Folkens | Sternschnuppentage | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Lübbe

Folkens Sternschnuppentage

Sylt-Roman
1. Auflage 2019
ISBN: 978-3-7325-6085-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Sylt-Roman

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Reihe: Lübbe

ISBN: 978-3-7325-6085-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Sylt ist traumhaft. Janna verbindet mit der Insel wunderbare Erinnerungen an Meeresluft, Freiheit, ihren Jugendschwarm Achim und glückliche Sommer in der Pension ihrer Großmutter. Genau dort verkriecht sie sich, als ihre Mutter überraschend stirbt und ihr Freund sie sitzen lässt. Doch Verkriechen ist keine Lösung, finden ihre Oma und ihr Kumpel Mo. Sie ermutigen Janna, ihre Träume von früher endlich zu verwirklichen. Nur dass sie noch immer von Achim träumt, gefällt Mo gar nicht ...



Marlies Folkens wurde 1961 in Stollhamm-Ahndeich geboren, einem kleinen Dorf direkt an der Nordseeküste. Als jüngstes von vier Geschwistern wuchs sie auf einem Bauernhof auf. Nach dem Abitur zog sie zum Studium der Geschichte und Politik nach Oldenburg, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Schon früh entdeckte sie das Schreiben für sich. Sternschnuppentage ist ihr vierter Roman.
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Eins


Badumm, badumm, badumm …

Das Geräusch der Reifen auf den Metallplatten des Autozugs erinnerte an einen schnellen Herzschlag. Früher hatte es Janna immer mit Euphorie erfüllt. Es war das Zeichen gewesen, dass jetzt der Urlaub wirklich begann. Dann hatte sie zu ihrer Mutter hinübergesehen und auf ihr Zwinkern gewartet.

»Na, Janna?«, hatte Mama jedes Mal gefragt. »Bereit für die Insel?«

Und Janna hatte gelacht und genickt. Mama hatte die Tasche mit dem Proviant aus dem Fußraum des Rücksitzes geangelt, Tee aus der Thermoskanne in die Becher gegossen und die letzten Brote verteilt. Und während der Zug über den Hindenburgdamm rumpelte, hatten die beiden gefrühstückt, aus dem Fenster gesehen und versucht zu erkennen, welche Vögel durch das Watt neben dem Damm tippelten. Wer zuerst einen Austernfischer entdeckte, hatte gewonnen.

Früher…

Janna fühlte, wie sich vor Trauer ihre Brust zusammenzog. Wie lange war es her, dass sie zuletzt mit Mama auf die Insel gefahren war? Sie rechnete nach und kam auf neun Jahre.

Es war in den Osterferien gewesen, direkt vor ihren Abiturprüfungen. Mama hatte gemeint, bevor der Stress mit den Klausuren und mündlichen Prüfungen beginne, könnten sie doch eine Woche nach Sylt fahren, um Kraft zu tanken. Papa hatte nur gebrummt und den Kopf geschüttelt. Er würde auf keinen Fall eine ganze Woche wegfahren, hatte er gesagt. So lange könne er die Apotheke nicht allein lassen. Man wisse ja nie, was die Angestellten in der Zeit alles für einen Mist anstellen würden. Dann hatte er sich wieder hinter seiner Sonntagszeitung vergraben.

Mama hatte nur gelächelt und Janna zugezwinkert. Sie hatte es schon lange aufgegeben, ihm vorzuhalten, dass er mehr mit seiner Apotheke verheiratet wäre als mit ihr. Schließlich war Papa noch für zwei Tage nachgekommen – wie immer mit dem Laptop und einer Menge Listen im Gepäck, die er durchgehen wollte, während Frau und Tochter am Strand spazieren gingen. Und wie in jedem Urlaub hatte er sich beschwert, dass es in der vermaledeiten Pension seiner Schwiegereltern zu laut sei, um sich auf die Arbeit zu konzentrieren.

Es war sein letzter Besuch auf Sylt gewesen. Janna hatte gerade ihre Ausbildung begonnen, als er ganz plötzlich an einem Herzinfarkt starb. Die Arbeit habe ihn aufgefressen, hatte Mama damals gesagt und hinzugefügt, dass es ihr selbst ganz gewiss nicht so gehen werde.

