E-Book, Deutsch, 432 Seiten
Fradkin Tote Spur
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8412-0760-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Verschollen in den Wäldern Kanadas. Kriminalroman
E-Book, Deutsch, 432 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0760-9
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tödliche Kanutour.
Hannah, Tochter von Inspektor Green, bricht mit ihrer neuen Liebe Scott Lasalle und zwei seiner Kumpel zu einer Kanu- und Trekking-Tour im Nahanni-Nationalpark auf. Doch Scott benimmt sich seltsam und scheint anderes im Sinn zu haben, als einen normalen Urlaub. Daheim wartet Green auf Nachricht von seiner Tochter. Als er nichts hört, wächst seine Unruhe und er kontaktiert die Nationalparkbehörden. Die wissen nichts von einer Tour, dafür aber von einem gestrandeten Kanu. Green ahnt Schlimmes und bricht mit seinem Kollegen Sullivan und zwei Rangern auf, Hannah zu suchen. Schon bald stoßen sie auf die erste Leiche ...
Barbara Fradkin, geboren in Montreal, studierte Psychologie und arbeitete als Kinderpsychologin, bevor sie sich entschloss, sich ganz dem Schreiben zu widmen. Die dreifache Mutter hat zahlreiche Kurzgeschichten und acht Kriminalromane veröffentlicht.
Bei Aufbau Taschenbuch erschienen bisher ihre Romane 'Tote Spur. Verschollen in den Wäldern Kanadas' (2014) und 'Die Toten in den Klippen'(2016).
Mehr Informationen zur Autorin unter www.barbarafradkin.com
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KAPITEL EINS
Nahanni, 4. Juli
Flüsternd, beinahe geräuschlos glitt der Fluss an Hannahs Zehen vorbei. In der späten Abendsonne glänzte seine Oberfläche wie polierte Bronze. Dankbar atmete sie tief durch und schaute hinüber zum anderen Ufer, wo die zerklüftete Silhouette der Schwarzfichten vor den fernen Gipfeln der Mackenzie Mountains aufragte.
So friedlich jetzt!
Hannah presste die Handflächen gegen den Felsen, auf dem sie saß, und konnte kaum glauben, dass er sich nicht gleich bewegen würde. Vor ihrem inneren Auge brodelte und rauschte der Fluss immer weiter, aus feinen Schaumnebeln tauchten unaufhörlich neue Felsblöcke auf. In ihrem Kopf hämmerte es. Jeder Muskel in ihrem Körper zitterte vor Erschöpfung.
Drei anstrengende Tage lang hatten sie mit dem Wildwasser am Oberlauf des South Nahanni River gerungen. Atemberaubende Wildnis hatte Scott ihr versprochen, als er ihr die Reise schmackhaft machte. Und aufregende Stromschnellen mit einem Schwierigkeitsgrad von II – IV auf einer Strecke von sechzig Kilometern. Ihm war klar, dass sie einen ordentlichen Adrenalinstoß zu schätzen wusste; je abgelegener und wilder, desto besser – aber das hier war mehr als wild. Es war selbstmörderisch.
Sie hatten drei lange Tage hinter sich, hatten erkundet und diskutiert, hatten versucht, den Fluss zu lesen und ihre Route durch Felsen und tückische Wasserwalzen zu planen. Scott ging ihr allmählich auf den Geist. Er wirkte unkonzentriert und kopflos, als hätte er es eilig, irgendwohin zu kommen, und nicht die Zeit, sich an der Reise zu erfreuen. Umgeben von fantastischen, mit Gletschern bedeckten Berggipfeln und Urwäldern aus Schwarzfichten, galt es doch, die Kanutour zu genießen. Jede Biegung sollte ausgewertet werden, um den sichersten Paddelkurs zu planen, jedes Kehrwasser sollte als Rastplatz dienen, um die rosa Wildblumen am Ufer zu bewundern und die Berghänge nach Schafen abzusuchen. Hier lebten Alaska-Schneeschafe, hatte Scott ihr erklärt, als ob diese seltenen, scheuen Geschöpfe sich Gottes besonderer Gunst erfreuten. Nicht dass sie an Gott glaubte, aber hier oben, unter den erhaben aufragenden Gipfeln und einem Himmel, der von einem Blau war, wie man es in der Stadt niemals sah – hier hörte selbst Hannah das leise, eindringliche Wispern von etwas Göttlichem.
