Ford | Verdammtes Glück | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

Ford Verdammtes Glück


1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-446-25543-2
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 302 Seiten

ISBN: 978-3-446-25543-2
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Nachdem Quinn aus dem Vietnam-Krieg wiederkehrt, will er bloß eines: Alles Grauen vergessen, das er gesehen hat. Und endlich das große Glück finden. Doch wo soll er danach suchen? Und ist dafür Oaxaca, Mexiko, wirklich der richtige Ort? Hier hat es vor allem vom Leben gebeutelte Pechvögel hinverschlagen: Soldaten, Dealer, Verlierer... Quinn setzt alle Hoffnung in seine Exfreundin Rae - aber um sie zurückzuerobern, muss er zuerst ihren Bruder Sonny aus dem Gefängnis holen, der wegen Drogenschmuggels angeklagt ist. Schonungslos und zugleich mit größter Einfühlsamkeit erzählt Richard Ford von Momenten des Glücks in einer erbarmungslosen Welt voller Drogen, Waffen und Boxkämpfe.

Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für seinen Roman Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschienen zuletzt das Porträt seiner Eltern Zwischen ihnen (2017), der Erzählungsband Irische Passagiere (2020) und sein Roman Valentinstag (2023).
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Kapitel 1


Quinn wußte, er brauchte das Glück auf seiner Seite. Rae kam am Nachmittag aus Mexico City, und wenn sie das Geld richtig einsetzten, war Sonny in drei Tagen aus dem prisión und konnte verschwinden.

Das Glück, dachte Quinn, war immer in die Tüchtigkeit vernarrt. Ein persisches Sprichwort besagte genau das. Und seit er in Oaxaca war, hatte er sich bis hin zu Kleinigkeiten als tüchtig erwiesen. Wenn schon nichts anderes, so war er jedenfalls tüchtig gewesen. Nur in einem Punkt war er unsicher und machte sich Sorgen: Er fragte sich, ob er noch der Typ war, der im entscheidenden Moment das Glück auf seiner Seite hatte.

Am Nachmittag hatte er im Portal de Flores eine Italienerin kennengelernt. Sie war aus dem Park gekommen und hatte sich, ehe sie sich an seinen Tisch setzte, in dem Straßencafé umgeschaut, als suche sie ein bekanntes Gesicht. Mit einem Lächeln nahm sie Platz und drehte sich dann um und blickte zurück zum Portal, zu den Hippies und den Bettlern mit ihren Decken und zu den Kaffee trinkenden englischen Touristen. Sie sah ihn an, und ihr Lächeln hatte etwas Vertrauensvolles, gerade so, als müsse er verstehen, weshalb sie da war. Quinn hatte es sich angewöhnt, keine belanglosen Gespräche zu führen. Gespräche waren riskant. Man wußte nie, was man sagen würde, und sieben Monate des Alleinseins hatten ihn gelehrt, den Mund zu halten. Aber er saß ihr nicht ungern gegenüber. Blicke hatten noch niemanden schwanger gemacht. Der Portal begrenzte den zentralen Park mit einer Ladenpassage, einem langen Gewölbegang, dessen Innenseite offen war. Es war der Mittelpunkt übler und anständiger Geschäfte in Oaxaca. Hier im Portal traf er sich immer mit Bernhardt, wenn sie zum Gefängnis rausfuhren; unter der in der Luft baumelnden Schachtel Raleighs wartete er dann darauf, daß Bernhardts Mercedes auf die Avenida Hidalgo einbog. Und an Tagen, an denen sie nicht zum Gefängnis rausfuhren, kam er gerne am frühen Abend hierher, wenn es im Centro nicht von neuen Touristen wimmelte; das Licht war dann von einem zarten Grün und nicht so hart, und auf den Straßen herrschte so etwas wie ein bescheidenes, unpersönliches, einladendes Leben, und man hatte das sichere Gefühl, daß alles, was man sah, berechenbar war.