Badumm, badumm, badumm machten die Räder auf den Metallplatten, als Janna den Passat ihrer Mutter vorwärtsrollen ließ. Ein Mann in orangefarbener Warnweste winkte sie ans Ende der Fahrzeugschlange heran und bedeutete ihr mit einem Handzeichen, wo sie stehen bleiben sollte. Er nickte ihr zu und ging dann weiter, um den nächsten Wagen einzuweisen.

Janna schaltete den Motor aus und zog die Handbremse an. »Was für ein Glück, dass wir einen Platz oben bekommen haben«, sagte sie leise und sah zu der alten Frau hinüber, die auf dem Beifahrersitz saß.

Ihre Großmutter drehte kurz den Kopf in ihre Richtung und zwang sich ein Lächeln ab. »Ja, das ist schön, Deern!«

Das war alles, was sie sagte, ehe sie wieder aus dem Fenster starrte. Janna seufzte. Wie schlimm musste das Ganze erst für ihre Großmutter Johanne sein?

Wenn man seinen Ehepartner verlor, wurde man zur Witwe, wenn die Eltern starben, war man Waise. Aber für Eltern, die ihre Kinder zu Grabe tragen mussten, gab es kein Wort. »Man hört nie auf, Mutter zu sein, egal, wie alt die Kinder auch sind«, hatte Mama einmal gesagt. Janna hatte ihre Stimme noch genau im Ohr. Es war so unwirklich, dass sie sie nie wieder hören sollte.

Acht Tage war es jetzt her. Martin war zu ihr ins Besprechungszimmer gekommen, wo sie gerade mit der Bilanzbuchhalterin zusammengesessen hatte, um die Zahlen des Vorjahres durchzugehen. Sie sah seinen Blick noch vor sich, als er sie aus dem Raum gewinkt und ihr zugeflüstert hatte, dass ein Anruf aus Flörsheim für sie gekommen sei und sie dringend zurückrufen solle. Er war zusammen mit ihr in sein Büro gegangen und hatte neben ihr gestanden, als der Nachbar ihrer Mutter ihr am Telefon mitgeteilt hatte, dass Mama am Morgen ganz überraschend an einem Hirnschlag verstorben sei. An alles, was er sonst noch gesagt hatte, konnte Janna sich nur vage erinnern. Während er von »Formalitäten«, »Totenschein« und »Beerdigung« gesprochen hatte, war ihr immer nur ein Gedanke durch den Kopf geschossen: Das kann unmöglich sein. Nicht Mama. Ich habe doch erst vor ein paar Tagen mit ihr telefoniert. Sie kann nicht tot sein! Das ist völlig ausgeschlossen!

Sie hatte den Hörer auf die Gabel gelegt und Martin wie betäubt angesehen. »Ich muss sofort nach Hause. Meine Mutter ist tot« war alles, was sie hervorgebracht hatte. Dann hatten ihre Knie nachgegeben, und sie hatte an seiner Schulter hemmungslos geweint.

Martin hatte sich um alles gekümmert, wie das nun einmal seine Art war. Er hatte Jannas Koffer gepackt, ein Flugticket von Dubai nach Frankfurt besorgt und ihr ein Hotelzimmer gebucht. Die ganze Nacht über hatte er sie in seinen Armen gehalten und sie am nächsten Morgen selbst mit dem Wagen zum Flughafen gebracht. Wie gern hätte sie ihn auf dieser Reise an ihrer Seite gehabt, aber das war vollkommen unmöglich. Sie hatte erst gar nicht gefragt, ob er mitkommen wolle. Er konnte die Firma nicht so einfach im Stich lassen, schon gar nicht, wenn seine Stellvertreterin für mehrere Tage ausfallen würde. Auch wenn sie jetzt schon seit drei Jahren ein Paar waren, die Pflicht ging nun mal vor.

»Nimm dir Zeit, solange du brauchst. Selbst wenn es ein paar Wochen sind, kein Problem!«, hatte Martin ihr ins Ohr geflüstert, als er sie am Terminal in den Arm genommen hatte. »Ich regle das schon alles mit der Zentrale.«

Dann hatte er sie lange geküsst und ihr mit dem Daumen die Tränen von der Wange gewischt. »Ruf mich an, sobald du da bist. Hörst du, Kleines?« Nur widerwillig hatte er sich von ihr losgemacht und ihre kalten Hände noch einen Moment in seinen gehalten, während sein Blick den ihren suchte.

