E-Book, Deutsch, 240 Seiten
Frank Der dunkle Geist des Palio
12001. Auflage 2012
ISBN: 978-3-522-62076-5
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 240 Seiten
ISBN: 978-3-522-62076-5
Verlag: Thienemann Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Astrid Frank,1966 in Düsseldorf geboren, studierte Germanistik, Biologie und Pädagogik. Sie war als Lektorin und Übersetzerin in mehreren und für mehrere deutsche Verlage tätig und machte außerdem eine Ausbildung zur 'Zoobegleiterin des Kölner Zoos'. Nach dem Studium arbeitete sie für ein halbes Jahr in einer Buchhandlung und beleuchtete das Medium Buch damit von einer weiteren Seite. Seit 1998 schreibt sie Geschichten (für Kinder und Jugendliche). Mehrere ihrer Bücher wurden mit Preisen ausgezeichnet und in andere Sprachen übersetzt. Astrid Frank lebt mit Mann, zwei Söhnen und Hund Aimee in Köln.
Autoren/Hrsg.
Weitere Infos & Material
Vom Adler Schnabel, Kralle und Flügel.
Motto des Adlers (aquila)
1
Sonntag, 15. Juli, einen Monat und einen Tag vor dem Palio
Am nächsten Morgen stand Maria in dem kleinen Badezimmer, das unmittelbar an ihr Schlafzimmer angrenzte, und kämmte sich die Haare.
»Hundert Bürstenstriche am Tag lassen dein Haar glänzen.« Das hatte ihre nonna Giuletta immer zu ihr gesagt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Und wer wollte das nicht? Glänzendes Haar … Ob es nun an den hundert Bürstenstrichen pro Tag lag oder an etwas anderem, Marias schwarzes langes Haar glänzte jedenfalls wie frisch poliertes Ebenholz. Sie hielt ihr Gesicht nah an den Spiegel und betrachtete es eingehend. Eigentlich war sie mit dem, was sie sah, ganz zufrieden. Sie hatte eine reine Haut, große, braune, mandelförmige Augen mit langen, schwarzen Wimpern, einen vollen Mund mit schön geschwungenen roten Lippen und ausgeprägte Wangenknochen. Alles so, wie es sein sollte – wenn da nicht diese Nase gewesen wäre! Sie war nicht wirklich groß (gut, klein war sie auch nicht gerade), aber sie setzte zu weit oben an und war viel zu markant für ihr Gesicht. Maria fand, sie wirke dadurch streng und unweiblich. Natürlich wollte sie auch keine Stupsnase, die in den Himmel aufragte, aber ein kleines bisschen zierlicher hätte ihre Nase schon sein dürfen. Irgendwie passte sie nicht zum Rest. Doch Angelo sagte immer, er liebe ihre Nase, sie stünde ihr ganz hervorragend, denn sie wirke damit so »aristokratisch«.
Angelo sagte oft witzige Dinge. Zumindest fand Maria sie witzig. Auf jeden Fall brachte er sie mit seinen Bemerkungen häufig zum Lachen. Auch jetzt musste sie bei dem Gedanken an den gestrigen Abend unwillkürlich lächeln.
Angelo war so anders, als sie zuerst gedacht hatte. Wenn man ihn nicht kannte, wirkte er cool, unnahbar, fast schon ein wenig arrogant. Obwohl er jedem mit Freundlichkeit begegnete. Aber es war manchmal eine herablassende Freundlichkeit, die keinen Zweifel daran ließ, dass der »fliegende Engel« (Maria fand diesen Spitznamen ziemlich affig, doch Angelo gefiel er) unantastbar war. Manche nannten ihn auch »den unbestechlichen Drachen«, weil er – entgegen der Mehrzahl seiner Jockey-Kollegen – den Ruf hatte, dass man sich auf sein Wort verlassen konnte. Und dabei war er so sanft, zärtlich, warmherzig und in seiner Sehnsucht nach tiefer, aufrichtiger Liebe wirkte er fast schon ein wenig unsicher.
