E-Book, Deutsch, 136 Seiten
Frank Von drei Millionen drei
1. Auflage 2015
ISBN: 978-3-8412-0998-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 136 Seiten
ISBN: 978-3-8412-0998-6
Verlag: Aufbau Digital
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hier gehen wir sicher zugrunde und drüben nur vielleicht. In diesem Sinne wollen die drei arbeitslosen Wanderer ihrem Elend davonlaufen. Am liebsten würden sie nach Amerika aufbrechen. Aber gerade darin liegt das Problem: zu Fuß kann man den anderen Kontinent nicht erreichen, und ihr Geld langte nicht mal für einen saftigen Rettich. Da aber geschieht das Unfaßbare. Einer bekommt eine Hunderpfundnote geschenkt. Nun ist der Ozean kein unüberwindbares Hindernis mehr. Das große Abenteuer beginnt schon auf dem Schiff, eirreicht seinen Höhepunkt in Buenos Aires und endet - in Würzburg.
Leonhard Frank wurde am 4. September 1882 in Würzburg geboren. Sein Vater war Schreiner, er selbst ging zu einem Schlosser in die Lehre, arbeitete als Chauffeur, Anstreicher, Klinikdiener. Talentiert, aber mittellos, begann er 1904 ein Kunststudium in München. 1910 zog er nach Berlin, entdeckte seine erzählerische Begabung und verfaßte seinen ersten Roman, 'Die Räuberbande', für den er den Fontane-Preis erhielt. Im Kriegsjahr 1915 mußte er in die Schweiz fliehen: Er hatte Zivilcourage gezeigt und handgreiflich seine pazifistische Gesinnung kundgetan. Hier schrieb er Erzählungen gegen den Krieg, die 1918 unter dem berühmt gewordenen Titel 'Der Mensch ist gut' erschienen. Von 1918 bis 1933 lebte er wieder in Berlin, nun schon als bekannter Autor. 1933 mußte er Deutschland erneut verlassen, diesmal für siebzehn Jahre. Die Stationen seines Exils waren die Schweiz, England, Frankreich, Portugal und zuletzt Hollywood und New York. 1952, zwei Jahre nach seiner Rückkehr aus den USA, veröffentlichte er den autobiographischen Roman 'Links wo das Herz ist'. Leonhard Frank, 'ein Gentleman, elastisch, mit weißen Haaren, der in seinem langen Leben alles gehabt hat: Hunger, Entbehrung, Erfolg, Geld, Luxus, Frauen, Autos und immer wieder Arbeit' (Fritz Kortner), starb am 18. August 1961 in München.
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I
Drei Männer gingen aus der Stadt hinaus, ein Schreiber, ein Schneider und ein Fabrikarbeiter: von drei Millionen Arbeitslosen drei.
Ein Ziel hatten sie nicht – Arbeit gab es nirgends, und Arbeitslose gab es in allen Städten und überall. Sie gingen einfach los, der Nase nach.
Dem Schreiber fehlten zwei Vorderzähne, der Schneider hinkte leicht, und der Fabrikarbeiter hatte ein Glasauge.
Sie kannten einander von Kindheit an, hatten zusammen dieselbe Schule besucht, als junge Männer ihr Brot und etwas mehr verdient, waren im selben Infanterieregiment in den Krieg gezogen und dann durch lange Arbeitslosigkeit immer tiefer gerutscht, bis sie eines Tages nichts mehr besessen hatten als ihre in schwerer und schwerster Not erprobte und erhärtete Freundschaft.
„Jetzt geht’s ja noch. Es ist sogar sehr schön, die Sonne scheint. Und dieser Duft! Riecht ihr ihn? Aber in ein paar Stunden, so gegen Mittag, um die Essenszeit – was dann? Und wo schlafen wir heute nacht?“
„Wenn du jetzt schon anfängst, dann ist es besser, du gehst gleich wieder heim“, sagte der Schreiber. „Übrigens haben wir ja noch die siebzig Pfennige. Die reichen für heute. Die müssen erst einmal weg! Dann geht’s erst richtig an. Erst dann werden wir sehen, ob für unsereinen der Brotkorb tatsächlich so unerreichbar himmelhoch hängt, daß keine Leiter hinauflangt … Ich, jedenfalls, kehre nicht um, lieber verreck ich.“
Glasauge dachte an dieses ganz besonders geartete Schweigen seiner Zimmerwirtin, mit dem sie ihm in der letzten Zeit das Essen, das er nicht bezahlen konnte, hingestellt hatte. „Wer sagt dir denn, daß ich wieder umkehre! Das ist ganz ausgeschlossen.“
„Na also! Dann sind wir ja einig! Alles ist glatt. Die Welt steht offen, wir brauchen bloß hineinzulaufen … Wenn die siebzig Pfennige weg sind, dann verkaufen wir beim nächsten Optiker dein Glasauge. Das reicht schon wieder für einen Tag. Sehen kannst du damit ja doch nicht. Und nur wegen der Schönheit? Den Luxus können wir uns nicht leisten.“
Da sah Glasauge, um seine Verlegenheit zu verdecken, übertrieben lebensmutig geradeaus und begann, tapfer voranzuschreiten.
