Ford Zwischen ihnen
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-446-25786-3
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 128 Seiten
ISBN: 978-3-446-25786-3
Verlag: Hanser Berlin in Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Richard Ford wurde 1944 in Jackson, Mississippi, geboren und lebt heute in Maine. 1996 erhielt er für Unabhängigkeitstag den Pulitzer Prize und den PEN/Faulkner Award, 2020 den Library of Congress Prize for American Fiction. Bei Hanser Berlin erschien von ihm zuletzt Zwischen ihnen (2017).
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Irgendwo tief in meiner Kindheit kommt mein Vater an einem Freitagabend von seiner Tour nach Hause. Er ist ein Handlungsreisender. Es ist 1951 oder 52. Er hat unförmige Pakete in weißem Metzgerpapier dabei, gekochte Shrimps oder Tamales oder eine Pinte Austern, die er aus Louisiana mitgebracht hat. Als er das speckige Papier aufschlägt, steigt von den Shrimps und Tamales heißer Dampf empor. In unserer kleinen Doppelhaushälfte in der Congress Street in Jackson strahlen alle Lichter hell. Mein Vater, Parker Ford, ist ein großer Mann – weich, wuchtiges Aussehen, breit lächelnd, als hätte er gerade einen guten Witz im Sinn. Er ist freudig erregt darüber, zu Hause zu sein, und schnuppert voller Vorfreude. Seine blauen Augen funkeln. Meine Mutter steht neben ihm, erleichtert, dass er wieder da ist, beschwingt und glücklich. Er breitet die Pakete auf der metallenen Tischplatte in der Küche aus, damit wir schon mal sehen, was wir gleich essen werden. Festlicher kann das Leben nicht sein. Mein Vater ist wieder zu Hause.
Meine Mutter und ich haben uns die ganze Woche auf seine Ankunft gefreut. »Edna, würdest du …?« »Edna, hast du …?« »Mein Sohn, mein Sohn …« Und ich mittendrin. Das normale Leben – zwischen seinen Aufbrüchen am Montag und den Freitagabenden, wenn er zurückkehrt –, das normale Leben ist die Zeit dazwischen. Eine Zeit, von der er nichts zu wissen braucht und die meine Mutter ihm erspart. Wenn etwas Schlimmes passiert ist, wenn sie und ich uns gestritten haben (immer möglich), wenn ich Probleme in der Schule hatte (auch möglich), werden diese Nachrichten übertüncht, für seinen Seelenfrieden manikürt. Ich kann mich an kein einziges Mal erinnern, dass meine Mutter gesagt hätte: »Das muss ich deinem Vater sagen.« Oder: »Wart nur, bis Vater heimkommt.« Oder »Das wird deinem Vater aber nicht gefallen …« Er legt – sie legen – die Organisation der Woche, meine Betreuung eingeschlossen, in ihre Hände. Wenn er bei der Heimkehr, gutgelaunt lächelnd mit seinen Paketen, nichts zu hören bekommt, kann er davon ausgehen, dass nichts besonders Schlimmes vorgefallen ist. Was den Tatsachen entspricht, insofern ist es mir recht.
Sein großes, geschmeidiges, fleischiges Gesicht neigte zum Lächeln. Seine erste Miene war immer die lächelnde. Die lange, irische Lippe. Die durchscheinenden blauen Augen – meine Augen. Das muss meiner Mutter aufgefallen sein, als sie ihn kennenlernte – wo immer das war. In Hot Springs oder Little Rock, irgendwann vor 1928. Aufgefallen sein und gefallen haben. Ein Mann, der gern glücklich war. Sie war nie so ganz glücklich gewesen – nur teilweise, bei den Nonnen, die sie in St. Anne’s in Fort Smith unterrichteten, ihre Mutter hatte sie da hingegeben, um sie aus dem Weg zu haben.
