Foley Das Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2943-8
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 304 Seiten
Reihe: ONE
ISBN: 978-3-7325-2943-8
Verlag: ONE
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Es ist das Jahr 1993. Bill Clinton wird Präsident der USA und Nirvana veröffentlichen ihr drittes Album >>In Utero<<. In diesem Jahr zieht Maggie mit ihrer Familie von Chicago nach Bray, einen verschlafenen Ort an der irischen Küste. Sie muss viel zurücklassen, besonders aber vermisst sie ihren chaotischen Onkel Kevin: nur zehn Jahre älter, seines Zeichens Rockmusiker und größter lebender Nirvana-Fan.
Aller Anfang ist schwer. Immerhin ist da Eoin, der Maggie mit seinem unergründlichen Lächeln ziemlich durcheinanderbringt. Doch während die beiden sich näherkommen, erreicht Maggie eine furchtbare Nachricht: Onkel Kevin ist gestorben! Alles, was Maggie von ihm bleibt: Zwei Tickets für ein Nirvana-Konzert in Rom. Und ein Brief, in dem er Maggie auffordert, sich unbedingt auf den Weg zu machen und dabei den Jungen mitzunehmen, den sie liebt. Und Maggie? Setzt sich über alle Verbote hinweg und wagt den Trip nach Rom. Zusammen mit Eoin ...
Jessie Ann Foley lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in ihrer Heimatstadt Chicago, wo sie als Lehrerin arbeitet. Gleich ihr Debütroman, Das Jahr, in dem sich Kurt Cobain das Leben nahm wurde mit Lob überhäuft und mit diversen Preisen ausgezeichnet.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
September 1993
Die Kirmes in Bray duckte sich gegen den Regen an die felsige Küste der Irischen See; blinkend und ineinanderfließend spiegelten sich die grünen und rosafarbenen Lämpchen des altmodischen Riesenrads auf den Wellen. Maggie war bereits mit dem Take Off gefahren, in dem sie sich wie ein übers Wasser hüpfender Kiesel vorgekommen war; mit dem Crazy Frog, der sie so heftig vor- und zurückgeschleudert hatte, dass sie sich den Kopf am Sicherheitsbügel gestoßen und mit einer schmerzhaften lila Beule an der Schläfe ausgestiegen war; und dann noch mit der Space Odyssey, die sie so schnell herumwirbelte, dass die Schwerkraft sie und Ronnie wie zermatschte Käfer gegen die gepolsterten Wände gedrückt hatte. Nach der Hälfte der Fahrt hatte das Mädchen gegenüber von ihnen gekotzt, aber die Schwerkraft war so extrem, dass die Kotze – sobald sie in hohem Bogen aus ihrem Mund geschossen war – zurückgesaugt wurde und sich mit einem nassen Klatschen über ihr Gesicht verteilte. Die Fahrt endete abrupt, wodurch alle zu Boden stürzten, und die Schwestern flohen auf wackligen Beinen vor dem sauren Geruch von Erdnuss-Erbrochenem.
»Und wohin jetzt?« Ronnie zählte die verbliebenen Chips in ihrer Hand. »Ich hab noch genug für drei weitere Fahrten.«
»Wird dir nicht langsam kalt?« Maggie sah ihre kleine Schwester an, der die hellen, nassen Haare am Kopf klebten. Ihr Secondhand-Anorak hing ihr bis zu den Knien, er war so warm und wasserdicht wie eine Plastiktüte.
»Schon, aber Mom hat gesagt, sie holt uns erst ab, wenn die Kirmes zumacht.« Ronnie spähte über die dunkle Straße hinweg zu der Reihe von Pubs und moosbewachsenen Hotels, wo ihre Mutter und Colm Zuflucht gesucht hatten. »Glaubst du, sie werden eher wiederkommen?«
»Und ihre Flitterwochen unterbrechen?« Maggie lachte. »Sei nicht albern.«
»Was bedeutet das überhaupt?«
»Das erzähl ich dir, wenn du so alt bist wie ich.«
»Das hast du auch gesagt, als ich dich nach Intimspülungen, Kondomen und der ersten Zeile von diesem Liz-Phair-Song gefragt habe«, protestierte Ronnie.