„Schnell gehen dürft ihr nicht, naturgemäß“, sagte der hinkende Schneider. „Das ist ausgemacht. Wir haben ja auch Zeit.“
„Und sonst nichts! Nichts als Zeit!“
Sie schlenderten langsam weiter wie bei einem gemächlichen Sonntagsspaziergang vor der Stadt.
„Wir haben unsere volle persönliche Freiheit, wir können tun und lassen, was wir wollen. Das ist auch etwas wert. So unabhängig sind nur die ganz Reichen, die alles tun und haben können, und eben Leute wie wir, die nicht einmal mehr ein Dach über dem Kopf haben.“
Glasauge gab dem Schreiber die Anspielung auf seinen Ersatz zurück: „Du bist ja sehr gescheit. Aber du mußt deutlicher sprechen, sonst verstehen wir deine Weisheiten nicht. Gib dir nur Mühe, dann geht’s auch ohne Zähne.“
Der Schneider machte einen schnelleren Hinkeschritt. „Aber was tun wir denn nun wirklich, wenn wir keine Arbeit finden, und an Arbeit ist doch gar nicht zu denken, naturgemäß.“
Nach langer Überlegung – er bemühte sich jetzt, deutlicher zu sprechen – sagte der Schreiber: „Die Sache ist so: Wer sich nicht umbringt, muß essen, wer essen soll, muß arbeiten, und wer keine Arbeit findet, der muß …“
„Der muß sich umbringen“, sagte Glasauge schlicht und lächelte befriedigt, weil ihm das eingefallen war.
„Nein, der muß eben, wie das Wild im Walde, sein Fressen nehmen, wo er es findet.“
„Du meinst also, wenn wir dort vorne bei dem Kilometerstein eine gespickte Brieftasche finden, dürfen wir naturgemäß keine Annonce in die Zeitung setzen und den Verlierer suchen.“
„Ich sag’s ja – du bist unser Gescheitester … Im Ernst, ich bin direkt neugierig, ob das Leben heutzutage so lückenlos durchorganisiert und rationalisiert ist …“
„Red nicht so geschwollen!“
„… daß so drei wie wir glatt verrecken müssen, oder ob das Leben doch noch Unterschlupfe und Möglichkeiten bietet.“
„Vielleicht finde ich einen Bauern, der sich einen Anzug von mir machen läßt.“
Der Schreiber drehte ihm den Kopf zu und blickte dann, verzweifelt über soviel Starrsinn und Dummheit, in den Himmel. „Der Bauer wartet sicher schon auf dich … Mein Lieber, wenn du noch derartige Illusionen hast …! Nein, wir sollten uns das genaue Gegenteil vornehmen, wir sollten etwas, das es gegenwärtig einfach in Deutschland nicht gibt, für Männer über Vierzig ganz bestimmt nicht gibt, gar nicht erst suchen. Wenn rechts ein Fabrikschlot steht, sollten wir nach links abbiegen. Denn unter jedem Fabrikschlot warten tausend jüngere Arbeitslose. Ich schlage vor, wir suchen überhaupt keine Arbeit. Ich glaube ja an den Zufall. Aber an den Zufall, daß wir Arbeit finden, glaube ich nicht.“
„Was aber dann?“
„Wenn ich das wüßte, hätte ich es längst getan. Aber vielleicht weißt du es, du bist ja unser Gescheiter.“
Der Schneider rief das weltbekannte Wort. Aber der Schreiber lehnte ab.
„Vielleicht verliebt sich eine in mich, und wir heiraten“, sagte Glasauge nach langem Grübeln.
„Jedenfalls kannst du, trotz deiner hervorragenden Schönheit, immer noch eher eine Frau finden als Arbeit.“
„Wenn du nicht deutlicher sprichst, kann ich kein Wort verstehen.“ Er warf wieder das Kinn hoch und ging schneller.
