E-Book, Deutsch, 116 Seiten
Frank Anne Franks Kurzgeschichten
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7557-9021-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
[Verfasst parallel zu ihrem berühmten Tagebuch]
E-Book, Deutsch, 116 Seiten
ISBN: 978-3-7557-9021-1
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Anne Frank, ein jüdisches Mädchen von 14 Jahren, hielt sich vom 6. Juli 1942 bis zum 4. August 1944 mit ihre Eltern, ihrer Schwester und vier weiteren Verfolgten im Hinterhaus eines Amsterdamer Firmengebäudes versteckt, ehe die geheime Wohnung von Nazi-Schergen entdeckt und die Bewohner verhaftet wurden. Alle, bis auf Anne Franks Vater Otto, starben in verschiedenen Konzentrationslagern, Anne etwa im März 1945. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Annes Tagebuch und ihre »Erzählungen aus dem Hinterhaus« gelten heute als bedeutendste schriftliche Zeugnisse aus der Zeit der Nazi-Diktatur.
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Evas Traum
Teil I
»Gut’ Nacht, Eva, schlaf gut!«
»Gleichfalls, Mams!«
Das Licht erlosch, und Eva lag einen Moment im Dunkeln, dann, als sie an die Dunkelheit gewöhnt war, merkte sie, dass die Mutter die Vorhänge gerade so weit zugezogen hatte, dass noch ein breiter Spalt blieb, und da hindurch konnte Eva direkt in das kugelrunde Gesicht des Mondes blicken. So ruhig stand der Mond am Himmel, bewegte sich nicht, lachte immerzu und war zu jedem gleich freundlich.
»Wäre ich nur auch so«, sagte sich Eva halblaut, »könnte ich nur immer freundlich und gelassen sein, sodass jeder mich brav und lieb findet. O, das wäre so schön!«
Eva sann und sann weiter über den Mond nach und verglich ihn mit sich selbst, die bloß so schrecklich unbedeutend war. Schließlich fielen ihr vom vielen Nachdenken die Augen zu, während ihre Gedanken sich in einem Traum verloren, an den Eva sich am nächsten Morgen noch so gut erinnerte, dass sie sich später oft fragte, ob er nicht doch Wirklichkeit gewesen war.
Eva stand am Eingang eines großen Parks, durch dessen Zaun sie zögerlich hineinsah und nicht recht wagte, einzutreten. Gerade als sie wieder umkehren wollte, kam ein kleines Mädchen mit Flügeln herbei und sagte: »Na Eva, komm ruhig herein, oder weißt du nicht, wohin des Wegs?«
»Nein«, gab Eva verlegen zu.
»Nun, dann will ich dir den Weg weisen«, und das energische Elflein ergriff schnell Evas Hand.
Mit ihrer Mutter und Großmutter war Eva schon oft in Parks gewesen, aber noch nie hatte sie so einen schönen Park wie diesen hier gesehen.
Eine Fülle von Blumen, Bäumen und üppigen Wiesen sah sie, alle möglichen Sorten von Insekten, und kleine Tiere, wie Eichhörnchen und Schildkröten.
Das Elflein sprach heiter über vieles mit ihr, und Eva hatte nun ihre Scheu so weit überwunden, dass sie etwas zu fragen wagte, aber schell bedeutete ihr die Elfe Schweigen, indem sie den Finger auf Evas Lippen legte.
»Ich werde dir alles der Reihe nach zeigen und erklären, und danach darfst du mich, wenn du etwas nicht verstehst, fragen, sonst aber musst du still sein und mich nicht unterbrechen; falls du das tust, werde ich dich sofort wieder zurück nach Hause bringen, und dann bleibst du genauso unwissend wie die anderen dummen Menschen. Also, nun fange ich an: Zuerst ist hier die Rose, die Königin der Blumen; sie ist so schön und duftet so lieblich, dass jeder davon berauscht wird, und sie selbst von sich am meisten. Die Rose ist schön, elegant und verströmt Wohlgeruch, aber wenn etwas nicht nach ihrem Willen geht, zeigt sie sofort ihre Dornen. Die Rose ist ganz wie ein verwöhntes kleines Mädchen, schön, elegant und auf den ersten Blick lieb, aber kommst du ihr zu nahe, oder widmest du ihr nicht deine volle Aufmerksamkeit, so zeigt sie sofort ihre Krallen. Ihr Ton wird schnippisch, sie ist beleidigt und will sich gerade dadurch interessant machen. Ihre Manieren sind aufgesetzt und gekünstelt.«
»Aber Elfchen, wie kommt es dann, dass jeder die Rose als Königin der Blumen betrachtet?«
»Das kommt daher, dass fast alle Menschen sich durch ihren äußerlichen Glanz blenden lassen; es gibt wenige, die nicht die Rose genannt hätten, wenn die Menschen hätten abstimmen dürfen. Die Rose ist erhaben und schön, und genau wie in der Welt wird auch bei den Blumen nicht gefragt, ob eine andere, die von außen hässlich erscheint, vielleicht innerlich schöner ist und eher zum Regieren bestimmt.«
»Sag, Elflein, gefällt dir die Rose also nicht?«
»Doch sicher, Eva, die Rose von außen schön, und würde sie nicht immer im Vordergrund stehen wollen, könnte sie vielleicht auch liebenswert sein; aber da sie nun einmal die Blume aller Blumen ist, wird sie sich immer schöner finden, als sie in Wahrheit ist; und solange es so bleibt, ist die Rose hochmütig, und hochmütige Wesen mag ich nicht!«
»Ist Leentje dann auch hochmütig? Sie ist doch auch so schön und durch ihren Reichtum die Anführerin der Klasse?«
»Denk einmal selbst nach, Eva, dann wirst du erkennen, dass Leentje, wenn sich Marietje in eurer Klasse einmal gegen ihre Meinung stellt, alle Mädchen gegen sie aufhetzt. Sie sagt, dass Marietje hässlich und arm ist. Ihr anderen tut, was Leentje sagt, denn ihr wisst alle, dass sie böse auf euch wird, wenn ihr nicht tut, was die Anführerin will, und ihr schnell für immer ihre Gunst verspielt.
