E-Book, Deutsch, 190 Seiten
Frank Die Jünger Jesu
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8412-0794-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 190 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0794-4
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, 'Die Räuberbande', für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel 'Der Mensch ist gut' erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman 'Links wo das Herz ist'. Leonhard Frank, 'ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit' (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.
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I
Würzburg am Main, die Stadt des Weines und der Fische, der Kirchen, gotisch und barock, wo jedes zweite Haus ein unersetzliches Kunstdenkmal war, wurde nach dreizehnhundertjährigem Bestehen in fünfundzwanzig Minuten durch Brandbomben zerstört. Den folgenden Morgen floß der Main, in dem sich die schönste Stadt des Landes gespiegelt hatte, langsam und gelassen durch Schutt und Asche, hinaus in die Zeit.
Johanna ging den Fluß entlang. Hinter ihr waren nur noch Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vor ihr stand das junge Grün der Weidenbüsche in der Sonne, schimmernd und im Safte strotzend, als wäre nichts geschehen. Die Landschaft war nicht zerstört. Über dem ganzen Tal schien ein Seidenteppich zu liegen – grün in grün geknüpfte Rebhügel, Wald und Obstbaumfelder und das bogenreiche blaue Band, an dessen Ufer Würzburg gewesen war, das jetzt eine zerhackte Ruine ist, ein Denkmal der Naziherrschaft.
Johannas Mutter war schon lange tot. Ihr Vater, der Zeichenlehrer am städtischen Gymnasium und ein Nazi gewesen war, hatte sich aus Angst vor der unaufhaltsam vorrückenden amerikanischen Armee am Fensterkreuz des Zeichensaales rechtzeitig aufgehängt und einen Brief hinterlassen, in dem er seine unpatriotische Tochter zum letztenmal verfluchte. Johanna war einundzwanzig und allein.
Sie hatte braunes Haar, hellbraune Augen, von leuchtenden Sternchen besetzt um die Pupillen herum, und ein schmales weißes Gesicht, das auch in der brennenden Julisonne weiß blieb. Der Mund war wie von Albrecht Dürer genau und einfach gezeichnet. Sie sah aus, als wäre sie von der Natur dazu bestimmt, den nach Jahrmillionen und zahllosen Experimenten schließlich erreichten Grad körperlicher Anmut weiterzugeben an kommende Generationen.
Das letzte Jahr, seit dem Ende des Krieges, war sie wie alle armen Leute von früh bis abends damit beschäftigt gewesen, das nötige Stück Brot zu bekommen. Geld hatte sie nicht, und Arbeit für eine Sekretärin gab es nicht – es gab keine Schreibmaschinen mehr in einer Stadt, die es nicht mehr gab, und die amerikanische Militärbehörde hatte es abgelehnt, eine Sekretärin zu beschäftigen, deren Vater ein Nazi gewesen war.
Sie hätte den Verfluchungsbrief des Vaters vorlegen können. Alles würde dann vielleicht ein bißchen leichter gewesen sein. Sie hatte es unterlassen, aus Takt und Eigensinn des Herzens. So war sie.
Johanna hatte einen zerfallenen, seit Jahren unbenutzten Ziegenstall, drei Meter im Quadrat, der zwischen Weidenbüschen am Flußufer stand, gründlich gereinigt und mit den Resten ihrer Habe notdürftig eingerichtet. Sie setzte sich ein paar Meter vom Stall entfernt ans Flußufer und blickte über das Wasser hinweg in die Ferne, empor zum Tannenwald, über dem, im tiefen Blau, eine rosa Wolke schwamm. Die sinkende Sonne war schon rot.
Schon erklangen die Stimmen der Tiere vereinzelt in der Abendstille. Das Wasser roch stärker. Bewegungslos schwebte ein felsgrauer Fischreiher hoch über dem Fluß, jede Sekunde bereit, herabzustoßen. Es war sechs Uhr, die Stunde, da der Fisch an die Oberfläche steigt.
