E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Lübbe
Folkens Inselherzen
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7325-9488-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 336 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-9488-7
Verlag: Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Von jetzt auf gleich macht sich die junge Hebamme Doro auf nach Sylt, zu ihrer Freundin Janne, die dort mit ihrer Oma ein Hotel betreibt. Denn Doro braucht bringend eine Auszeit, und Janne hat Unterstützung bitter nötig, wie sich sehr bald herausstellt. Also hilft Doro mit, nicht nur im Hotel, auch beim Nachbar Achim, obwohl Janne sie ausdrücklich vor dem schlimmen Frauenhelden warnt. Der Ex-Profisurfer ist auf den Familienhof zurückgekehrt, um sich um seinen alten Vater zu kümmern, der zunehmend tüdelig wird. Und bald stellt Doro fest, dass Achim gar kein so übler Kerl ist ...
Lektüre zum Wegträumen - ein Roman, so erholsam wie Urlaub an der Nordsee
Marlies Folkens wurde in Stollhamm-Ahndeich, einem kleinen Dorf direkt an der Nordseeküste, geboren. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Geschichte und Politik nach Oldenburg, wo sie bis heute lebt. Sie ist verheiratet, hat zwei Töchter im Teenager- und drei Kater im Flegelalter.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Eins
»Warte mal kurz …«
Doro blieb wie angewurzelt vor dem Schaufenster der Galerie stehen, an dem sie sonst immer achtlos vorbeigegangen war. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen und legte den Kopf schief, um das Ölgemälde genauer zu betrachten, das ganz hinten neben einem abstrakten Kunstwerk hing. In leuchtenden Farben war ein reetgedecktes Haus mitten in einem Garten voller windschiefer Bäume und blühender Heckenrosenbüsche abgebildet. Ein goldener Schriftzug war über der grün gestrichenen Haustür zu erahnen.
»Das ist doch die Friesenrose!« Doro holte tief Luft, während ihr der Herzschlag in den Ohren pochte. Seit einer halben Ewigkeit hatte sie nicht mehr an die Pension Friesenrose und an jene Sommerferien gedacht, die sie dort verbracht hatte.
Wer behauptete, so etwas wie eine Zeitmaschine gäbe es nicht, der hatte keine Ahnung. Dabei reichte schon der Geschmack von Brausepulver oder der Geruch von Apfelkuchen, um einen zurück in die Vergangenheit zu katapultieren. Manchmal, so wie jetzt, war es der Anblick eines Bildes, und die Zeit rollte sich in sich zusammen wie ein Stück Schleifenband, das man über die scharfe Seite einer Schere gezogen hatte. Siebzehn Sommer waren auf einmal wie ausgelöscht, und Doro fühlte sich wieder, als sei sie zwölf Jahre alt und diese wundervollen Wochen auf Sylt wären gerade erst ein paar Tage her. Alles stand ihr klar und deutlich vor Augen.
Sie erkannte jede Kleinigkeit: die breite Auffahrt, die zum Haus führte, die Dachgauben im Obergeschoss, hinter denen sich die Pensionszimmer befanden, den Anbau mit den blinden Stallfenstern, in dem sie und ihre Freundin Janna gespielt hatten. Sogar die Esche mit dem Baumhaus war am linken Bildrand zu sehen. Auch die windschiefe Plattform zwischen den Ästen, auf der die Mädchen ganze Tage verbracht hatten. Janna hatte ihrem Opa so lange in den Ohren gelegen, bis er ihnen schließlich erlaubt hatte, im Baumhaus, wie sie es nannten, auch wenn es den Namen kaum verdient hatte, zu übernachten. Dicht aneinandergedrängt hatten sie in ihren Schlafsäcken auf den rauen Brettern gelegen und durch die Blätter hindurch den glitzernden Sommerhimmel bewundert, über den sich wie ein schimmerndes Band die Milchstraße gezogen hatte. Ganz leise, um niemanden zu stören, hatten sie miteinander getuschelt und Pläne geschmiedet.
Die Erinnerung war so klar und deutlich, dass Doro fast das Rascheln der Blätter im Abendwind hören und die Brise riechen konnte, die vom Watt herüberwehte. Doro hätte sich nicht einmal gewundert, wenn ihr Spiegelbild im Schaufenster plötzlich ein sommersprossiges kleines Mädchen mit Hornbrille auf der Nase und strubbeligen hellblonden Locken gezeigt hätte.
