Frapan | Arbeit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

Frapan Arbeit


1. Auflage 2012
ISBN: 978-3-8496-1417-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 272 Seiten

ISBN: 978-3-8496-1417-1
Verlag: Jazzybee Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Ein Roman um eine Medizinstudentin in Zürich, der mit dem Erscheinen 1903 eine kleine Revolution beschwor und sozial-politische Diskussionen um die Geschlechterfrage auslöste.

Frapan Arbeit jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material



Es hatte soeben ein Uhr geschlagen. Über dem ganz lautlosen Hause »Zum grauen Ackerstein« brütete die lautlose, schwüle Sommernacht.

Plötzlich begann es in einem Zimmer des zweiten Stockwerks zu klingen, ein langgezogenes, schlaftrunkenes Kinderweinen, und zwischenhinein laute, schrille Schreie, einer nach dem anderen. Dann erhob sich eine dritte schluchzende Stimme, die einzelne Silben jammernd hinausstieß: »Uh! Uh! Mam! Uh!«

Das dunkle Eckzimmer, wo sie weinten, wurde jäh von einem hereinschießenden Lichtstreifen erhellt. Durch die helle Lichtbahn kam mit rücksichtslosem Tritt, so als ob es nicht Nacht wäre, eine große schwarze Frauengestalt, ihre Stirn berührte fast den niederen Querbalken über der Tür.

»Kinder! Kinder! Attention!« rief die Frau, hastig und erschrocken von einem Bettchen zum anderen eilend.

Eine Sekunde lang verstummte das Geschrei, dann brach es aus mit greller Heftigkeit, daß die ganze Luft davon zu zittern schien.

Drei kleine Gestalten saßen jammernd zwischen ihren Kissen. Nun erhob sich die eine und stand lang und weiß, mit verlangend gebogenen Armen, im Bette aufrecht.

Die Mutter eilte zu ihm, legte ihre Hand unter seine Achsel und versuchte die leichte, zitternde Gestalt niederzulegen.

»Was ist dir, Hermannli? Was ist denn, großer Bub?« beruhigte sie ihn.

Der Kleine widerstrebte, steif und unbeweglich, indes er an der Mutter vorbeistarrte, gerade hinaus mit offenen, tränenvollen Augen, den Mund vom Weinen zuckend, ohne Acht auf die streichelnden Hände.

»Ruhe! Attention!« rief sie laut und trat hart auf den Boden.

Dann lief sie hinaus und holte die Lampe.

Wieder war das Geschrei auf eine Weile verstummt. Und während die zusammengezogenen traurigen Augen der Mutter angstvoll suchend jeden Winkel des großen, einfachen, weißgetäfelten Schlafzimmers durchspähten, folgte ihr der blinzelnde, sonderbar vorwurfsvolle Blick der schläfrigen, aufgescheuchten Kleinen, und die Mündchen bebten, wie bereit, aufs neue hinauszuschreien.

Zum zweitenmal ging die Mutter von einem zum anderen, trocknete ihnen das Gesicht, klopfte und streichelte die zarten Backen und Schultern.

Aber ihre Stirn entrunzelte sich nicht bei ihrem Tun; die scharfe Gramfalte um den Mund verschwand nicht. Sie war nicht hier bei den Kindern, die sie zu beruhigen strebte.

Und die Kinder fühlten es. Auf einmal begann das Geschrei von neuem. Es hatte etwas Bewußtloses, Elementares, Ansteckendes. Etwas vom klagenden Wind, etwas von der Sturmglocke.

Die Frau richtete sich heftig empor, unwillkürlich öffnete sich ihr Mund. Da, tief in ihrer Kehle steckte auch ein Schrei, ein Schrei, den sie Tag und Nacht zurückpressen mußte, der sie würgte, erstickte ...

Sie rang ratlos die Hände.

»Hermannli, was ist denn? Kinder, ich bitt euch! Verrückt! verrückt! Man wird verrückt! – Leg dich, Bub! Schlaf!« schrie sie plötzlich auf und drückte den ältesten gewaltsam in sein Bettchen nieder.

»Papa!« schluchzte der Bub und drängte ihre Hand weg.

»Nein!« Sie klopfte auf den Boden. »Schlafen sollt ihr!«

Plötzlich, bei den starrenden Blicken ihrer Kinder, verließ sie die letzte Fassung. Die Tränen stürzten ihr hervor, unstillbar, unaufhaltsam, die Füße trugen sie nicht länger.

Sie warf sich auf den Boden, neben die Wiege, in der das Kleinste still im Schlaf geblieben war, biß in die Kissen und zuckte in wilden Krämpfen.