»Flitterwochen sind eine Kombination aus allen drei Dingen«, sagte Maggie, legte den Arm um die schmalen Schultern ihrer Schwester und zog sie unter den undichten Regenschirm. »Wenn du sechzehn bist und ich einundzwanzig, besprechen wir das ganz ausführlich, okay? Also – wofür sollen wir die letzten Fahrchips verwenden?«
»Autoscooter!«, kreischte Ronnie, löste sich aus dem Schutz des Regenschirms und rannte zur Fahrfläche, wo herrenlose Autos wild durcheinander parkten – wie in einem dieser apokalyptischen Filme, in dem wegen einer ansteckenden Krankheit eine ganze Stadt geräumt wird.
»Willst du nicht lieber mit dem Riesenrad fahren?«, rief Maggie ihr hinterher. Sie berührte die Beule an ihrer Schläfe. Sie war heiß und pochte, und in der Mitte trat ein bisschen Blut aus.
»Jetzt komm schon! Lass uns Autoscooter fahren! Bitte? Bitte? Bitte? Bitte?« Ronnie hüpfte in ihrem durchnässten Anorak auf und ab.
»Na schön«, seufzte Maggie und streckte die Hand aus, damit der Regen ihr das Blut von den Fingern wusch.
Ronnie knipste ihr ansteckendes Zahnlücken-Lächeln an, und sie stellten sich in die kleine Schlange von Kindern, die darauf warteten, ihre Chips einzulösen. Maggie war mindestens einen Kopf größer als alle anderen. Vorhin waren sie an einer Gruppe von Jugendlichen vorbeigekommen, und vielleicht gingen einige der Mädchen auf die Saint Brigid’s und würden demnächst ihre Schulkameradinnen sein. Die Jungs hatten Trainingsanzüge und Turnschuhe von Marken an, die Maggie nicht kannte, die Mädchen trugen Strumpfhosen unter ihren Röcken und schwere Goldketten um den Hals. Keiner von ihnen hatte auch nur einen Blick an Maggie verschwendet. Sie kapierte schnell, dass irisch-amerikanisch zu sein etwas ganz anderes war als irisch. Jetzt stand sie hinter Ronnie und sah zu, wie der Trupp Richtung Straße lief. Ihre Kleider, ihre Sprache, die Art, wie sie die Haare trugen: Alles war Maggie fremd und unvertraut; alles war neu, furchteinflößend und seltsam. Ich werde hier nie hinpassen, dachte sie.
Maggie war nicht besonders überrascht gewesen, als ihre Mutter verkündet hatte, dass sie nach nur vier Monaten Beziehung einen fünf Jahre jüngeren Mann heiraten und sie alle zusammen nach Irland in seine Heimatstadt ziehen würden, damit er in die Baufirma seines Bruders einsteigen konnte. Seit dem Tag, an dem Maggies Vater die Familie vor zehn Jahren verlassen hatte – wegen einer Frau, die bei ihnen zu Hause nur als »die Schlampe« bekannt war –, neigte ihre Mutter dazu, sich Hals über Kopf in jeden Loser zu verlieben, mit dem sie ein paarmal ausgegangen war. Laura Lynch war es nie schwergefallen, Männer kennenzulernen – sie war noch immer jung, hatte pralle, wohlgeformte Brüste, grüne Augen unter langen, schwarz getuschten Wimpern, und sie sprach mit leiser, tiefer Stimme, sodass die Männer sich vorbeugen mussten, um sie zu verstehen. Jede ihrer Romanzen verlief stürmisch, und alle endeten in der totalen Katastrophe. Im Anschluss betäubte Maggies Mutter ihre Verzweiflung mit großen Mengen Rotwein und ab und zu auch mit einer Schlaftablette. Mit den Jahren hatte Maggie gelernt, in diesen Phasen für sich und Ronnie leise eine Tasche zu packen, sie die Treppe hochzuschleppen und an die Tür ihrer Großmutter zu klopfen, die im ersten Stock wohnte.
»Mom hat mal wieder einen ihrer Aussetzer«, erklärte sie dann.
»Wie schlimm ist es diesmal?« Nanny Ei, in gebügelten Jeans und einem zur Jahreszeit passenden Rollkragenpullover, trat hinaus auf den Hausflur, und alle drei lauschten auf die Geräusche, die aus dem Erdgeschoss nach oben drangen. Manchmal war Schluchzen zu hören. Ein anderes Mal betrunkenes Schnarchen. Wenn es schlecht lief, dann dröhnte Bob Dylans Freewheelin’ aus dem Kassettenrekorder, und wenn es ganz schlimm kam, Joni Mitchells Album Blue, begleitet von Laura, die dazu in einem schiefen Sopran jaulte.