Janna hatte genickt und zu lächeln versucht. »Ich komm schon klar«, hatte sie gesagt und so viel Zuversicht in ihre Stimme gelegt, wie sie nur aufbringen konnte.

»Das ist mein tapferes Mädchen!«, hatte er lächelnd geantwortet, und seine Augen hatten so viel Wärme und Liebe ausgestrahlt, dass ihr für einen Moment ganz leicht ums Herz geworden war.

Martin hatte ihr zum Abschied einen Kuss auf die Wange gegeben, dann hatte sie sich umgedreht und war eilig durch das Terminal verschwunden, ohne sich noch einmal umzuschauen. Er sollte nicht sehen, dass sie die Tränen nicht mehr zurückhalten konnte.

Mit einem Ruckeln setzte sich der Zug in Bewegung. Über den Salzwiesen hinter Niebüll türmten sich hohe Wolken auf, dazwischen blinzelte die Märzsonne hindurch. Dort, wo die Sonnenstrahlen die Erde trafen, brachten sie das junge Gras zum Leuchten. Am Deich drehten sich die Windkrafträder im frischen Wind, der von der See her blies und das glitzernde Wasser kräuselte, das in großen Pfützen auf dem trockengefallenen Watt stand.

Durch den Schlick neben dem Damm tippelten Seevögel auf der Suche nach Essbarem. Janna erkannte Möwen, Strandläufer und Säbelschnäbler und schließlich auch ein paar Austernfischer mit leuchtend roten Schnäbeln. »Gewonnen«, murmelte sie traurig.

»Gewonnen?« Die Stimme ihrer Großmutter war kaum mehr als ein Flüstern. Sie hatte den Blick vom Fenster abgewandt und sah Janna an.

Die letzten Tage hatten Spuren im Gesicht der alten Frau hinterlassen, und jetzt sah sie tatsächlich nach den vierundsiebzig Jahren aus, die in ihrem Pass standen. Tiefe Schatten lagen unter ihren strahlend blauen Augen, die vom Weinen rot gerändert waren. Doch ihr Blick war so scharf und aufmerksam wie eh und je.

»Das war ein Spiel, das Mama und ich immer auf dem Autozug gespielt haben«, erklärte Janna. »Wer zuerst einen Austernfischer sieht, hat gewonnen.«

Ein wehmütiges Lächeln umspielte Johannes Mund. »Das kenne ich gut. Dieses Spiel hat dein Opa auch immer mit deiner Mutter gespielt, wenn wir vom Festland zurückgefahren sind, damals, als sie noch ein Kind war. Die beiden klebten mit der Nase an den Scheiben und hielten Ausschau nach Austernfischern. Und meistens hat dein Opa Anneke gewinnen lassen.«

Janna lachte. »Ja, Mama hat mich auch immer gewinnen lassen.«

Johanne ließ die Seitenscheibe ein kleines Stückchen herunter und atmete tief die salzige Luft ein. »Ahhh, tut das gut! Das riecht schon ganz anders als in …«

Sie vollendete den Satz nicht, schloss die Augen und hielt das Gesicht einen Moment in die Sonne. Als sie sich wieder Janna zuwandte, lächelte sie. »Ich habe mir in den letzten eineinhalb Jahren so oft gewünscht, wieder nach Hause zu fahren. In jeder Einzelheit habe ich mir ausgemalt, wie es wohl sein würde, die Insel und das Haus wiederzusehen.« Das Lächeln verschwand. »Aber ich habe immer gedacht, dass ich zusammen mit Anneke fahren würde, so wie früher.«

Janna griff nach der Hand ihrer Großmutter und drückte sie. Sie sah Johannes Augen schimmern und spürte selbst einen dicken Kloß im Hals.

Johanne schüttelte langsam den Kopf. »Das will mir alles immer noch nicht in den Kopf. Es ist einfach nicht richtig! Eltern sollten ihre Kinder nicht beerdigen müssen.« Sie seufzte und blickte eine Weile schweigend aus dem Fenster. »Vielleicht hätten wir sie doch auf Sylt beerdigen sollen. Im Herzen ist deine Mama immer Sylterin geblieben, und ich weiß, wie sehr sie die Insel vermisst hat. Sicher wäre es besser gewesen, sie in Morsum zu begraben, neben deinem Opa.« Sie holte ein Taschentuch aus der...



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