Foehner Wells | Die Frequenz | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

Foehner Wells Die Frequenz

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-641-16741-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 448 Seiten

ISBN: 978-3-641-16741-7
Verlag: Heyne
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Macht der Sprache

Es ist das bestgehütete Geheimnis der NASA: Seit Jahrzehnten driftet ein außerirdisches Raumschiff im Asteroidengürtel. Es sendet kein Signal, ist einfach nur da. Nun endlich ist es möglich, ein Team von Militärs und Experten zusammenzustellen und hinzufliegen. An Bord ist auch die Sprachenforscherin Dr. Jane Holloway. Als das Team das Schiff erreicht, erlebt es zwei Überraschungen: Es ist nicht unbewohnt – und als der Rückweg zur Erde abgeschnitten ist, ist es allein Jane, die die Sprache der Aliens versteht … Doch was wollen sie von ihr? Und von der Erde?

Jennifer Foehner Wells landete mit ihrem Debütroman Die Frequenz in nur kurzer Zeit einen großen Erfolg in den USA. Sie studierte Biologie, und begeistert sich seitdem für Wissenschaft und Technologie. Ihre Leidenschaft für die Science-Fiction wurde schon früh geweckt. Jennifer Foehner Wells lebt mit ihrem Ehemann, ihren gemeinsamen zwei Söhnen und einem leicht verstörten Labrador in Indiana auf dem Land.
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1

Die Kapsel bebte. Jane zerrte an den Sitzgurten und reckte den Hals, um das Schiff besser in den Blick zu bekommen, auf das sie zustürzten. Das Ziel.

»Gewaltig«, flüsterte Tom Compton, der Pilot.

Jane hörte, wie er sowie der Kommandant überdimensionale Schalter betätigten, auf Konsolen tippten und sich in knappem NASA-Jargon austauschten. Die Augen sämtlicher Besatzungsmitglieder waren auf den Schirm gerichtet, der ihr Ziel zeigte, das rasend schnell vor ihnen anschwoll. Allerdings steckte Jane in der Sitzreihe unter dem Cockpit, daher war ihr Sichtfeld durch die Fußstützen der vier Leute auf der Ebene höher eingeschränkt. In diesem Stadium des Flugs war sie die unwichtigste Person an Bord.

»Verdammt will ich sein … sie haben gerade das Verandalicht für uns eingeschaltet, Leute!«, schrie Walsh. »Macht einen Kanal frei für Houston«, ordnete er an.

»Was ist?«, wollte Bergen im Sitz neben Jane wissen. Dann brummelte er: »Verfluchte Scheiße!«

Jane verrenkte sich ungeachtet dessen, dass ihr die Gurte fast ins Fleisch schnitten. Sie wusste, wie das Ziel aussah. Wie auch nicht? Es war die Kulisse sämtlicher Vorträge in Houston gewesen. Die stark vergrößerten Fotos, die Hubble und verschiedene Marsmissionen während der letzten sechzig, nahezu siebzig Jahre von dem stadtgroßen Schiff aufgenommen hatten, pflasterten die Wände vieler der nicht-öffentlichen Räumlichkeiten im Johnson Space Center in Houston. Obwohl, es jetzt zu sehen … nun ja, kein Foto hätte sie darauf vorbereiten können. Es war tatsächlich so, wie Pilot Compton gesagt hatte: gewaltig.

Aus der Entfernung erinnerte es an einen Hammerhai, der im Raum hing – ein stumpfes Kopfende mit einem großen konischen Rumpf, der in einer angedeuteten T-Form endete. Seine matte bronzefarbene Hülle war von einem komplizierten Muster aus herausstehenden Formen überzogen, deren Schatten einander überlappten, wobei einige Abschnitte heller glänzten als andere. Insgesamt gesehen war es eine wunderschöne Bewegungsstudie in Maserung, Dunkelheit und Licht.

Ziemlich weit entfernt hatte sie einen einzelnen Asteroiden in ihrem Blickfeld. Kleine Flecken aus kosmischem Staub fingen das Licht zwischen sich ein, während sie sich weiter annäherten, während das massige Schiff den Schirm immer mehr füllte, die Triebwerke brannten und sie auf das Portal im Unterbauch des Tieres zuschoben.

Und es gab Lichter, die sie ganz offensichtlich ansteuern sollten. Wären diese Lichter früher schon gesehen worden, dann wären sie in Johnson zur Sprache gekommen, da war sie sich sicher.

