E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
Fontane Grete Minde
1. Auflage 2010
ISBN: 978-3-10-401231-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Erzählung
E-Book, Deutsch, 120 Seiten
Reihe: Fischer Klassik Plus
ISBN: 978-3-10-401231-5
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Theodor Fontane, am 30. Dezember 1819 in Neuruppin/Brandenburg geboren, war beinahe 60 Jahre alt, als sein Romanschaffen mit dem historischen Roman »Vor dem Sturm« 1878 einsetzte. Der Weg dorthin war lang und führte Fontane vom Apothekerberuf über journalistische Tätigkeiten schließlich zu seinen großen realistischen Zeit- und Gesellschaftsromanen. Fontane starb am 20. September 1898 in Berlin.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
2 Trud und Emrentz
In den Gärten war alles still, und doch waren sie belauscht worden. Eine schöne, junge Frau, Frau Trud Minde, modisch gekleidet, aber mit strengen Zügen, war, während die beiden noch plauderten, über den Hof gekommen und hatte sich hinter einem Weinspalier versteckt, das den geräumigen, mit Gebäuden umstandenen Mindeschen Hof von dem etwas niedriger gelegenen Garten trennte. Sechs Stufen führten hinunter. Nichts war ihr hier entgangen, und die widerstreitendsten Gefühle, nur keine freundlichen, hatten sich in ihrer Brust gekreuzt. Grete war noch ein Kind, so sagte sie sich, und alles, was sie von ihrem Versteck aus gesehen hatte, war nichts als ein kindisches Spiel. Es war nichts und es bedeutete nichts. Und doch, es war Liebe, Liebe, nach der sie sich selber sehnte, und an der ihr Leben arm war bis diesen Tag. Sie war nun eines reichen Mannes ehelich Weib; aber nie, so weit sie zurückdenken mochte, hatte sie lachend und plaudernd auf einer Gartenbank gesessen, nie war ein frisches, junges Blut um ihretwillen in einen Baumwipfel gestiegen und hatte sie dann kindlich unschuldig umarmt und geküsst. Das Blut stieg ihr zu Kopf, und Neid und Missgunst zehrten an ihrem Herzen.
Sie wartete, bis Grete wieder diesseits war, und ging dann raschen Schrittes über den Hof auf Flur und Straße zu, um nebenan ihre Muhme Zernitz, des alten Ratsherrn Zernitz zweite Frau und Valtins Stiefmutter, aufzusuchen. In der Tür des Nachbarhauses traf sie Valtin, der beiseitetrat, um ihr Platz zu machen. Denn sie war in Staat, in hoher Stehkrause und goldener Kette.
»Guten Tag, Valtin. Ist Emrentz zu Haus? Ich meine deine Mutter.«
»Ich denke, ja. Oben.«
»Dann geh hinauf und sag ihr, dass ich da bin.«
»Geh nur selbst. Sie hat es nicht gern, wenn ich in ihre Stube komme.«
Es klang etwas spöttisch. Aber Trud, erregt wie sie war, hatte dessen nicht acht und ging, an Valtin vorüber, in den ersten Stock hinauf, dessen große Hinterstube der gewöhnliche Aufenthalt der Frau Zernitz war. Das nach vorn zu gelegene Zimmer von gleicher Größe, das keine Sonne, dafür aber viele hohe Lehnstühle und grün-verhangene Familienbilder hatte, war ihr zu trist und öde. Zudem war es das Wohn- und Lieblingszimmer der ersten Frau Zernitz gewesen, einer steifen und langweiligen Frau, von der sie lachend als von ihrer »Vorgängerin im Amt« zu sprechen pflegte.
Trud, ohne zu klopfen, trat ein und war überrascht von dem freundlichen Bilde, das sich ihr darbot. Alle drei Flügel des breiten Mittelfensters standen auf, die Sonne schien, und an dem offenen Fenster vorbei schossen die Schwalben. Über die Kissen des Himmelbetts, dessen hellblaue Vorhänge zurückgeschlagen waren, waren Spitzentücher gebreitet, und vom Hofe herauf hörte man das Gackern der Hühner und das helle Krähen des Hahns.