Das Glücklichsein hatte aber einen Preis. Seine Mutter Minnie, eine unnachgiebige Einwanderin aus County Cavan, Kleinstadtwitwe und Presbyterianerin, war unbeirrbar der Ansicht, meine Mutter sei Katholikin. Warum wäre sie sonst auf diese Nonnenschule gegangen? Katholisch hieß »offen« statt misstrauisch und eng. Parker Carrol war das jüngste ihrer drei Kinder. Ihr Baby. Der Vater meines Vaters, ihr Mann – L. D. jr. –, hatte sich damals schon das Leben genommen. Ein zum Dandy gewordener Farmer mit Goldknauf-Spazierstock in einer kleinen Stadt in Arkansas. Und sie saß nun da mit seinen Schulden und seinem Skandal. Sie wollte ihren kostbaren Jüngsten beschützen. Vor den Katholiken, keine Frage. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte ihn meine Mutter niemals ganz gekriegt. Und dabei blieb sie.
Selbst als junger Mann verströmte mein Vater keine »Stärke«. Sondern vielmehr etwas noch nicht auf die Probe Gestelltes, was sympathisch war, und eine Tendenz dazu, übersehen zu werden. Hintergangen. Außer von meiner Mutter. Ich habe im Gedächtnis, dass er sich in Gruppen eher zurückhielt, aber wenn er sprach, beugte er sich vor, als erwartete er, gleich etwas zu erfahren, das er unbedingt wissen musste. Er hatte sein stattliches Format; sein warmes, zögerndes Lächeln. Eine Frau, der das gefiel – wie meine Mutter –, mochte das als schüchtern auffassen, als eine Zerbrechlichkeit, mit der sie als Ehefrau arbeiten konnte. Wahrscheinlich würde er nichts falsch darstellen, auch nicht sich selbst: Er war kein Bescheidwisser, der sich schwer handhaben ließ. Allerdings konnte er furchtbar aufbrausend sein, nicht so sehr wütend, sondern eher eruptiv und impulsiv, aus Enttäuschung, weil ihm etwas nicht gelang oder nicht gut genug gelang oder er etwas nicht wusste – aus Momenten tiefer Unzufriedenheit heraus, ähnlich vielleicht wie bei seinem jungen Vater, der sich in einer sommerlichen Mondnacht im Jahre 1916 auf die Verandastufen setzte, nachdem er durch falsche Geldanlagen die Farm verloren hatte, und sich vor lauter Verzweiflung vergiftete. So waren die Stimmungen meines Vaters nicht. Das Liebevolle, das große, vorgebeugte Sonnige und die Unsicherheit standen dagegen, eröffneten ein mögliches Leben, das meine Mutter vor sich sehen, in das sie mit dem Klang ihres Namens einziehen konnte. Edna.
Als sie ihm begegnete, war sie siebzehn. Er war ungefähr vierundzwanzig – ein »Obst-und-Gemüse-Mann« im Lebensmittelladen von Hot Springs, wo sie mit ihren Eltern lebte. Der Laden gehörte zu Clarence Saunders, einer kleinen, heute untergegangenen Kette. Ich besitze ein Foto: mein Vater, der mit den anderen Angestellten im Laden steht – ringsherum Holzkisten, übervoll mit Zwiebeln, Kartoffeln, Möhren, Äpfeln. Alt sieht es dort aus. Er trägt seine weiße Latzschürze und sieht mit schwachem Lächeln starr in die Kamera. Seine dunklen Haare sind ordentlich gekämmt. Er ist durchschnittlich gutaussehend, wirkt kompetent und wach – ein junger Mann auf dem Weg zu etwas Besserem – zu einer Berufslaufbahn, mehr als bloße Arbeit. Es sind die zwanziger Jahre. Er ist vom Land in die Stadt gekommen, er kennt sich mit Landwirtschaft aus. War er auf diesem Bild nervös? Aufgeregt? Hatte er Angst, er könnte scheitern? Warum, fragt man sich, hatte er das winzige Atkins, woher er stammte, hinter sich gelassen? Die Welthauptstadt des sauer eingelegten Gemüses. Von alldem weiß ich nichts. Sein Bruder Elmo – wegen der irischen Herkunft »Pat« gerufen – lebte in Little Rock, ging aber früh zur Marine. Seine Schwester saß mit einer schnell ins Kraut schießenden Familie zu Haus. Wahrscheinlich hatte er zum Zeitpunkt dieses Fotos meine Mutter schon kennengelernt und sich in sie verliebt. Die Daten sind kein bisschen klarer als die Gründe.
