Folkens Gezeitenstürme
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-7325-2322-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 624 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-2322-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Im Herbst 1944 findet die 15-jährige Elli auf dem Heuboden des elterlichen Hofs einen völlig entkräfteten Soldaten. Georg ist kaum älter als sie selbst und während eines Bombenangriffs desertiert. Ellis Vater willigt ein, ihn bis Kriegsende zu verstecken. Zwischen Elli und Georg entwickelt sich eine zarte Liebe, doch über seine Vergangenheit schweigt Georg hartnäckig. Lediglich die Musik lässt ihn aufleben. Nach dem Krieg muss er sich zwischen der Liebe zu Elli und der Liebe zur Musik entscheiden ...
Dieser Roman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel 'Von Schwalben und Mauerseglern' erschienen.
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2
»Ich bin wieder da!«, rief Elli, während sie das alte Damenfahrrad durch das offene Tor in die Dreschdiele schob. Sie zwängte sich vorsichtig an dem hölzernen Leiterwagen vorbei und lehnte es neben der Tür zum Vorflur an die Wand.
»Papa?«, rief sie, den Blick nach oben zum Heuboden gerichtet, und noch einmal: »Papa? Ich bin wieder da!«
Niemand antwortete.
Elli nahm die alte Lederschultasche vom Gepäckträger und betrat den schmalen, düsteren Vorflur, der die Dreschdiele mit dem Stall und dem Wohnhaus verband. Dort zog sie die Galoschen von den Schuhen und stellte sie neben die lange Reihe von Gummistiefeln und Holzschuhen. Sie ging an der zweiflügligen Tür zum Wohnflur vorbei, durch deren bunte Glasscheiben ein wenig Licht fiel, und öffnete die Küchentür.
»Ich bin wieder da«, sagte Elli noch einmal.
Ihre Mutter saß am Küchentisch und schälte Äpfel. Zwischen der Tischkante und ihrem Schoß klemmte eine alte Emailleschüssel, in die sie die Schalen in langen Spiralen fallen ließ. Dann nahm sie den fertig geschälten Apfel, viertelte ihn und schnitt das Kerngehäuse heraus.
»Du bist spät dran, Elli. Ich habe schon auf dich gewartet«, sagte ihre Mutter scharf und warf einen schnellen Blick auf die Wanduhr über dem Herd, während sie die Apfelstücke in feine Blätter schnitt. »Zieh dir schnell den Mantel aus, dann kannst du mir helfen.«
»Tut mir leid, Mutter«, entschuldigte sich Elli. »Ich bin noch ein Stück mit Martha mitgefahren.«
»War irgendetwas?«
»Nein, heute war alles ruhig. Keine Tiefflieger zu sehen. Martha und ich haben nur getratscht und die Zeit dabei vergessen.«
Seit sie und ihre Freundin Martha vor ein paar Wochen auf dem Nachhauseweg von einem amerikanischen Flugzeug beschossen worden waren, bestanden ihre Eltern darauf, dass die Mädchen den zehn Kilometer langen Schulweg so schnell wie möglich hinter sich brachten und nicht trödelten.
»Darf ich einen?« Elli zeigte auf die geschnittenen Äpfel. Ihre Mutter nickte nur. Elli nahm sich aus der großen braunen Keramikschüssel auf dem Tisch ein Apfelstück heraus und biss hinein.
»Bah, sind die sauer!«, sagte sie und verzog das Gesicht.
»Das sind grüne Boskop. Kochäpfel. Die müssen so sauer sein. Das solltet ihr doch eigentlich auf dieser Haushaltsschule lernen!« Willa Bruns schnaubte verächtlich.
Elli wandte sich ab, um ihr Lächeln zu verbergen, und trat durch die zweite Küchentür in den großen Wohnflur, von dem die Türen in die beiden Stuben und die Schlafkammer ihrer Eltern abgingen. Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe und nahm ihr Kopftuch ab. Nach einem prüfenden Blick in den Spiegel griff sie nach dem Kamm, der auf der Ablage darunter lag, und fuhr sich damit ein paar Mal energisch durch die Haare.
