E-Book, Deutsch, 307 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
Folkens Küstenträume
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7325-3938-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Nordsee-Roman
E-Book, Deutsch, 307 Seiten
Reihe: beHEARTBEAT
ISBN: 978-3-7325-3938-3
Verlag: beHEARTBEAT
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sommerliche Urlaubslektüre vom Feinsten
Judith und Tanja - zwei Frauen, die kaum unterschiedlicher seien könnten - erben gemeinsam einen Bauernhof an der Nordseeküste. Der Hof entpuppt sich als abgewirtschaftet und wurde zuletzt nur noch als Gnadenhof für Tiere genutzt. Aber wie flickt man ein Reetdach? Und wie päppelt man eine Horde verwaister Katzenbabys auf? Wer hätte gedacht, dass die Städterinnen sich einmal mit solchen Fragen beschäftigen müssen. Doch nun gehört das zu ihrem Alltag. Es braucht seine Zeit, bis die beiden Frauen erkennen, dass das Landleben - und so mancher Landwirt - durchaus seinen Reiz hat ...
eBooks von beHEARTBEAT - Herzklopfen garantiert.
Marlies Folkens wurde 1961 in Stollhamm-Ahndeich geboren, einem kleinen Dorf direkt an der Nordseeküste. Als jüngstes von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Geschichte und Politik nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Schon früh entdeckte sie das Schreiben für sich. Küstenträume ist ihr dritter Roman.
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Eins
»Blödmann!«, murmelte Judith beim Hinausgehen und ließ die Bürotür mit Schwung ins Schloss fallen. Am liebsten hätte sie ihrem Chef noch ganz andere Schimpfwörter in sein mitleidiges Lächeln geschleudert.
Das Knallen gab ihr ein kurzes Gefühl von Befriedigung, das aber schon wieder verflog, als sie den Gang zum Personalausgang entlangstürmte. An der Tür lief sie ihrer Kollegin Nadine in die Arme, die neben den Mülltonnen des Biomarktes verbotenerweise eine Zigarette geraucht hatte.
»Was ist denn mit dir los?«, fragte Nadine erschrocken.
»Gekündigt hat er mir, der Drecksack!«, rief Judith aufgebracht.
»Gekündigt? Aber warum das denn?«
»›Jetzt, wo meine Tochter hier im Geschäft ihre Ausbildung anfängt, kann ich dich leider nicht weiter beschäftigen, Judith. Dafür musst du schon Verständnis haben.‹« Judith äffte den weinerlichen Ton ihres Vorgesetzten nach und übertrieb dabei maßlos in ihrer Wut über die ungerechte Behandlung.
»Aber ich dachte …«
»Ja, hab ich auch gedacht, aber das war wohl ein Fehler. Ich konnte ja nicht ahnen, dass Heiners ach so schlaue Tochter hochkant von der Schule fliegen würde und jetzt hier eine Ausbildung macht. Wird wohl nichts mit ihrem Medizinstudium, mit dem Heiner so geprahlt hat. Jetzt darf die liebe Rebecca Einzelhandelskauffrau lernen. Na, die wird sich schön bedanken.« Judith schnaubte. »Und Heiner erst! Rebecca hat doch außer Jungs und Klamotten nur Stroh im Kopf. Weißt du noch, wie das war, als sie hier bei der Inventur geholfen hat?«
Nadine nickte. »Sie sollte die Vollkornriegel zählen und hat sich gedrückt, wo sie nur konnte. Das Ende vom Lied war, dass wir beide die Schütte mit den zweihundert Riegeln durchzählen durften. Aber ihr Geld hat sie natürlich trotzdem bekommen.«
»Darauf kannst du wetten«, sagte Judith wütend. Als sie sah, dass Nadine sich umschaute, ob auch niemand ihr Gespräch belauschte, zog sie sie mit sich hinaus auf den Hinterhof und schloss die Tür. »Ich hab ja schon geahnt, dass so was passiert, als Heiner erzählt hat, dass Rebecca jetzt doch nicht in die Oberstufe geht, weil ihr das Praktikum in Papas Firma so gut gefallen hat. Pah! Dass ich nicht lache!« Sie ballte die Fäuste. »Die schafft den Abschluss nicht, wollen wir wetten? Und weil sie ab August hier arbeitet, kriege ich die Stelle nicht. Heiner hatte sie mir fest versprochen, aber davon war jetzt nicht mehr die Rede. Jetzt sagt der Holzkopf mir, dass Ende Juli für mich Schluss ist. Vielleicht könne ich danach auf 400-Euro-Basis arbeiten. Aber das könne er natürlich nicht garantieren. Das hinge davon ab, ob der Laden läuft oder nicht. Im Moment sähe es ja nicht so gut aus.«
»Wenn Heiner nicht immer Mondpreise nehmen würde, würde der Laden auch laufen! Seit die großen Discounter auch bio führen, kannst du eben nicht mehr jeden Preis auf die Bananen tackern«, sagte Nadine und zog ihre Zigaretten aus der Tasche. »Willst du auch eine?«, fragte sie und hielt Judith die Schachtel hin. »Ich weiß ja, eigentlich rauchst du nicht mehr, aber es beruhigt die Nerven.«
Judith betrachtete stirnrunzelnd die Packung. »Ach, was soll’s!«, sagte sie mit einem Seufzen und griff zu. Nadine gab ihr Feuer, und Judith sog zum ersten Mal seit acht Jahren Rauch tief in ihre Lunge. Ein heftiger Hustenanfall war die Folge. Außerdem schmeckte es scheußlich. Trotzdem zog sie noch einmal an der Zigarette.
