Forester | African Queen | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Forester African Queen

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-293-30243-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-293-30243-3
Verlag: Unionsverlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als der Erste Weltkrieg auch in den Dschungel Afrikas vordringt, finden sich Charlie Allnut, ein Mechaniker aus Londons Unterschicht mit zweifelhaftem Ruf, und Rose Sayer, die gestrenge, unverheiratete Missionarin, in einer unverhofften Schicksalsgemeinschaft wieder. Sie sind einander zutiefst fremd, und doch bleibt ihnen nichts anderes übrig, als mit dem maroden Dampfboot African Queen den Fluchtweg den gefährlichen Ulanga-Fluss hinunter anzutreten, wobei ihnen neben Malaria, Gewehrschüssen und Stromschnellen auch allerlei gegenseitige Spannungen zu schaffen machen. Und doch entwickelt Rose eine überraschende Zuneigung zu ihrem lästigen Weggefährten ...

C. S. Forester, geboren 1899 in Kairo, aufgewachsen in England, brach das Medizinstudium ab, um eine Laufbahn als Schriftsteller einzuschlagen. Er schrieb neben Segel- und Abenteuerromanen, die Millionenauflagen erreichten, auch Biografien, Sachbücher, Kinderbücher und Theaterstücke. John Hustons Verfilmung von The African Queen mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. C. S. Forester starb 1966 in Kalifornien.
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1 


Obwohl Rose Sayer sich selbst so elend fühlte, dass sie sich ins Bett gelegt hätte, wäre sie eine weniger willensstarke Person gewesen, war ihr klar, dass es ihrem Bruder, Hochwürden Samuel Sayer, noch viel schlechter ging. Er war zum Erbarmen schwach, und als er zum Abendgebet niederkniete, ähnelte dieser Akt mehr einem plötzlichen Zusammenbruch als einer bewusst ausgeführten Bewegung. Seine zum Gebet erhobenen Hände zitterten heftig. Für einen kurzen Moment, bevor sie andächtig die Augen schloss, sah Rose, wie mager und durchsichtig diese Hände waren und wie sich die Knochen an den Handgelenken skelettartig abzeichneten.

Die dumpfe Hitze des afrikanischen Urwalds schien sich mit dem Einbruch der Dunkelheit während ihres Gebets noch zu verstärken. Roses gefaltete Hände waren nass, als hätte sie sie in Wasser getaucht, und während sie kniend betete, spürte sie, wie ihr der Schweiß unter dem Kleid in Strömen über den Körper lief und sich in ihren Kniekehlen sammelte. Dieses Empfinden war es vor allem, das ihr half, ihr Gewissen mit der Tatsache zu versöhnen, dass sie, fast schon eine Frau in den mittleren Jahren, kein Korsett trug. Immerhin war ihr ein Leben lang eingeimpft worden, dass es sich für eine Frau von vierzehn Jahren an aufwärts nicht schickte, sich in der Öffentlichkeit ohne dieses Utensil zu zeigen. Tatsächlich war ein Korsett in Ostafrika eine Absurdität, und Rose hatte sich gelegentlich sogar schon bei dem Wunsch ertappt, überhaupt keine Unterwäsche unter ihrem weißen Drillichkleid zu tragen, ein Gedanke, den sie freilich als Versuchung des Teufels sofort energisch von sich wies.

