E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Lübbe
Folkens Inseltochter
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-7325-4023-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 352 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-4023-5
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Nordseeküste 1946: Zu siebt in einer Baracke zu leben ist kein Zuckerschlecken. Dennoch können Wiebke und ihre Familie sich glücklich schätzen, im Fischerdorf Fedderwardersiel eine neue Bleibe gefunden zu haben. Denn ihre Heimat, die Insel Helgoland, liegt nach einem Bombenangriff in Schutt und Asche. Besonders dankbar ist Wiebke für die Unterstützung von Fischer Freerk. Ihre wahren Gefühle ihm gegenüber kann sie jedoch nicht zulassen, solange die Hoffnung besteht, dass ihr Mann doch noch aus Russland zurückkehrt ...
Marlies Folkens wurde 1961 in Stollhamm-Ahndeich, einem kleinen Dorf direkt an der Nordseeküste, geboren. Als jüngstes von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Geschichte und Politik nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Schon früh entdeckte Marlies Folkens das Schreiben für sich. Inseltochter ist ihr zweiter Roman.
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Kapitel 2
Die alte Margarethe hatte wirklich schon bessere Tage gesehen. Der Motor stotterte und röchelte immer wieder bedenklich und stieß dabei schwarze Rußwolken aus, die träge davonsegelten. Einige der Winden, mit denen die Schleppnetze hochgezogen wurden, protestierten quietschend, sobald man an ihnen drehte, und die blaue Farbe am Rumpf blätterte an so vielen Stellen ab, dass der alte Kutter regelrecht pockennarbig aussah. Ein richtiger Seelenverkäufer.
Freerk Cordes lehnte sich an die Reling, ließ den Blick über die gekräuselte Wasseroberfläche der Flussmündung schweifen, die der Kutter auf dem Weg nach Hause durchpflügte, und hing seinen Gedanken nach.
Eigentlich müsste die Margarethe dringend überholt werden. Früher wäre das keine große Sache gewesen, da wären sie nach Bremerhaven oder Elsfleth gefahren und hätten sie für zwei Wochen in die Werft gebracht. Dort hätte man den Motor ausgebaut und gereinigt, das Schiff im Dock neu gestrichen und die Netze ausgetauscht. Aber die Werften gab es nicht mehr. Zerbombt und dem Erdboden gleichgemacht. Verfluchte Tommys!
Freerk holte seinen Tabaksbeutel aus der Hosentasche, sah hinein und entschied sich dagegen, sich eine Zigarette zu drehen. Die paar Krümel würden nur noch für eine einzige reichen. Wenn nicht am Pier jemand stand, der etwas Tabak gegen den Beifang eintauschen wollte, wäre das die letzte Zigarette für lange Zeit. Lieber bis heute Abend warten.
Natürlich könnte er zu Onkel Emil in die Kajüte gehen und ihn fragen, ob er noch etwas Tabak für ihn hätte, aber der würde nur versuchen, ihn »ein bisschen aufzuheitern«, wie er das nannte.
»Na, min Jung? Was ziehst du für ein langes Gesicht? Ist dir mal wieder ’ne Laus über die Leber gelaufen?«, war Onkel Emils übliche Begrüßung, wenn Freerk sich im Morgengrauen beim Kutter einfand, um mit ihm zusammen zum Fischen hinauszufahren. Dann lachte der alte Mann schallend über seinen eigenen Witz und schlug Freerk mit der Hand auf die Schulter, ehe er sich an den Tauen zu schaffen machte, mit denen die Margarethe festgemacht war.
Einmal, ganz zu Anfang, als Freerk zum dritten oder vierten Mal mit Onkel Emil hinausgefahren war, hatte der alte Mann ihn beiseitegenommen, um ihm ins Gewissen zu reden.
