E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
Fouchet Das Café der kleinen Geheimnisse
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-7325-4485-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 384 Seiten
Reihe: Lübbe
ISBN: 978-3-7325-4485-1
Verlag: Bastei Lübbe
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Zwanzig Jahre sind vergangen, seit Jenny ihre drei besten Freundinnen aus der Schulzeit in Paris zum letzten Mal gesehen hat. Nun hat sie die Freundinnen zu einem Treffen in ihr damaliges Lieblingscafé eingeladen. Denn Jenny will endlich ihr wohlgehütetes Geheimnis preisgeben, das folgenreich für ihrer aller Leben war. Ob sich das kleine Café Trèfle seinen Zauber als magischer Ort bewahrt hat, an dem Freundschaften fürs Leben besiegelt werden und die schönsten Träume in Erfüllung gehen?
Lorraine Fouchet, geboren 1956, arbeitete als Ärztin, ehe sie sich ihren Lebenstraum erfüllte und sich ganz dem Schreiben widmete. Sie ist Autorin zahlreicher Romane und lebt abwechselnd in der Nähe von Paris und auf der kleinen Insel Groix in der Bretagne, die als atmosphärische Schauplätze fast alle ihre Werke beleben.
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12
ainte-Agathe glich einer englischen Schule: Es war ein lang gestrecktes Gebäude inmitten eines Gartens mit Schatten spendenden Bäumen. Um das Gelände herum zog sich ein Zaun mit einem durch einen elektronischen Code gesicherten Tor.
Anläßlich des feierlichen Treffens heute Abend stand das Tor weit offen. Etwas verlegen betraten die Schülerinnen des Jahrgangs 1985 die Eingangshalle. Die Räumlichkeiten erschienen ihnen kleiner, als sie sie in Erinnerung hatten, denn sie vergaßen, dass sie seitdem erwachsen geworden waren. Eine Schülerin der jetzigen Abschlussklasse stand an der Tür und nahm sie in Empfang. Insgeheim hoffte sie, dass sie in zwanzig Jahren nicht ähnlich alt aussehen würde. Sie hakte die Namen auf der Liste ab. Alles war vertreten: Mädchennamen, Namen von Verheirateten, Geschiedenen, Wiederverheirateten. Sie musste durchstreichen, korrigieren, neu schreiben, während die Wartenden ungeduldig von einem Fuß auf den anderen traten. Sie reichte den Ankömmlingen ein Namensschild, das auch ihre ehemalige Klasse verriet – naturwissenschaftliche, literarische oder wirtschaftliche Ausrichtung –, und bat sie, es auf ihre Jacken zu kleben. So könnten sie, falls sie einander nicht erkennen sollten, ihrem Gedächtnis etwas auf die Sprünge helfen.
Auf diese Weise kenntlich gemacht gingen die Ehemaligen durch den Kreuzgang, überquerten das inzwischen mit modernen Anlagen ausgestattete Sportgelände und den Schulhof, bevor sie die Treppen zum neuen Speisesaal der Oberstufenschülerinnen hinabstiegen. Am Fuße der Treppen wartete eine fröhliche und heitere Isabelle Bedier auf sie. Sie hatte immer noch das gleiche sympathische Gesicht, die gleiche rundliche Figur und das gleiche einnehmende Wesen, als hielten die Jahre mit den Abschlussklassen sie in einer Zeitschleife fest. Sie trug eine geblümte Bluse, einen knielangen dunklen Rock und bequeme flache Mokassins. Ihre braunen Haare trug sie kurz geschnitten, ihr Gesicht war ungeschminkt, wirkte aber dennoch frisch und gepflegt. 1985 war sie noch nicht einmal dreißig Jahre alt gewesen, aber für ihre beinahe fünfzig Jahre hatte sie sich ausnehmend gut gehalten. Ihre Ehemaligen waren siebenunddreißig, achtunddreißig oder neununddreißig Jahre alt, und es war alles vertreten: sexy Aufgetakelte, vornehme Familienmütter, edle Schickeria und moderne Gutbürgerliche. Leder, Leinen, Baumwolle, Tweed, Seide, einfarbige, getupfte, gestreifte oder geblümte Kleidungsstücke, hohe Absätze, flache Absätze, spitz zulaufende Schuhmodelle und runde Mokassinformen, moderne, nostalgische und zeitlose Stilrichtungen …
Zuerst kamen nur die Beine in Isabelles Blickfeld, erst nach der Windung der Treppe tauchten die Gesichter auf. Sie hatte nur eine Sekunde, um die Identität der zu diesen oder jenen Füßen, Knöcheln oder Knien gehörenden Person zu erraten. Langer Rock oder knackiger Mini, fließende Hose oder hautenge Jeans – die Ehemaligen hatten ihren Stil und ihr Aussehen verändert, aber ihre Seele war die gleiche geblieben. Früher trugen sie alle die gleiche brave marineblaue Schuluniform, heute waren sie bunt, als hätte man einen alten Film von Jacques Tati in Farbe getaucht.