Martha hat es gut mit ihren dunkelroten Zöpfen, dachte sie neidisch. Ich hab dieses blöde Allerweltsbraun und nur so ein paar dünne Fusseln auf dem Kopf. Sie beugte sich vor und unterzog ihr Kinn und die Stirn einer genauen Musterung. »Aber dafür hab ich wenigstens keine Pickel«, murmelte sie und lächelte ihrem Spiegelbild aufmunternd zu.
»Die kommen sicher noch!«, rief eine helle Stimme von oben. Ihr kleiner Bruder Bernhard, den alle immer nur Bernie nannten, saß auf der obersten Treppenstufe und schaute durch das Geländer zu ihr herunter. »Dann rufen dich alle nur Pickelfratze Bruns.« Er lachte schallend.
Elli verdrehte die Augen. »Du bist so blöd, dass es wehtut!«
»Pickelfratze, Pickelfratze!«, tönte es hinter ihr her, als Elli sich umdrehte und in die Küche zurückging.
»Bernie ärgert mich schon wieder«, sagte sie zu ihrer Mutter, die gerade nach einem weiteren Apfel griff, ihn in der Hand drehte und mit einem schnellen Schnitt eine braune Stelle entfernte.
Sie begann zu schälen: ssssst wat wat, ssssst wat wat, im Walzertakt. Immer ein langer Schnitt, dem zwei kurze folgten: sssst wat wat, sssst wat wat. Dann innehalten, den Apfel teilen, vierteln, das Kerngehäuse entfernen und das Fleisch in dünne Scheiben schneiden, immer derselbe Ablauf mit immer denselben knappen Handbewegungen.
»Du solltest mittlerweile alt und vernünftig genug sein, um dich nicht mehr von ihm ärgern zu lassen«, erwiderte ihre Mutter, ohne den Blick zu heben. »Habt ihr in der Schule etwas gegessen?«
»Nein, heute nicht. Wir waren den ganzen Tag im Garten.«
»Auf dem Herd stehen noch Dicke Bohnen vom Mittagessen für dich.«
Elli verzog das Gesicht. Bohneneintopf konnte sie nicht ausstehen.
»Darf ich mir nicht bitte einfach nur ein Brot machen? Ich hab gar nicht so viel Hunger.«
»Iss die Suppe! Wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag braucht der Körper.«
Elli verdrehte die Augen und bewegte lautlos die Lippen zu den Worten ihrer Mutter. Dieses Lied konnte sie mitsingen.
»Werd bloß nicht unverschämt, mein Fräulein!« Willa hatte die Grimasse offenbar bemerkt, und der Blick, den sie ihrer Tochter aus hellen Raubvogelaugen über den drohenden Zeigefinger hinweg zuwarf, war eisig. »Sei lieber froh, dass du überhaupt zu essen hast. Andere Kinder …«
Den Rest des Vortrags ließ Elli an sich vorüberrauschen, während sie den Suppentopf vom Feuer zog, eine halbe Kelle von der graubraunen Pampe in einen Teller füllte und diesen zum Tisch hinübertrug. Sie wusste aus Erfahrung, dass es einfacher war, einzulenken, als sich auf Diskussionen mit ihrer Mutter einzulassen.
»Ist Papa gar nicht da?«, fragte Elli, als Willa endlich wieder schwieg, und öffnete das Brotfach im Küchenschrank. »Nein, er ist mit Hinnerk bei Gerdes drüben.« Die Lippen ihrer Mutter wurden schmal. »Eine von den Stuten fohlt, und Onkel Gerdes hat gefragt, ob Hinnerk mal nachschauen kann.«
Hinnerk, der alte Knecht vom Brunshof, galt in der Nachbarschaft als Pferdeexperte und wurde in schwierigen Fällen immer gerufen, weil es im Moment so gut wie keine Tierärzte gab.
