E-Book, Deutsch, 251 Seiten
Frank Links wo das Herz ist
1. Auflage 2014
ISBN: 978-3-8412-0793-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 251 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0793-7
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Leonhard Franks Biographie ist voller Höhen und Tiefen, auf die Entfaltung schöpferischer Produktivität folgen Phasen des Scheiterns und Misslingens. Ob in der Münchner Kunstboheme oder der Weltstadt Berlin, ob in Zürich als Zuflucht des verfolgten Pazifisten oder in Hollywood als letztem Ort des Ausgebürgerten, immer strebt Leonhard Frank alias Michael Vierkant nach künstlerischem Selbstausdruck und politischem Engagement, ersehnt Liebe und Erfolg, erleidet Niederlagen und Zurückweisungen.
Der Roman vermittelt ein anschauliches Bild vom Denken und Empfinden des Autors wie von den Antrieben seines literarischen Schaffens. Leonhard Frank (1882-1961), der bedeutende deutsche Erzähler und Romancier, hat mit der romanhaften Autobiographie 'Links wo das Herz ist' die Geschichte seines abenteuerlichen Lebens vor dem Hintergrund der alles verändernden Zeitereignisse geschrieben. In einer meisterhaften Mischung aus Pointiertheit und Überschwang gestaltet er die Schicksale seines Doubles Michael Vierkant. Dieser Lebensbericht gehört zu den bleibenden literarischen Selbstzeugnissen und ist eines der großen Bekenntnisbücher des Jahrhunderts.
Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, 'Die Räuberbande', für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel 'Der Mensch ist gut' erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman 'Links wo das Herz ist'. Leonhard Frank, 'ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit' (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.
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II
Das Bohemecafé Stefanie bestand aus einem Nebenraum, an dessen Fenstertischen Münchener Berühmtheiten jeden Nachmittag Schach spielten vor zuschauenden Straßenpassanten, und dem größeren Hauptraum mit einem glühenden Kohlenofen, versessenen, stark nach Moder riechenden Polsterbänken, roter Plüsch, und dem Kellner Arthur, der in ein zerschlissenes Büchlein, notdürftig zusammengehalten von einem Gummiband, die Pfennigsummen notierte, die seine Gäste ihm schuldig blieben. Der überfüllte Hauptraum hatte seinen eigenen warmen Geruch, eine spezielle Mischung aus Kaffee- und dumpfem Moderduft und dickstem Zigarettenrauch. Wer hier eintrat, war daheim.
Irgendwo im Haus oder im Himmel mußte ein Elektrizitätswerk sein. Die Gäste, angeschlossen an den Starkstrom, zuckten unter elektrischen Schlägen gestikulierend nach links und nach rechts und vor und von den Polsterbänken hoch, fielen ermattet zurück und schnellten mitten im Satz wieder hoch, die Augen aufgerissen im Kampf der Meinungen über Kunst. Hier und dort saß ein Jüngling, reglos grübelnd über das täglich wiederkehrende Problem, wie er Arthur diesmal überzeugen solle, daß er seine Zeche morgen ganz bestimmt bezahlen werde.
Im Café Stefanie gab es Kreise. Der Magnet eines Kreises war Johannes Wohl, ein innerlich wohlig ausgeglichener Oscar Wilde mit blauen Plüschaugen, der immer einen Strichjungen und einen Band Stefan George bei sich hatte und um seiner kantenlos warmen Liebenswürdigkeit und weichen Schönheit willen von wohlhabenden älteren Damen verehrt und hin und wieder auch gepflegt wurde, wenn er es sich gönnte, ein wenig krank zu sein und schön im Bett zu sitzen. Er war eine pfenniglose Lilie auf dem Felde, die nicht säte und dennoch erntete und gerne gut aß.
