E-Book, Deutsch, 500 Seiten
Frapan Zwischen Elbe und Alster
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-945667-39-2
Verlag: RUTHebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
E-Book, Deutsch, 500 Seiten
ISBN: 978-3-945667-39-2
Verlag: RUTHebooks
Format: EPUB
Kopierschutz: 0 - No protection
'Zwischen Elbe und Alster' sind Erzählungen aus Frapan´s Zyklus der 'Hamburger Novellen' ...
Für RUTHeBooks Klassiker lassen wir alte und schon lange vergriffene Werke als eBooks wieder auferstehen. Wir möchten Ihnen diese Bücher nahe bringen, Sie in eine andere Welt entführen. Manchmal geht das einher mit einer für unsere Ohren seltsam klingenden Sprache oder einer anderen Sicht auf die Dinge, so wie das eben zum Zeitpunkt des Verfassens vor 100 oder mehr Jahren ""normal"" war. Mit einer gehörigen Portion Neugier und einem gewissen Entdeckergeist werden Sie beim Stöbern in unseren RUTHeBooks Klassikern wunderbare Kleinode entdecken. Tauchen Sie mit uns ein in die spannende Welt vergangener Zeiten!
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Altmodische Leute
Wenn die Pahlerbsen billig werden und ihr Geruch in der Luft schwebt, Karren voll Erdbeeren und Kirschen sich auf der Straße drängen, Gänge und Höfe voll Sonnennebel sind, und der Schattenstreif auf dem Trottoir so schmal wird, daß man nicht darin gehen kann, dann gibt es auf der langen Neustädter Neustraße kein kühleres Schlupfwinkelchen als den Käsehökerkeller von "Gebrüder Fritz und Johann Becker", wie die rote Firma auf weißem Grunde über der Treppe lautet. Zwar die schmalen, ausgehöhlten acht Sandsteinstufen hinunter schlängelt sich noch der dreiste Sonnenstrahl, guckt in die reinliche, schräg aufgestellte Tonne mit gelber Butter, gleitet mißachtend an den trockenen, weißen Bohnen und grauen Erbsen in ihren Säcken vorüber, um das Geschlecht der dickköpfigen Käse zu umtänzeln, und kitzelt noch zu guter Letzt den zusammengeduckten Herrn Sottje auf dem Binsenstuhl, den riesigen schwarzen Kater, an der Nase, so daß er die glatte gebogene Pfote vorhalten muß, um nicht beständig zu niesen, was seiner Gemütsruhe und Ehrbarkeit gleichermaßen zuwider. Aber Herrn Sottjes Nase bezeichnet die Grenze, weiter dringt die Sonne nie. Dahinter ist alles Kühle, Schatten, vergnügliche Dämmerung.
Und inmitten dieses Schattens, hinter dem weißgescheuerten Ladentisch mit der glänzenden Messingwage und den schmalen blanken Messern, zur Rechten einen großlöcherigen, safttröpfelnden Schweizerkäse, zur Linken einen rötlich durchwachsenen Speckrücken, als die zwei Pfeiler des Reiches, schimmern die freundlichen Gesichter der Gebrüder Fritz und Johann Becker wie ein Paar vollwangiger Monde oder wie die regierenden Häupter dieser Welt des nahrhaften Überflusses und Wohlgeschmacks.
An diesem heißen Sonnabendmorgen war der runde Kopf des Herrn Fritz allein hinter der Tonbank sichtbar, und dieser hob sich hie und da von seiner Zeitung, um mit zusammengekniffenen Lidern ins Helle hinauszuspähen, wobei sich jedesmal seine fleischige Hand liebkosend über Herrn Sottjes Sammetfell legte und ihm den zarten Teil zwischen den Ohren verständnisvoll kraute.
Endlich kam jemand.
Eine große, schwerfällige Gestalt, so groß, daß es von unten aussah, als habe sie mit dem Versuch, sich durch den niederen Eingang durchzuzwängen, etwas Unmögliches unternommen, vollbrachte eben dies Wunder und tappte mit vorsichtig in die Schultern gezogenem Kopf die Treppe herunter und über den knirschenden Sand des Ladens.
Der rundliche Herr hinter dem Ladentisch legte scherzhaft die Hand an die leicht ergraute Schläfe und grüßte militärisch.
"Ah, sieh da, sieh da, Herr Johann Becker gehorsamer Diener," rief er munter.
Der jüngere Kompagnon, der genau aussah, wie seines Bruders Gesicht in einem Konkavspiegel in die Länge gezogen, reichte bedächtig die Hand über die Tonbank; sie begrüßten sich wie nach langer Trennung; Johann war eine halbe Stunde weg gewesen.
Er trocknete sich die Stirn und öffnete mit spitzen Fingern eine große Papiertüte, die er auf dem Arme trug, und die den Blumenstrauß enthielt, den er für seine Zwillingsschwester vom Hopfenmarkt geholt hatte, wie er und sie das seit Jahren an jedem Sonnabendmorgen gewohnt waren.
"Schöne Heliotropen, nicht Fritz? Aber was die rote Glocke hier ist, mit den braunen Adern, die kenn ich nicht. Vielleicht kennt unser Hannchen sie. Ist sie drinnen?" Er deutete auf die kleine gelbe Tür hinten, die in die Ladenstube führte.
"Nee, Hannchen ist oben und Rike auch. Ich hatte ihnen schon gesagt, sie sollten doch runter kommen bei der Hitze, denn" er zog die Stirn in feierliche Querfalten und hob den Zeigefinger "ein Keller ist warm im Winter und kühl im Sommer! Aber es gung nicht wegen der Aalsuppe." Er schnalzte ein bißchen mit der Zunge und fügte mit dem Ausdruck gründlicher Kennerschaft hinzu: "Aalsupp is wat goods."