Das Mädchen war Anfang Zwanzig und hatte ein rundes skandinavisches Gesicht, das sie nicht zur Schönheit machte, ihrer Schlichtheit jedoch einen besonderen Reiz gab. Sie hatte dunkle, ausdrucksstarke Lippen. Sie holte ein Paar Sandalen aus ihrer bolsa, zog sie aber erst an, nachdem sie eine ganze Weile wortlos an den Riemen herumgemacht hatte. Quinn las im Excelsior die Baseballergebnisse. Das Mädchen blickte zum Portal hinüber und bemühte sich vergeblich, einen der Kellner auf sich aufmerksam zu machen. Sie sah wieder Quinn an, lächelte und bat ihn um eine Zigarette. Als sie dann rauchte, fragte sie ihn, wo er herkomme, und er sagte ihr nur, aus den Staaten. Sie atmete den Rauch aus und erzählte ihm, sie komme aus Milano und habe sich jetzt eine Woche lang in Oaxaca erholt. Sie sagte, sie sei zusammen mit einem Freund im Wohnmobil von Mexico City heruntergefahren, und dieser Freund habe sie verlassen und sei verschwunden, und jetzt wolle sie noch einen Tag auf ihn warten und dann mit dem Bus nach San Cristóbal fahren, wo sie Leute kenne. In eine feine Strähne ihrer dichten braunen Mähne, die sie für ihr attraktivstes Merkmal hielt, war ein grünes Band geflochten. Immer wieder fuhr sie sich mit der Rückseite ihrer Finger durch die Haare, als gerieten sie ihr in die Quere, was sie nicht taten. Sie schien hübscher, wenn sie redete, und ihm machte es nichts aus zuzuhören. Sie fragte ihn, weshalb er in Oaxaca sei, und er gab sich als Tourist aus. Sie erzählte ihm, die beste zapotekische Keramik sei in den armen Dörfern hinter Mitla zu finden, und die besten gefärbten Wollsachen würden in den Bergen bei Teotitlán verkauft, und der beste Meskal werde in den fábricas außerhalb der Stadt hergestellt, und auf dem Markt in Juárez werde nur Ramsch angeboten. Sie fragte ihn, wie viele Mandrax-Tabletten man seiner Meinung nach per Post in die Staaten schicken könne, ohne Verdacht zu erregen, und er sagte ihr, er habe keine Ahnung; es schien sie zufriedenzustellen, daß ihn die Vorstellung nicht aus dem Gleichgewicht brachte.

Quinn fing an, sie zu beobachten. Sie war keine Italienerin, aber das machte nichts. Seinetwegen hätte sie Pennsylvania-Deutsche oder sonstwas sein können, und wer Mandrax in die Staaten schickte, war nicht gleich gefährlich. Er glaubte ohnehin nicht, daß sie’s tat, sonst hätte sie nicht gefragt. Wenn du Langeweile hast und pleite bist – und so schätzte er sie ein –, versuchst du eben, das Leben ein bißchen interessanter zu machen. Sie hatte sich nicht ernsthaft darum bemüht, bedient zu werden, und wartete auf ein Angebot. Ihm gefiel die Art, wie sich ihr Gesicht beim Reden rasch auf und ab bewegte, so daß ihre Züge abwechselnd reizlos und anziehend wirkten, je nachdem, ob sie lächelte oder nicht. Der Wechsel von einem eben noch reizlosen zu einem anziehenden Gesicht überraschte ihn jedesmal, und er wartete immer wieder darauf. Vier Wochen lang hatte er mit keiner Frau geredet, und er fragte sich, welches Gesicht wohl in der Nacht zu sehen sein und welches in Erinnerung bleiben würde. Seit Rae weg war, erinnerte er sich immer nur an die schlechten. Er fragte sie, ob sie einen Meskal wolle, und sie sagte ja und lächelte.

Nach einer Stunde wurde es langsam ruhig im Portal. Die Amerikaner gingen zu Cocktails ins Victoria, und die Hippies verzogen sich in die schäbigen Hotels hinterm Markt. Es war die Tageszeit, die ihm in Mexiko am besten gefiel, während er ihr in Michigan nichts abgewinnen konnte. In Michigan war nun alles beendet, während in Mexiko etwas Neues begann. Er wollte dableiben, bis im Park die Militärkapelle loslegte, und danach zum Boxen gehen.