Hugo Lück, der hoch über dem Menschengewürm durchs Café zu seinem Tische schritt, den Kopf im Nacken, duldete nur differenzierte Anhänger, die wußten, daß ihre Bibel, »Die Blumen des Bösen« von Baudelaire, nur von den Gedichten übertroffen werden würde, die Hugo Lück demnächst schreiben werde. Er setzte mit seiner Geliebten pornographische Zeichnungen Beardsleys in die Praxis um und blickte mit einem imaginären Fernglas aus grauer Einsamkeit hinab auf die Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts. Kürzlich hatte er eine Ausnahme gemacht und einen kerngesunden jungen Maler in seinen Kreis aufgenommen, Carlo Holzer, der soeben im Begriffe war, das Lungenflugzeug zu erfinden. Der Apparat brauche natürlich keinen Motor, er sei ganz einfach, er habe Atmungsklappen, nichts als Atmungsklappen, nämlich Lungen, und werde deshalb das Luftmeer beherrschen und darin leben, so selbstverständlich wie ein Vogel. Den Vogelrumpf und die mächtigen schwungvoll ausgreifenden Flügel hatte Carlo schon gezeichnet. Die paar technischen Kleinigkeiten für die stählerne Lungenmaschinerie mußten noch erfunden werden, unter der Oberaufsicht Hugo Lücks, der gesagt hatte: »Ich bin entschlossen, unser Lungenflugzeug, das den Atlantischen Ozean zu einer Regenpfütze reduzieren wird, ans Kriegsministerium zu verkaufen.«
Auch Doktor Otto Kreuz hatte einen Kreis von Anhängern. An seinem Tische saßen ein knochenmagerer, zwei Meter langer Russe mit einem winzigen Knabenköpfchen, Fritz, ein verbummelter Student aus Karlsruhe, der einen mißglückten Selbstmordversuch hinter sich hatte und seitdem fröhlich trank, ein junger Schweizer Anarchist, hager, mit Schweizer Gebirgsnase, der zwei Jahre im Gefängnis gewesen war, wegen eines Raubüberfalles, begangen im Dienste der anarchistischen Weltanschauung, und die Malerin Sophie Benz, eine zwanzigjährige primitive Madonna aus dem dreizehnten Jahrhundert, mit Stupsnase und einfach geschnittenen Augen im milden Jungfraugesicht.
Doktor Kreuz, dreißig Jahre und verheiratet, hatte an der Grazer Universität Psychiatrie studiert. Die Oberpartie seines Gesichtes – blaue, kindlich unschuldig blickende Augen, Hakennase und volle Lippen, die immer ein wenig offen standen, als trüge er, lautlos keuchend, alles Leid der Welt – stimmte nicht überein mit der schwächlichen Unterpartie, dem Kinn, das nur angedeutet war und sich nach hinten ganz verlor. Wer das fanatische Vogelgesicht, das aus leicht getöntem Porzellan zu sein schien, einmal gesehen hatte, vergaß es nie. Doktor Kreuz kannte die Philosophie Nietzsches mit dem Herzen und war einer der frühesten Anhänger Freuds.
Diesen Abend saß auch Michael am Tisch. Er hatte Sophie in der Malschule kennengelernt und sie ins Café begleitet, in dem er vorher nie gewesen war.
Im überfüllten Hauptraum wurde es plötzlich still, als schwebte ein Gespenst durch. Arthur, der Napoleon seines Reiches, betrachtete, das Kinn hochgereckt, mit einem Rundblick seine verstorbenen Gäste. Ein bleicher Mann sagte, während er am Tisch vorüberschlich, zu Doktor Kreuz: »Freud – alles Unsinn! Glatter Unsinn!«
Der Gesprächssturm setzte ebenso plötzlich wieder ein. Doktor Kreuz sagte, während er eine Zigarette drehte, halb Tabak, halb Tee, lächelnd zu seinen Anhängern: »Den meisten erscheinen die Erkenntnisse Freuds heute noch als Unsinn; ich denke, die Ergänzung Nietzsches durch Freud könnte der große Glückszufall des zwanzigsten Jahrhunderts sein.«
Der lange Russe sagte entschlossen: »Kein Zweifel, Nietzsche und Freud ermöglichen es uns, den Weg zu bereiten für den komplexfreien hemmungslosen Übermenschen. Das ist das brennende Problem der Epoche. Wenn wir es gelöst haben, werden wir in dünner Luft gefährlich leben.« Er stützte die Stirn in die Hand. »Da ist nur ein Hindernis, allerdings ein sehr ernstes, äußerst ernstes – das Christentum.«
Der Anarchist, seiner Sache ganz sicher, entgegnete ruhig: »Das Christentum ist durch Nietzsche ins Schwanken geraten. Nietzsche hat den Unterbau des Christentums gelockert.«
»Ah, ja, das hatte ich vergessen«, sagte der Russe erleichtert.
Doktor Kreuz schien eine bissige Bemerkung zu unterdrücken, er verzog stirnrunzelnd das Gesicht, als schmerzte ihn der Kopf von dem Gerede seiner allzu gelehrigen Schüler.