»Mademoiselle Bedier, Sie haben sich gar nicht verändert!«, schallte es ihr verblüfft entgegen.
»Du aber umso mehr, verflucht noch mal!«, entfuhr es der Lehrerin.
Eine der Ehemaligen sah aus wie ein junges Mädchen, war aber mit neun Kindern und fünf Enkelkindern gesegnet. Eine andere war bereits Witwe. Diejenige, die ihr Abitur schon ziemlich schwanger abgelegt und als allgemeiner Schandfleck gegolten hatte, hatte ein stabiles und glückliches Familienleben aufgebaut. Eine besonders hübsche Frau war zwanzig Jahre lang Karmeliterin in Übersee gewesen, bevor sie den Schleier abgelegt hatte. Wieder eine andere hatte sechs Kinder von vier verschiedenen Männern.
Eine ganze Gruppe polterte lachend die Stufen herunter. Eine Einsame schlich mit geröteten Wangen an den Wänden entlang. Ein paar Ehemänner begleiteten ihre Frauen.
»Mademoiselle Bedier, ich bin Olivia Ruben!«, rief eine große, kräftige blonde Frau mit leuchtend rot geschminkten Lippen ihr entgegen. Sie trug einen schwarzen Kaftan und reichlich Goldschmuck.
Isabelle lächelte. Die Erste der vier Elemente war da und schien in toller Verfassung zu sein.
»Ich bewundere Ihre Bücher, Olivia. Sie wollten ja schon in der Abschlussklasse schreiben, und nun haben Sie Ihren Traum verwirklicht. Genau das ist unser Ziel hier in Sainte-Agathe. Jede Schülerin soll angeleitet werden, ihr Leben in die Hand zu nehmen …«
Eine Dunkelhaarige mit einem Hermès-Halstuch drängte sich energisch dazwischen.
»Erinnerst du dich an mich, Olivia? Ich bin Bénédicte Ravel-Dumat. Ich habe gehofft, dass ich dich hier sehen werde. Mein Sohn möchte Schriftsteller werden, und ich habe eines seiner Manuskripte mitgebracht. Könntest du ihm nicht ein paar Ratschläge geben?«
Sie zog einen großen, prallen Umschlag hervor, den Olivia mit einer automatischen Geste zurückwies.
»Manuskripte lese ich niemals, Bénédicte«, sagte sie mit einer singenden Stimme, wie sie es im Verlauf zahlloser Interviews gelernt hatte. »Ich erhalte jeden Tag so viele, dass ich mein ganzes Leben damit verbringen würde, sie zu lesen! Er soll meinem Verleger eine kleine Probe schicken, nicht mehr als fünf Zeilen.«
»Aber es sind doch nur fünfhundert Seiten, außerdem ist es mitreißend … Er verehrt dich sehr. Wir haben alle deine Bücher, alle zehn!«
»Ein guter Roman lässt sich in einem Satz zusammenfassen«, erklärte Olivia. »Der kleine Prinz erzählt die Geschichte von einem in der Wüste gestrandeten Piloten, der dort einem Kind mit goldenen Haaren begegnet, das behauptet, es käme von einem Stern.«
Fassungslos presste Bénédicte das umfangreiche Manuskript an ihr Herz.
»Mein Sohn sitzt in einem Rollstuhl; was er schreibt, ist sehr ergreifend …«, beharrte sie.