Ein Willkommensgruß? Jane versuchte zu schlucken, aber ihr Mund war wie ausgedörrt. Man hatte ihr gesagt, sämtliche Indizien würden darauf hindeuten, dass das Ziel verlassen war.

Sie richtete sich innerlich neu auf diese Entwicklung ein. Dann würde sie also die Rolle der Übersetzerin einnehmen und wahrscheinlich eine gesprochene Sprache lernen und nicht bloß hinterlassene Symbole und Texte interpretieren. Auf so etwas hatte sie gehofft. Eine kalte Woge der Erregung wälzte sich durch sie hindurch.

»Sie wollen sagen, die sind gerade angegangen?«, fragte Bergen. Er hatte die Stirn gefurcht und funkelte den Bildschirm an.

»Allerdings«, erwiderte Compton.

Bergen wandte sich zu ihr um. »Sieht so aus, als wären sie zu einem Treffen mit Ihnen bereit, Doc.«

Sie brachte ein angespanntes, gezwungenes Lächeln zustande. Mehr nicht. Völlig unsinnig, dass er sie mit »Doc« anredete, weil sie alle promoviert hatten. Aber es war vermutlich besser als »Indiana Jane«, wie er sie anfangs genannt hatte.

»Nur zu, Commander. Kanal ist offen«, sagte Compton.

Walshs Stimme war ruhig und cool. »Houston, hier ist Providence. Wir haben Sicht auf das Ziel, und sie haben das Licht an unserem vorgesehenen Andockplatz eingeschaltet, um uns zu empfangen. Andockprozedur beginnt in T minus vier Minuten. Providence Ende.«

Die Bodenkontrolle würde diesen Funkspruch in 26 Minuten empfangen. Es war tröstlich zu wissen, dass Houston selbst aus dieser Entfernung mithörte, obwohl es fast eine Stunde dauern würde, bis von dort eine Antwort käme.

Wiederum bebte die Kapsel unter dem Donnern der Schubtriebwerke, die Walsh an- und abschaltete, während er sie in eine Position manövrierte, dass sie am anderen Schiff andocken konnten. Die größten Köpfe terranischer Ingenieurskunst hatten die Kapsel absolut exakt auf das Dock der Aliens angepasst. Irgendwie hatten sie die genauen Ausmaße aus den Fotos von dem Ding extrapoliert. Es war unvorstellbar, und Jane hegte große Zweifel. Wie hätten sie das hinbekommen können? Was ist, wenn es überhaupt kein Dock ist? Was ist, wenn sie dabei waren, an einen Abfallschacht anzudocken?

Ihr Herz galoppierte förmlich in ihrer Brust. In ein paar Minuten würde sie hinaustreten, um ihre Aufgabe zu erfüllen, und zwar ohne eine genaue Vorstellung davon zu haben, was oder wem sie sich gegenübersehen würde. Dr. Jane Holloway wäre die Botschafterin der Erde. Warum sie? Weil irgendein Umstand bei der Geburt, irgendein seltsames mutiertes Gen, irgendein Dreh in ihrer Gehirnchemie ihr die Fähigkeit verliehen hatte, neue Sprachen so leicht zu erlernen, wie sie atmete. Hatte das wirklich etwas zu bedeuten, sobald sie die sichere Umgebung des Planeten Erde verlassen hatte? Das würde sie wohl jetzt herausfinden.

Sie bemerkte, dass die Finger einer Hand zitterten, und umfasste wild entschlossen die Armlehnen. Bis hierher hatte sie ihre Würde wahren können – sie würde sie jetzt nicht verlieren.

Der endlose, erdrückende Flug war vorüber. Der Albtraum der Eintönigkeit, der Enge, die einen wahnsinnig machte, der verzweifelten Einsamkeit und des gnadenlosen, erzwungenen Beisammenseins – erledigt. Sie würden schließlich diese fragile Sardinenbüchse aus einer Aluminium-Lithium-Legierung verlassen, die sie zehn Monate vor dem Vakuum des Raums geschützt hatte. Sie waren tatsächlich lebend angekommen.

Die Kapsel bebte erneut heftig. Jane warf Bergen einen Blick zu, um sich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Seine Hand schwebte über der Schnalle, die seine Gurte lösen würde, und er grinste anzüglich durch seinen dunklen Bart. Er war auf diesem Flug derjenige geworden, den sie schließlich am ehesten einen Freund genannt hätte – und selbst dieses Etikett schien noch etwas übertrieben.