Gepeinigt von der feuchten Hitze, wurde Rose sogar jetzt, während dieser feierlichen Gebetsstunde, von solchen Vorstellungen heimgesucht. Sie schob sie jedoch augenblicklich beiseite, um sich wieder voller Inbrunst dem Gebet zu widmen, das Samuel mit leiser Stimme und schleppenden Worten an Gott richtete. Samuel bat um himmlische Führung für ihren Erdenweg und um Vergebung ihrer Sünden. Dann folgte seine übliche Bitte um Gottes Segen für die Mission, und dabei wurde seine Stimme immer brüchiger. Die Mission, der sie ihr Leben gewidmet hatten, existierte praktisch nicht mehr, seit von Hanneken mit seinen Truppen den Ort geplündert und alle Dorfbewohner, Bekehrte wie Heiden, fortgetrieben hatte, um sie zu Soldaten oder Trägern in einem deutsch-ostafrikanischen Corps zu machen, das er gerade aufstellte. Die plündernden Truppen hatten alles mitgenommen, den gesamten Vieh- und Geflügelbestand, sämtlichen Hausrat und alle Nahrungsmittel, selbst vor der tragbaren Kapelle hatten sie nicht haltgemacht; verschont blieb lediglich der Bungalow der Mission am Rand der verlassenen Lichtung. Die Schwäche in Samuels Stimme verschwand, als er um ein Ende des Krieges bat, der über die Welt gekommen war, und um ein Ende der Zerstörung und des Blutvergießens und dass die Menschen sich besannen, dem Krieg zu entsagen und weltweiten Frieden zu schaffen. Und als er dies gesagt hatte, erhob Samuel noch einmal seine Stimme und bat, der Allmächtige möge Englands Waffen segnen und das Land sicher durch diese schwerste aller Prüfungen geleiten und seine Anstrengungen mit einem Sieg über die gottlosen Militaristen krönen, die an diesem Elend schuld waren. In Samuels Stimme schwang bei diesen Worten ein Anflug von Kampfgeist mit, und seine Ausdrucksweise erinnerte an das Alte Testament, an einen anderen Samuel, der einst den Sieg über die Amalekiter herbeigefleht hatte.

»Amen! Amen! Amen!«, schluchzte Rose, den Kopf über die gefalteten Hände gebeugt.

Sie verharrten noch einige Sekunden schweigend auf den Knien und erhoben sich dann. Rose konnte in dem schwindenden Licht gerade noch Samuels weiß gekleidete, schwankende Gestalt und sein blasses Gesicht erkennen. Sie machte keine Anstalten, die Lampe anzuzünden. Nun, da sich Deutsch-Ostafrika im Krieg gegen England befand, konnte niemand vorhersagen, wie lange es dauern würde, bis sie wieder einmal Öl oder Streichhölzer bekommen würden. Sie waren völlig von der Außenwelt abgeschnitten, die einzig mögliche Verbindung führte durch feindliches Territorium.

»Ich denke, ich ziehe mich jetzt zurück, Schwester«, sagte Samuel mit matter Stimme.

Rose war ihm nicht beim Auskleiden behilflich. Sie waren Bruder und Schwester und streng erzogen, und ihm dabei zu helfen, wäre für sie undenkbar und höchstens durch Samuels völlige Hilflosigkeit zu rechtfertigen gewesen. Doch als er im Bett lag, stahl sie sich im Dunkeln zu ihm, um dafür zu sorgen, dass seine Moskitovorhänge auch richtig zugezogen waren.

»Gute Nacht, Schwester«, sagte Samuel. Selbst in dieser mörderischen Hitze schlugen klappernd seine Zähne aufeinander.

Rose begab sich in ihr Zimmer und lag dann schweißgebadet auf ihrer Pritsche, obwohl sie nur ihr dünnes Nachthemd trug. Von draußen drangen die Geräusche der afrikanischen Nacht an ihr Ohr, das Gekreisch der Affen, der schrille Schrei eines Raubtiers und das Brüllen der Krokodile unten am Fluss. Begleitet wurde all dies von dem ständigen hohen Summton, der von der Moskitowolke hinter ihren Vorhängen kam, ihr so vertraut, dass sie es gar nicht mehr wahrnahm.

Erst gegen Mitternacht fiel sie in einen unruhigen Schlaf, und es dämmerte eben erst, als sie schon wieder erwachte. Samuel musste nach ihr gerufen haben. Barfuß eilte sie durch den Wohnraum in sein Zimmer. Doch falls er tatsächlich nach ihr gerufen haben sollte, schien er dazu jetzt kaum noch in der Lage. Fast alles, was er sagte, war völlig wirr. Einen Augenblick lang hatte sie den Eindruck, als versuche er, das Scheitern seines Lebenswerkes vor jenem Tribunal zu rechtfertigen, vor das er schon bald treten sollte.

»Die arme Mission«, sagte er, und: »Die Deutschen waren es, die Deutschen.«

Danach ging es sehr schnell mit ihm zu Ende, während Rose weinend an seinem Bett saß. Als der erste große Kummer verebbt war, richtete sie sich langsam auf. Die Morgensonne lastete heiß auf dem Wald und tauchte die einsame Lichtung in blendendes Licht, und Rose war ganz allein.

