E-Book, Deutsch, 154 Seiten
Ford Abendländer
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25525-8
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 154 Seiten
ISBN: 978-3-446-25525-8
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für seinen Roman Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschienen zuletzt das Porträt seiner Eltern Zwischen ihnen (2017), der Erzählungsband Irische Passagiere (2020) und sein Roman Valentinstag (2023).
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Charley Matthews und Helen Carmichael waren in der Woche vor Weihnachten nach Paris gekommen. Damals, noch in Ohio, als sie aufgeregt Pläne für ihre Reise geschmiedet hatten, wollten sie nur zwei Tage bleiben – gerade lang genug, damit sich Charley (der seinen ersten Roman veröffentlicht hatte) mit seinem französischen Verleger zum Lunch verabreden konnte, sie beide noch ein Museum besuchen, ein paarmal unvergleichlich gut essen gehen konnten und vielleicht noch ins Ballett, bevor es dann nach England weiterging, wo Matthews Oxford besuchen wollte, jene Universität, zu der er vor fünfzehn Jahren beinahe zugelassen worden wäre. (Im letzten Augenblick hatte man ihn jedoch abgelehnt, und er hatte statt dessen an der Purdue seinen Doktor gemacht, einer Universität, für die er sich immer geschämt hatte.)
In Paris lief es allerdings etwas anders, als sie es sich vorgestellt hatten.
Erstens war das Wetter, das in der Zeitung in Ohio als kühl, aber trocken, nachmittags dann mild und sonnig angekündigt worden war – also ideal für lange Spaziergänge durch den Bois de Boulogne oder Bootsfahrten auf der Seine –, beinahe über Nacht umgeschlagen: es war nun kalt und elendig klamm, dazu dichter, öliger Nebel mit Regen und deshalb geradezu unangenehm, sich draußen aufzuhalten. Während der Taxifahrt vom Flughafen entdeckte Matthews im Fodor’s, daß Paris viel weiter nördlich lag, als er geglaubt hatte – in seiner Vorstellung hatte es näher an der Mitte Frankreichs gelegen. Tatsächlich befand es sich, wie er jetzt sah, auf demselben Breitengrad wie Gander in Neufundland, weshalb die Auskunft des Buches einleuchtend schien: daß es nämlich in Paris mehr regnete als in Seattle und daß der Winter in der Regel im November begann. »Kein Wunder, daß es kalt ist«, sagte er, während er die unbekannten, regenfinsteren Straßen vorbeiziehen sah. »Mit dem Auto ist man von hier aus in einem halben Tag in Kopenhagen.«
Unerwartet kam auch, daß François Blumberg, Matthews’ französischer Lektor, sie am ersten Nachmittag angerufen hatte, um zu fragen, wie es ihnen gehe, aber auch um zu sagen, daß sich seine Pläne geändert hätten. Noch am selben Nachmittag, so sagte er, fliege er mit seiner Frau und seinen vier Kindern irgendwohin an den Indischen Ozean und könne deswegen Matthews weder zum Lunch noch zu einem Besuch des Verlags – Editions des Châtaigniers – einladen, der über die Weihnachtsfeiertage geschlossen sei. Blumberg schien die Plötzlichkeit und Frechheit seiner Absage zu gefallen, obwohl er selbst die Reise überhaupt vorgeschlagen (»Wir werden dann richtig Freundschaft schließen«) und auch versprochen hatte, Matthews Paris zu zeigen, vor allem »besondere Dinge, die ein Tourist nie ausfindig machen würde« – geheime orientalische Gärten auf dem Montparnasse, private Anwesen von Blumbergs reichen adligen Freunden, Séparées in Fünf-Sterne-Restaurants, spezielle, für die Öffentlichkeit unzugängliche Ausstellungsräume des Louvre, vollgehängt mit Rembrandts und da Vincis.