Michael, der die Namen Nietzsche und Freud noch nie gehört hatte, verstand nicht das geringste. Um seine Unwissenheit vor Sophie und ihren Freunden zu verbergen, preßte er, als sei er vom Gespräch abgelenkt durch einen Schmerz, sein rechtes Handgelenk, in dem er immer noch das Anstreichen des Lattenzaunes spürte.
Henry Ring, ein junger Franzose, mit dem zusammen Michael in einem Atelier wohnte, trat ein und setzte sich rittlings auf den Stuhl, die verschränkten Arme auf der Lehne, das Kinn auf den Armen. Doktor Kreuz fragte ihn höflich, warum er München Paris vorziehe. Henry, in dessen knospenhaft festem Gesicht alles viereckig war, auch der Mund, sagte vergnügt lächelnd, das viereckige Kinn noch auf den Armen: »Meine Mutter ist fünfundvierzig und sieht aus wie fünfundzwanzig. Zu verstehen, daß sie keinen erwachsenen Sohn im Haus haben will. Es würde ihr Geschäft ruinieren – meine Mutter ist eine Hur.« Er war sechzehn.
Der Russe blickte den Anarchisten an, bedeutungsvoll, als sei da ja schon ein junges hemmungsloses Übermenschlein im Kommen.
Arthur hielt Henry schweigend den Schuldenzettel hin und sagte, nachdem Henry nur die Augen verdreht hatte: »Ich brauche mein Geld, das ist doch logisch. Ich bin verheiratet und habe vier Kinder, das ist doch logisch.«
Als Henry grinsend sagte: »Da hätten Sie eben nicht heiraten sollen, das ist doch logisch«, hieb Arthur die Serviette unter den Arm und eilte zur Tür, da soeben neue Gäste eintraten, bürgerlich solide Leute, die offensichtlich ihren Kaffee bezahlen konnten.
Doktor Kreuz schnellte hoch, als wäre dicht neben ihm soeben ein Blitz herabgezuckt. Alle standen auf. Arthur eilte herbei und verbeugte sich ruckartig, als Doktor Kreuz sagte: »Schreiben Sie nur alles auf meine Rechnung.« Er war ein sicherer Gast. Frau Doktor Kreuz erschien von Zeit zu Zeit im »Stefanie« und in den benachbarten Tabakläden und bezahlte die Schulden ihres Mannes.
Sie gingen langsam in der Richtung zu Doktor Kreuz’ Wohnung, im Gespräch über Nietzsche und Freud, ein Grüppchen, isoliert vom Alltagsleben der Straße. Michael, von Sophie freundlich aufgefordert, ging auf dünnstem Eise mit. Seit er in München war, hatte er im Kopf die Empfindung, in einem Kreisel zu stecken, der mit ihm herumwirbelte, so verwirrend schnell vorbei an neuen und immer anderen neuen Lebensbildern, daß er nicht dazu kam, eines festzuhalten und darüber nachzudenken.
Doktor Kreuz sank beim Gehen tief in die Knie und schnellte mit jedem Schritt federnd hoch auf die Zehenspitzen in Kraft verschwendendem Auf und Ab.
Seine Frau, maisblond wie er, mit schweren Beinen und etwas zu starker Nase – in linealgerader Linie mit der Stirn – , eine üppige Nofretete, die schön aussah, sooft beim Lächeln die großen, ebenmäßigen Zahnbögen sichtbar wurden, machte belegte Brote zurecht, einen Berg – in den langen Russen ging viel hinein.
Doktor Kreuz, der die Frauen verehrte, das Prinzip des Weiblichen, wie er sich auszudrücken pflegte, und der Ansicht war, daß ihre Sexualkomplexe nicht nur analysiert, sondern auch tapfer im Bett abreagiert werden müßten, forderte seine Anhänger durch Blicke auf, Sophie und Michael im kleinen Zimmer allein zu lassen. Daß Sophie, die er besonders schätzte, noch unberührt war, erschien ihm gefährlich komplexhaft und ihrer nicht würdig. Alle verließen das Zimmer, Hals über Kopf, als hätten sie soeben entdeckt, daß Sophie die Cholera habe.
»Hoffentlich wird er Sophie deflorieren, damit auch sie das brennende Problem der Epoche mit...