»Ist nun auch egal«, krächzte sie. »Jedenfalls hab ich Heiner gesagt, dass das natürlich nicht geht. Zum einen kann er nicht so einfach meine Stunden kürzen, und zum anderen hätten wir doch die Abmachung gehabt, dass ich die Vollzeitstelle kriege. Und dann fragt mich dieses Arschloch, wo ich denn die schriftliche Vereinbarung darüber hätte, und fängt an, schmierig zu grinsen.« Judith schnipste die Asche auf den Boden. »Da hab ich ihm gesagt, wohin er sich seinen blöden Aushilfsjob stecken kann und dass ich sofort gehe und bestimmt nicht wiederkomme.«
Nadines Augen weiteten sich. »Judith! Das war aber wirklich blöd von dir.«
»Ist doch wahr. Der glaubt doch, er kann mit jedem machen, was er will.«
»Stimmt schon, aber ausgerechnet jetzt kündigen? Hast du denn inzwischen eine neue Wohnung in Aussicht?«
Judith kaute auf ihrer Unterlippe herum, zog die Nase hoch und schüttelte dann den Kopf. »Du weißt doch selbst, wie das ist. Kleine Wohnungen gibt es kaum, und wenn du eine findest, kannst du sie nicht bezahlen. Dass ich ein Kind habe, macht es nicht gerade einfacher. Dann hörst du nur: ›Wir melden uns bei Ihnen.‹ Zum Kotzen ist das.«
Nadine nickte und machte ein mitfühlendes Gesicht, ehe sie verstohlen auf ihre Armbanduhr sah.
Judith warf die halb gerauchte Zigarette auf den Boden und trat sie aus. »Geh mal lieber wieder rein, Nadine«, sagte sie. »Wenn Heiner mitkriegt, dass du deine Pause überziehst, schmeißt er dich sonst auch noch raus. Ich muss jetzt sowieso los. Anna kommt gleich aus der Schule.« Sie streckte ihrer Kollegin die Hand hin. »Mach’s gut, Nadine. Und halt die Ohren steif in dem Saftladen.«
Statt nach der Hand zu greifen, zog die Kollegin sie kurz in ihre Arme. »Ist echt schade, dass du gehst, Judith. Du warst die Einzige, mit der man hier gut zusammenarbeiten konnte. Wir bleiben aber weiter in Kontakt, versprichst du mir das? Mit wem soll ich sonst über Heiner ablästern?«
Jetzt, da ihre Wut allmählich verrauchte, breitete sich ein flaues Angstgefühl in Judiths Magen aus. Vielleicht war das aber auch nur die Folge der ungewohnten Zigarette. Sie drückte Nadine an sich und spürte plötzlich einen dicken Kloß im Hals.
»Ja, sicher melde ich mich bei dir. Spätestens, wenn ich was Neues habe«, sagte sie wider besseren Wissens. Es war immer so: Egal, wie sehr man sich auch vornahm, mit ehemaligen Kollegen oder alten Schulfreunden in Kontakt zu bleiben, es klappte nie. Spätestens, wenn man zum dritten Mal miteinander telefonierte, wusste man nicht mehr, was man dem anderen erzählen sollte. Die Erinnerungen verblassten im Laufe der Zeit, und neue gemeinsame Erlebnisse gab es nicht. Judith hatte das peinliche Schweigen, das dann entstand, oft genug erlebt.