»Ei, Trud«, erhob sich Emrentz und schritt von ihrem Fensterplatz auf die Muhme zu, um diese zu begrüßen. »Zu so früher Stunde. Und schon in Staat! Lass doch sehen. Ei, das ist ja das Kleid, das du den Tag nach deiner Hochzeit trugst. Wie lange ist es? Ach, als ich dir damals gegenübersaß, und Zernitz neben mir, und die grauen Augen der guten alten Frau Zernitz immer größer und immer böser wurden, weil er mir seine Geschichten erzählte, die kein Ende hatten, und immer so herzlich lachte, dass ich zuletzt auch lachen musste, aber über da dacht’ ich nicht, dass ich zwei Jahre später an diesem Fenster sitzen und eine Frau Zernitz sein würde.«
»Aber eine andere.«
»Gott sei Dank, eine andere … Komm, setz dich … Und ich glaube, Zernitz denkt es auch. Denn Männer in zweiter Ehe, musst du wissen, das sind die besten. Das erst’ ist, dass sie die erste Frau vergessen, und das zweit’ ist, dass sie alles tun, was wir wollen. Und das ist die Hauptsache. Ach, Trud, es ist zum Lachen; sie schämen sich ordentlich und entschuldigen sich vor uns, schon eine erste gehabt zu haben. Andre mögen anders sein; aber für meinen alten Zernitz bürg’ ich, und wäre nicht der Valtin …«
»Um eben komm’ ich«, unterbrach Trud, die der Muhme nur mit halbem Ohre gefolgt war, »um eben deinen Valtin. Höre, das hat sich ja mit der Gret’, als ob es Braut und Bräutigam wäre. Er muss aus dem Haus. Und ich denke, du wirst ihn missen können.«
»Lass doch. Es sind ja Kinder.«
»Nein; es sind nicht Kinder mehr. Valtin ist sechzehn oder wird’s, und Gret’ ist über ihre Jahre und hat’s von der Mutter.«
»Nicht doch. Ich war ebenso.«
»Das ist dein’ Sach’, Emrentz.«
»Und dich verdrießt es«, lachte diese.
»Ja, mich verdrießt es; denn es gibt einen Anstoß im Haus und in der Stadt. Und ich mag’s und will’s nicht. Du hast einen leichten Sinn, Emrentz, und siehst es nicht, weil du zu viel in den Spiegel siehst. Lache nur; ich weiß es wohl, er will es; alle Alten wollen’s, und du sollst dich putzen und seine Puppe sein. Aber ich, ich seh’ um mich, und was ich eben gesehen hab’ … Emrentz, mir schlägt noch das Herz. Ich komme von Gigas und suche Greten und will ihr sagen, dass sie sich vorbereitet und ernst wird in ihrem Gemüt, da find’ ich sie … nun rate wo? Im Garten zwischen den Himbeerbüschen. Und wen mit ihr? Deinen Valtin …«
»Und er gibt ihr einen Kuss. Ach, Trud, ich hab’s ja mit angesehn, alles, hier von meinem Fenster, und musst’ an alte Zeiten denken, und an den Sommer, wo ich auch dreizehn war und mit Hans Hensen Versteckens spielte und eine geschlagene Glockenstunde hinter dem Rauchfang saß, Hand in Hand und immer nur in Sorge, dass wir zu früh gefunden, zu früh in unserem Glücke gestört werden könnten. Lass doch, Trud, und gönn’s ihnen. ’s ist nichts mit alter Leute Zärtlichkeiten, und ich wollt’, ich stünde wieder, wie heute die Grete stand. Es war so hübsch und ich hatt’ eine Freude dran. Nun bin ich dreißig und er ist doppelt so alt. Hätt ich noch vier Jahre gewartet, höre Trud, ich glaube fast, ich hätte besser zu dem Jungen als zu dem Alten gepasst. Sieh nicht so bös drein, und bedenk, es trifft’s nicht jeder so gut wie du. Gleich zu gleich und jung zu jung.«
»Jung zu jung!« sagte diese bitter. »Es geht ins dritte Jahr, und unser Haus ist öd und einsam.«