Johanna, die keine Gegenwart und keine Zukunft hatte, war in der Vergangenheit versunken. Bilder aus der Kindheit, innig verwoben mit den Gassen der Heimatstadt, kleine Freuden im milden Sommerabend, die kleinen Kümmernisse, die ihr groß erschienen waren, kehrten wieder, klar, wie soeben erst erlebt. Im Mundbezirk entstand der Anflug eines Lächelns. Der Mund, der das Lachen verlernt hatte, blieb genau geschlossen.
Sie stellte den Kopf schief und lauschte. Sie vernahm das Sechsuhrläuten der dreißig Kirchenglocken von Würzburg, das sie von Kindheit an gehört hatte, und es war ihr ein paar Sekunden nicht bewußt, daß sie Glocken läuten hörte von Kirchen, die nicht mehr standen.
Sie atmete tief aus und stieg, während sie aufstand, aus der Kindheit wieder herauf in die Stunde der Gegenwart. Sie blickte zurück, dorthin, wo Würzburg gewesen war. Sie sah das graue Trümmerfeld. Ihr Kopf sank langsam, und sie dachte: ‚Wie soll man sich denn loslösen können von der Stadt, in der man aufgewachsen ist. Sie ist ja in uns. Wir sind ja ein Teil von ihr.‘ Sie schob die Lippen vor gegen das Leben. ‚Jetzt sind nur noch wir Würzburg. Nur noch wir.‘
Sie ließ sich wieder nieder ins Gras und saß reglos, den Kopf in beiden Handschalen, die Ellbogen auf den Knien. Sie sah nichts und dachte an nichts. So sitzt irgendwo auf der Welt der Heimatlose, für den es aus tausend und einem Grund keinen Halt und keinen Weg mehr gibt.
Die Witwe Hohner wohnte im Keller des zerstörten Hauses, in dem sie fünfzig Jahre ein dunkles Parterrezimmer bewohnt hatte. Mit der gebogenen Nase und dem nach vorne geschweiften spitzen Kinn, an dem zwei Warzen waren, sah die zahnlose Alte aus wie die Hexe im Märchenbuch. Sie war eine der Ärmsten dieses Armenviertels, das jetzt in Trümmern lag. Sie hatte fast nur von Brot und Kaffee gelebt. Die Kaffeekanne hatte den ganzen Tag auf der warmen Herdplatte gestanden. Kaffee war der Trost ihres Lebens gewesen. Aber Kaffee gab es schon lange nicht mehr.
Eines Morgens – sie hatte das Kopftuch umgebunden und wollte schon durch die Tür, um in die Kirche zu gehen – bemerkte sie in der Dämmerung, daß neben der Tür auf dem gestampften Kellerboden eine Tüte lag. Sie spürte sofort, was in der Tüte war. Frau Hohner glaubte an Gottes Allmacht. Aber sie wagte nicht zu glauben, was sie spürte, bis sie die dunkelbraunen, fettglänzenden Bohnen sah und mit den gichtigen Fingern hineingegriffen hatte.
Obenauf lag ein Zettel, auf dem etwas geschrieben war, in Kinderschrift.
