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Frank World of Nightwalkers - Grenzenloses Verlangen
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-8025-9980-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, Band 04, 352 Seiten
Reihe: World-of-Nightwalkers-Reihe
ISBN: 978-3-8025-9980-4
Verlag: LYX
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Als Katrina Haynes einen verletzten Mann im Schnee findet, nimmt sie sich seiner an und pflegt ihn wieder gesund. Doch sie ahnt nicht, dass Ahnvil in Wahrheit ein Gargoyle ist -- ein übernatürliches Geschöpf, das sich in Stein verwandeln kann. Und Ahnvil besitzt mächtige Feinde, die es nun auch auf Katrina abgesehen haben. Während die beiden verzweifelt versuchen zu überleben, stellt Katrina schon bald fest, dass Ahnvil keinesfalls ein Herz aus Stein besitzt.
Weitere Infos & Material
1
Vor ungefähr dreihundert Jahren
Sein Name war ihm genommen worden.
Vor vielen Jahren, als er verschmolzen worden war, hatten sie ihm alles geraubt, was ihn ausgemacht hatte, und ihn mit nichts zurückgelassen … nackt und schutzlos, sogar ohne einen Namen. Vom Moment der Wiedergeburt als das Ding, das er jetzt war, war er alles Mögliche genannt worden. Sklave. Idiot. Dummkopf. Diese Worte waren jetzt seine Namen. Was denkst du, Dummkopf? Reich mir das Wasser, Sklave. Weißt du, was du da tust, du Idiot!!?
Aber nun nicht mehr. Heute Nacht würde er frei sein, auf die eine oder andere Weise, und er würde nicht vor dem Preis zurückschrecken, den es zu zahlen galt, um die Freiheit zu erlangen. Egal ob es Flucht oder Tod bedeutete.
Er musste nur den Stein an sich bringen. Das war alles. Nur ein kleines Stück Stein, das genau seit dem Moment mit ihm verbunden war, als man ihn zu diesem furchtbaren Leben gezwungen hatte. Ein kleiner Stein machte für ihn den Unterschied zwischen Leben und Tod aus. Freiheit oder Auslöschung. Andere Möglichkeiten gab es nicht. Er konnte nicht länger einen anderen Daseinszustand ertragen.
Doch die Aufgabe war schwerer, als es schien. Sein Meister wachte eifersüchtig über den Stein wie auch über die der anderen Sklaven. Er spürte einen Anflug von schlechtem Gewissen, die anderen zurückzulassen, die sich weiterhin mit ihrem versklavten Zustand abfinden müssten, doch er konnte sich weder um sie kümmern noch sie um Hilfe bitten. Er würde kein anderes Leben außer seinem riskieren. Wichtiger noch, er wusste nicht, ob er sich überhaupt darauf verlassen konnte, nicht von einem der anderen verraten zu werden.
Ja, es war in gewisser Weise egoistisch, gestand er sich ein, doch er hatte keine andere Wahl, als egoistisch zu sein. Diese verrückte Tat war ausschließlich sein Ding.
Alles, was er brauchte, war ein kleiner Stein.
Er wartete, bis nur noch er und sein Herr im Raum waren. Er stand lässig herum und versuchte, nicht den Eindruck zu erwecken, als würde er irgendetwas im Schilde führen, das auch nur im Entferntesten als rebellisch angesehen werden könnte.
Sein Herr war ein dunkler und mächtiger Mann. Er stand sehr weit oben in der Befehlskette, und er war vielbeschäftigt und auf den Krieg konzentriert, den er gegen seine Feinde führte. Doch er war nicht allmächtig. Er war zwar talentiert genug, zahlreiche Sklaven wie ihn zu erschaffen, doch sein Herr war selbst einer Herrin Rechenschaft schuldig.
