E-Book, Deutsch, 344 Seiten
Franke Sherlock Holmes und die schwarze Kobra
1. Auflage 2016
ISBN: 978-3-95441-339-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 344 Seiten
ISBN: 978-3-95441-339-3
Verlag: KBV
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Franziska Franke wurde in Leipzig geboren, hat nach ihrer Schulzeit, die sie in Essen, Schwetzingen und Wiesbaden verbrachte, an den Universitäten von Mainz und Frankfurt Kunstgeschichte, Klassische Archäologie und Kunstpädagogik studiert. Sie wohnt heute mit ihrem Mann in Mainz, wo sie freiberuflich in der Erwachsenenbildung tätig ist. 'Sherlock Holmes und die Büste der Primavera' war ihr Debüt als Romanautorin bei KBV. In der 'Sherlock Holmes-Reihe' von Franziska Franke sind außerdem 'Sherlock Holmes und der Club des Höllenfeuers', 'Sherlock Holmes und die Katakomben von Paris', 'Sherlock Holmes und der Fluch des grünen Diamanten', 'Sherlock Holmes und das Ungeheuer von Ulmen', 'Sherlock Holmes und der Ritter von Malta' und zuletzt 2015 'Sherlock Holmes und das Geheimnis der Pyramide' erschienen.
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1. Ankunft in Bombay
Endlich zeichnete sich die Küste des indischen Subkontinents vor meinen von der Hitze gereizten Augen ab. Unsere kleine Reisegruppe würde sich also bald auflösen. Holmes hatte uns trotzdem bisher weder mitgeteilt, wie lange er in Bombay bleiben wollte, noch was er überhaupt in Indien zu tun gedachte. Möglicherweise schwieg er sich aus, damit ich mich nicht an seine Fersen heftete, vielleicht hatte er aber zu diesem Zeitpunkt auch noch kein konkretes Ziel.
Meine Frau und ich wollten hingegen nach Simla weiterreisen, wo ich zwei Jahre zuvor ein kleines Grundstück von einem abenteuerlustigen Onkel geerbt hatte. Es war gewiss weit weniger wert, als die Reise dorthin kostete, weshalb ich bisher noch keine Anstalten unternommen hatte, mein Erbe in Augenschein zu nehmen. Aber als Holmes angekündigt hatte, dass er nach Indien reisen würde, änderte das schlagartig meine Einstellung zu dem Grundstück. Ich wünschte nur, er hätte diesen Plan bereits in Ägypten geäußert. Dann wären wir nicht von dort erst nach Florenz zurückgekehrt.
Am Nachmittag verkündete ein ohrenbetäubendes Tuten der Schiffssirenen unsere Ankunft in Bombay. Vor uns lag eine ausgedehnte, volkreiche Stadt, die wie Venedig durch Landgewinnung aus mehreren kleinen Inseln gebildet worden war. Heute wurde sie durch einen Bahndamm mit dem Festland verbunden. Auf dem Pier wimmelte eine Menschenmenge bunt durcheinander: indische Diener, Hafenbeamte, Pagen mit großen Namensschildern und die Schlepper der Hotels. Dazwischen standen als Fels in der Brandung die Freunde und Verwandten der Passagiere.
Staunend betrachtete ich die Szenerie am Hafen, denn Bombay war anders, als ich erwartet hatte: sowohl exotischer als auch stärker vom großstädtischen, modernen Leben geprägt.
»Ich hatte mir die Stadt kleiner und weniger hektisch vorgestellt«, murmelte Violetta besorgt vor sich hin.
