Frank | Das Ochsenfurter Männerquartett | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 191 Seiten

Frank Das Ochsenfurter Männerquartett

Roman
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-1097-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman

E-Book, Deutsch, 191 Seiten

ISBN: 978-3-8412-1097-5
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Aus den Lehrjungen der ehemaligen Würzburger Räuberbande sind tüchtige Gastwirte, Gärtner, Lokomotivführer, Lederhändler und Familienväter geworden. Aber die Folgen des Ersten Weltkrieges haben sie um ihre Existenzgrundlage gebracht. Als Männerquartett hoffen sie, sich eine Weile über Wasser halten zu können. Unerwartete Hindernisse sind zu überwinden, ehe sie in Ochsenfurt ihren ersten - und einzigen - Auftritt erleben. Hoffnungsträger sind ihre Kinder Thomas und Hanna, die sich für eine vernünftige und sozial gerechte Weltordnung engagieren. - Leonhard Frank zeigt sich auch in diesem Roman als vorzüglicher Erzähler und Zeitchronist.



Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, 'Die Räuberbande', für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel 'Der Mensch ist gut' erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman 'Links wo das Herz ist'. Leonhard Frank, 'ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit' (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.

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I


In Würzburg, wo der Main, die Stadt durchfließend, seinen schönsten Bogen zieht, wo die dreißig patinierten Kirchtürme stadtbeherrschend in den Himmel stoßen und generationenlang sich nichts geändert hat, wo von alters her der Sohn, wenn der Vater starb, die Metzgerei übernahm und führte, bis auch er starb, waren durch den Krieg und seine Folgen Bankguthaben und Sparkassenbücher zu Papier geworden.

Auch Oskar Benommen, der Besitzer der Bäckerei und Weinwirtschaft »Zum Schwarzen Walfisch zu Askalon«, war von den Mehl- und Weinschulden trotz zähester Gegenwehr aus seinem schmalen, verräucherten Goldgrübchen hinausgedrückt worden.

In seiner Jugend hatte er den Athletenverein »Goliath« und den Skatklub »Bargeld lacht« gegründet. Der Durst seiner Freunde, zusammen mit dem der übrigen Stammgäste, die nicht Karten spielten, nicht stemmten und viel tranken, hatte ihm eine sichere Existenz und allmählich steigenden Wohlstand verbürgt.

Dieser zielbewußte Mann, der in seinem Kreise immer die Hauptrolle gespielt und schon als Zwölfjähriger eine Knabenbande angeführt hatte, entschlossen, Würzburg niederzubrennen und nach dem Wilden Westen zu ziehen, wo die Freiheit winkte, stand an einem windigen, naßkalten Märzmorgen des Jahres 1927 auf der Mauer des Festungsgrabens, in dem vor nun fast dreißig Jahren allnächtlich seine Bande am Lagerfeuer versammelt gewesen war, und blickte trüben Sinnes hinunter auf die Stadt.

Seitdem sie ererbtes und erworbenes Vermögen, ihre Existenz und damit auch einen guten Teil der Achtung ihrer noch wohlhabenden Mitbürger verloren hatten, waren Oskar Benommen und seine Schulkameraden wieder öfter den Schloßberg hinaufgestiegen zum Schauplatz ihrer Jugendstreiche und Jugendsehnsucht, in den Festungsgraben, wo niemand war, der sich zuerst überlegen mußte, ob er den Hut ziehen solle.

Unten lag grau die Stadt im feuchten, grauen Dunst. Der Main führte Hochwasser, trüb und grau wie dieser Tag. Über die alte Brücke raste ein Metzgerwagen. Der hohe Gaul scheute und warf die Beine. Der zu leichte Wagen fuhr in Schlangenlinien.