»Okay, Mädels«, seufzte Nanny Ei und schob sie in ihre gemütliche Wohnung mit Kabelfernsehen, ausgeblichenen beigen Teppichböden und Frühstücksbratgerüchen. »Ich mache euch Bohnen mit Speck.«
Als Laura im April Colm kennenlernte, hatte sie gerade eine Blue-Trennung von Ned hinter sich, einem Spielsüchtigen, der die meiste Zeit des Tages ums Haus herumgelaufen und Wetteinsätze in sein schnurloses Telefon gebrüllt hatte und die Luft mit lautlosen, schwefeligen Fürzen verpestete. Colm besaß alle Qualitäten, die Ned – und übrigens auch alle früheren Freunde von Laura – vermissen ließen. Zum einen hatte er einen Job, und zum anderen Zähne, die offenbar regelmäßig geputzt wurden. Außerdem schien er genauso verrückt nach Laura zu sein wie sie nach ihm. Im August heirateten sie im Cook County Courthouse, und im September zogen sie in Colms sauberes kleines Häuschen in Bray, einer feuchten, salzigen Stadt eine halbe Stunde von Dublin entfernt.
Ronnie suchte sich ein glänzendes gelbes Auto aus, Maggie ein hellblaues. Der Betreiber des Autoscooters drückte auf einen Schalter, und ihr Gefährt erwachte zum Leben. Sie wurde nach vorne geschleudert, als ein Junge mit Segelohren, der kaum übers Armaturenbrett gucken konnte, aufs Gas trat und rückwärts mit voller Wucht in ihren Wagen krachte. Sein Lachen schallte über die Bahn, während Maggies Kopf nach hinten flog; weiße Sternchen tanzten vor ihren Augen. Es gelang ihr, über die Gummikante der Fahrfläche zu fahren und dort stehen zu bleiben, während Ronnie und die übrigen Kinder an ihr vorbeisausten – brüllend, lachend und ineinanderkrachend.
Als die Autos schließlich abgeschaltet wurden und Maggie über die Bahn wankte, um ihre Schwester zu suchen, hatte Ronnie sich bereits mit den Kindern aus den anderen Wagen angefreundet, sogar mit dem zerstörungswütigen Jungen mit den Segelohren. Ein Mädchen riss Fetzen von ihrer rosa Zuckerwatte ab und reichte sie den anderen. Auch Ronnie schenkte sie ein großes Stück, und Ronnie nahm es, faltete es kunstvoll zusammen und schob sich dann das ganze Päckchen in den Mund. Die anderen Kinder lachten, und einige begannen, ihre Zuckerwattestücke ebenfalls zu falten. Als Ronnie Maggie entdeckte, winkte sie ihr zu.
»Hey!«, rief sie mit vollem Mund, »wir gehen zurück zur Space Odyssey! Komm doch mit!«
Keine gute Idee, dachte Maggie. Was, wenn die Mädchen von eben, mit dem dunklen Lippenstift und den Jeansröcken, sie zusammen mit einer Gruppe Zehnjähriger sahen?
Sie winkte ihre Schwester zu sich. »Lass mal, ich treff mich gleich mit ein paar Leuten am Riesenrad«, log sie. »Wir sehen uns dann, wenn Mom uns abholt.« Ronnie schaute sie über den nassen Asphalt und die grell tönenden Lichter der Buden hinweg an, als grübele sie über etwas nach. Schließlich zuckte sie mit den Schultern und rannte hinter den anderen Kindern her.
Der Nieselregen hatte sich in heftigen Niederschlag verwandelt, und vom Meer zogen Wolken heran, ihre dunklen Silhouetten verdüsterten den Himmel. Maggie stand allein unter dem Riesenrad, dessen staksige, blinkende Arme sich flehend in die Luft reckten. Dicke Regentropfen bohrten Löcher in die kabbelige graue See. Als sie in Bray angekommen waren, hatte Colm gesagt, die Stadt sei im Grunde genommen genau wie Chicago: Wenn man sich orientieren wollte, musste man nur daran denken, dass das Wasser immer im Osten war. Doch vom Nordwesten Chicagos aus musste man erst...