„Aber was wäre damit gewonnen? Dann könnten wir zu vieren tippeln. Oder glaubst du, diejenige, die sich in dich verliebt, hat etwas?“
„Nun, vielleicht so einen kleinen Laden. Ich führe dann die Bücher.“
„Führ sie! Aber gewissenhaft!“ sagte ärgerlich der Schreiber und schwieg.
Auch die anderen schwiegen. Unversehens kam über alle die graue Traurigkeit. Die Mundwinkel sanken, und in den Stirnen entstanden Denkfalten. Aber keiner hätte dieses vage Gemisch aus Erinnerungs- und Empfindungsfetzen dem anderen mitzuteilen vermocht.
Sie näherten sich einer kleinen Mühle, die von einem Ochsen gedreht wurde, der immer im Kreise herumging. Ein Pfosten mit einem Heubündel drehte sich mit der Mahlscheibe mit. Wenn der Ochse fressen wollte, mußte er dem Heubündel nachlaufen, und dabei hielt er die Mahlscheibe in Gang.
Sie sahen lange und schweigend zu.
Der Schreiber fühlte, an was die anderen dachten. „Schlagt euch das aus dem Kopf! Das werdet ihr nie erreichen. Für uns muß der Satz lauten: Auch wer nicht arbeitet, soll essen. Fragt sich eben nur, wer uns das Essen gibt … Ich geh jetzt hinein zu dem Bauern und sage, nur einmal zur Probe: Wir haben Hunger.“
„Warum nur zur Probe. Ich hab ja Hunger, naturgemäß.“
Da vernahmen sie ein bösartiges Knurren, ganz plötzlich schlug der Hofhund rasend an. Allen dreien ging ein Schauer durch den Körper, sie drückten sich unwillkürlich aneinander und verließen eilig den Hof.
Der Weg stieg an. Sie erreichten den Rand des Tannenwaldes auf dem Hügel. Die Sonne stand schon hoch am Himmel. Zwischen Feldern und Wiesen, wellig hingebreitet gelb und grün, glänzte der Fluß noch in weiter Ferne strichdünn aus dem schimmernden Tal. Im Tannenwald bewegte sich nicht eine Nadel in dieser Mittagsstille, selbst die Vögel schliefen und das Wild im Brausen der Myriaden Mücken. Tiefer Friede lag über der fruchtstrotzenden Landschaft.
Aber sie trauten in ihren Herzen diesem Frieden nicht, der gesichert war durch scharfe Hunde und durch Gesetze, hinter denen Maschinengewehre standen und Steinwürfel mit vergitterten Fenstern.
Dennoch ergriff der stille Zauber dieser Landschaft diese drei Männer, die sich im dumpfen Zimmer des städtischen Arbeitsnachweises jahrelang täglich viele Stunden erfolglos aufgehalten hatten und schließlich nicht mehr imstande gewesen waren, diese graue, lähmende Trostlosigkeit länger zu ertragen. In ihnen war das Leben noch nicht ganz ertötet, sonst wären sie weiter stempeln gegangen, gleich ihren drei Millionen Leidensgenossen, denen das Stempelngehen schon zum trost- und aussichtslosen Beruf geworden war, zum unentrinnbaren Schicksal, gegen das sie nicht mehr ankämpften.
Sie ließen sich nieder auf das weiche Moos. Sie lagen verdächtig reglos, es ging etwas vor in ihnen. Die Gedanken kamen. Aber alles, was ihnen einfiel, mußte immer gleich wieder als undurchführbar verworfen werden. In wenigen Minuten starben die Illusionen zu Dutzenden. Sie gewannen Abstand und eine beträchtliche Klarheit, die keine Illusionen, aber auch keinen Ausweg mehr enthielt.
An einer winzigen Bewegung des Schreibers merkten die anderen, daß jener beim selben Punkt angelangt war und jetzt aussprechen werde, was sie selbst gedacht hatten. Das zeigte sein kleines skeptisches Lächeln, das mit Humor und Bitternis garniert war.
„Wieder in eine Stadt zu gehen, hat keinen Sinn. Dort ginge es uns im besten Fall so wie bisher. Dann hätten wir gleich bleiben können, wo wir waren.“
‚Stimmt‘, dachten beide, ohne es auszusprechen.
„Und ein Landstreicherleben zu führen, ist heutzutag auch sinnlos. Da haben wir vielleicht, wenn’s gut geht, von Tag zu Tag kümmerlich zu fressen. Das ist aber auch alles.“
Die beiden empfanden eine Art Befriedigung, weil sie dasselbe gedacht hatten.
„Wir können da hinunterblicken auf diese wirklich sehr schöne Landschaft. Das verbietet uns niemand. Aber nur einen Schinken aus dieser friedlichen Landschaft, aus...