Wozu also die Eile? Seit die Twin Otter ihre Gruppe samt Ausrüstung im Quellgebiet des Nahanni abgesetzt hatte, wollte Scott nur noch so schnell wie möglich den Fluss runterfahren. Anstatt den Nervenkitzel jeder erfolgreich gemeisterten Strecke auszukosten und am Ende im Kehrwasser anzuhalten, sich zu erholen und zu feiern, hatte er sie in halsbrecherischem Tempo durch die flache Strömung der berüchtigten Rock Gardens getrieben, in denen es von Felsblöcken nur so wimmelte. Drei Tage lang hatte Hannah gekantet, rückwärts gepaddelt und gegen jede Welle gekämpft, die vor ihnen anschwoll. Die unablässigen, aufwühlenden Überraschungen, die der Fluss ihnen bereitete, hatten sie erschöpft und in einen tranceartigen Zustand versetzt.
Am Mittag des dritten Tages rebellierte ihr Kanu. Rammte mitten in den Hollywood Rapids einen Felsen, kenterte und schleuderte Scott und sie in den rasenden Schaum. Sie erinnerte sich, wie sie in eiskalte Dunkelheit stürzte und sich abrackerte, um sich so zu positionieren, wie sie es gelernt hatte: Augen flussabwärts, Rückenlage, Gefahren im Blick.
Sie war die Stromschnellen hinuntergeritten, beinahe taub vom Tosen des Wassers. Ein glatter, glänzender Felsblock tauchte vor ihr auf. Zu spät hatte sie die Arme nach rechts geworfen. Ihr Kopf prallte gegen den Stein, der Helm krachte, ihr ganzer Körper wurde durchgerüttelt. Schmerz durchzuckte sie. Sie strampelte, um sich wieder in Position zu bringen, fühlte jedoch, wie sie herumgewirbelt und unter Wasser gezogen wurde, wie ihre Lungen barsten und ihr Kopf zersprang.
Bis die Strömung sie in einem Kehrwasser wieder ausspuckte und ans Ufer spülte.
Scott erwartete sie schon, das geborgene Kanu im Schlepptau. Er ließ ihr kaum Zeit, durchzuatmen, geschweige denn, ihre Schürfwunden und Prellungen unter die Lupe zu nehmen. Sobald sie das Wasser aus dem Boot geschöpft und ihre Spritzdecken befestigt hatten, hetzte er sie wieder den Fluss hinunter, den nächsten Stromschnellen entgegen. Sie konnte kaum paddeln. Ihr Kopf tat weh, und die Welt schwankte.
Endlich hatten sie das Ende der Strecke erreicht und steuerten an Land, um auf Daniel und Pete zu warten. Erschöpft und zitternd war sie auf einen flachen, sonnigen Felsen gekrochen.
Scott beobachtete beunruhigt den Himmel. Über ihnen war er von einem tiefen klaren Blau, doch hinter der Bergkette im Westen zogen sich graue Wolken zusammen. »Gleich kommt die letzte Stromschnelle«, sagte er. »Dann geht’s mit der leichten Strömung runter zum Little Nahanni, dort ist ein toller Platz, um das Lager aufzuschlagen.«
»Leichte Strömung«, brummte sie. »Warum nicht gleich hier?«
»Wir haben noch mehrere Stunden Tageslicht und sollten das gute Wetter ausnutzen.« Er hockte sich neben das Kanu und fischte das GPS aus seiner durchnässten Schwimmweste. Seine feuchten, dunklen Locken fielen ihm über die Augen, und als er zu ihr aufsah, warf er sie ungeduldig nach hinten. In seinem Blick lag keine Spur von Besorgnis, obwohl sie wusste, dass der Schnitt auf ihrer Stirn blutete. Wut durchzuckte sie. Was war nur los mit diesem Wichser?
Scott musste ihren zornigen Blick verstanden haben, denn sofort ließ er sein Superlächeln aufblitzen. »Das Ding ist kaputt. Batterie oder Schaltungen sind bei unserem unfreiwilligen Bad nass geworden. Kein Problem, ich hab alle Landkarten dabei. Morgen legen wir einen Ruhetag ein, um unsere Sachen zu trocknen und es zu reparieren. Vielleicht machen wir eine kleine Wanderung.«
In einem Augenblick brichst du Geschwindigkeitsrekorde, und im nächsten planst du Wanderungen, dachte sie, doch zum Streiten fehlte ihr die Kraft. Er hatte wieder diesen entrückten Blick, den sie inzwischen nur allzu gut kannte. Als sie weiterpaddelten, sprach er kaum noch mit ihr. Stattdessen ließ er sie steuern und suchte die Berge vor ihnen mit dem Fernglas ab. Unter dem Kanu zischte der Fluss, der sie mit seiner schnellen, gleichmäßigen Strömung davontrug.