»Wenn Sie nächstes Mal nach Paris kommen, werden wir natürlich viel, viel Zeit miteinander verbringen«, sagte Blumberg noch am Telephon. »Jetzt kennt Sie hier keiner. Aber das wird sich ändern. Wenn Ihr Buch erst mal erschienen ist, wird sich alles ändern. Sie werden schon sehen. Sie werden noch berühmt.« Blumberg ließ ein kleines keuchendes Geräusch vernehmen, ein kurzes, flaches Einatmen, das anzudeuten schien, daß er über das, was er gerade gesagt hatte, überrascht war. Alle Franzosen machen wohl dieses Geräusch, nahm Matthews an. Die eine Französin, die gemeinsam mit ihm am Wilmot College unterrichtet hatte, machte es jedenfalls die ganze Zeit. Er hatte nicht die geringste Ahnung, was es bedeuten sollte.
»Wenn Sie meinen«, sagte Matthews. Er lag im Bett, trug nur seine Pyjamajacke. Blumberg hatte ihn aus seinem Ankunftsnickerchen geweckt. Helen war entschlossen in das unwirtliche Wetter hinausgegangen, um irgendwo etwas Eßbares aufzutreiben, eine Dienstleistung, die ihr Hotel, das Nouvelle Métropole, offensichtlich anzubieten nicht imstande war. Draußen auf der kalten, regnerischen Rue Froidevaux heulten ein paar Motorräder mit knatterndem Auspuff auf, und Männerstimmen schrien wütend irgend etwas auf französisch, als ob es gleich eine Schlägerei geben würde. Von irgendwoher näherte sich eine schrille Polizeisirene. Matthews fragte sich, ob sie auf dem Weg zum Hotel waren.
»Sie würden mir allerdings persönlich einen großen Gefallen tun«, fuhr Blumberg fort, »wenn Sie noch ein wenig bleiben und sich mit ihrer Übersetzerin treffen könnten. Madame de Grenelle. Sie ist sehr, sehr berühmt und außerdem sehr schwer zu überzeugen, wenn es um amerikanische Romane geht. Aber Ihr Buch fand sie faszinierend, und sie würde Sie gerne sehen. Leider ist auch sie weg und wird erst in vier Tagen wieder in Paris sein.«
»Wir hatten eigentlich nicht vor, so lange zu bleiben«, sagte Matthews gereizt.
»Ja, natürlich, ganz wie Sie wollen«, sagte Blumberg. »Es würde der ganzen Sache aber sehr weiterhelfen. Beim Übersetzen geht es nicht lediglich darum, Ihr Buch ins Französische zu bringen; es geht darum, Ihr Buch in der französischen Imagination neu zu erfinden. Wir brauchen also eine absolut präzise Übersetzung, damit die Leser das Buch unverfälscht kennenlernen. Wir wollen nicht, daß Sie oder Ihr Buch mißverstanden werden. Wir wollen, daß Sie berühmt werden. Die Menschen verbringen ohnehin zuviel Zeit damit, einander mißzuverstehen.«
»Offensichtlich«, sagte Matthews.
Blumberg gab Matthews dann Madame de Grenelles Telephonnummer und Adresse und sagte noch einmal, daß sie auf seinen Anruf hoffe. Während ihrer Korrespondenz hatte Matthews sich François Blumberg immer als alten Mann vorgestellt, als gütigen Bewahrer einer uralten Flamme, als Hüter einer reichen, sagenumwobenen Kultur, an der nur wenige teilhaben durften: als einen, den er instinktiv mögen würde. Aber nun stellte er sich Blumberg jünger vor – vielleicht sogar in seinem eigenen Alter, siebenunddreißig –, klein, glatzköpfig, mit schlechter Haut, vielleicht ein zweitrangiger Akademiker, der sich mit der Arbeit im Verlag ein Auskommen sicherte, jemand in einem glänzenden schwarzen Anzug und billigen Schuhen. Matthews sah Blumberg eine schmale regenumwehte Metalltreppe hinaufstolpern, um in ein verrauchtes, überbuchtes Charterflugzeug zu gelangen, eine dünne Frau und vier Kinder im Schlepptau, die mit Koffern und Plastiktüten beladen waren und lauthals herumschrien.