Oskar Benommen wandte sich um zu seinem Jugendfreund auf der Birkenholzbank, die vom Verschönerungsverein gestiftet worden war. »Das Fuhrwerk gehört dem Metzger Fritz. Der hat sich grad noch durchgerappelt. Waren auch schon ungedeckte Wechsel im Umlauf.«

Der Mann auf der Birkenholzbank, der als Junge ein hervorragendes Mitglied der Bande gewesen und später Mitglied des Skatklubs »Bargeld lacht«, des Gesangvereins »Zwischen grünen Bäumen« und Vater dreier Kinder geworden war und schon vor eineinhalb Jahren beim Tode des Chefs seine Stellung als Rechtsanwaltsschreiber verloren hatte, stellte den Mantelkragen hoch, preßte fröstelnd die Arme an sich und sagte: »Hohaho! Da hat die Schwiegermutter Geld gegeben.«

»Du sagst noch hohaho? Bist noch lustig? Du hast, scheint’s, immer noch nicht genug Prügel bekommen vom Leben.«

»Wenn ich nicht hohaho sag, geht’s mir auch nicht besser.«

»Das ist ja richtig. Aber wo du die Laune noch hernimmst, möcht ich wissen.« Ein Windstoß riß ihm den Hut vom Kopfe, hinunter in den Hof des Brauereigebäudes, das am Fuße der Festungsmauer stand, so tief, daß die beiden in den zwanzig Meter hohen Kamin oben hineinsehen konnten.

»Hohaho, Hauptmann! Oh, Oskar, früher wärst du an der Mauer hinuntergekrabbelt; jetzt gehst du schön solide den Berg hinab, klopfst ans Tor und fragst brav, ob du deinen Hut holen darfst. Das ist der Unterschied.«

Oskar, ein willensstarker Mann, seit langem zur Untätigkeit gezwungen und auch heute noch, als Dreiundvierzigjähriger, ehrgeizig wie ein Knabe, hatte nicht wenig Lust, den lebensgefährlichen Abstieg an der zwanzig Meter hohen Mauer zu wagen, rollte jedoch wortlos und verächtlich die wulstigen Negerlippen nach außen und schritt den Schloßberg hinab.

Als er mit seinem Hute wieder zurückkam, saßen neben dem Schreiber noch zwei frühere Mitglieder der Bande fröstelnd auf der Birkenholzbank.

»Jetzt fehlt nur noch Theobald Kletterer«, sagte der Schreiber. »Dann könnten wir ein Quartett singen, hinunter in das schöne Tal.« Sein Lachen klatschte kurz und echolos in die kalte Luft.

Die drei auf der Bank bildeten zusammen mit Theobald Kletterer das stadtbekannte Männerquartett »Zwischen grünen Bäumen«. Auch Oskar war seit fünfzehn Jahren Mitglied, hatte aber bis heute noch nicht gelernt, den Vereinspfiff richtig zu pfeifen. Er war unmusikalisch.

»Also und, ich sag euch, mir ist nicht zum Lachen. Ich weiß oft gar nicht mehr, wo ich die fünfzehn Pfennig für das elende Glas Bier in der Singprobe hernehmen soll. Aber also und, eins mußt du doch manchmal trinken, du mußt, also sonst verreckst du«, sagte Hans Lux.

Er trug einen Vollbart, schwarz wie seine glühend schwarzen Kohlenaugen. Vor einem Jahre, kurz vor seiner Beförderung zum Lokomotivführer erster Klasse, war er abgebaut worden und hatte seither keine Arbeit finden können.

Die dreißig Kirchenglocken läuteten. Die Turmuhren schlugen zwölf. Minuten später war die alte Brücke schwarz von Menschen, die noch Arbeit hatten und zum Essen eilten. Die vier blieben hocken, eng aneinandergepreßt. Sie hatten Zeit.

Georg Manger, dessen Glasauge in reinstem Kobaltblau glänzte – das natürliche war graugrün, aber er liebte Blau –, sagte in merkwürdig frischem Tone: »Ach, so kann’s ja gar nicht mehr lange weitergehen.« Er stellte den Kopf schief wie ein Kanarienvogel und sah nach rechts, obwohl alle drei links von ihm saßen. Seit dem Tode seiner Frau blickte er beim Sprechen immer nach rechts.

»Wenn Falkenauge das sagt, muß es so sein. Daran ist kein Zweifel. Morgen wird dein Nachfolger kommen und zu dir sagen: ›Herr Manger, hier haben Sie Ihre Lederhandlung wieder.‹« Der Schreiber machte eine einladende Handbewegung. »Treten Sie ein, bitte sehr!«

»Laß ihn in Ruh. Es ist keine Kleinigkeit, wenn einer alles verliert«, sagte Oskar, »und gar, wenn einer, wie ich, noch dazu das Haus voll Kinder hat, die fressen wollen!« Er hatte vier Kinder.