Die fest im Zaum gehaltene Aufregung surrte unter der Besatzung wie eine straff gespannte Saite. Es war eine weitaus gesündere Anspannung als diejenige, die während der letzten zehn Monate oft geherrscht hatte. Es hatte hitzige Debatten über völlig bedeutungslose Dinge gegeben wie zum Beispiel, wer übermäßig viel von der Schokolade aß, bevor sie ganz plötzlich verschwunden war.

Bergens Stimme dröhnte Jane ins Ohr und riss sie aus ihren müßigen Gedanken, und seine scharfen Züge verzerrten sich. »Walsh! Sie kommen zu schnell rein – etwas weniger Schub! Wir werden abprallen und uns einen klaffenden Riss einfangen!«

Compton, das älteste und erfahrenste Besatzungsmitglied, sagte leise: »Sachte, Berg.« Seine Stimme klang ziemlich überzeugend, aber auch in ihr lag eine gewisse Anspannung, die für Janes geschärfte Sinne Bände sprach. Er wollte Bergen beruhigen, wollte aber auch, dass Walsh die Geschwindigkeit drosselte, das spürte sie genau.

»Ruhig, Bergen«, brummelte Walsh. »Ich hab das Tausende von Malen gemacht. Das könnte ich sogar im Schlaf.«

»Konzentrieren wir uns doch«, mahnte Ajaya Varma, die Ärztin, leise von oben.

Bergen warf sich in seine Gurte. »Ja, in Simulationen, Sie Schafskopf! Was ist, wenn die sich geirrt haben? Langsamer, verdammt noch mal! Wir sind nicht die ganze Strecke hergeflogen, damit wir bei der Annäherung umkommen!«

Er wirkte etwas durchgedreht; alle wirkten so. Alle rochen auch entsetzlich. Die Mikrogravitation stellte sowohl etwas mit dem Geruchssinn als auch mit dem Körpergeruch an, das nicht angenehm war. Ihr fiel es schon längst nicht mehr auf, es sei denn, sie kam einem von ihnen zu nahe. Sie gab sich alle Mühe, das zu vermeiden, obwohl es schwierig war.

Es war schon schlimm genug, dass sie ihre Lippen mit Wasser benetzen mussten, von dem der Löwenanteil wiederaufbereiteter Urin war. Für mehr als eine Katzenwäsche reichte das Wasser ohnehin nicht, und selbst die fiel gezwungenermaßen sehr sparsam aus. Die Männer konnten sich, wenn sie wollten, Bärte und Kopfhaare mit einem eingebauten elektrischen Rasierer entfernen, aber sie hatten schon vor Monaten aufgegeben, so zu tun, als könnten sie eine zivilisierte Körperpflege betreiben. Sie sahen nicht so aus, als würden sie in dieses moderne Schiff des einundzwanzigsten Jahrhunderts auf dessen Jungfernfahrt gehören. Sie wirkten eher wie irgendwelche Neandertaler, die es gekapert hatten.

Jane leckte sich die trockenen Lippen und schoss Bergen einen Blick zu. »Dr. Bergen, wir haben wirklich keine Technologie, die uns sagen kann, wie viele an Bord dieses Fahrzeugs sind, oder?«

Er riss den Blick von den Kontrollen los, die er überwachte, und sah sie mitleidig und verächtlich an. »Nein, Doc. Wir sind hier nicht Raumschiff Enterprise. Wir haben keine Detektoren für Anzeichen von Leben.«

Sie nickte, verärgert, dass sie tatsächlich die Frage ausgesprochen hatte, aber vielleicht hatte sie ihn für den Augenblick von Walsh abgelenkt. »Ja. Das hatte ich mir schon gedacht.«

Er schnaufte, brummelte etwas in sich hinein und warf ihr einen kurzen, traurigen Blick zu. Es hätte...


Foehner Wells, Jennifer
Jennifer Foehner Wells landete mit ihrem Debütroman Die Frequenz in nur kurzer Zeit einen großen Erfolg in den USA. Sie studierte Biologie, und begeistert sich seitdem für Wissenschaft und Technologie. Ihre Leidenschaft für die Science-Fiction wurde schon früh geweckt. Jennifer Foehner Wells lebt mit ihrem Ehemann, ihren gemeinsamen zwei Söhnen und einem leicht verstörten Labrador in Indiana auf dem Land.



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