Das Mädchen hörte auf zu reden, als hoffe sie, etwas Interessantes werde geschehen. Sie bat um eine weitere Zigarette und lehnte sich zurück; ohne den Arm vom Tisch zu nehmen, sah sie zu, wie sich der Park von Touristen leerte. Sie hatte kein Bett für die Nacht, das war klar. Sie ließ sich treiben. Aber er wußte nicht, ob er das Risiko eingehen sollte. Seit er hier war, waren Frauen vom Programm gestrichen. Sie brachten die Dinge zu schnell durcheinander. Auf nichts mehr war Verlaß, alles konnte kippen. Ganze Weltreiche waren wegen kleinerer Risiken zugrunde gegangen. Aber manchmal mußte man das Programm den Umständen anpassen, und aus den Umständen ergab sich nun mal, daß er das Mädchen mitnehmen wollte.

Nachdem er eine Weile wortlos dagesessen hatte, fragte er sie, ob sie Lust habe, drüben im Monte Albán die comida zu essen und sich dann ein paar Boxkämpfe anzusehen. Er hatte schon die ganze Woche die Plakate an den comerciales gesehen, und er wollte einen Boxkampf erleben. Es gefiel ihm, wie die Mexis boxten. Er erinnerte sich an die Chicos in Michigan, unten zwischen den langgezogenen Baracken in den Kirschplantagen, nördlich von Traverse City. Er schlich sich oft spätabends aus dem Haus und stellte sich in den dichten Ring der Zuschauer um die schlanken Jungs, die mit nacktem Oberkörper im Kerosinlicht mit bloßen Fäusten aufeinander losgingen. Es waren verbissene und ehrliche Kämpfe, und die blutigen Schläge saßen genau. Die Jungs flüsterten, während sie im heißen Lehm kämpften, bis einer der beiden nicht mehr aufstehen konnte; dann drängten alle zur Mitte und stellten ihn förmlich wieder auf die Beine, ehe sie in geordneten Reihen in die gekalkten Häuser zurückkehrten, um sich zu betrinken, und er blieb mit hämmerndem Herzen allein im Dunkeln zurück. Es war immer ein Krieg, und er konnte sich nicht an Feiglinge erinnern. Feigheit schien so weit weg wie der Tod, und wenn alles vorbei war, fühltest du dich – obwohl allein gelassen – wie ein Glückspilz.

Das Mädchen lachte seltsam, als er die Boxkämpfe ansprach, und blickte ein wenig um sich, sah überall im Portal die leeren Tische und die Kellner, die regungslos herumstanden. Ein paar bettelnde Straßenjungen waren gerade dabei, eine fette Deutsche anzumachen. Die Frau schlug mit der Hand nach ihnen, als wären sie lästige Fliegen. Quinn spürte, in einer Stunde würde hier alles wieder zum Leben erwachen.

Die Vorstellung von einem Boxkampf schien sie zu verwirren. Sie hatte mit einem anderen Vorschlag gerechnet. Während der Zeit, die sie hier saß, war es im Centro dunkel geworden. Es war kühl, und pflaumenblaue Schatten säumten den Portal. Der Verkehr hatte sich gelichtet. Die Zapotekenfrauen auf der Plaza hatten ihre Webrahmen von den Bänken genommen und packten sie nun zu tragbaren Bündeln zusammen. Der Nachmittag war vorüber, und der Tag sah für das Mädchen jetzt wahrscheinlich anders aus, als er bei ihrem Eintreffen im Portal ausgesehen hatte. Es war schlimm, um diese Zeit irgendwo allein sein zu müssen. Quinn sah ihr diese Gefühle an. Die Militärkapelle versammelte sich unterhalb des erhöhten Pavillons. Geduldig standen die Musiker mit ihren Instrumenten da und warteten darauf, daß ihnen jemand die kleine Tür aufschloß. Sie wirkten distanziert und sachlich.

Das Mädchen war pleite, und was er mit ihr vorhatte, war ihr ziemlich einerlei. Sie wollte sich nur noch einen letzten Eindruck vom Tag verschaffen, ehe sie ihn abhakte, um die Nacht mit einem Fremden anzugehen. Man schlug sich durch, so gut es ging, und das bedeutete immer, daß man sich noch ein letztes Mal umsah. Er hatte es nicht eilig. Durch die gekalkten Bäume sah er einen Fotografen, der sein Holzpferd durch den Park schleppte. Es wäre schön, dachte er, sich fotografieren zu...


Ford, Richard
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für seinen Roman Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2019 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschienen zuletzt das Porträt seiner Eltern "Zwischen ihnen" (2017), der Erzählungsband "Irische Passagiere" (2020) und sein Roman "Valentinstag" (2023).



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