Spur. Die drei Männer waren komplett von der Bildfläche verschwunden, was eine Cleverness suggerierte, die ihnen nur wenige zugetraut hätten. Aber dass er sich immer noch um diese andere Baustelle kümmern musste, überraschte Rapp weitaus mehr. Nach den Attentaten in der Hauptstadt hatte er damit gerechnet, dass dieser Narr endlich zur Besinnung kam.
Es ging nicht allein um die Entscheidung, ob der Kerl leben oder sterben sollte, sondern auch um die möglichen Auswirkungen. Mit dem Tod des Mannes schuf er möglicherweise mehr Probleme, als er löste. Wenn der andere nicht mehr zur Arbeit erschien, warf das zwangsläufig Fragen auf – die meisten davon würde man Rapp und seiner Chefin Irene Kennedy stellen, die auch Chefin der Central Intelligence Agency war. Ein kleiner Fehltritt reichte, um ihnen den größten Shitstorm aller Zeiten zu bescheren.
Der Leiter des Überwachungsteams hatte versucht, ihm die Aktion auszureden, aber Rapp gehörte nicht zu den Leuten, die von einem klimatisierten Büro aus, Hunderte Meilen entfernt, den Befehl zum Zugriff gaben. Er musste mit eigenen Augen sehen, ob ihnen etwas entgangen war, irgendwelche unvorhersehbaren Überraschungen, die den Bürokraten vom rechten Weg abgebracht hatten.
Rapp war sich seiner tiefen Abneigung für den Mann, den er hier in New York jagte, vollauf bewusst. Es gab eine Menge Leute im Undercover-Bereich, die diesem Scheißkerl den Tod wünschten. Ein Grund mehr für Rapp, ganz sicherzugehen, dass kein Zweifel an seiner Schuld bestand. Seine Abneigung für den anderen machte es verdammt verlockend, einfach den Abzug durchzudrücken. Rapp wusste, dass er gegen diesen Drang ankämpfen musste. Dieser Idiot verdiente trotz allem die Chance, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, bevor sie etwas taten, das sich nicht rückgängig machen ließ.
Trotzdem durfte man sich auf keinen Fall zu sehr auf Rapps Zurückhaltung verlassen. Sobald er auf Beweise stieß, war Schluss mit vorsichtigem Abwägen und Anfassen mit Samthandschuhen. Er hatte schon zu viele Menschen getötet, um so etwas nicht konsequent durchzuziehen. Ja, der andere war ebenfalls Amerikaner, aber eben aller Wahrscheinlichkeit nach auch ein Verräter. Und zwar kein kleines Licht, das Akten auf dem Schreibtisch von einem Stapel auf den anderen schob, sondern jemand mit einer der höchsten Sicherheitsfreigaben innerhalb der US-Regierung. Wie es aussah, hatte seine Scheinheiligkeit einen von Rapps Agenten das Leben gekostet.
Rapp schlenderte in gemäßigtem Tempo über den Bürgersteig in Richtung Park Avenue. Er trug so ähnliche Kleidung wie mehr als tausend andere Chauffeure, die ihre Kunden an diesem regnerischen Abend durch die Stadt kutschierten – schwarze Schuhe, schwarzer Anzug, weißes Hemd, schwarze Krawatte und schwarzer Mantel. Wer ihn zu Gesicht bekam, sah in ihm nur einen typischen Fahrer, der sich kurz die Beine vertrat und ein wenig Zeit von der Uhr nahm, bis sein Auftraggeber das Dinner beendet hatte und sich in die nächste Bar oder nach Hause fahren ließ.
Rapp postierte sich auf der anderen Straßenseite, ein Haus von der Gramercy Tavern entfernt, griff in die Tasche des Trenchcoats und fischte eine Packung Marlboros heraus. Wenn man untätig im Regen von New York herumstand, lenkte man unnötig Aufmerksamkeit auf sich. Das änderte sich, sobald man eine Zigarette ins Spiel brachte und sich wie all die anderen Süchtigen benahm, die trotz der Naturgewalten nicht auf ihren Nikotinschub verzichten konnten. Er drehte sich von der Straße weg zur schmucklosen Mauer des Gebäudes in seinem Rücken, hielt sich den Schirm vors Gesicht, als wollte er den Wind abschirmen, und ließ das Feuerzeug aufflackern. Im Prinzip war ihm der Wind egal, aber er wollte nicht riskieren, dass einer der anderen Fahrer im Schein der Flamme sein Gesicht erkannte.
Nach einem tiefen Zug aus der Zigarette spähte Rapp beiläufig unter dem klatschnassen Schirm hindurch über die Straße. Die Zielperson saß hinter einem der raumhohen Fenster des Restaurants und machte sich mit einem anderen Mann, den Rapp noch nie gesehen hatte und gar nicht näher kennenlernen wollte, über Essen und eine Menge Alkohol her, während er ununterbrochen redete. Der Begleiter war eine Komplikation, keine Frage, aber Rapp hielt nichts davon, Unbeteiligte einfach deshalb zu töten, weil sie das Gefasel eines verbitterten Typen ertrugen, der seine beste Zeit hinter sich hatte.