Scott zog eine topographische Karte aus ihrer Plastikhülle und breitete sie vor sich aus. Das kann doch nicht so kompliziert sein, dachte Hannah. Der Fluss fließt nur in eine Richtung, und irgendwann werden wir wohl ankommen. In ihrem Kopf hämmerte es, ihre Hände waren voller Blasen. Wofür zum Teufel war ein Freund gut, wenn er nicht ab und zu ein bisschen Mitgefühl zeigte?
Es war schon nach zehn Uhr abends, als sie eine weitere Flusswindung durchfuhren und einen Bach erreichten, der zwischen breiten Kiesstränden in den Nahanni mündete. Sie schaute fragend zu Scott hinüber, doch sein Fernglas war auf die hohen, zerklüfteten Berge vor ihnen gerichtet, die in der goldenen Abendsonne schimmerten – kupferrot und schwarz.
Bevor er widersprechen konnte, steuerte Hannah das Kanu auf die breiteste Stelle der Schotterbank zu. Ein vorzüglicher Platz für die Zelte, und sie wollte verdammt sein, wenn sie noch einen Schritt mehr machte als unbedingt notwendig.
Überrascht ließ Scott den Feldstecher sinken, als das Kanu am Ufer auf Grund lief, erhob jedoch keine Einwände. Hinter sich hörte sie Pete und Daniel jubeln, als auch sie die Biegung durchfuhren und den Strand erblickten. Gemeinsam zogen sie die Boote weit auf den Kies hinauf und schwärmten aus, um das Ufer auf Gefahrenzeichen zu überprüfen. Frischen Grizzlykot oder Wolfsspuren.
Hannah konnte kaum laufen. Der Boden schien zu schwanken, während Schwindelanfälle wie Wellen über sie hinwegspülten. Sie nahm den Helm ab und betastete vorsichtig ihren Kopf. Ihre rechte Schläfe fühlte sich geschwollen und hart an, das Licht stach ihr in die Augen. Sie sprühte noch mehr Insektenspray über sich, setzte sich auf einen langen Baumstamm und hoffte, dass ihr Körper sich ein bisschen erholen konnte. Pete und Scott schienen sie gar nicht wahrzunehmen, doch Daniel beobachtete sie mit besorgtem Blick. Er schlenderte zu ihr hinüber.
»Ist dir übel?«
Sie nickte, zuckte bei der Bewegung zusammen und zwang sich zu einem kurzen Lachen. »Von dem ganzen Auf und Ab in den Stromschnellen ist mir schlecht geworden.«
Er schaute ihr prüfend in die Augen. Medizinstudenten im ersten Jahr sind als Freunde unerträglich. Ständig finden sie irgendwelche tödlichen Krankheiten bei dir.
»Wird schon wieder. Der Helm hat das meiste abgefangen.«
»Trotzdem solltest du dich ausruhen. Wir schlagen das Lager ohne dich auf.« Daniel lächelte. Er erinnerte sie an ein Kaninchen, mager und nervös, aber er hatte ein nettes Lächeln. Freundlich, mit einem Anflug von Wehmut. Warum war ihr das bisher nie aufgefallen? Sie wusste, warum. Weil er neben dem wilden, gefährlichen, unglaublich attraktiven Scott so betulich und langweilig wirkte wie eine kleine alte Dame. In diesem Moment war sie dankbar dafür.
»Ich ruf dich, wenn das Abendessen fertig ist«, sagte er.
Scott war im Busch verschwunden, wahrscheinlich auf der Suche nach einem Standort für das Klo. Daniel und Pete murrten, als sie ohne ihn anfingen, die Zelte aufzubauen und Treibholz zu sammeln. Hannah sah von ihrem Baumstamm aus zu und hatte ein schlechtes Gewissen, aber gleichzeitig auch Angst, der Länge nach hinzufallen, sobald sie versuchte aufzustehen. Das Lagerfeuer brannte schon munter, und die Vorbereitungen fürs Abendessen waren weit fortgeschritten. Die beiden Männer begannen sich zu fragen, wo Scott blieb. Anfangs wurde ihr Flüstern vom Zischen...