Die Angst, die ihren Kummer ablöste, hielt jedoch nicht lange an. Rose Sayer war nicht dreiunddreißig Jahre alt geworden, hatte nicht zehn Jahre im zentralafrikanischen Urwald gelebt, ohne zu dem einfachen Glauben an ihre Religion auch ein gesundes Selbstvertrauen zu erwerben. Sie stand nicht lange in dem stillen Bungalow mit dem toten Mann, da erfasste sie eine wilde Wut gegen Deutschland und die Deutschen. Ohne sie, sagte sie sich, ohne das Entsetzen über von Hannekens Requirierungen wäre Samuel nicht gestorben. Zu erleben, wie die mühevolle Arbeit von zehn Jahren innerhalb einer Stunde zu nichts wurde, das war es, was ihn getötet hatte.

Was die Deutschen auf ihr Gewissen geladen hatten, wog schlimmer als Samuels Tod, dachte Rose. Sie hatten Gottes Werk zerstört; Rose gab sich keinerlei Illusionen darüber hin, wie viel Christentum noch in den Bekehrten sein würde nach einem Urwaldfeldzug in den Reihen einer Truppe von Einheimischen, in der neunundneunzig von hundert Männern Heiden waren.

Rose kannte den Urwald. Sie konnte sich vage vorstellen, was dort, auf einer Fläche von hunderttausend Quadratmeilen, Krieg bedeutete. Auch wenn einige ihrer Bekehrten überleben sollten, würden sie doch nie zur Mission zurückkehren – und selbst wenn sie es täten, war Samuel ja tot.

Rose versuchte sich einzureden, dass der Angriff auf die heilige Sache eine größere Sünde war als der dadurch verursachte Tod, aber es gelang ihr nicht. Von Kindheit an war sie dazu angehalten worden, ihren Bruder zu lieben und zu bewundern. Als sie noch ein kleines Mädchen war, war ihm bereits die wundervolle, fast mystische Auszeichnung zuteilgeworden, ein geistliches Amt zu bekleiden, und schon damals besaß er in ihren Augen in höchstem Maße sämtliche charakterlichen Vorzüge, die zur Erfüllung einer solchen Aufgabe notwendig waren. Ihre eigenen Eltern, strenge, gottesfürchtige Christen, die bei der Erziehung ihrer Kinder oft von der Rute Gebrauch machten, beugten sich von da an seinem Urteil und lauschten respektvoll seinen Worten. Ihm allein war es zu verdanken, dass sie in der gesellschaftlichen Rangordnung ein riesiges Stück aufrückte, von der kleinen Ladenbesitzerstochter zur Schwester eines Geistlichen wurde. Zwölf Jahre lang war sie ihm Haushälterin, eifrigste und ergebenste Anhängerin und vertrauenswürdigste Gehilfin, und so war es kaum verwunderlich, dass sie ganz unchristliche Hassgefühle gegenüber der Nation hegte, die seinen Tod herbeigeführt hatte.

Selbstverständlich war es ihr auch unmöglich, sich in die Lage des Gegners zu versetzen. Unterstützt von nicht mehr als fünfhundert weißen Männern in einer von einer Million Schwarzen bevölkerten Kolonie, von denen nur ein paar Tausend überhaupt wussten, dass sie Untertanen der deutschen Flagge waren, sah sich von Hanneken vor die Aufgabe gestellt, Deutsch-Ostafrika gegen die Angriffe einer überwältigenden Zahl von feindlichen Truppen zu verteidigen – Truppen, die jeden Augenblick losschlagen konnten. Es war seine Pflicht, bis zum bitteren Ende zu kämpfen, möglichst viel feindliches Territorium so lange wie möglich besetzt zu halten und, wenn es sein musste, im letzten Schützengraben zu sterben, während die wirkliche Entscheidung unterdessen in Frankreich ausgefochten wurde. Dank der britischen Vorherrschaft auf den Weltmeeren konnte er mit keinerlei Hilfe von außen rechnen; er musste sich...


Forester, C. S.
C. S. Forester, geboren 1899 in Kairo, aufgewachsen in England, brach das Medizinstudium ab, um eine Laufbahn als Schriftsteller einzuschlagen. Er schrieb neben Segel- und Abenteuerromanen, die Millionenauflagen erreichten, auch Biografien, Sachbücher, Kinderbücher und Theaterstücke. John Hustons Verfilmung von The African Queen mit Humphrey Bogart und Katharine Hepburn gilt als Meilenstein der Filmgeschichte. C. S. Forester starb 1966 in Kalifornien.



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