Trotz aller Bemühungen um eine andere Lösung ging Rapp davon aus, dass es heute Abend ernst wurde. Das Überwachungsteam hatte das Restaurant verkabelt und ihn die letzten zwei Stunden in einer Lincoln-Limo mithören lassen, wie sein Kollege die Agency in den Dreck zog. Rapp beobachte, wie der Kerl am Wein nippte, und überlegte, was ihn mehr störte: das eigennützige Gejammer oder die Sorglosigkeit des anderen. Man sollte doch meinen, dass jemand, der für die CIA arbeitete, deutlich vorsichtiger war, wenn er Verrat beging.
Bislang hatte sich der Kollege darauf beschränkt, seine politischen und philosophischen Ansichten zum Besten zu geben. Mieser Stil, klar, aber bislang kein eindeutiger Verstoß gegen die Verschwiegenheitspflicht. Rapp ahnte jedoch, dass es bald dazu kommen würde. Der Mann soff wie ein Loch, hatte zwei Martini und vier Gläser Rotwein in kürzester Zeit hinuntergestürzt. Hinzu kamen die Drinks, die er sich beim Hinflug aus Washington und wahrscheinlich auch an der Hotelbar genehmigt hatte. Rapp hatte die Jungs von der Observierung angewiesen, die Flughäfen auszuklammern. Zu viele Kameras und Sicherheitspersonal. Wenn sich der Abend weiter so entwickelte, würde sowieso jede Sekunde im Leben dieses Typen unter die Lupe genommen und seziert. Angefangen bei der US-Airways-Maschine, die ihn am Nachmittag vom Reagan National zum LaGuardia Airport geflogen hatte.
Rapp zog beiläufig an seiner Zigarette und beobachtete, wie der Kellner zwei Cognacschwenker vor den Gästen abstellte. Vor ein paar Minuten hatte Rapp mitgehört, wie der andere Besucher den Verdauungsschnaps ablehnen wollte. Er schien diese Verabredung zum Abendessen zunehmend als Zeitverschwendung zu betrachten. Rapps Kollege jedoch bestand darauf, dass sich auch sein Gast einen Drink genehmigte. Den habe er definitiv nötig, wenn er erst hörte, was er ihm mitzuteilen hatte.
Während die Tropfen vom Schirm auf den Boden klatschten, beobachtete Rapp die Szene. Der Kellner befand sich noch in Rufweite, als der Mann aus Langley sich bereits vorlehnte und mit seiner Geschichte begann. Rapp entging über das drahtlose Headset kein einziges Wort. In den ersten paar Minuten blieb es bei versteckten Andeutungen. Der CIA-Mann servierte seine Informationen als Reihe von Hypothesen, die von den Anwälten im Justizministerium garantiert als unverfänglich eingestuft wurden. Trotzdem bestätigten sie seine Vorahnungen über das leichtsinnige Vorgehen des anderen. Jeder, der so weitgehend in nationale Geheimnisse eingeweiht war, wusste, worüber er sprechen durfte und welche Grenzen er dabei besser nicht überschritt.
Rapp kämpfte mit dem Anzünden einer weiteren Zigarette, da verlagerte sich das Gespräch vom Abstrakten ins Konkrete. Zuerst wurde konkret eine Operation erwähnt, in die nur eine Handvoll Leute eingeweiht war, darunter auch der Präsident. Er tut es wirklich. Dieser Idiot tut’s wirklich.
So unauffällig, wie er konnte, richtete Rapp die Augen zurück auf das große Fenster des Restaurants. Dort saßen die beiden Männer über den Tisch gebeugt, ihre Gesichter kaum einen halben Meter voneinander entfernt. Der eine sprach in gedämpften Tonfall, der andere wirkte von Sekunde zu Sekunde fassungsloser. Die streng geheimen Informationen prasselten als Maschinengewehr-Stakkato aus Daten und Zielen auf ihn ein. Ein Geheimnis nach dem anderen landete auf dem Haufen wie bedeutungslose Small-Talk-Häppchen. Der angerichtete Schaden war deutlich größer als von Rapp befürchtet. So groß, dass er für einen Moment überlegte, schnurstracks über die Straße zu marschieren, die Waffe zu ziehen und diesen Schwachkopf auf der Stelle zu exekutieren.
Ebenso schnell, wie alles angefangen hatte, kam es auch wieder zum Erliegen. Wie ein aggressiver Betrunkener, der einen zu viel über den Durst getrunken hatte, packte der Mann aus Langley seine Geheimnisse wieder ein und verkündete, das sei nur ein Bruchteil dessen gewesen, was er wisse. Um mehr zu verraten, müsse erst eine Vereinbarung...