Leentjes Gunst zu verlieren, bedeutet für euch fast soviel, wie wenn der Direktor lange Zeit böse auf euch wäre.
Ihr dürft dann nicht mehr zu ihr nach Hause kommen, ihr werdet von dem Rest der Klasse geschnitten. Mädchen wie Leentje werden später im Leben einsam sein, denn wenn die anderen Mädchen reifer sind, werden sie zusammen gegen Leentje sein, aber, Eva, wenn dies bald geschieht, kann sich Leentje vielleicht noch ändern, bevor sie für immer alleine bleibt.«
»Muss ich also alles versuchen, um die anderen Mädchen zu bewegen, nicht mehr auf Leentje zu hören?«
»Ja. Erst wird sie böse und wütend auf dich sein; ist sie jedoch ruhiger geworden und erkennt, wie sie gehandelt hat, dann wird sie dir sicher sehr dankbar sein und sie wird aufrichtige Freunde finden, anders als bisher.«
»Nun verstehe ich alles, aber sage mir Elflein, bin ich auch so hochmütig wie die Rose?«
»Schau, Eva, Menschen und Kinder, die sich über solche Sachen überhaupt Gedanken machen, können gar nicht hochmütig sein, denn hochmütige Menschen scheren solche Gedanken nicht. Du kannst dir diese Frage also am besten selber beantworten, und ich kann dir nur empfehlen, das zu tun. Und nun lass uns weitergehen, schau mal, ist das nicht lieb?«
Bei diesen Worten kniete sich die Elfe zu einem blauen Maiglöckchen nieder, das sich im Takt des Windes sanft im Gras wiegte. »Dieses Glöckchen ist freundlich, lieb und schlicht. Es bringt Freude in die Welt; es läutet für die Blumen, wie die Kirchenglocke für die Menschen. Es hilft vielen Blumen und gibt ihnen Trost. Das Glöckchen fühlt sich nie einsam, es trägt Musik in seinem Herzen. Diese Blume ist ein viel glücklicheres Wesen als die Rose. Sie braucht sich keine Gedanken über das Lob der anderen machen; die Rose lebt nur für und von Bewunderung; bleibt diese aus, so ist nichts übrig, das ihr Freude machen könnte. Ihr schönes Äußeres lebt nur für die anderen Menschen, ihr Herz ist leer und trist. Das Glöckchen dagegen ist nicht so schön, hat aber ›echte‹ Freunde, die sie für ihre Melodien loben, und diese Freunde wohnen im Herzen der Blume.
»Dieses Glöckchen ist doch auch eine hübsche Blume ...«
»Ja, aber nicht so strahlend wie die Rose, und die Pracht zieht leider die meisten Menschen mehr an.
»Aber ich fühle mich auch oft allein und möchte bei anderen Menschen sein, ist das denn nicht gut?
»Damit hat das nichts zu tun, Eva. Wenn du einmal reifer bist, wirst du selbst das Lied in deinem Herzen klingen hören, da bin ich sicher!
»Erzähl nur weiter, liebe Elfe, ich finde dich und deine Geschichte sehr schön.
»Gut, weiter. Schau nach oben!«
Mit ihrem kleinen Finger zeigte die Elfe nach oben, auf einen sehr großen, alten, würdevollen Kastanienbaum: »Dieser Baum ist majestätisch, nicht wahr?«
»O ja, wie ist der groß; wie alt mag er wohl sein, Elflein?«
»Der ist sicher schon mehr als hundertfünfzig Jahre alt. Aber er ist noch kerzengerade und fühlt sich gar nicht alt. Diese Kastanie wird von jedem wegen ihrer Stärke bewundert, und dass sie stark ist, beweist ihre Gleichgültigkeit gegenüber jeder Bewunderung. Sie duldet niemanden über sich und ist in allem egoistisch und uninteressiert; wenn nur hat, was sie will, ist alles andere unwichtig. Diese Kastanie sieht so aus, als ob sie freigiebig wäre, und eine Hilfe für jeden, aber so sehr kann man sich irren. Der Kastanie ist es am liebsten, wenn sie keiner mit Sorgen behelligt. Sie führt ein heiteres Leben, aber gönnt das niemand anderem. Die Bäume und Blumen wissen das; mit ihrem Kummer gehen sie immer zu der freundlichen, liebenswürdigen Föhre, doch um die Kastanie machen sie einen Bogen.
Und doch trägt auch der Kastanienbaum ein kleines, kleines Liedchen in einem ganz großen Herzen, das sieht man an seiner Zuneigung zu den Vögeln. Für die hat er immer ein offenes Plätzchen, und ihnen vergönnt er auch etwas, auch wenn es nicht viel ist.
»Kann ich diesen Kastanienbaum auch mit einer bestimmten Art von Menschen vergleichen?«
»Das brauchst du nicht zu fragen, Evchen. Es ist so, dass alle lebenden Wesen mit anderen verglichen werden können. Die Kastanie macht da keine Ausnahme; übrigens, sie ist...