»Also dann«, sagte Blumberg, als sei er unter Zeitdruck. »Jetzt ist natürlich die ideale Zeit, Paris zu besuchen. Wir verschwinden in die Wärme. Und Sie haben die ganze Stadt für sich, Sie und Ihre Freunde, die Deutschen. Wir nehmen’s uns dann wieder, wenn Sie damit durch sind.« Blumberg lachte. »Ich hoffe, wir sehen uns das nächste Mal«, sagte er noch.
»Ja«, sagte Matthews. »Ich auch.« Er hatte eigentlich vor, Blumberg noch etwas zu sagen, um deutlich zu machen, wie diese Änderung alles durcheinanderbrachte. Aber Blumberg trompetete irgend etwas Unverständliches auf französisch ins Telephon, lachte noch einmal, machte wieder das kurze keuchende Geräusch und legte auf.
Natürlich war das eine Beleidigung, das war Matthews klar. Ohne Zweifel eine besonders kränkende französische Beleidigung (wobei er nicht wußte, was eine französische Beleidigung war). Aber eigentlich müßten sie jetzt auf der Stelle die Koffer packen, ein Taxi rufen, das Hotel räumen und mit der nächstbesten Möglichkeit die Stadt verlassen. Wohin, wußte er nicht. Bloß fiele über den Rest der Reise dann ein Schatten, ein Schatten der Enttäuschung, noch bevor sie überhaupt die Chance gehabt hätte, schön zu werden.
Matthews kroch aus dem Bett und ging barfuß in seinem Pyjamaoberteil zum Fenster. Draußen, vor den kalten Fensterscheiben, war die Luft schmutzig und trüb. Das Ganze hatte überhaupt nichts Weihnachtliches. Eigentlich auch nichts Pariserisches. Auf der anderen Seite der Rue Froidevaux erstreckte sich im Nebel ein großer Friedhof zwischen hohen Bäumen, weiter, als er sehen konnte, und rechts stand im Dunst eine riesige steinerne Löwenstatue in der Mitte eines stark befahrenen Kreisverkehrs. Jenseits davon sah er Häuserreihen und Autos, die eine breite Straße entlangfuhren und deren Scheinwerfer in der nachmittäglichen Dämmerung gelb leuchteten. Das also war Paris.
Ein Polizeiauto mit blinkendem Blaulicht hatte unten auf der Straße gehalten, und zwei uniformierte Beamte mit leuchtendweißen Helmen gestikulierten zu drei Motorradfahrern hin. In der Vergangenheit hatte er sich beim Gedanken an Paris immer Jazz vorgestellt oder Dom-Pérignon-Korken, die in die strahlende kalte Nachtluft flogen, breite leuchtende Straßen, Gelächter. Vergnügen. Jetzt wußte er nicht einmal, in welche Richtung er gerade blickte. Nach Osten? In welcher Richtung lag der Eiffelturm? Dies war das vierzehnte Arrondissement. Rive Gauche. Viele berühmte amerikanische Schriftsteller hatten hier in der Nähe gelebt, obwohl er sich im Moment weder an einen Namen noch an eine bestimmte Gegend erinnern konnte, bloß daran, daß die Franzosen sie ganz anders aufgenommen hatten, als sie es in ihrer Heimat gewohnt waren. Paris hatte ihn nie besonders interessiert. Er hatte es immer als Schwierigkeit empfunden, das, was man hier erlebt hatte, in etwas zu verwandeln, was dann dort, zu Hause, von Bedeutung sein könnte. Er dachte an all die Langweiler, die zurückkehrten und endlos ihre Pariser Erfahrungen herunterleierten und versuchten, ihnen eine Bedeutung zu geben. So etwas ergab sich nicht von...