Mir ging es ähnlich, weshalb ich unverzüglich meinen Reiseführer konsultierte. »Bombay ist seit der Eröffnung des Suezkanals der wichtigste Handelsplatz Indiens. Die Stadt hat 1891 immerhin 821.764 Einwohner und zwar 502.851 Hindu, 158.713 Mohammedaner, 48.597 Parsen, 30.708 eingeborene Christen, 17.387 Buddhisten, 10.541 Europäer, 1168 Eurasier sowie viele Araber, Perser, Chinesen und Neger«, las ich vor und überlegte belustigt, dass wohl seit Redaktionsschluss der eine oder andere von ihnen gestorben sein könnte. Außerdem hatte ich keine Ahnung, was Parsen waren.
»Ob uns ein Hotelpage abholt?«, fragte Violetta und ließ ihren Blick suchend über die Menschenmenge schweifen.
»Wohl kaum, denn das Schiff hat mehrere Stunden Verspätung«, schaltete sich Holmes ungeduldig mit den Fingern auf der Reling herumtrommelnd ein, aber die Andockprozedur war noch immer nicht beendet.
Am späten Nachmittag gingen wir endlich die Gangway hinunter. Hitze und Lärm schlugen uns am Ufer entgegen. Als wir die Zollformalitäten in einer staubigen Baracke hinter uns gebracht hatten, fielen ganze Scharen von Kulis über uns her, die sich anboten, unser Gepäck zu tragen oder uns in der Stadt herumzuführen. Zwischen den dunkelhäutigen Einheimischen mit ihren weißen Gewändern war der schwarz gekleidete Holmes eine sehr auffällige Erscheinung, zumal er die meisten Inder um Haupteslänge überragte.
»Sie wollen uns bestimmt unsere Koffer rauben«, vermutete Violetta, argwöhnisch die einheimischen Kofferträger betrachtend, die sich bereits unseres Gepäcks angenommen hatten.
»Durchaus möglich, aber wenigstens fahren hier die Wagen nicht in der falschen Richtung!1«, erklärte Holmes gut gelaunt und winkte dann eine Droschke herbei. »Hotel Bristol«, rief er dem Kutscher zu, einem drahtigen, kleinen Mann mit großer Nase.
Konsul Angus McGregor, ein Kunde meines Schwagers, hatte uns das Hotel empfohlen, da es nicht zu teuer war und angeblich trotzdem europäischen Hygiene-Standards entsprach.
Nachdem die Gepäckträger unsere Koffer im Fahrzeug verstaut hatten, ging die Fahrt so ungestüm los, dass mein Magen einen Satz machte und ich mich vorsichtshalber am Sitz festklammerte. Aber bald bogen wir in eine belebte Straße ein, in der die Kutsche nur noch langsam vorankam. Draußen mischten sich Lastenträger, die überfüllte Schubkarren vor sich herschoben mit Lebensmittelhändlern, die ihre Waren laut anpriesen, weiß gekleidete, arme Hindus mit reichen Landsleuten in farbigen Kleidern und den wichtigtuerischen Beamten der Britischen Kolonialmacht. Letztere hatten mit gewaltigen Bauten der Innenstadt ihren Stempel aufdrückt. Endlich hielten wir vor dem Hotel Bristol, einem modernen Bau, der auch in London hätte stehen können. Aber wahrscheinlich sahen Hotelbauten mittlerweile überall gleich aus.
»Wir haben telegrafisch zwei Zimmer auf die Namen Sigerson und Tristram bestellt«, sagte Holmes zum Rezeptionisten, einem fetten Inder, der nach einigem Suchen unsere Namen in seinem Gästebuch fand. Während Holmes die vorgeschriebenen Eintragungen erledigte, ließ ich meinen Blick durch die Halle wandern, die mit ihren durchbrochenen Bronzelampen und in Rottönen gemusterten Textilien wenigstens etwas exotisches Flair verströmte.