Er war ihr stets zu Diensten und übertrug seinen Sklaven in ihrem Auftrag unzählige Aufgaben, die mal harmlos, mal schrecklich waren. Und obwohl sein Herr es gewesen war, der ihn versklavt hatte, war es diese Herrin, auf die er seine ohnmächtige Wut als Gefangener richtete. Oh, sie waren gleichermaßen verantwortlich für die einzelnen Sklaven, die sie schufen, doch die Herrin seines Herrn war der kranke Geist, der die schrecklichen Aufgaben, die ihm sein Herr übertrug, ersann.
Und egal wie verwerflich die Aufgaben waren, solange sein Herr im Besitz des Steins war, blieb ihm nichts anderes übrig, als sich zu fügen. Und so hatte er schreckliche Dinge getan. Dinge, die er manchmal sehr genossen hatte, auch wenn er gewusst hatte, wie finster die Ziele seines Herrn womöglich waren. Er hatte Dinge gestohlen. Er hatte Überfallkommandos gegen die Feinde seines Herrn angeführt.
Er hatte kaltblütig gemordet.
Und in der Nacht, als ihm bewusst geworden war, dass er langsam Gefallen an diesen schrecklichen Taten fand, hatte er erkannt, wie unmoralisch er selbst geworden war. Er konnte seinen Herrn nur bis zu einem gewissen Grad dafür verantwortlich machen. Doch hatte er weit mehr als die ihm übertragenen Pflichten erfüllt, und er hatte Gefallen daran gefunden. Er war von einem versklavten Wesen, das seinen Besitzer verachtete, zu einem ehrlichen und loyalen Diener geworden, der stolz darauf war, wie er die finsteren, abscheulichen Taten vollendete.
Er war zu einem abstoßenden Abbild seines Herrn geworden. Er musste für seine Taten so viel Buße tun, dass er die Freiheit wahrscheinlich gar nicht verdiente. Doch auf die Freiheit zu verzichten würde bedeuten, anderen nur noch mehr Schaden zuzufügen. Es würde ihn nur noch tiefer ins Verderben stürzen, und das konnte er nicht ertragen.
Doch es war genau diese Loyalität gegenüber seinem Herrn, die diesen nachlässig werden ließ, weshalb er seinem besten und loyalsten Sklaven die Steine unbeaufsichtigt überließ. Doch wenn er scheiterte, würde er jedes Vertrauen verlieren und würde von grausamer Folter bis zum Tod alles erleiden. Er hatte aus nächster Nähe den Zorn seines Meisters wüten sehen. Verdammt, er selbst war oft das Instrument gewesen, durch das sein Meister seine Vergeltung an denjenigen geübt hatte, die ihm in die Quere gekommen waren. Er wusste, wie einfallsreich der Mann beim Töten sein konnte.
Der Raum war leer, doch das hatte nichts zu bedeuten. Er ging langsam und zielstrebig auf den Kasten mit den Steinen zu. Es war ein schlichter Schmuckkasten mit blauer Samtverkleidung und aus auf Hochglanz poliertem Holz. Er war sechseckig, und in den Deckel war ein weiteres Sechseck aus geschliffenem Glas eingelassen. Das Glas in der Mitte war wie eine Lilie gestaltet. Hätte man das Glas gefärbt, wäre es eine schwarze Lilie gewesen. Schwarze Lilien waren das Kennzeichen seines Herrn. Manchmal wurde er angewiesen, am Kampfort eine Lilie auf den Boden zu zeichnen; er hatte das Kennzeichen seines Herrn hinterlassen – ob bei etwas so Brutalem wie einem Rachemord oder etwas so Harmlosem wie einem Altar.
Es war kein kitschiges Zeichen wie in Filmen oder im Fernsehen – eine Art zu sagen: »Ich war hier!« oder »Fürchte meinen Zorn!«. Die schwarze Lilie war ein Schlüsselsymbol für Tod, einen Tod, den sein Herr zielstrebig und zornig verfolgte. Nicht den Tod derjenigen um ihn herum, sondern seinen eigenen.
Denn sein Herr war ein mächtiger Unsterblicher, dazu verdammt, das Leben immer wieder aufs Neue zu leben, wobei er sich an das Leiden des vorhergehenden Lebens erinnerte. Nicht vielen war das bewusst, doch als rechte Hand seines Herrn konnte er kaum übersehen, wie sehr sein Herr sich nach einem endgültigen Tod sehnte.
