Frank | Archer - Legende des roten Landes | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 256 Seiten

Frank Archer - Legende des roten Landes


12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-522-62075-8
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 256 Seiten

ISBN: 978-3-522-62075-8
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Australien, 1861. Der 16-jährige Stallbursche Ray träumt davon, mit seinem Lieblingsrennpferd Archer am ersten Melbourne Cup teilzunehmen. Doch niemand glaubt an ihn. Wie durch ein Wunder schafft er es, den Gestütsbesitzer zu überzeugen. Eine lange, gefährliche Reise beginnt, die Ray und Archer 500 Meilen durchs Outback führt. Sie müssen nicht nur gegen Hunger, Hitze und Verletzungen ankämpfen, sondern auch gegen Diebe, die es auf das kostbare Rennpferd abgesehen haben und vor nichts zurückschrecken ...

Astrid Frank,1966 in Düsseldorf geboren, studierte Germanistik, Biologie und Pädagogik. Sie war als Lektorin und Übersetzerin in mehreren und für mehrere deutsche Verlage tätig und machte außerdem eine Ausbildung zur 'Zoobegleiterin des Kölner Zoos'. Nach dem Studium arbeitete sie für ein halbes Jahr in einer Buchhandlung und beleuchtete das Medium Buch damit von einer weiteren Seite. Seit 1998 schreibt sie Geschichten (für Kinder und Jugendliche). Mehrere ihrer Bücher wurden mit Preisen ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt. Astrid Frank lebt mit Mann, zwei Söhnen und Hund Aimee in Köln.
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Dann erwachte eines Tages die Regenbogenschlange …

und drängte sich durch die Erdkruste …

Oodgeroo

Ray scharrte mit den Füßen im Sand. Den Kopf hielt er gesenkt, nachdem die beiden chinesischen Mädchen, die ihn zuvor aus sicherem Abstand beobachtet hatten, verschwunden waren. Die größere der beiden war etwa in Rays Alter gewesen und Ray hatte sie trotz ihrer Andersartigkeit – oder womöglich auch gerade deswegen – sehr hübsch gefunden. Die zweite hatte ihn an Emily denken lassen, denn sie war wie seine kleine Schwester ungefähr acht oder neun Jahre alt gewesen und hatte die ganze Zeit albern gekichert. Dann hatte die Kleinere plötzlich die Hand der Größeren ergriffen und sie mit sich davongezogen, bevor Ray Gelegenheit gehabt hätte, sie anzusprechen. Allerdings hätte er sich das ohnehin nicht getraut. Vielleicht waren die zwei auch Geschwister gewesen? So wie er und Emily?

Neben ihm auf dem staubigen Boden stand sein Koffer, in dem alles Platz gefunden hatte, was ihm geblieben war. Viel war es nicht. Zwei Unterhosen, zwei Paar mehrfach gestopfte Strümpfe, ein Unterhemd, das bereits löchrig war, sein gutes Hemd und eine Ersatzhose. Die verblasste Fotografie, die Mum, Dad, ihn und Emily als Baby zeigte, hatte er seiner Schwester mitgegeben. Als Erinnerung. 

Er hob kurz den Kopf und blickte zu den zwei Männern, die einige Meter entfernt von ihm standen und sich leise unterhielten. Ab und zu schaute einer von ihnen zu Ray hinüber.

Der Reverend stand mit dem Rücken zu ihm. Ray konnte am Zucken seiner Schultern sehen, dass er wild mit den Händen gestikulierte, während er auf den anderen Mann einredete. Der andere hingegen rührte sich kaum. Ab und zu hob er seine Hand, um sich am Kinn oder am Hals zu kratzen. Ansonsten stand er stocksteif da und hörte sich scheinbar geduldig an, was der Reverend ihm zu sagen hatte. 

Das Klappern von Hufen ließ Ray aufhorchen. Er wendete den Kopf und blickte dem jungen Mann hinterher, der einen großrahmigen rotbraunen Hengst mit schwarzer Mähne und Schweif und schwarzen Fesseln an ihm vorbeiführte. Ray lächelte dem anderen freundlich zu – er schien ungefähr in seinem Alter zu sein –, doch der Fremde verzog nicht eine Miene. Vielmehr beeilte er sich nun noch mehr, an Ray vorbeizukommen. 