Hotelpagen schleppten unser Gepäck eine herrschaftliche, von einem karminroten Läufer bedeckte Treppe hinauf. Das Gästezimmer war jedoch weit weniger luxuriös, als ich es angesichts des Eingangsbereiches erwartet hatte. Es war zwar geräumig und auf den Parkettfußböden lagen dicke Orientteppiche. Aber die Betten waren unbequem, und die schon etwas angestoßenen Schränke aus dunklem Holz rochen vermodert. Zwei niedrige, wackelige Stühle und ein kleiner Tisch mit matt gescheuerter Platte rundeten die schäbige Einrichtung ab. Betrachtete man allerdings die Lebensverhältnisse der meisten Einwohner Bombays, so hatten wir sicherlich eine akzeptable Unterkunft gefunden, zumal das Hotel sehr zentral gelegen war.
Wir waren von der Reise erschöpft und gingen daher früh zu Bett. Trotzdem schlief ich schlecht, denn die feuchte Luft machte mir zu schaffen. Außerdem hatte ich, als Folge der langen Seefahrt, die ganze Nacht noch immer das Gefühl, dass mein Bett schwankte.
»Denk dran, dass du für Andrea eine Skulptur ausliefern musst«, ermahnte mich Violetta am nächsten Morgen gleich nach dem Frühstück. »Am besten du erledigst es gleich. Dann haben wir den ganzen Nachmittag Zeit, um die Stadt zu besichtigen.«
»Willst du mich wirklich nicht begleiten?«, fragte ich und starrte feindselig auf ein sehr schweres Paket, das in der Ecke auf dem Boden stand. Es enthielt die Büste des bereits erwähnten Mister McGregor, der sich von meinem Schwager Andrea Boldoni hatte porträtieren lassen.
»Nein, das wäre wirklich übertrieben! Es ist schließlich kein gesellschaftlicher Besuch, du sollst doch nur eine Skulptur abliefern«, erwiderte meine Frau belustigt.
Wahrscheinlich wollte sie lieber zum Telegrafenamt, um ihrem Bruder mitzuteilen, dass sie sicher in Bombay angekommen war. Auch nach mehreren Jahren gemeinsamen Lebens hatte ich den Eindruck, dass Violetta sich mehr ihrer Großfamilie als ihrem Ehemann zugehörig fühlte.
»Der Konsul wohnt am anderen Ende der Stadt. Außerdem bin ich nicht der Laufjunge deines Bruders«, versuchte ich sie umzustimmen, denn ich bedauerte inzwischen, an Bord ohne groß nachzudenken in die Auslieferung eingewilligt zu haben.
»Jetzt stell dich nicht so an! Der Konsul weiß, dass du Andreas Schwager bist. Er wird dich bestimmt nicht für einen Laufburschen halten«, sagte meine Frau, während sie mir meinen Hut reichte und entschlossen die Zimmertür öffnete. »Die Statue ist bereits bezahlt. Du musst sie nur übergeben.«
»Wenn es denn sein muss!«, ergab ich mich in mein Schicksal und hob das Paket an.
»Und iss unterwegs nichts bei fliegenden Händlern«, ermahnte mich meine Frau. »Hier gibt es Krankheiten, deren Namen wir nicht einmal kennen. Die Frauen der Offiziere an Bord haben immer wieder betont, dass man in Indien nichts essen oder trinken soll, das nicht abgekocht ist.«
»Keine Sorge. Ich komme so schnell wie möglich zurück. Ich habe nämlich keine Lust, ohne dich in Bombay herumzulaufen«, versicherte ich ihr, doch in Wahrheit befürchtete ich, Holmes könnte sich während meiner Abwesenheit aus dem Staub machen.
Ich gab zwei Hotelpagen ein reichliches Trinkgeld, damit sie für mich die schwere Büste zur nächsten Haltestelle der Stadtbahn schleppten. Von dort fuhr ich mit einem modernen Zug in die Villenvorstadt Malabar-Point, die sich auf dem gleichnamigen, steilen Vorgebirge ausdehnte, das sich im Südwesten Bombays erhob. Hier befand sich unter anderem der Gouverneurspalast. Auch Konsul McGregors Villa, die sich zum Glück nicht...