»Nimm das doch alles nicht so schwer, Jung!«, hatte er gesagt. »Anderen geht’s genauso. Was meinst du, wie viele mit kaputten Knochen zurückgekommen sind? Dem Sohn von Meyerdierks fehlt der linke Arm, und die rechte Hand haben sie ihm zerschossen. Der kann kein Tau mehr anpacken. Nie wieder.« Dann hatte er Freerk mit traurigen Augen angeschaut und ihm zugenickt. »Das kommt schon alles wieder auf die Reihe bei dir, Jung. Wenn du dich erst mal daran gewöhnt hast und die Krücke nicht mehr brauchst.« Er hatte auf Freerks Bein gezeigt. »Sollst sehen, das geht schneller, als du denkst. Wenigstens bist du wieder nach Hause gekommen. Nicht so wie …«
An dieser Stelle hatte Onkel Emils Stimme versagt, und Freerk hatte trocken den Satz für ihn vollendet: »Nicht so wie Cord.«
Cord war sein Bruder gewesen. Sein Zwillingsbruder. Sein Gegenstück.
Obwohl sie einander wie ein Ei dem anderen geglichen hatten, waren sie vom Wesen her ganz verschieden gewesen. Während Freerk bedächtig und vorsichtig war, war Cord fix und patent gewesen. Einer, dessen Mundwerk nie stillstand, der mit den Leuten umgehen konnte, immer einen Witz parat hatte und bei allen beliebt gewesen war. Einer, der in die Welt passte.
Sie hatten immer alles zusammen gemacht, von Kindesbeinen an. Und es war für beide selbstverständlich gewesen, dass sie auch gemeinsam an die Front gingen. Cord hatte für beide geredet und Freerk für beide aufgepasst. Alles war gut gegangen, bis zu jenem Tag vor drei Jahren. Da hatte Freerk nicht gut genug aufgepasst. Die Granate, die ihm den Fuß abgerissen hatte, hatte seinen Bruder zerfetzt.
Freerk sah die Rauchschwaden, die um die zerschossenen Häuser zogen, noch vor sich. Er fühlte den kalten Wind im Gesicht, hatte den Gestank des Pulvers in der Nase und hörte den ohrenbetäubenden Lärm um sich herum. Und zum tausendsten Mal stellte er sich die Frage, was er hätte anders machen können, um Cords Tod zu verhindern.
Onkel Emils Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. »Kannst du mal die Kisten aufeinanderstapeln, Jung?«
Freerk wandte sich zu ihm um. »Was?«
»Die Kisten! Wir sind gleich im Hafen«, sagte der alte Mann, der den Kopf aus dem Kajütenfenster streckte. »Träumst du, oder was?«
Statt einer Antwort nickte Freerk nur. Mühsam humpelte er zu den Metallwannen mit dem Fang hinüber, darauf bedacht, mit dem Holzbein nicht auf den feuchten Planken auszurutschen. Inzwischen hatte er den Bogen ganz gut raus, sich an Deck zu bewegen, besonders, seit er ein Stück alten Gummireifen unten an sein Holzbein genagelt hatte.
Missmutig betrachtete er die magere Ausbeute eines ganzen Tags auf See. Zwei Kisten Schollen, eine halbe Kiste Seezungen und drei kleine schwarze Heilbutts hatten sie gefangen. Das war alles. Freerk beschloss, morgen die Angeln mitzunehmen, um auf Makrelen zu gehen.
Vorsichtig lenkte Onkel Emil die Margarethe durch das kleine Hafenbecken auf die Kaimauer zu und kletterte von Bord, um sie festzumachen. Am Kai wartete wie immer bereits der alte Onno de Buhr auf sie, die Hände in den Hosentaschen vergraben und die Schiffermütze schräg auf dem kahlen Schädel.
»Na, ihr beiden?«, rief er, ohne die kurze Tabakspfeife, die zwischen seinen Zähnen klemmte, aus dem Mund zu nehmen. »Heute mal mehr Glück gehabt?«
»Nee, nicht so richtig«, erwiderte Onkel Emil und deutete auf die Kisten. »Mag sein, dass vor uns schon jemand da gewesen ist, wo wir gefischt haben.«
De Buhr nickte zwar, aber an seinem Blick war deutlich zu erkennen, dass er Onkel Emil kein Wort glaubte. »Und Beifang?«, fragte er.