Nur Theobald Kletterer, der im Quartett mit viel Takt und Gemüt den zweiten Tenor sang, besaß die ererbte Gärtnerei noch. Warenschulden hatte er nie gehabt, denn Blumen, Laub und Gräser zog er selbst, und Leichenkränze waren auch in diesen schweren Jahren gebraucht worden.

»Also und, es ist kalt.«

»Mit meinem Obsthandel war’s auch nichts«, sagte Falkenauge nach rechts.

»Hundekalt! Also und, ich geh.«

Es war der Schreiber, der den Einfall hatte, ein Feuer zu machen im Festungsgraben.

Drei sammelten alte Zeitungsfetzen und das Fallholz der Haselnußsträucher und Linden und rissen gemeinsam einen langen, dicken, abgestorbenen Ast vom wilden Apfelbaum. Oskar, immer noch der weitaus stärkste von allen, schleppte vier schwere Steinquader herbei, die aus der mürben Mauer gefallen waren, und ordnete sie als Sitzplätze um die Feuerstelle herum. Der Boden war feucht. Am Fuß der Mauer klebten noch die schmutzigen Schneekrusten.

Nach einigen Minuten lohte eine hohe, klare, kaum sichtbare Flamme in das blaukalte Tageslicht.

Der Schreiber verteilte Zigaretten. Rauchend saßen sie um das Lagerfeuer herum.

»Hohaho, die Friedenspfeife? Genau wie früher ...! Und so dumm, wie wir damals waren, sind wir auch heute noch.«

»Laß nur gut sein!« Oskar drehte sich um, denn seine Vorderseite war heiß, der Rücken eisig kalt. »Das wär gar nicht so dumm gewesen, wenn wir Buben damals nach Amerika durchgebrannt wären. Dann hätten wir die ganze Sauerei hier nicht mitmachen müssen und wären sicher besser dran als jetzt.«

»Hohaho, als Büffeljäger!«

»Nein! Aber vielleicht als wohlhabende Geschäftsleute!«

Auch die anderen drehten sich um. Alle saßen mit dem Rücken gegen das Feuer und blickten jeder in eine andere Richtung.

»Also und, es muß etwas geschehen, du mußt doch irgendwie Geld verdienen, wenn du weitermachen willst ... Was meint ihr, daß ich letzthin getan hab? Das ist ja schon das Letzte. Das kann man ja gar nicht erzählen. Weil da in der Zeitung gestanden hat, daß eine ihren Brillantring verloren hat, bin ich rumgelaufen in der Stadt, überall, und hab gesucht. Also und, nicht nur den Ring! Ich hab überhaupt Brillanten gesucht, eine ganze Woche lang. Es wird doch genug verloren! Wo etwas geglänzt hat auf dem Pflaster, bin ich hingestürzt! Aber also und, es war immer nur Spucke.«

»Brillantensucher! Hohaho, auch ein Beruf!«

»No, ich hab versucht, mit Schokolade zu handeln. War auch nicht besser. Einen Laden um den andern, straßauf, straßab, alles hab ich abgeklopft. Kein Mensch kauft«, sagte Oskar. »Dann hab ich’s mit Backstein probiert für den Ziegelgauner in Höchberg. Aber wer baut denn? Genausogut hätt ich die Backsteine in den Schokoladeläden und die Schokolade in den Baubüros anbieten können.«

»Also und, hinten heiß und vorne kalt.« Er drehte sich um. Auch die anderen drehten sich wieder um.

Falkenauge blickte nach rechts.

»No, was denn? Red schon!« ermunterte der Schreiber.

»Mit meiner Vertretung von Gartenmöbeln war’s auch nichts. Die Leut setzen sich, scheint’s, ins Gras heutzutag.« Er drehte den Kopf wieder zum Feuer.

Alle schwiegen. Alle hatten schon alles nur mögliche versucht, ohne Erfolg.

Oskar stocherte im Feuer. »Für euch wüßt ich ja was, für euch drei und für Theobald Kletterer, für das Quartett, mein ich. Mir ist...



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