»Die Friesenrose«, wiederholte sie lächelnd.
Die kleine Pension ganz im Osten der Insel Sylt gehörte den Großeltern ihrer Freundin Janna, die dort jedes Jahr die Ferien mit ihren Eltern verbrachte. In jenem Sommer hatten sie Doro eingeladen, sie nach Sylt zu begleiten, damit Janna nicht so langweilig war, doch Doros Mama hatte zuerst freundlich, aber bestimmt abgelehnt, ihre Tochter mitfahren zu lassen.
»Tut mir leid, Süße, aber das können wir uns wirklich nicht leisten«, hatte sie erklärt. »Wir können doch nicht erwarten, dass Jannas Eltern für alles bezahlen, und ich könnte dir kein Geld mitgeben. Das verstehst du doch, nicht wahr, mein Schatz?«
Nein, Doro hatte es nicht verstanden und es auch nicht verstehen wollen. Es war so ungerecht. Nur weil Mama keine Arbeit hatte und sie deshalb zu den Großeltern nach Flörsheim gezogen waren? Es war ja schon schlimm genug, dass Mama und sie zusammen im alten Kinderzimmer schlafen mussten. Aber dass sie nicht mal mit Jannas Eltern ans Meer fahren durfte, wo die doch Geld wie Heu hatten und Jannas Mutter extra gesagt hatte, Doro sei eingeladen? Das war wirklich zu viel.
Aber dann hatte sich doch noch alles zum Guten gewendet. Jannas Mutter hatte Mama angerufen und ihr versichert, Dorothee mitzunehmen werde für sie und Jannas Vater keine Belastung, sondern eine Riesenerleichterung sein. Die zwei Mädchen seien doch schon alt genug, um die nähere Umgebung auf eigene Faust zu erkunden, sodass Jannas Vater während der Ferien seine langersehnte Ruhe haben könnte. Da hatte Mama nachgegeben, und ein paar Tage später war Doro zusammen mit Jannas Familie nach Sylt aufgebrochen.
Es war ihr allererster Urlaub gewesen, und die sind bekanntlich immer etwas ganz Besonderes. Doro erinnerte sich an Sommersonne auf der Haut und einen rotgeringelten Leuchtturm oben auf einer Düne, den sie hinaufgeklettert waren, um die Aussicht zu bewundern. Sie dachte zurück an eine Sandburg am Strand, Erdbeereis mit Sahne und an den wunderbaren Kartoffelsalat von Jannas Oma. Und jeden Tag waren die Mädchen zum Nachbarhof hinübergelaufen, um das riesige schwarze Pferd zu streicheln und es mit den Möhren zu füttern, die Janna aus dem Garten ihrer Großeltern geklaut hatte. Das Gatter der Pferdeweide war etwa dort gewesen, wo der Maler des Bildes seine Signatur hinterlassen hatte.
»J. N. …«, murmelte Doro. Sie konnte sich nicht erinnern, wie Janna mit Nachnamen geheißen hatte, nur dass ihren Eltern die Adler-Apotheke in Flörsheim gehört hatte, an der sie auf ihrem Schulweg immer vorbeigekommen war, um dann mit Janna zusammen weiterzulaufen. Ob Janna die Malerin war?
»Doro? Wo bleibst du denn?« Die Stimme ihrer kleinen Schwester riss sie aus ihren Gedanken in die Gegenwart zurück. »Vorhin hast du noch gesagt, ich soll nicht so rumtrödeln, und jetzt bleibst du stehen und glotzt in irgendwelche Schaufenster.«
Julia stand ein paar Meter entfernt, die Hände in den Jackentaschen vergraben, und machte ein finsteres Gesicht. »Ich wäre gern pünktlich zu Hause, weißt du? Sonst lässt die alte Dame mich heute Abend nämlich nicht mehr vor die Tür. Und ganz zufällig habe ich keine Lust, so wie du samstags bei ihr auf dem Sofa zu hocken. Ich hab eine Verabredung«, setzte Julia gehässig hinzu.