»Alt oder jung, wir müssen uns eben schicken, Trud«, und dabei nahm Emrentz ihrer Muhme Arm und schritt mit ihr in dem geräumigen Zimmer auf und ab. »Mein Alter ist zu jung, und dein Junger ist zu alt; und so haben wir’s gleich, trotzdem uns der Schuh an ganz verschiedenen Stellen drückt. Nimm’s leicht, und wenn du das Wort nicht leiden kannst, so sei wenigstens billig und gerecht. Wie liegt’s denn? Höre Trud, ich denke, wir haben nicht viel eingesetzt und dürfen nicht viel fordern. Hineingeheiratet haben wir uns. Und war’s denn besser, als wir mit fünfundzwanzig, oder war’s noch ein Jahr mehr, auf dem Gardelegener Marktplatz saßen und gähnten und strickten, und von unsrem Fenster aus den Bauerfrauen die Eier in der Kiepe zählten? Jetzt kaufen wir sie wenigstens und leben einen guten Tag. Und das Sprichwort sagt, man kann nicht alles haben. Was fehlt, fehlt. Aber dir zehrt’s am Herzen, dass dir nichts Kleines in der Wiege schreit, und du versuchst es nun mit Gigas und mit Predigt und Litanei. Aber das hilft zu nichts und hat noch keinem geholfen. Halte dich ans Leben; tu’s und getröste mich mit der Zukunft. Und wenn der alte Zernitz eine zweite Frau nahm, warum sollt ich nicht einen zweiten Mann nehmen? Da hast du meine Weisheit, und warum es mir gedeiht. Lache mehr und bete weniger.«
Es schien, dass Trud antworten wollte, aber in diesem Augenblick hörte man deutlich von der Straße her das Schmettern einer Trompete und dazwischen Paukenschläge. Es kam immer näher, und Emrentz sagte: »Komm, es müssen die Puppenspieler sein. Ich sah sie schon gestern auf dem Anger, als ich mit meinem Alten aus dem Lorenzwäldchen kam.« Und danach gingen beide junge Frauen in das Frau Zernitzsche Vorderzimmer mit den hohen Lehnstühlen und den verhangenen Familienbildern und stellten sich an eins der Fenster, das sie rasch öffneten.
Und richtig, es waren die Puppenspieler, zwei Männer und eine Frau, die, bunt und phantastisch aufgeputzt, ihren Umritt hielten. Hunderte von Neugierigen drängten ihnen nach. Es war ersichtlich, dass sie nicht hier, sondern erst weiter abwärts, an einem unmittelbar am Markte gelegenen Eckhause zu halten gedachten, als aber der zur Rechten Reitende, der lange, gelb und schwarz gestreifte Trikots und ein schwarzes, eng anliegendes Samt- und Atlascollet trug, der beiden jungen Frauen gewahr wurde, hielt er sein Pferd plötzlich an und gab ein Zeichen, dass der die Pauke rührende hagere Hanswurst, dessen weißes Hemd und spitze Filzmütze bereits der Jubel aller Kinder waren, einen Augenblick schweigen solle. Zugleich nahm er sein Barett ab und grüßte mit ritterlichem Anstand zu dem Fenster des Zernitzschen Hauses hinauf. Und nun erst begann er: »Heute Abend, sieben Uhr, mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung, auf dem Rathause hiesiger kurfürstlicher Stadt Tangermünde: «
Dies Wort wurde, während der Schwarz- und Gelbgestreifte die Trompete hob, von einem ungeheuern Paukenschlage begleitet.
»Das Jüngste Gericht! Großes Spiel in drei Abteilungen, so von uns gespielet worden vor Ihren christlichen Majestäten, dem römischen Kaiser und König, und dem Könige von Ungarn und Polen. Desgleichen vor allen Kurfürsten und Fürsten deutscher Nation. Worüber wir Zeugnisse haben allerdurchlauchtigster Satisfaktion. Das Jüngste Gericht! Großes...