Nadine winkte ihr an der Tür noch einmal zu und verschwand im Personaleingang des Biomarktes, in dem sie zwei Jahre lang zusammengearbeitet hatten. Nachdenklich sah Judith ihr einen Moment lang nach, ehe sie sich losriss, um sich auf den Heimweg zu machen. Ihre Wut auf Heiner war inzwischen fast verraucht und einer bleiernen Müdigkeit gewichen, die es ihr schwer machte, die Füße voreinander zu setzen. Außerdem war ihr Rucksack so schwer, als würde sie Betonklötze transportieren. Kein Wunder. Sie hatte all ihre Sachen aus dem Spind wahllos hineingestopft, damit sie nicht gezwungen war, diesen Drecksladen noch einmal zu betreten.
Die U-Bahn, die hier oberirdisch verlief, fuhr direkt vor ihrer Nase davon. Auch das noch. Niedergeschlagen ließ sie sich auf eine der Bänke fallen. »Verdammt«, murmelte sie. Die ältere Dame neben ihr betrachtete sie abschätzig von oben bis unten und rückte ein Stückchen von ihr weg. Nach zehn Minuten kam die nächste Bahn, und Judith quetschte sich in den völlig überfüllten Wagen.
Eine halbe Stunde Fahrt in dieser miefigen Luft, dann noch der Fußweg bis nach Hause. Vermutlich würde Anna schon auf der Treppe zur Wohnung sitzen und zetern, weil ihre Mutter sich verspätete. Das konnte sie prima. Sie war zwar erst acht Jahre alt, wusste aber ganz genau, was sie sagen musste, um ihrer Mutter ein möglichst schlechtes Gewissen zu machen. Was Anna wohl erst sagen würde, wenn Judith ihr erklären musste, dass aus den Ferien auf Wangerooge nun nichts werden würde, weil das Geld dafür nicht da war. Judith hätte sich ohrfeigen können, dass sie überhaupt erzählt hatte, sie würden in diesem Jahr endlich verreisen, so wie die anderen Kinder aus der Schule auch. Sie mochte sich das enttäuschte Gesicht ihrer Tochter gar nicht vorstellen.
Du weißt doch, wie es endet, wenn du so hochfliegende Pläne machst, Judith, sagte eine vorwurfsvolle Stimme in ihrem Kopf, die mit der näselnden Stimme ihrer Mutter sprach. Irgendwas kommt immer dazwischen. Besonders, wenn du dich sehr darauf freust.
Sie lehnte den Kopf an die Haltestange neben sich und schloss für einen Moment die Augen. Zurzeit kam aber auch alles zusammen. Zuerst war die alte Frau Münstermann gestorben, die nette Vermieterin, die ihr die winzige Zweizimmerwohnung in ihrem Obergeschoss für einen Appel und ein Ei überlassen und ihr zudem immer wieder mal ein paar Lebensmittel oder eine Tüte Gummibärchen für Anna zugesteckt hatte. Als sie noch lebte, war es kein Problem gewesen, wenn Judith zu spät von der Arbeit gekommen war. Dann hatte Anna einfach bei Oma Münstermann in der Küche gewartet und sich dort mit Keksen vollgestopft. Aber nun war die alte Dame tot, und ihre Wohnung stand leer. Das Haus hatte ihr Neffe geerbt, und der hatte auf der Stelle Eigenbedarf für sich und seine Familie angemeldet und Judith eine Kündigung zugeschickt.
Das ist nun mal sein gutes Recht!, sagte die Stimme der Vernunft in Judiths Kopf näselnd.
Sicher ist es das, dachte Judith. Aber finde erst mal in Hannover eine bezahlbare Wohnung, die so liegt, dass Anna nicht die Schule wechseln muss. Es hat lange genug gedauert, bis sie ein paar Freundinnen gefunden hat.
Das liegt nur daran, dass du sie so maßlos verwöhnst, Kind, meldete sich die Stimme wieder.
Ach, halt die Klappe, Mama!
Judith seufzte. Wenn sie doch im wahren Leben nur ein Mal den Mut hätte, ihrer Mutter oder gar ihrem Vater so etwas an den Kopf zu werfen. Aber bei ihren Eltern zu Hause war sie sofort wieder das kleine Mädchen,...