Ihre heftigen Bewegungen schaukelten die Wiege, aber die Kissen dämpften die Schreie ihres Mundes.

Die Lampe erlosch.

Die Kinder beruhigten sich, schliefen ein. Und zwischen ihnen auf dem Boden, in voller Kleidung, sank auch die Mutter endlich in bleiernen Ermattungsschlaf, den Kopf auf der Bretterdiele, in den entzündeten Augen Bilder des Entsetzens, die Ohren widerhallend von dem fieberischen, unbewußten Weinen ihrer kleinen Kinder, zermalmt unter der Wucht eines furchtbaren Schicksals.

Am anderen Morgen, früh gegen sieben Uhr, kam der Vater der Frau.

Er stand und wühlte mit den sonnengebräunten Fingern in dem breiten grauen Bart, sein breitkrempiger schwarzer Filzhut war tief in die Stirn gezogen. Die Stimme drang, wie aus weiter Ferne, fast erloschen und dennoch rauh aus der mächtigen Brust.

Das Mädchen, das die Stiege kehrte, erschrak vor ihm; sie war in der letzten Zeit in diesem Hause völlig schreckhaft geworden.

Auf seinen goldknäufigen Serbenstock gestützt, stand der alte Plattner vor dem kleinen Flurfenster mit dem roten Vorhang, durch den die Sonne breit auf die blanken gelben Stufen fiel, und blickte auf seine bestaubten Schuhe, während er seiner Tochter nachfragte.

»Noch nicht aufgestanden? Aber es ist bereits bald sieben Uhr. Geh, sag's ihr.«

Die natürliche Sicherheit eines starken aufrichtigen Menschen, die sich in der ganzen Erscheinung Plattners aussprach, schien wie durch eine innere schwere Erregung verstört. Bei den wenigen Worten färbte sich sein braunes Gesicht, und die Hand, die den Stock hielt, bebte.

Das Mädchen hatte die Flurtür hinter sich offen gelassen, durch die er schwerfällig, stampfend eintrat; er atmete stoßweise in der beklemmten Luft des fensterlosen Flurs.

»Vater,« sagte eine Stimme hinter ihm, halblaut, wie eine Frage, auf die man keine Antwort hoffen darf.

Plattner wendete sich um und streckte langsam die Hand aus, um die seiner Tochter zu erfassen.

Wortlos gingen sie miteinander auf eine der gelben Türen zu, an der ein weißes Porzellanschild mit der Inschrift »Wartezimmer« schimmerte.

Plattner zeigte im Hineingehen auf das Porzellanschild. »Warum nimmst du das nicht weg?« sagte er streng. Es war das erste Wort, das er sprach.

»Ja, ja,« erwiderte die Tochter bereitwillig und zerstreut. Ihre Blicke hingen an ihm. Als er sich auf einen der Rohrstühle setzte, wies sie auf das kleine Ledersofa. »Warum nicht hier? Es ist bequemer ... Du kommst so früh, so früh zu mir, Papa!«

Er saß dicht an der Wand, den Stock zwischen den Knien, den Kopf gesenkt. In die tiefe Stille klang durchs offene Fenster Räderknarren, Flüche und der Gesang der Amseln.

Die Frau schob mit abgewandtem Gesicht ihr weißes Tuch in die Tasche des schwarzen Kleides. Sie stand noch immer.

»Nun, Josy,« begann Plattner, »sitz daher!«

»Ja.« Sie blieb stehen.

»Und – also – eben – Josy – – es ist also eben aus! Und fertig und aus.«

»Ja.«

»Schuft! Schuft! Niederträchtiger Schuft!« brach der Mann aus und stieß den Stock nieder.

»Vater!« schrie Josy. Es war kein Wort, es war ein Hilfeschrei.

Der alte Plattner zuckte den Kopf empor, schob sich den Hut in den Nacken und blickte seine Tochter an. Auf der schönen hellen Stirn, die der Hut verdeckt hatte, arbeitete es, die klaren Augen funkelten.

»Nun?« grollte er verwundert, »noch nicht Schuft genug? Was meinst?«

Das Räderknirschen, die Fuhrmannsflüche, der Amselgesang erklang deutlich wie zuvor in der Stille. Josefine ächzte leise.

»Ich mein, wenn einer emal fünf Jahr Zuchthaus überkommt, no braucht man sich nicht genieren, ihn Schuft zu heißen!« schrie Plattner.

»Bitte, Papa! Nicht, nicht!«

Eine neue heftige Bestürzung überlief das Gesicht des Vaters. Er sprang auf, um der Tochter in die gesenkten, abgewendeten Augen...



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.