»Zwei Eimer voll. Nur kleine Schollen. Den Rest haben wir wieder über Bord gekippt.«
Geräuschvoll zog de Buhr die Nase hoch und hustete. »Ist ja nicht berühmt! Dann bringt den Fisch mal fix in die Halle und kommt in mein Büro, damit ich den Fang in dein Buch eintragen kann, Emil. Mal gucken, ob das genug ist für einen Dieselschein.«
»Was soll das denn heißen?«, stieß Freerk entrüstet hervor. »Willst du etwa sagen …«
Als er Onkel Emils Hand auf seinem Arm spürte, verstummte er.
»Ja, ist gut, Onno. Wir beeilen uns. Ist ja auch gleich Abendbrotzeit, und wir wollen alle nach Hause.«
De Buhr brummte etwas Unverständliches, tippte sich an die Mütze und stiefelte auf das Gebäude der Fischereigenossenschaft zu.
Freerk sah ihm mit gerunzelter Stirn hinterher. »Was glaubt der eigentlich, wer er ist?«, knurrte er. »Das klang ja fast so, als ob er uns unterstellt, was zu unterschlagen.«
»Na ja, ist nun mal seine Aufgabe, aufzupassen, dass keiner von den Fischern in die eigene Tasche wirtschaftet.« Onkel Emil grinste. »Und, glaub mir, das haben schon etliche versucht. Ist wirklich besser, sich nicht mit Onno anzulegen, Jung. Der sitzt einfach am längeren Hebel. Wenn der uns keinen Diesel mehr aufschreibt, dann ist Schluss mit lustig.«
Freerk schnaubte verächtlich, während er zusah, wie de Buhr durch die Tür verschwand, über der ein Schild mit der Aufschrift Fischereigenossenschaft Fedderwardersiel hing. »Was glaubt der denn, wie viel Fisch wir beide aus dem Wasser holen können? Ein alter Mann von über siebzig und ein Krüppel mit einem Holzbein …«
Onkel Emil lachte und schlug ihm auf den Rücken. »Wer ist hier alt? Und nun lass uns zusehen, dass wir die Kisten in die Halle bringen.«
Eine halbe Stunde später hatten die beiden ihren Fang abgeliefert und verließen das Büro der Genossenschaft. Onkel Emil steckte zufrieden den sorgfältig zusammengefalteten Bezugsschein für Diesel in seine Brieftasche.
»Ärger dich nicht wegen der Schollen, Jung!«, sagte der alte Mann und zeigte auf das kleine, in Zeitungspapier eingewickelte Päckchen, das Freerk in der Hand hielt. »Fürs Abendbrot wird’s schon reichen. Und die kleinen schmecken sowieso am besten.«
De Buhr hatte darauf bestanden, dass sie den Beifang noch mal aussortierten und die Fische bis auf die ganz kleinen Mickerlinge in die Kisten warfen, die sie abliefern mussten. Von dem, was übrig war, würde kaum eine Person satt werden. Emil hatte darauf bestanden, dass Freerk die mickrigen Schollen nahm. Er selber habe noch Schwarzbrot im Haus, das reiche ihm, Schollen äße er sowieso nicht so gern. Zu viel Geprökel. Da sei man ja nach dem Essen noch hungriger als vorher.
»Hochwasser ist morgen um Viertel nach sechs«, sagte Onkel Emil. »Dann sollten wir so um halb sieben auslaufen, oder was meinst du?«
Freerk nickte nur, klemmte das Paket auf den Gepäckträger seines alten Fahrrads, das an der Mauer der Fischereigenossenschaft lehnte, und griff nach dem Lenker.
»Dann sehen wir uns morgen früh um sechs in alter Frische! Lass dir deine Schollen schmecken. Und lies nicht wieder bis in die Puppen, sonst hast du morgen dicke Augen.« Onkel Emil lachte. »Hatten wir ja schon öfters. Bis morgen dann!« Er tippte sich an die Mütze und stapfte in Richtung seines Hauses auf der anderen Seite des Hafenbeckens davon.
Freerk schluckte seinen Ärger hinunter. Dass Onkel Emil diese kleinen spitzen Bemerkungen über seine Leidenschaft fürs Lesen einfach nicht lassen konnte! Natürlich war Freerk seinem Onkel dankbar, dass er ihn auf dem Kutter beschäftigte, obwohl er zu...




