E-Book, Deutsch, 224 Seiten
Franz Swing High
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-8369-9221-3
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Tanzen gegen den Sturm
E-Book, Deutsch, 224 Seiten
ISBN: 978-3-8369-9221-3
Verlag: Gerstenberg Verlag GmbH & Co. KG
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Cornelia Franz studierte Germanistik und Amerikanistik. Nach einer Ausbildung zur Verlagsbuchhändlerin arbeitete sie mehrere Jahre als Verlagslektorin. 1993 begann sie, Reiseführer, Romane für Erwachsene und vor allem Kinder- und Jugendbücher zu schreiben.
Autoren/Hrsg.
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September 1939
Das Loewe-Rundfunkgerät stand im Musikzimmer neben dem Grammofon. Gerade so, als wollten Henris Eltern deutlich machen, dass sie den Radiokasten nur gekauft hatten, um Konzertübertragungen zu hören und nicht die unsäglichen Reden aus dem Reichstag. Doch an diesem Freitagmorgen war Henris Vater extra aus seiner Praxis gekommen, um die angekündigte Sondersendung nicht zu verpassen. Wie Millionen in diesem Moment saß Henri zusammen mit den Eltern vor dem Apparat und hörte sich an, wie Hitler dem deutschen Volk den Krieg verkündete. In dem Gerausche und Geknatter der Übertragung erklang die Stimme des Führers nur undeutlich. Aber der Inhalt war klar. Es ging los.
»Polen hat heute Nacht zum ersten Mal auf unserem eigenen Territorium auch mit bereits regulären Soldaten geschossen. Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!« Tosender Beifall, Heil-Rufe, Jubelsturm. »Und von jetzt ab wird Bombe mit Bombe vergolten!« Noch mehr Jubel. Der Reichstag war aus dem Häuschen.
»Sind die denn alle verrückt geworden?« Henris Mutter kämpfte mit den Tränen.
»Aber wenn die Polen angefangen haben, dann muss sich Deutschland doch verteidigen, oder nicht? Konnis Vater hat gesagt, dass …«
»Sei nicht dumm, Henri!« Ungewohnt scharf wurde Henri von seinem Vater unterbrochen. »Die Polen hätten nur einen faulen Apfel werfen müssen, dann wäre die Wehrmacht einmarschiert. Hitler will Polen kassieren, das hat er doch nun oft genug klargemacht. Und jetzt, wo er mit Stalin den Nichtangriffspakt verabredet hat, gibt es kein Halten mehr.«
Henri biss sich auf die Unterlippe. Was pfiff ihn sein Vater denn so an? Er war nun wirklich nicht froh über diesen blöden Krieg.
»Wenn Großvater das mitbekommt, bringt es ihn um«, sagte Henris Mutter leise.
Henri wusste nicht genau, was sein Opa im Krieg erlebt hatte. Er wusste nur, dass er 1916 bei dem schrecklichen Gemetzel von Verdun dabei gewesen war. Hunderttausende Tote, nur um einen Streifen Land zu erobern … Er sprach nie darüber.
»Mir reicht es.« Henris Vater stand auf und stellte das Radio aus. »Ich gehe wieder runter in die Praxis.«
»Werden sie dich einberufen, Vati?«, fragte Henri beklommen.
»Mein Jahrgang wurde schon vor einer Woche zu Tausenden in die Kasernen geholt. Aber bei meiner Kurzsichtigkeit kann man zum Glück auf mich verzichten.« Sein Vater nahm die Brille ab und strich sich über die Nasenwurzel. »Also dann. Ich lass die Mittagspause ausfallen, Hilde. Das Wartezimmer ist voll.«
Henri stand ebenfalls auf. »Geht ihr denn heute trotzdem in die Oper?«, fragte er.
Seine Mutter runzelte die Stirn. »Mir ist heute wirklich nicht nach Zauberflöte.«
»Schade«, murmelte Henri.
Sein Vater schnaufte durch die Nase. »Wegen eurer Swingparty? Mein Gott, Henri … Was geht nur in deinem Kopf vor?«
Als Henri allein im Musikzimmer war, vernahm er die gedämpften Stimmen der Eltern auf dem Flur. Er wollte gar nicht mitbekommen, was sie besprachen. Von dem ganzen Gerede über den bescheuerten Krieg wollte er nichts hören. Ihm reichten die Kriegsfilme, die sie in der Schule gezeigt bekamen, quasi als Einstimmung auf zukünftiges Heldentum. Freudig für den Führer im Bombenhagel sterben. Nee, danke.
Er ließ sich in den Ohrensessel sinken. Noch immer klang Hitlers Stimme in ihm nach. Wie ein wütender Schäferhund. In der HJ gab es auch einige, die sich mit diesem Geschrei wichtig machten. Am Mittwoch musste er da wieder zum Heimnachmittag antreten … Aber immerhin fiel die Schule aus.
Sein Blick wanderte zu dem verblichenen Foto, das auf dem Klavier stand. Die Großeltern bei ihrer Hochzeit, die Großmutter ernst. Großvater hingegen schaut stolz lächelnd in die Kamera, ganz jung sieht er noch aus. Wie sehr er ihm ähnelte, mit den blonden Haaren über den leider ziemlich abstehenden Ohren. Plötzlich drangen die Sätze, die er gerade gehört hatte, erst richtig zu ihm durch. Es ist gänzlich unwichtig, ob wir leben. Aber notwendig ist es, dass unser Volk, dass Deutschland lebt! Was hieß das denn? Wie konnte es unwichtig sein, ob man lebte oder tot war?