»Oh, dann lauf ich auch gleich mal rüber.«
Elli hatte etwas von der selbst gemachten Butter auf eine Scheibe Graubrot geschmiert und eine Prise Salz darübergestreut. Sie klappte die Stulle zusammen und biss hinein. Danach schaufelte sie sich einen großen Löffel Suppe in den Mund und versuchte ihn, ohne zu kauen, hinunterzuwürgen.
»Das kommt ja gar nicht infrage. Du wirst schön hierbleiben und mir beim Apfelschälen helfen, Fräulein! Und wir müssen die Einweckgläser noch auswaschen.«
»Ach, Mutter, bitte. Nur fünf Minuten!«
»Deine fünf Minuten kenne ich. Wenn du zu Gerdes rübergehst, sehe ich dich vor dem Melken überhaupt nicht mehr. Außerdem können sie jetzt im Pferdestall nicht noch jemanden gebrauchen, der dumm im Weg herumsteht.«
»Aber …«
»Nichts aber! Und nun tu nicht so, als hättest du noch nie ein Fohlen gesehen.«
»Ach, bitte!« Elli verlegte sich aufs Betteln. »Kann Oma dir nicht vielleicht helfen?«
»Keine Widerrede, Mädchen. Iss auf, und dann hol dir eine Schüssel für die Apfelschalen. Und was Oma angeht, die kann mit ihren steifen Fingern nicht mehr sauber genug schälen.«
Und du bist ganz froh, wenn sie nicht hier bei dir in der Küche herumsitzt und an allem etwas herumzumäkeln hat, schoss es Elli durch den Kopf, während sie einen weiteren Löffel Eintopf hinunterschluckte. Manchmal fragte sie sich, wo ihre Mutter wohl in Gedanken war, wenn zwischen den hellen Augenbrauen diese steile Falte auf ihrer Stirn auftauchte. Willas Augen waren fest auf den nächsten Apfel gerichtet, den sie in der Hand drehte, doch ihr Blick schien durch ihn hindurchzugehen.
Ssssst wat wat, ssssst wat wat machte das Messer, das im Dreivierteltakt die Schale von dem blassen Fruchtfleisch trennte. Ssssst wat wat, ssssst wat wat, ssssst wat wat.
Elli kaute an ihrem Brot und schaute der Schalenspirale zu, die sich auf die anderen in der Schüssel legte. Sie wusste, wann sie verloren hatte.
»Ich zieh mich um, und dann komm ich dir helfen«, sagte sie. »Aber ich hab Papa versprochen, vor dem Melken noch Heu abzuwerfen.«
»An dir ist ein Bauer verloren gegangen«, sagte Anton Bruns oft zu seiner Tochter, und er hatte recht damit. Im Gegensatz zu ihrem großen Bruder Hannes, der die Nase viel lieber in seine Bücher steckte, als auf dem Hof zu helfen, lebte Elli im Stall förmlich auf. Sie liebte es, die Kälber zu füttern oder die Kühe zu melken, unterhielt sich stundenlang mit dem Vater über Gott und die Welt, während sie neben ihm her über die Feldwege marschierte oder gemeinsam mit ihm die Kühe von der Weide zum Melkwagen trieb. Jetzt, Ende Oktober, waren die Kühe bereits seit einer Woche im Stall. Es war in den letzten Tagen kühl geworden, und das Gras auf den Weiden wuchs nicht mehr. Nur die Jungrinder und Bullen blieben noch bis zum ersten Schnee draußen.
Bekleidet mit ihrem Stallzeug, ihrem ältesten Rock und einer geflickten Bluse, der grauen Schürze und einem dunklen Kopftuch, ging Elli über die Dreschdiele, griff nach einer zweizinkigen Forke, die neben der Leiter bereitstand, und kletterte zum Heuboden über der Viehdiele hinauf. Seit sie nur noch einen einzigen Fremdarbeiter, den russischen Kriegsgefangenen Victor, auf dem Hof hatten, war es Ellis Aufgabe, abends das Heu durch die Luke in die Viehdiele zu werfen und danach vor den Kühen zu verteilen.
Durch die breiten Sprossenfenster an der Giebelseite warf die tief stehende Herbstsonne goldenes Licht auf das Heu, das sich noch...




