E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Dhenari
Franke Dhenari
1. Auflage 2018
ISBN: 978-3-7427-2103-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Hüter der Portale
E-Book, Deutsch, Band 1, 256 Seiten
Reihe: Dhenari
ISBN: 978-3-7427-2103-7
Verlag: neobooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Leidenschaft für das geschriebene Wort packte Jessica Franke bereits im Alter von zwölf Jahren - als sie ihren ersten Roman schrieb, der heute aus gutem Grund in der Schublade liegt. Inzwischen verdient sie sich ihre Brötchen als Texterin, bloggt nebenbei über Serien, Bücher und das Schreiben, betreibt semi-erfolgreich einen YouTube-Kanal und mischt jederzeit gerne bei Projekten mit, bei denen es um Sci-Fi und Fantasy geht.
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Die Bäume Lethiels schüttelten ihre Kronen im morgendlichen Wind und scheuchten die noch schlafenden Vögel auf. Nur langsam kletterte die milchige Helligkeit über den Horizont und vertrieb die kalte Luft, während einige der übereifrigen Blütenpflanzen bereits ihren Duft verströmten und die Insekten aus ihren Nachtquartieren lockten.
Als ein lauter Paarungsruf vom Fluss ertönte, blickte Fandra auf. Wie an jedem Tag saß sie bereits seit der Dämmerung hier draußen und genoss die Ruhe des Dschungels, bevor die Pflicht rief. Es war ein Privileg, dass sie Lethiel und die Akademie ihr Zuhause nennen durfte, das war ihr nie bewusster als in diesen stillen Momenten. Das Leben draußen war seit dem Krieg hart geworden. Selbst fast dreißig Jahre nach seinem Ende vergaßen die Menschen nur zögerlich, in welches Chaos die Dhen sie gestürzt hatten.
Es war angesichts dessen ein Wunder, dass man sie hier in Ruhe neue Dhen Sachain ausbilden ließ. Aber selbst die größten Zweifler hatten inzwischen eingesehen, dass es einen Grund für ihre Existenz geben . Einen Grund dafür, dass immer noch Kinder geboren wurden, die tief in die Struktur des Universums eingreifen konnten.
Der Lockruf des Vogels erklang ein zweites Mal, näher diesmal, und Fandra erhob sich aus dem vergilbten Gras, das vor dem Gebäude wuchs, das sie ein wenig großspurig Akademie nannten. Es war nichts als ein alter Tempel einer vor Äonen untergegangenen Zivilisation, erbaut aus sandfarbenen Steinblöcken, die sich hoch über den Dschungel erhoben und am Eingang von vier dicken Säulen flankiert wurden. Auf dem Planeten gab es hunderte solcher Gebäude, deren Bedeutung mit den Ureinwohnern untergegangen war. Der Ort war magisch und erdverbunden zugleich, und allen Unannehmlichkeiten zum Trotz war er zum Inbegriff ihrer Existenz geworden, seit der Krieg eine breite Schneise in ihre Reihen geschlagen hatte.
Als sie einen Fuß auf die erste der grauen Steinplatten vor dem Eingang setzte, hörte Fandra einen weiteren Schrei. Mit ihren geschulten Ohren erkannte sie sofort, dass sich kein Partner für den einsamen Vogel eingefunden hatte, vielmehr machte sich eine gewisse Schülerin einen Spaß daraus, ihn zu ärgern. Automatisch blickte Fandra nach oben und sah das Mädchen kurz aus einem der Fensterlöcher winken, dann setzte sie ihren Weg fort.
Aki Lavantin zog hastig ihren Kopf zurück, ließ die grob behauene Fensterbank los und tapste über ihr Bett, das genau unter dem Fenster stand und ihr als Leiter diente. Ihre Füße berührten nur für einen Sekundenbruchteil den eiskalten Boden, bevor sie sich wieder aufs Bett fallen ließ und erst einmal nach ihren Schlappen suchte, die sich irgendwie unter ihr Bett verirrt hatten.