Maria dachte an den Tag zurück, als sie Angelo zum ersten Mal begegnet war. Ihr Vater hatte sie miteinander bekannt gemacht, während Angelo in der Eingangshalle des Palazzo Morelli wartete, um seine damalige Freundin Antonia von ihrer Arbeitsstelle abzuholen. Bei dem Gedanken daran, dass Angelo vor ihr mit der Haushälterin zusammen gewesen war, durchfuhr Maria immer noch ein kalter Schauer. Andererseits war das jetzt schon so lange her, dass es wohl kaum noch eine Rolle spielte. Immerhin waren Angelo und sie schon seit fast anderthalb Jahren ein Paar und seit drei Monaten sogar verlobt! Und Antonia hatte sich längst mit einem anderen Mann getröstet.
Am Anfang hatte Maria befürchtet, Antonia würde kündigen. Das hätte ihr Vater sicher nicht gutgeheißen, der der neuen Liebesbeziehung seiner Tochter ohnehin mit gemischten Gefühlen gegenüberstand. Aber Antonia hatte nicht gekündigt. Sie war jeden Tag pünktlich zur Arbeit erschienen und hatte sich, falls sie gekränkt gewesen war, zumindest nichts anmerken lassen.
Signore Morelli war hoch erstaunt gewesen, als er dem bekannten Jockey so unerwartet in seinem eigenen Haus begegnete. Angelo war in seiner Heimatstadt Siena eine kleine Berühmtheit, nicht zuletzt deswegen, weil er im letzten Jahr den Palio gewonnen hatte. Und als capitano, der für sein Stadtviertel, den Adler, alle Fäden der Organisation des weltberühmten Pferderennens in den Händen hielt – angefangen von der Geldbeschaffung bis hin zur Auswahl des Jockeys –, kannte Signore Morelli natürlich auch fast jeden Berufsreiter. Er stellte Maria und Angelo einander vor, die sich bis dahin nie persönlich begegnet waren. Doch das sollte sich kurz darauf ändern. Denn nicht nur Marias Herz hatte schneller geschlagen, als sie Angelo die Hand reichte, auch das Herz des jungen Mannes war bei dieser ersten zaghaften Berührung ordentlich aus dem Takt geraten.
Maria hatte sich einige Zeit von Angelo umwerben lassen. Sie kannte den Ruf des »fliegenden Engels«, der nicht nur auf dem Rücken eines Pferdes über die Erde dahinschwebte, sondern dem man auch nachsagte, dass er von einem Frauenherz zum nächsten flog.
Aber schließlich hatte sie seinem Werben nachgegeben und sich mit ihm verabredet. Und danach war alles ganz selbstverständlich geworden und Angelo hatte mit seiner aufrichtigen Art ihr Herz im Sturm erobert. »›Die oder keine‹, habe ich gedacht, als ich dich sah«, verriet er ihr an ihrem ersten gemeinsamen Abend. Sein Verhältnis mit Antonia hatte er zu diesem Zeitpunkt längst beendet.
Maria hatte schnell gespürt, dass er meinte, was er sagte. Angelo sehnte sich ebenso nach wahrer Liebe wie sie. Vielleicht war er deswegen früher so unstet gewesen, weil er der richtigen Frau noch nicht begegnet war. In Maria hatte er sie endlich gefunden, und Maria hatte nie einen Grund gehabt, daran zu zweifeln, dass seine Liebe zu ihr aufrichtig und tief war.
Jetzt erinnerte sie sich daran, wie Angelo und sie sich am gestrigen Abend erschreckt hatten, als plötzlich das Fenster hinter ihnen aufschwang, während sie ihm die traurige Geschichte ihrer Vorfahrin Eva Maria Morelli erzählte. Jemand musste das alte Fenster nachlässig geschlossen haben, sodass ein leichter Windstoß reichte, um es aufzustoßen. Und sie erinnerte sich daran, dass Angelo gesagt hatte, ihre beiden Geschichten würden sich ähneln. Wie recht er doch hatte. Das war ihr bis jetzt gar nicht aufgefallen!
»Aber das Ende wird bei unserer Geschichte ein anderes sein«, sagte sie lächelnd zu ihrem Spiegelbild und legte die Bürste auf die Ablage. Immerhin waren seit damals weit mehr als hundert Jahre vergangen und vieles, wenn auch nicht alles, hatte sich geändert.