Dem Himmel schien es egal zu sein, dass sich Deutschland im Krieg befand. Die Sonne strahlte jeden Tag von einem wolkenlosen Himmel. Henri hielt es in der Wohnung nicht aus. Er durfte nicht mehr BBC hören, sollte nicht so offen seine Begeisterung für England zeigen und musste noch mehr Rücksicht auf Großvater nehmen. Nach dem Frühstück packte er seine Badesachen und lief zum Kaifu. Zumindest ein Gutes hatte der Krieg: Die Schulen waren immer noch geschlossen.
Trotz des Kaiserwetters war nicht viel los im Freibad und er entdeckte die anderen auf den ersten Blick. Fritz’ nasser Schopf glänzte kupferrot, er zog seine Bahnen durchs Wasser. Hanna, Eduard und Konrad lagen auf der Wiese wie geprügelte Hunde. Bestimmt hatten sie wieder darüber gesprochen, dass die Familie der Geschwister Deutschland verlassen wollte.
Zu allem Überfluss lagerten in Hörweite ein paar Jungs, die die Badeanstalt mit ihrer schauerlichen Musik beschallten – wenn man das Gescheppere, das einer der Idioten auf seiner Wandergitarre veranstaltete, als Musik bezeichnen konnte.
Henri warf sein Handtuch neben Hanna. »Wie haltet ihr das aus? Das klingt ja unterirdisch.« Er schaute zu den dreien hinüber. Den Langen mit den braun gebrannten Spinnenbeinen kannte er vom HJ-Dienst. Olaf … Das war einer von den Zackigen. Erst war er ganz versessen darauf gewesen, Kameradschaftsführer zu werden, und dann hatte er sich zum Streifendienst gemeldet, um andere noch besser schikanieren zu können.
»Vielleicht, weil wir größere Sorgen haben.« Eduard klang bitter.
»Jetzt nimm den Scheiß doch nicht so wichtig«, sagte Konrad. »Mein Vater meint, das wird schnell vorbei sein.«
»Pff, mal kurz dem Polen zeigen, wo’s langgeht, oder was? Fällst du auch drauf rein, Konni? Wie blöd kann man sein.« Eduard schüttelte den Kopf.
»Blöd ist nur, wenn man sich wegen Adolf und seinen Krähen die Laune vermiesen lassen muss.« Konrad starrte die drei Jungen an, die begonnen hatten, laut und unmusikalisch zu singen. »Unsere Fahne flattert uns voran, in die Zukunft ziehen wir Mann für Mann. Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not …« Bei der letzten Zeile grölten sie geradezu. »Ja, die Fahne ist mehr als der Tod!«
»Wie wär’s, wenn ihr tatsächlich mal Mann für Mann abziehen würdet? Dann wär endlich Ruhe«, rief Konrad ihnen zu. »Flattert voran, boys, aber nicht hier, okay?«
»Mensch, Konni, lass das doch. Ich hab im Moment wirklich keine Lust auf Streit«, murmelte Eduard.
Aber es war zu spät. Der Gitarrenjunge ließ seine Klampfe sinken. »Okaaayyy?«, äffte er Konrad nach. »Sprechen wir hier Englisch, oder was? Mitten in Deutschland? Und das in dieser Zeit!«
»Why not?« Konrad grinste. »Nach Polen haben wir doch sicher auch ruckzuck England kassiert. Und dann ist das alles Deutsches Reich. Passt doch wunderbar.« Dozierend hob er den Zeigefinger. »Englisch und Deutsch gehören bekanntermaßen zu den germanischen Sprachen, so wie Niederländisch, Afrikaans, Friesisch und die skandinavischen Sprachen.« Er machte eine kleine Kunstpause. »Ach ja, und Jiddisch.«
Ein Ruck ging durch die Dreiergruppe. Spinnenbein sprang auf. »Was für Wanzen seid ihr denn?« Sein Blick wanderte von Konrad zu den Geschwistern. Henri spürte, wie Eduard den Atem anhielt. Hanna mit ihren blonden Locken war nicht als Jüdin erkennbar, aber der dunkelhaarige Edu hatte es schwerer. Seit letztem Jahr durften sie ja öffentliche Schwimmbäder nicht mehr besuchen … Henri vergaß oft, wie tollkühn es war, dass sie sich das immer noch trauten. Wenn sie jemand verpfiff, würden sie verhaftet werden. Hoffentlich wurde Olaf nicht misstrauisch!
Der musternde Blick traf jetzt Henri. »Dich kenn ich doch. Du schwänzt doch immer die Heimnachmittage …«
Henris Puls ging schneller. Die letzten Male vor den Ferien war er tatsächlich nicht zum HJ-Dienst erschienen. Er hatte seinen Mut zusammengenommen und sich in der Praxis seines Vaters eine Krankschreibung gefälscht. Wenn das aufflog, gab es einen Riesenärger. »Blödsinn«, murmelte er.
»Ach ja?« Olaf kam näher.
Henri begann, sein Hemd aufzuknöpfen, wobei er es vermied, Olaf anzukucken. Er hatte genauso wenig Lust auf Streit wie Eduard. Der Einzige, der gerne mal raufte, war Fritz. Aber der kraulte zum Glück immer noch durchs Becken, als wollte er einen Rekord...