Es war noch früh, doch Aki war ein Morgenmensch und bereits seit einer geraumen Weile wach. Dass sie die Zeit damit verbrachte, aus dem Fenster zu schauen und Vögel zu ärgern, war pädagogisch betrachtet freilich beklagenswert. Langsam aber sollte sie sich sowieso für den Tag fertig machen, wenn Fandra schon mit ihrer täglichen Meditation fertig war.
Sie band sich nachlässig ihre dunklen Locken zu einem Pferdeschwanz zusammen und zog aus dem Kleiderstapel auf ihrem Tisch eine dunkelgrüne Hose und ein cremefarbenes Hemd. Nichts, womit sie auffiel, denn über kurz oder lang entwickelte hier jeder einen ähnlichen Kleidungsstil. Das schwüle Klima und die Anforderungen des Trainings waren am Ende überzeugender als irgendwelche Moden, obwohl es natürlich trotzdem genügend Schüler gab, die es versuchten. Als sie sich fertig angezogen hatte, schlüpfte Aki in die hohen Schnürstiefel, die ihr ihre Mutter geschenkt hatte, brachte ihr Bett flüchtig in Ordnung, und verließ das Quartier in Richtung Speisesaal.
Der alte Tempel, in dem sie sowohl lebten als auch lernten, war sicherlich einst zu einem ganz anderen Zweck errichtet worden. In den wenigsten Quartieren waren in den Gründungstagen der Akademie Fensterlöcher in die Wände geschlagen worden, und die engen Gänge, die das Gebäude wie Adern durchzogen, bildeten ein Labyrinth, in dem nahezu jeder Schüler zu Beginn seiner Ausbildung mindestens einmal verloren ging. Das Herzstück aber war eine riesige Halle im Erdgeschoss, deren Decke sich irgendwo in der Dunkelheit verlor, und die eine Akustik besaß, auf die so manche Oper auf der Hauptwelt neidisch war. Für sie war dieser Raum Speisesaal, Versammlungshalle, Treffpunkt und Marktplatz in einem.
Die Dramen, die sich hier jeden Tag aufs Neue abspielten, interessierten vor allem Akis Schwester Ezra. Während sie gedankenlos ihr Müsli in sich hinein schaufelte, wanderte ihr Blick über die Schar von Schülern, die an runden Tischen saßen und den Saal mit einer Kakophonie unterschiedlicher Stimmen und Sprachen füllten.
Niemand käme auf den absurden Gedanken, dass sie und Aki miteinander verwandt waren, denn Ezra wirkte mit ihren kurzen blonden Haaren und den schlanken Gliedern ungleich zarter. Sie war auch bei weitem die Ruhigere und Besonnenere von ihnen beiden. Überhaupt nur wegen ihr und ihrem Ehrgeiz waren sie hier. Ihr Vater mochte einer der Gründer der Akademie sein, aber Aki hatte herzlich wenig Interesse daran gezeigt, ihren Titel als Partykönigin von Namia aufzugeben. Eigentlich wusste Ezra bis heute nicht, wieso sie mit nach Lethiel gekommen war.
Als sie Aki entdeckte, winkte sie ihr zu, aber ihre Schwester machte noch einen Umweg zum Büfett, bevor sie sich mit einer Schale Obstsalat zu ihr an den Tisch setzte. Gleich darauf gesellte sich Mek'to-bar Evarankontelyys zu ihnen und strich sich dabei wie üblich seinen viel zu langen Pony aus dem Gesicht.
Mek'to-bar war zwar ein wenig älter als die beiden Mädchen, aber mit seiner zurückhaltenden Art wirkte er häufig wie ein kleiner Junge, der sich verlaufen hatte. Im Grunde war er nur mit Ezra befreundet, Aki hatte er irgendwie gratis mit dazu bekommen und war sich immer noch nicht sicher, ob er sich darüber nun freuen sollte oder nicht.