Wäre er auch noch taub und blind, dann hätte er in den Medien vielleicht Aussicht auf Erfolg, dachte die realistische Olivia voller Zynismus.
»Eine kurze Leseprobe. Fünf ergreifende Zeilen. Dann wird er auch eine Antwort erhalten, das schwöre ich dir …«
Olivia war kein herzloses Geschöpf, sie war ganz einfach ein sehr unentschlossener Mensch und schreckte davor zurück, die Arbeit anderer zu beurteilen. Aber sie würde die Probe des jungen Mannes an ihren Verleger weitergeben.
»Ich halte immer, was ich verspreche«, versicherte sie noch, bevor sie sich umdrehte und zum Büfett hinüberging, wobei ihr weiter Kaftan um ihren fülligen Körper wallte.
Isabelle Bedier warf einen mitfühlenden Blick auf Bénédicte Ravel-Dumat. Olivia würde ihrem Sohn nicht helfen; sie hoffte, dass die junge Frau das verstanden hatte. Diese jedoch griff mit hochrotem Kopf nach ihrem Handy, um den noch unbekannten Schriftsteller anzurufen.
»Ich habe mit ihr gesprochen!«, hauchte sie aufgeregt. »Sie wirkte sehr interessiert, sie will sogar, dass du eine Probe für sie schreibst, wie im Fernsehen! Fünf Zeilen, als Zusammenfassung deines Buches … Ich habe ihr nichts von deiner Krankheit gesagt, natürlich nicht, wofür hältst du mich?«
Zwei lange schmale Beine kamen die Treppe herunter, ein nicht zu kurzer, nicht zu langer rosafarbener Rock sowie eine elegante, taillierte Jacke, beides im klassischen Stil. Das Lächeln von Axelle ging von ihren Augen aus und breitete sich dann über das ganze Gesicht aus. Gekonnt verhielt sich das Element »Erde« zugleich herzlich und distanziert.
»Herzlich willkommen, Axelle!«
Die junge Frau hatte einen festen Händedruck und ein offenes Lächeln.
»Ich habe die Stellungnahme Ihres Mannes letzte Woche in der Nationalversammlung sehr bewundert«, fuhr Isabelle Bedier fort, um Axelle zu zeigen, dass sie das aktuelle politische Leben verfolgte – ganz besonders natürlich unter dem Aspekt persönlicher Bekanntschaften.
»Ich ebenfalls«, mischte sich eine kleine, braun gebrannte junge Frau mit lockigem Haar ein, die nun hinter der groß gewachsenen Axelle auftauchte.
Isabelle zögerte keinen Augenblick:
»Gwénola! Ich freue mich so, Sie wiederzusehen!«
Axelle drehte sich abrupt zu ihrer ehemaligen Freundin um, und Wasser und Erde standen einander gegenüber. Sie blickte mit ihren eisblauen Augen tief in die türkisblauen der kleinen Bretonin, versuchte zu lächeln, aber es gelang ihr nicht.
»Es ist so lange her«, sagte sie nur.
»Zwanzig Jahre …«, antwortete Gwénola.
Isabelles Neugierde war geweckt, und sie wäre gern noch ein wenig bei ihnen geblieben, aber nun kam eine aufwändige Dolce-&-Gabbana-Hose die Treppe herunter, dazu ein Paar orangefarbene Manolo-Blahnik-Schuhe. Obenherum trug die junge Frau mit dem blassen Teint und der feuerroten Haarpracht eine cremefarbene Versace-Jacke. Damit waren die vier Elemente nun komplett. Isabelle ging auf sie zu, während der neu eingetroffene Gast bereits seine Hand ausstreckte, lächelte und sich vorstellte:
»Jenny Lincoln …«
»Aber natürlich, ich habe Sie sofort wiedererkannt! Kommen Sie aus Amerika?«
»Ich lebe seit ein paar Jahren in Rom«, antwortete Jenny und ließ ihren Blick durch den Raum schweifen.
»Olivia ist am Büfett, Axelle und Gwénola waren gerade noch hier … Sehen Sie, da sind sie!«
Jenny sah in die Richtung, die Isabelle ihr wies.
»Sie müssen sich so unendlich viel zu erzählen haben«, meinte Isabelle.
Jenny...