Nicht lange danach nahm er einen besseren Job an, als Manager der Liberty Stores in Little Rock – einer weiteren Lebensmittelkette. Er trat den Freimaurern bei. Bald jedoch wurde eines seiner Geschäfte überfallen, die Täter schwangen Waffen, raubten Geld, schlugen meinem Vater auf den Kopf und flohen. Er wurde entlassen und erfuhr nie so recht, warum. Vielleicht hatte er etwas gesagt, was er besser unterlassen hätte. Ich weiß nicht, wie er eingeschätzt wurde. Als Bauerntölpel? Landei? Muttersöhnchen? Nicht mutig genug? Vielleicht als eine Figur, der der große Tschechow ein starkes, wenn auch nicht unbedingt reiches Seelenleben zugeschrieben hätte. Ein junger Mann, der innerhalb seiner Umstände ins Trudeln geriet.
Zeit, und dann wieder Arbeit – ebenfalls in Hot Springs. Jetzt war er mit meiner Mutter verheiratet. Es war Anfang der Dreißiger. Dann ergab sich etwas Neues, Besseres – Wäschestärke verkaufen, für die Firma Faultless aus Kansas City. Ich weiß nicht, wie er an diesen Job kam. Die Firma gibt es in KC immer noch. Bis heute hängen in den Büros Fotos meines Vaters an den Wänden, auf denen er mit weiteren Vertretern zu sehen ist. 1938. Diese Stelle behielt er bis zu seinem Tod.
Die Arbeit brachte ein zu bereisendes Revier mit sich – sieben südliche Staaten – und einen Firmenwagen. Einen schlichten zweitürigen Ford Tudor (»two-door«). Er musste Arkansas, Louisiana, Alabama und einen kleinen Teil von Tennessee abdecken, ein Stückchen Florida, eine Ecke Texas und das komplette Mississippi. Er musste die Lebensmittelgroßhändler besuchen, die im ländlichen Süden die kleinen Läden belieferten. Er fuhr bei allen vor und notierte ihre Stärke-Bestellungen. Es gab nur das eine Produkt. Seine Kunden saßen in den Seitengassen in trüben Lagerhäusern mit hölzernen Laderampen und kleinen, stickigen Büros, die nach scheffelweise Viehfutter rochen. Die großen Kunden waren Piggly Wiggly und Sunflower und Schwegmann’s. Seine kleinen Kunden mochte er aber lieber, bei ihnen vorzufahren und etwas in Gang zu setzen. Eine Bestellung. Viele – einige in Louisiana, jenseits des Atchafalaya-Sumpfes – sprachen Französisch, was es schwieriger machte, aber nicht unmöglich. Auf den Kopf schlug ihm keiner.
Jetzt war er die ganze Zeit unterwegs, und meine Mutter kam einfach mit. Little Rock – eine kleine Zweizimmerwohnung in der Center Street – war ihr Zuhause. Aber eigentlich lebten sie on the road. In Hotels. In Memphis im Chief Chisca und im King Cotton. In Pensacola im San Carlos. In Birmingham im Tutwiler. In Mobile im Battle House. Und in New Orleans im Monteleone – diese Stadt war neu für sie, ganz anders als das, was sie aus Arkansas kannten. Sie liebten das French Quarter – das Lachen und Tanzen und Trinken. Sie lernten Leute aus Gentilly kennen. Barney Rozier, der auf Ölbohrtürmen arbeitete, und seine Frau Marie.
Zum Reisejob gehörte auch die Aufgabe, in den kleinen Städten an »Kochschulen« Kurse zu geben. Junge Mädchen kamen aus der hintersten Provinz, um sich zu richtigen Hausfrauen anlernen zu...