Maria wollte gerade nach ihrem Push-up-BH greifen, der über dem Handtuchhalter bereitlag, als die Tür mit Schwung aufgestoßen wurde. Erschrocken wirbelte sie herum – und blickte in Antonias Gesicht, die einen Putzlappen in der Hand hielt und nicht weniger erschrocken aussah als Maria.
»Oh … mi scusi … Signorina Morelli«, stotterte Antonia, sichtlich verlegen. Dabei flackerte ihr Blick unstet zwischen Marias Gesicht und ihren nackten Brüsten hin und her.
Maria versuchte, Haltung zu bewahren und ihre Blöße mit den Armen zu verstecken, während ihr gleichzeitig peinlich bewusst wurde, dass Antonia Angelos Ex-Freundin war und vielleicht ein besonderes Interesse daran hatte, ihre Figur zu begutachten. Gleich fühlte sie sich noch unwohler, zumal sie nur davon träumen konnte (was sie auch oft genug tat), so wundervoll geformte Brüste wie Antonia zu besitzen, die sich unter ihrer eng sitzenden Bluse deutlich abzeichneten.
Um so lieber hätte sie das Hausmädchen jetzt gern so richtig angefahren, was ihr einfiele, an einem Sonntagmorgen einfach so in ihr Badezimmer zu platzen. Sonntags bestand ihre Aufgabe ausschließlich darin, das Mittagessen für Signore Morelli zuzubereiten. Hier oben hatte sie also nichts zu suchen!
Doch dann wurde Maria bewusst, dass sie die Badezimmertür auch einfach hätte abschließen können. Außerdem fiel es ihr nach wie vor schwer, Antonia für irgendetwas zur Rechenschaft zu ziehen, seit sie ihr den Freund ausgespannt hatte.
Früher hatte sie sich oft mit Antonia angelegt, die die Unart besaß, sämtliche Unterlagen auf ihrem Schreibtisch durcheinanderzubringen, indem sie sie zu völlig unübersichtlichen Stapeln »ordnete«. Da lagen dann plötzlich persönliche Briefe zwischen Schulunterlagen und Quittungen zwischen alten Zeitschriftenseiten. Einmal hatte Maria deswegen sogar eine Schularbeit abgegeben, in der ein sehr persönlicher Brief von ihrer Freundin Claudia an sie gesteckt hatte, und ihr Lehrer hatte ihr den Brief mit einem süffisanten Grinsen auf den Lippen zurückgegeben. Manchmal hatte Maria sogar das Gefühl, Antonia wolle sie damit absichtlich ärgern. Oder sie schnüffele heimlich in ihren Papieren. Jedenfalls hatte sie Antonia noch nie besonders gut leiden können und ihrer Ehrlichkeit immer misstraut. Auch wenn sie dafür keinerlei Beweise hatte.
Mittlerweile hatte sie es sich jedoch vollkommen abgewöhnt, etwas zu sagen. Zu dankbar war sie dafür, dass Antonia nicht gekündigt hatte und ihr und Angelo augenscheinlich nichts nachtrug. Wäre es anders gewesen, hätte sie ihrem Vater gegenüber Rechenschaft ablegen müssen, der nicht wusste, dass Angelo vorher mit Antonia zusammen gewesen war.
»Es tut mir wirklich leid, Signorina«, entschuldigte sich Antonia jetzt ein zweites Mal. »Ich habe es am Freitag nicht mehr geschafft, Ihr Bad zu putzen, da dachte ich …«
Maria zwang sich zu einem Lächeln. »Schon gut, Antonia, ich bin gleich fertig. Wenn Sie mir bitte noch zehn Minuten Zeit geben?«
»Selbstverständlich!« Antonia machte Anstalten, die Tür wieder zu schließen, und Maria ließ bereits die Arme vor ihrer Brust sinken, als sie die Haushälterin sagen hörte: »Ach, übrigens ist Ihr Cousin bereits eingetroffen. Er leistet Ihrem Vater in der Küche beim Frühstück Gesellschaft.«
»Alessandro ist schon da?«, fragte Maria erstaunt und vergaß vor Überraschung ganz, ihre Blöße wieder zu bedecken.
Antonia grinste als...