Er zögerte einen Moment, bevor er den Kasten berührte. Er wusste, dass er verzaubert war, dass er augenblicklich Alarm auslösen und mit einem abwehrenden, schmerzhaften Zauber explodieren würde. Durch das Glas hindurch konnte er die kleine Sammlung bunter Steine sehen, die von grau wie Granit bis zu wunderschönen Rottönen und sämtlichen Abstufungen dazwischen reichten. Er wusste, dass seiner der zimtfarbene Stein war, der knapp in seine Hand passte. Er war glasklar und so geschliffen, dass er wie ein Rubin schimmerte, nur ohne die dunkle, blutähnliche Färbung. Er passte perfekt zu seinen Augen. Er war, was er war. Ein Stein. Ein geschützter Stein. Sein Energiestein. Ein Stein, an den er den Rest seines Lebens gebunden wäre. Er war an dem Tag, an dem er geformt worden war, seiner Hülle entnommen worden, und jetzt … und jetzt war er sein Sklave. Immer wenn er schlief, musste dies in Kontakt mit dem Stein geschehen. Wenn er das nicht tat, wären die Folgen katastrophal. Für längere Zeit von dem Stein getrennt zu sein würde bedeuten, ewiges Leben zu riskieren.
Er ballte die Faust und verwandelte damit sein Fleisch und seine Haut in Stein … einen dunkelgrauen Stein. Mit einem sorgfältig kontrollierten Stoß rammte er die Faust in das Glas. Er war stark genug, um alles in dem Kasten zu Staub zu zermalmen, wenn er nicht vorsichtig war, und das würde nicht nur sein Ende bedeuten, sondern auch das all derjenigen, die mit den anderen Steinen verbunden waren.
Der ausgelöste Zauber war schrecklich schmerzhaft. Er wütete gegen ihn und trieb ihn von dem Gegenstand weg, den er so dringend brauchte. Er warf sich dagegen, doch die Kraft drängte ihn immer weiter zurück.
Nein! Nein! Ich darf nicht scheitern!
Er musste es schaffen, und zwar rasch. Der Alarm, der aus dem Raum hinausschallte, würde in kürzester Zeit andere herbeirufen. Unter Aufbietung seiner letzten Kräfte warf er sich ein letztes Mal nach vorn, griff nach dem Energiestein und schloss seine Hand darum.
Der Kasten fiel zu Boden, und die anderen Steine verstreuten sich in alle Richtungen. Doch er achtete nicht darauf. Er überließ sich der Abwehr des Zaubers, der ihn gewaltsam aus dem Raum stieß. Er stieß mit zwei Dienern zusammen, die wegen des Alarms angerannt kamen. Ein Dritter hob eine Waffe, eine Pistole, und schoss ihm in die Brust, direkt über seinem schlagenden Herzen und unter dem Mal, das ihn für immer zeichnen würde. Seine versteinerte Haut fing einen Großteil des Aufpralls der Kugel ab, doch er spürte und sah, dass ein Stück herausgerissen wurde. Der Schmerz war stechend und heftig, doch er schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Er hatte sich schon schlechter gefühlt. Im Moment konzentrierte er sich darauf, den Akolythen zu packen, ihn etwas näher heranzuziehen und ihm die Faust mit dem Stein darin auf den Schädel zu schlagen. Der Mann sackte zusammen, und er ließ ihn wie einen Müllsack fallen. Wie stets ließ er keine Gewissensbisse zu. Das hob er sich für später auf. Im Augenblick musste er kämpfen, für seine Freiheit und das Recht, Buße zu tun – für die neuen Sünden, die er begehen würde, wie auch für die alten.
Er schüttelte den Gedanken ab und machte sich auf den Weg hinaus, in eine kalte und erstaunlich klare Nacht, und er spreizte die Flügel und erhob sich mit drei gleichmäßigen...




