E-Book, Deutsch, 377 Seiten
Forster Neuanfang im kleinen Cottage
23001. Auflage 2023
ISBN: 978-3-377-90032-6
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman | Gefühlvoller Sommerroman über Freundschaft, Verlust und eine neue Liebe im kleinen Dorf in England
E-Book, Deutsch, 377 Seiten
ISBN: 978-3-377-90032-6
Verlag: Piper Schicksalsvoll
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Kate Forster lebt in Melbourne, Australien, und arbeitet als Schriftstellerin und Drehbuchautorin. Sie liebt es, Geschichten zu teilen, die andere Menschen bewegen. Ihre Werke erscheinen weltweit.
Weitere Infos & Material
Kapitel 1
Clara Maxwells Liebesleben war im Eimer. Und zwar buchstäblich. Sämtliche Karten, Briefe, Notizzettel und Fotos von ihr und Giles lagen im Müll. Meistens war sie es gewesen, die Zettel und Karten geschrieben oder ihnen für ein Selfie das Handy vors Gesicht gehalten hatte, aber sie hatte Giles seinen mangelnden Sinn für romantische Gesten nie vorgeworfen, weil er in anderer Hinsicht äußerst verlässlich war. Er klappte zum Beispiel immer den Toilettendeckel zu und brachte den Müll raus … in dem nun die letzten Überreste ihrer Beziehung lagen.
Als Clara im Wohnzimmer über einen Karton stolperte, fragte sie sich, warum sie es für eine romantische Geste gehalten hatte, dass Giles grundlegende Aufgaben ihres Zusammenlebens übernommen hatte. Warum hatte sie geglaubt, wenn er sich um die wesentlichen Dinge des Lebens kümmerte, wäre das ein Grund zum Feiern? Sie war gern bereit, Anerkennung zu zollen, wo Anerkennung geboten war, aber sie würde doch einem Hund nicht dafür applaudieren, dass er bellte.
Claras Mum hatte einmal zu ihr gesagt, dass Frauen sich mit durchschnittlichen Männern begnügten, weil es nur sehr wenige wirklich großartige gab. Aber wenn sie einmal dem Außergewöhnlichen begegnet waren, wurde ihnen klar, dass sie sich mit weniger nicht mehr zufriedengeben konnten. Das Beste im Leben war häufig beschwerlich, weil es dazu führte, dass man sich nach mehr sehnte, und Frauen, die mehr verlangten, wurden als nörglerisch, lästig oder im schlimmsten Fall als zu anstrengend betrachtet.
Bei einer Geschäftsreise war Claras Rückflug von Berlin nach London einmal upgegradet worden. Von den Decken bis zu der Art, wie die Stewardess ihr zu einem perfekten Salat mit Hühnchen und gekühltem Chablis auch noch eine Auswahl internationaler Magazine angeboten hatte, war alles an diesem Flug derart wundervoll gewesen, dass sich Clara danach gewünscht hatte, im Flugzeug nie wieder nach rechts abbiegen zu müssen.
Vielleicht war es das, was Giles empfunden hatte, als er mit ihrer besten Freundin schlief. Dass Judy die erste Klasse, Clara hingegen ein fader Muffin und eine Dose Sprite in der hintersten Reihe direkt vor den Toiletten war.
Als sie nun die Fotos von ihrem gemeinsamen Kühlschrank riss und sie in den Müll warf, fragte sie sich, warum er geblieben war, wenn er so unglücklich mit ihr gewesen war. Warum war er geblieben und hatte so getan, als wäre er noch mit ihr zusammen, während er sich heimlich mit Judy traf? Clara verstand einfach nicht, warum manche Menschen an Orten blieben, an denen sie nicht glücklich waren. Sie hatte gesehen, was aus einem Menschen werden konnte, der in einer unglücklichen Beziehung ausharrte.
Clara stopfte ihre Sammlung Do-it-yourself-Magazine in den Müllsack und schluckte ihre Tränen hinunter. Zwei Jahre Beziehung waren zum Teufel. Zwei Jahre, investiert in etwas, das sich nicht rentierte. Ihre Beziehung war ein faules Darlehen, Giles ein gefälschtes Produkt.
Clara hob ihre letzten Romane und die Kochbücher auf und stopfte sie ebenfalls in den großen Müllsack. Sie sah sich in der Wohnung um, die sie sich in den vergangenen elf Monaten geteilt hatten. Der Großteil ihrer Habseligkeiten war eingepackt und befand sich bereits in dem Transporter, es hatte ihr ein diebisches Vergnügen bereitet, Giles nur das Nötigste zu hinterlassen.
Ein Messer.
Einen Löffel.
Eine Gabel.
Einen Teller.
Eine Tasse.
Ein Glas.
Ein Handtuch.
Eine Rolle Klopapier.
Sie wusste, dass es kleinlich war, aber manchmal war Kleinlichkeit die einzige Reaktion, die ein Mensch angesichts einer extremen Demütigung an den Tag legen konnte. Und genau so fühlte sie sich – extrem gedemütigt. Rotglühende Scham überlief sie vom Kopf bis zu den Zehen, als sie an das scheinheilige Benehmen der beiden Menschen dachte, die sie eigentlich lieben sollten.