Sie setzte die stahlgefaßte rostige Brille auf und las laut: „Die Jünger Jesu.“
Sie bemerkte nicht, daß der Uhrmacher Krummbach eintrat, der im hintern Teil des Kellers wohnte. Seine Füße steckten in Sackleinwand, an die er Sohlen aus Pappdeckel genäht hatte. Er trug ein Paar gebrauchte Schuhe in der Hand und in der anderen einen Zettel. Der Uhrmacher, ein großer, aufgeschwemmter Mann, war siebenundsiebzig und schon fast blind. Er bat Frau Hohner, sie solle ihm vorlesen, was auf dem Zettel stehe. „Die Schuh mit dem Zettel“, sagte er verwundert, „standen heut früh vor meinem Bett.“
Sie las: „Die Jünger Jesu.“ Sie konnte vor Erregung nicht aufstehen. Kniend erzählte sie, was ihr geschehen war. Der Uhrmacher half ihr auf die Beine. Sie fragten einander, wer auf der Welt die Schuh und den Kaffee gebracht haben könnte. Niemand in Würzburg besitze diese kostbaren Sachen. Der Herr Magistratssekretär Hörnle gehe jeden Tag in seinen alten Pantoffeln ins Büro, und Kaffee habe nicht einmal der Bürgermeister. Nach langem Hin und Her, das zu keiner Aufklärung führte, flüsterte Frau Hohner: „Vielleicht haben wirklich die Jünger Jesu den Kaffee und die Schuh geschickt, weil wir so in Not dafür sind.“
Der Uhrmacher schüttelte ungläubig den Kopf. „In früheren Zeiten hat’s Wunder gegeben, das wissen wir. Aber heutzutag gibt’s keine Wunder mehr.“ Er zog die Schuhe gleich an. Während er sich besser hineintrat, sagte er: „Die Schuh halten, solang ich lebe, und passen tun sie mir wie angemessen.“
Auf dem Weg zur Messe in der Klosterkirche, erzählte er, den Abend vorher, habe ein Junge ihn auf der Straße nach seiner Schuhgröße gefragt. „42, sagte ich. Der Lausbub verschwand so plötzlich, wie er erschienen war.“
„Es kann ein Sendbote der Jünger Jesu gewesen sein“, sagte Frau Hohner und schlug erschauernd das Kreuz. Da schlug schließlich auch der Uhrmacher das Kreuz. Und da sie soeben vor der Kirche angelangt waren, verstand es sich für die anderen Gläubigen von selbst, daß die Bekreuzigung dem Jesusbildwerke gegolten hatte, das über dem Portale hing.
Der Glöckner der Klosterkirche konnte die Messe nicht mehr einläuten wie in vergangenen Zeiten. Eine Bombe hatte den Turm weggerissen. Seitdem war die Kirche stumm. Sie gingen hinein.
Als sie eine Stunde später vor dem dampfenden Kaffee saßen, tief unter dem vergitterten Kellerfenster, und den ersten Schluck versucht hatten, sagte der Uhrmacher: „Ich hab ein Paar Schuh an, und hier sitzen wir und trinken Kaffee. Aber zu verstehen ist es nicht.“
Frau Hohner sagte nichts. Sie schlug das Kreuz und dachte, während sie es tat: ‚Ein kleines bißchen zu dunkel gebrannt sind die Bohnen. Man schmeckt’s.‘
Gegen sechs Uhr abends schlüpfte der zwölfjährige Sohn des Kirchendieners, der den Uhrmacher Krummbach nach dessen Schuhgröße gefragt hatte, vorsichtig in den kleinen Friedhof hinter der Klosterkirche. Der Mönchsfriedhof, von der Außenwelt abgeschlossen durch eine hohe Mauer, die vollständig von Efeu bedeckt war, wurde seit hundert Jahren nicht mehr benutzt. Nur noch ein paar uralte Sandsteinplatten, brüchig und moosbewachsen, lehnten schief an der Efeuwand. Wetter und Zeit hatten die Inschriften verwischt. Meterlange dicke Grasbärte, von der Sonne gebleicht, polsterten die vergessenen Gräber. Hierher kam in Jahren kein Mensch.
Der Sohn des Kirchendieners schloß eine niedrige Tür auf, mit einem zwei Pfund schweren Schlüssel, den er wie ein Schwert seitwärts an seinem Gürtel trug. Ein paar Fledermäuse huschten an ihm vorbei ins Freie, während er die dreißig ausgetretenen Steinstufen hinabstieg in den Keller der Klosterkirche.
Die dicke Finsternis roch nach Mauer, Staub und Moder. Er zündete zwei Kerzen an, die er in der Wachskammer seines Vaters heimlich mitgenommen hatte. Mit dem Erstarken der Flamme wurden zwei Regale sichtbar, verhangen mit Bettüchern, und allerlei Gerümpel, darunter zerbrochene Betstühle, ein zentnerschwerer Tisch, der nur noch drei Beine hatte und vom Holzwurm zerfressen war, und...