Als sie ihren Job verloren hatte, war Doro wieder zu Hause untergekrochen, was ihre fünfzehnjährige Schwester Julia ihr bei jeder Gelegenheit unter die Nase rieb. Doch Doro schluckte ihren Ärger hinunter. Sie ging zu Julia und drückte ihr die Tasche mit den Einkäufen vom Wochenmarkt in die Hand.
»Hier!«, sagte sie. »Dann fahr doch schon mal vor und fang an, das Gemüse zu putzen, wenn du es so eilig hast. Ich muss noch was erledigen und nehme die nächste S-Bahn.« Ohne die verdutzte Julia eines weiteren Blickes zu würdigen, machte Doro kehrt, zog die schwere Glastür auf, über der in Goldbuchstaben »Galerie Clara Menzel« geschrieben stand, und trat ein.
Es dauerte einen Moment, ehe sich ihre Augen an die schummrige Beleuchtung im Inneren der Galerie gewöhnt hatten. An den dunkel gestrichenen Wänden hingen dicht an dicht großformatige abstrakte Gemälde in schlichten Rahmen, angestrahlt von einzelnen Spots, sodass sie wirkten, als würden sie frei in der Luft schweben. Nach einem Moment trat eine junge Frau im Businesskostüm hinter einer Stellwand im hinteren Teil des Ausstellungsraumes hervor, an der ebenfalls zwei Bilder angebracht waren.
»Kann ich Ihnen weiterhelfen?«, fragte sie höflich beim Näherkommen, während sie ihr Gegenüber von oben bis unten taxierte. Doro fühlte sich unwohl unter den kritischen Blicken der Galeristin. Die typischen Kunden kamen wohl nicht gerade in verschossenen Jeans und ausgetretenen Sneakers in die Galerie.
»Ich … äh …«, begann sie und räusperte sich dann, um ihre heisere Stimme in den Griff zu bekommen. »Ich interessiere mich für eines der Bilder im Schaufenster. Das kleine Ölbild hinten … das mit dem reetgedeckten Haus.«
»Oh«, sagte die Galeristin und lächelte. »Ja, das gefällt mir auch gut. Frau Menzel hat es erst letzte Woche von Sylt mitgebracht. Es hat mich ein bisschen gewundert, denn dieser realistische Stil ist sonst eher nicht nach ihrem Geschmack. Leider hat sie bislang noch keinen Preis dafür festgelegt, und sie ist heute und morgen nicht im Haus. Wenn Sie sich für das Bild interessieren, müsste ich Frau Menzel erst anrufen und nach dem Preis fragen, den sie veranschlagen will.«
»Nein, nein, ich möchte es nicht kaufen«, erwiderte Doro. »Jedenfalls im Moment nicht«, fügte sie hastig hinzu. »Aber das Motiv – dieses Reetdachhaus –, es kommt mir so bekannt vor. Es könnte sich um ein Haus handeln, in dem ich vor langer Zeit mal für eine Weile war. Kindheitserinnerungen sozusagen.«
»Verstehe.« Die Galeristin nickte.
»Könnten Sie mir vielleicht was zum Maler sagen? Es stand leider kein Name dabei, und die Signatur konnte ich nicht entziffern.« Doro tippte mit dem Zeigefinger gegen ihre Brille. »Kurzsichtig wie ein Maulwurf, verstehen Sie?«
Jetzt lachte die Galeristin und sah auf einmal trotz des strengen Pagenschnittes und des schweren Make-ups wesentlich jünger aus. »Das kenne ich gut«, sagte sie. »Aber seit ich Kontaktlinsen trage, ist es besser. Einen Moment, bitte, ich hole die Unterlagen.« Sie nickte Doro zu und verschwand wieder hinter der Stellwand, wo sich, wie Doro vermutete, das Büro der Galerie befand.
Es dauerte ein paar Minuten, ehe die Galeristin wieder zurückkam. In der Hand trug sie einen schmalen Aktenordner, den sie auf einen der Stehtische legte und öffnete.
»Da haben wir es ja«, sagte sie, nachdem sie ein bisschen hin und her geblättert hatte. »Frau Menzel hat insgesamt drei Bilder der Künstlerin mitgebracht. Dieses hier trägt den Titel Friesenrose und ist aus dem letzten Jahr. Die Malerin heißt Janna...