Wenn es dem Reverend nicht gelang, Mr de Mestre zu überreden, Ray als Stallburschen aufzunehmen, dann würde er sich Gedanken darüber machen müssen, was weiter mit ihm geschehen sollte. Vielleicht konnte er sein Glück auf den Goldfeldern suchen? 

»… guter Junge … wird fleißig arbeiten.« Der Wind trug die Wortfetzen zu Ray hinüber. Aber er wusste ohnehin, was der Reverend sagte: dass Ray kein Zuhause mehr hatte. Dass nach dem Tod der Mutter vor vielen Jahren nun auch der Vater verstorben war. Dass die Tante in Melbourne nur über Platz für Rays kleine Schwester Emily verfügte. Dass Ray nicht wusste, wo er hinsollte, wenn Mr de Mestre ihn nicht bei sich aufnahm … 

Ray fühlte sich wie ein Bittsteller. Dabei wollte er doch nur eine Arbeit, die ihm ein Dach über dem Kopf und eine warme Mahlzeit am Tag verschaffte. Er wandte sich ab, als er merkte, dass Mr de Mestre ihn musterte. Die Blicke des Mannes waren ihm unangenehm. Als fürchtete er, einer Prüfung nicht standhalten zu können. 

Mr de Mestre betrachtete den jungen Mann eingehend, den der Reverend ihm in den höchsten Tönen anpries. Und was er sah, gefiel ihm nicht. Der Junge war schmächtig, seine Kleider schlackerten um seinen unterernährten Körper. Und war er für einen 16-Jährigen nicht viel zu klein? Das Gesicht wirkte blass unter den lockigen dunklen Haaren und die ebenfalls dunklen Augen in dem ausgemergelten Gesicht mit den viel zu deutlich hervortretenden Wangenknochen erschienen ihm wie große tiefe Teiche. 

»Was ich suche, ist ein Stallbursche«, sagte er. »Jemand, der kräftig anpacken kann und körperliche Arbeit nicht scheut.«

»Ray kann arbeiten«, entgegnete der Reverend. »Und er hat ein Händchen für Pferde.«

Mr de Mestre schwieg, während seine Augen auf Ray ruhten. Er war in Nöten, seit zwei seiner Stallburschen gemeinsam zu den Goldminen abgewandert waren, in der Hoffnung auf schnellen Reichtum. Doch er bezweifelte, dass dieser hagere Kerl genügend Kraft hatte, den ganzen Tag lang Ställe auszumisten, Schubkarren zum Misthaufen zu fahren und dort zu entleeren, die Stallgasse zu säubern, die Pferde zu striegeln, ihre Hufe auszukratzen und sie auf die Weide zu bringen, Heu für die Pferde heranzuschaffen, die Weidezäune auszubessern und was sonst noch alles anfiel. 

»Geben Sie ihm eine Chance«, sprach der Reverend weiter. »Ich versichere Ihnen, dass Ray Sie nicht enttäuscht.« Er seufzte. »Mr de Mestre. Alles, was Ray braucht, ist ein Dach über dem Kopf und etwas zu essen. Einen Ort, an den er gehört. Der Junge hat alles verloren, was er zu verlieren hatte. Seine Mutter, seinen Vater, seine Schwester … sein Zuhause. Er hat nichts und niemanden mehr. Was haben Sie schon zu verlieren? Für einen Teller Suppe am Tag und einen Platz im Stroh bekommen Sie eine Arbeitskraft!« 

Mr de Mestre schwieg immer noch. 

»Ich mache Ihnen einen Vorschlag«, fuhr Reverend Smith fort. »Nehmen Sie ihn für 14 Tage bei sich auf. Und wenn Sie danach immer noch glauben, er eigne sich nicht als Stallbursche, komme ich zurück und hole ihn ab.« 

»Und wohin bringen Sie ihn dann?«

Der Reverend zuckte mit den Schultern und schüttelte gleichzeitig den Kopf. »Ich weiß es nicht«, antwortete er. 

Mr de Mestre strich sich die Haare aus dem Gesicht. Die Vorstellung, dass der Junge niemanden hatte, an den er sich wenden konnte, gefiel ihm nicht. Mit 16 war man vielleicht kein Kind mehr, aber man war weiß Gott auch noch nicht alt genug, um sich mutterseelenallein durchs Leben zu schlagen. Jedenfalls sah er das so. »Also gut«, sagte er schließlich. »14 Tage. Danach sehen wir weiter.« 

Der Reverend nickte und streckte Etienne de Mestre die Hand entgegen. »Abgemacht«, sagte er. »In 14 Tagen komme ich wieder.« 

Mr de Mestre grunzte mürrisch, während er die Vereinbarung mit einem Handschlag besiegelte. 