„Schaut“, sagte Mek'to-bar und nickte in Richtung des offenen Vorraums der Akademie, wo sich im blendenden Licht eine Silhouette abzeichnete. „Schon wieder eine neue Dhen.“
Aki drehte sich um. „Die Zweite innerhalb von drei Tagen“, stellte sie nüchtern fest und wandte sich dann wieder Ezra und Mek'to-bar zu, die weiterhin gebannt die Frau beobachteten, die zielstrebig zu Fandras Tisch lief. Sie trug den dunkelroten Umhang einer voll ausgebildeten Dhen Sachain und hatte die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, so dass nur einige ihrer hervorquellenden blonden Locken und ihr weicher Gang verrieten, dass es sich um eine Frau handelte. Die Beiden nickten, um Akis Bemerkung zu bestätigen, sagten aber nichts.
Aki drehte sich nochmals um und sah gerade noch, wie die Frau Fandra die Hand schüttelte, bevor beide in dem Gang verschwanden, der zu ihrem Büro führte. Als sie aus ihrem Blickfeld verschwunden waren, wandte sie sich wieder ihrem Obstsalat zu.
„Vielleicht ist das das Sammeln der Kräfte, von dem Renga spricht.“
„Also, Prophezeiung ist so schwammig, dass damit genauso gut das Frühstück in zwei Wochen gemeint sein kann“, bemerkte Aki.
„Abgesehen davon sind schätzungsweise neunzig Prozent der Vorhersagen in exakt dem Moment wertlos geworden, als der Krieg begann“, ergänzte Mek'to-bar.
Ezra verzog genervt den Mund. „Ich sag ja nur, dass es auffällig ist.“
„Was? Dass Fandra neue Lehrer einstellt?“ Aki ließ den Löffel klappernd in die leere Schüssel fallen. „Wie auch immer, ich geh zum Training.“
„Ach ja, dein neues “ Ezra rollte mit den Augen. „Was hat es damit auf sich?“
„Ich entwickle mich weiter“, antwortete sie schulterzuckend. „Weißt du, Dhen sein ist ja gut und schön, aber man muss doch auch mal irgendwas anderes machen.“
„Und da fällt die als erstes Tanzen ein?“ fragte Ezra zweifelnd.
„Tibi-Cho ist kein Tanz, wie oft soll ich das denn noch sagen? Es ist ein Kampfsport.“
„Ich glaube nicht, dass ein Gegner das genauso sähe.“
Aki kniff die Lippen zusammen und erhob sich, um ihre Schüssel wegzubringen. Auf dem Weg warf sie einen schnellen Blick auf den Speiseplan und sah, dass es heute Mittag nur eine Suppe gab. Also nahm sie sich vorsichtshalber eine orangerote Herzfrucht mit und kehrte damit an den Tisch zurück. „Ich geh dann mal. Mag einer mitkommen?“
„Nee“, machten Ezra und Mek'to-bar gleichzeitig.
Aki hob nur die Schultern und verschwand durch die schmale Türöffnung wieder in das Labyrinth aus Gängen.
Es war früh damit begonnen worden, den Tempel zu unterkellern, weil man hoffte, auf diese Weise Platz für weitere Quartiere schaffen zu können. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass es unter der Erde deutlich kühler war, weshalb man stattdessen die Trainingsräume dort untergebracht hatte.
Auf dem Weg zu einem davon lauschte Aki aufmerksam, ob schon jemand vor ihr da war. Morgens, wenn die meisten Schüler noch beim Frühstück waren oder ihren Privatangelegenheiten nachgingen, war praktisch die einzige Möglichkeit, einen der Räume für sich allein zu haben. In weniger als einer Stunde träfen die ersten Schüler ein, um ihr Kampftraining zu absolvieren oder Ausdauerübungen zu machen. Dinge, die Aki mittlerweile im Schlaf beherrschte.
Sie hatte hier schon so ziemlich alles ausprobiert, bis hin zu Meditation, für die ihr jedoch eindeutig Fandras Geduld fehlte. Und es war nicht nur die Langeweile, immer wieder ergriff sie eine schwer in Worte zu fassende Furcht davor, was...