Clara hob den Aktenordner auf, in dem sich die Unterlagen für die gemeinsame Wohnung und das gemeinsame Sparbuch befanden. Clara hatte die kleine Wohnung geliebt, die sie gemietet hatten, während sie angeblich auf ihr Traumhaus sparten. Allerdings schien nur sie etwas auf das Sparbuch eingezahlt zu haben. Giles hatte ständig irgendwelche dringenden Ausgaben tätigen müssen, wie zum Beispiel die Mitgliedschaft in einem Golfclub, ein Ticket für eine After-Work-Party oder etwas, das er in letzter Minute besorgen musste, sodass er nicht jeden Monat etwas einzahlen konnte.
Clara hatte alles in dieser Wohnung angeschafft und sich um die Einrichtung gekümmert, sodass es dank ihrer weichen Teppiche und der Zimmerpflanzen gemütlich darin war. Sie hatte versucht, ein Zuhause für sie beide zu gestalten, während Giles lediglich eine Affäre gestaltet hatte, und zwar mit Judy, ihrer besten Freundin.
Judy, die immer die Interessantere von ihnen gewesen war, während Clara die Vernünftige war. Judy, die feministische Poledancerin, die Duftkerzen herstellte und zwei Katzen namens Dalí und Gala besaß. Judy, die groß und biegsam und blond war (dank einer Flasche Nordic-Mystery-Blondierung) und Tattoos in Form von Kletterrosen auf der Brust trug. Judy, die das genaue Gegenteil von Clara war.
Clara war das, was ihre Großmutter »auf altmodische Art hübsch« zu nennen pflegte: ein dunkler Bob, große Augen und geschwungene Lippen, nur knapp eins fünfundfünfzig groß und mit schmaler Taille, ansonsten aber kurvig. Sie wurde häufig als süß bezeichnet, was sie ärgerte, weil es klang, als wäre sie eine Babypuppe. Sie bemühte sich sehr, diese Annahme zu widerlegen, indem sie sich betont geschäftsmäßig gab. Sie hatte einen Abschluss in Finanzwesen. Als eine der jüngsten unter den wenigen weiblichen Führungskräften ihrer Bank war Clara sehr geschickt im Umgang mit Geld und tat nie etwas, das ein echtes Risiko dargestellt hätte. Veranstaltungstickets kaufte sie immer weit im Voraus, sie war gegen alles Mögliche versichert – einschließlich einer sehr hohen Lebensversicherung, von der Giles im Falle ihres frühen Ablebens profitiert hätte –, und sie bewahrte sämtliche Quittungen auf, nur für den Fall, dass sie etwas zurückgeben musste. Jetzt wünschte sie, sie könnte Giles und Judy zurückgeben.
Wohl eher Pilatus und Judas, dachte sie, als sie ihre Stricken-lernen-Bücher in die Mülltüte schob, sie zuband und dann das Kochbuch zur Sendung Land und Lecker, das Giles ihr geschenkt hatte, ohne Tüte in den Mülleimer warf.
Wie konnten ihre beste Freundin und ihr Freund sie nur betrügen? Sie wischte sich die Tränen ab, die seit dem Abendessen vier Wochen zuvor offenbar nicht mehr versiegen wollten. Warum hatte sie die Zeichen nicht erkannt? Keine echte Intimität. Keine echte Verbindung. Keine echte Liebe. Andererseits hatte Giles auch vor dem Einzug in die gemeinsame Wohnung schon keine Lust auf Sex gehabt, und Clara war müde von ihrem Job bei der Bank, sodass sie sich verhielten wie zwei Mitbewohner: höflich und respektvoll, aber ohne jede Leidenschaft. Allerdings war Giles solide, ein vernünftiger Buchhalter, auf ihn würde sie sich immer verlassen können. Und dann auch noch mit ihrer besten Freundin, die nun auf seiner Stange herumtanzte. Himmel, wie Clara diese Frau hasste!
Sie hatte immer versucht, eine verantwortungsbewusste Erwachsene zu sein. Das Wirtschaftsstudium, das Sparbuch und der Buchhalterfreund, der weder trank noch fluchte, der gefestigtste Mann, dem sie je begegnet war, ganz anders als ihr Vater. Sie war sich ihrer Wahl absolut sicher gewesen.
Judy war ihre beste Freundin, weil Judy es behauptet hatte – und Clara hatte zugestimmt, weil ihr die Zeit fehlte, sich Freunde zu suchen. Judy hatte sich vor ein paar Jahren in Claras Leben gedrängt, nachdem sie wegen eines Darlehens für einen mobilen Pole-Dance-Service in die Bank gekommen war. Clara hatte einen Kredit für Judys Pole-Dancer-auf-Tour-Bus abgelehnt, aber Judy hatte weiterhin um ihre Freundschaft geworben.
Giles hatte Judy häufig eine Spinnerin genannt und gemeint, sie gebe nur an. Er hatte sie auch als Schlampe bezeichnet, weshalb Clara ihm die Meinung gesagt hatte, denn dass eine Frau Sex hatte, machte sie noch lange nicht zu einer Schlampe. Ständig hatte er sich über Judys Tanzkarriere lustig gemacht und mit Clara geschimpft, weil sie ihr das Geld als Freundin geliehen hatte und nicht als Filialleiterin der Bank. Allerdings ...