Der Reverend wandte sich zu Ray um und winkte ihn herbei. 

Ray hob seinen Koffer hoch und beeilte sich, zu den zwei Männern hinüberzugehen. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Wie hatte sich Mr de Mestre entschieden? Würde er ihm eine Chance geben zu beweisen, was er konnte? Durfte er bleiben? Wenn nicht, musste er wohl oder übel auf der Straße übernachten. Nun, zumindest besaß er nichts, was man ihm stehlen konnte.

»Ray, das ist Mr de Mestre«, sagte der Reverend, sobald Ray neben ihm stand. »Er hat eingewilligt, dich zur Probe zu nehmen. Du kannst vorerst hierbleiben.«

Ein Lächeln huschte über Rays Gesicht. »Ich danke Ihnen, Sir«, sprudelte es aus ihm hervor. »Ich danke Ihnen.«

»Danke nicht mir«, antwortete Mr de Mestre, »danke lieber dem Reverend. Er hat sich ganz schön für dich ins Zeug gelegt. Wenn auch nur die Hälfte von dem stimmt, was er gesagt hat, dann bist du so etwas wie ein Fleisch gewordener Engel.« 

Der Reverend lachte und Ray spürte, wie ihm das Blut in den Kopf stieg und seine Wangen rötete. 

»Auf jeden Fall werde ich mich bemühen, Sie nicht zu enttäuschen«, erwiderte er leise und mit gesenktem Kopf. 

»Schön, schön«, antwortete Mr de Mestre zerstreut und winkte den Jungen herbei, der kurz zuvor bereits Rays Weg gekreuzt hatte und nun ohne den rotbraunen Hengst auf dem Rückweg zu den Weiden war, um ein weiteres Pferd zu holen und in den Stall zu führen. »Nick, komm doch mal her!«, rief er ihm zu. 

»Sir?«, sagte Nick, sobald er bei ihnen war. Ray würdigte er dabei keines Blickes, doch dem Reverend nickte er zum Gruß wortlos zu. 

»Das hier ist …« 

»Ray, Sir, mein Name ist Ray.«

»Also, das hier ist Ray. Zeig ihm doch bitte den Schlafboden und nimm ihn anschließend mit in den Stall, um ihm alles zu erklären.« 

»Aber …« 

»Ja?«

»Soll das heißen …«

»Ray wird Antonys Platz einnehmen. Er arbeitet ab jetzt hier.«

Nick verzog das Gesicht zu einer Grimasse. 

»Hast du damit irgendein Problem?«

»Nein, Sir, natürlich nicht«, erwiderte Nick und wies Ray mit einer knappen Kopfbewegung an, ihm zu folgen.

Ray stieg die schmale Leiter hinauf und stellte seinen zerschlissenen Koffer in der Ecke auf dem Heuboden ab, die der andere ihm wortlos wies. Der Boden war so niedrig, dass er sich bücken musste, wenn er nicht mit dem Kopf gegen einen der vielen Holzbalken stoßen wollte. Auf dem Weg zum Schlafboden hatte er versucht, mit Nick ins Gespräch zu kommen, doch der hatte sich nicht einmal die Mühe gemacht, ihm zu antworten. Jetzt stand er auf einer der obersten Stufen der Leiter und beobachtete Ray aus zusammengekniffenen Augen. 

»Was willst du hier?«, fragte er, als sich Ray zu ihm umwandte. 

»Arbeit«, antwortete Ray. »Was sonst?«

»Bild dir ja nicht ein, du könntest dich bei Mr de Mestre einschleimen, klar?« Nick funkelte den Neuen wütend an. »Hier im Stall habe ich das Sagen und sonst keiner, klar?«

Ray zog überrascht die Augenbrauen hoch. 

»Du tust, was ich dir sage, klar?«

»Klar«, antwortete Ray und wich unwillkürlich einen Schritt zurück. »Keine Bange, ich will hier niemandem was wegnehmen.« 

»Das kannst du auch gar nicht. So wie du aussiehst, schaffst du es ja nicht mal, einen Futtersack hochzuheben. Geschweige denn, ein Pferd zu reiten.« 

Ray antwortete nicht, um den anderen nicht...



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