Johann schmunzelte und nickte. "Na, denn, ich komm' gleich wieder."
G"rüß' die Fräuleins," rief der andre ihm nach, "und sie möchten sich die Zeit nicht lang werden lassen und die Klöße nicht so hart wie voriges Mal, und sag Rike, das Gespenst der Rothenburg wäre nun doch ganz zum Vorschein gekommen, und ich hätte es nach den Nummern gelegt."
Und dann reichte Fritz dem Herrn Sottje eine Scheibe gekochter Mettwurst, denn Johann hatte vergessen, ihn zu streicheln, und solche Vernachlässigung brauchte sich kein Kater in der Beckerschen Familie gefallen zu lassen.
Johann hielt mit heimlichem Lächeln die Türklingel der gemeinschaftlichen Wohnung im ersten Stockwerk fest und kam, leise auftretend, ungehört und ungesehen, an der Küche vorüber und in das kleine Wohnzimmer, das mit seinen buntblumigen Vorhängen, dem hohen Tritt vor den Fenstern und den lederbezogenen Armstühlen wie ein Stückchen vorigen Jahrhunderts aussah. Die rotbemalte chinesische Kumme stand schon zurecht auf dem zierlich eingelegten Nähtisch; das war der angestammte Platz für den Blumenstrauß, und Johann ging gleich daran, ihn zu ordnen; er wußte ja, wie Hannchen es am liebsten hatte: die Rosen in der Mitte und die schlanken Fuchsienzweige über den Rand gehängt.
Er war aber kaum halb fertig, als die Tür aufging und Hannchen, die nur einen Faden hatte holen wollen zum Zusammenbinden der Suppenkräuter, mit einem Freudenschrei auf ihn zulief:
"Mein Johann bist du denn hier?"
Ein bißchen verlegen, daß er hier überrascht worden war bei der Überraschung, ließ sich Johann küssen und streicheln und in den Arm nehmen. Die Schwester war fast ebenso groß wie er, mit dem gleichen langen Gesicht und stillen grauen Augen, und mit demselben Ausdruck heiteren Friedens, wie man ihn sonst nur bei weltunkundigen Kindern oder bei weltüberwindenden Greisen findet.
Inzwischen hatte Schwester Rike sich doch wundern müssen, daß Schwester Hannchen nicht wiederkam. Klein und stämmig, in einem lila Hauskleid, das ihr nur bis an die Knöchel reichte und in breiter weißer Küchenschürze erschien sie gleichfalls an der Tür und drohte den in die Blumen Vertieften mit dem blanken Schaumlöffel. "Hört mal, Kinder, das ist keine Manier," fing sie an. Sie nannte die beiden immer Kinder, denn sie war Fritzens Zwillingsschwester und zehn Jahre älter als das andre Paar.
Sie unterbrach ihre Rede, um nach dem Fenster hinzuhorchen. Draußen spielte eine Drehorgel. Der schwache Anflug von Strenge war aus ihrem hellen rotbackigen Antlitz verschwunden. "Hört doch mal, Kinder, ist das nicht aus 'Martha'?" Und dann fing sie mit hoher Stimme an zu singen: "Ach so-o-o lieb, a-ach so-o traut -," bis ein heftiges Zischen aus der Küche und ein starker Duft nach überkochendem gewürzten Essig sie mit einem erschrockenen Kreischen hinauskugeln machte.
Die jüngeren Zwillinge folgten, um mit zu klagen, wenn ein Unglück geschehen wäre. Aber es war noch alles gut gegangen, und Johann begab sich wieder an sein Verkaufsgeschäft im kühlen Keller. Die Aalsuppe sollte sie in zwei Stunden alle vereinigen, und wo ist das hamburgische Gemüt, das die belebende fröhliche Spannung nicht nachzufühlen imstande wäre, welche diese Aussicht über die Beckerschen Zwillinge verbreitete Frische Birnen zwar gab es noch nicht, aber Fritz hatte eine vorzügliche Sorte Backbirnen aufgetrieben, und die Aale waren von einer staunenswerten Dicke gewesen.
Aber die gute Mahlzeit in dem wohnlichen Stübchen mit den Blumen in der chinesischen Kumme, die so gestellt werden mußten, daß Hannchen sie während des Mittagessens sehen konnte, ward durch zwei Dinge gestört. Fritz hatte sich durch den weichen Hausschuh einen Nagel in den Fuß getreten, und nun drückte der Stiefel an der wunden Sohle, so daß er kaum gehen konnte. Und das kam heute besonders ungelegen, denn er hatte sich für diesen Nachmittag eine kleine unaufschiebbare Geschäftsreise vorgesetzt; Klas Ohm in Curslak hatte weder die bestellten Schinken noch irgend eine Nachricht geschickt, warum sie nicht kamen, und doch wollte jetzt alles Pahlerbsen und Schinken essen, wie es die Jahreszeit verlangte.
Der zweite Störenfried war Dickelitje. Dickelitje war schon wieder fort. Alle Augenblicke legte Rike den Löffel hin und horchte hinaus: da irgend wo hatte doch ein Hund gebellt? Dickelitje war ein rechter Sorgenpudel, immer bedacht, sein von Natur schneeweißes Lockenfell in die schmutzigsten Pfützen zu stippen, immer unpünktlich bei Tisch und in Gefahr, auf der Straße eingefangen zu werden, denn er haßte den Maulkorb und streifte ihn täglich von sich, übrigens aber ein Hund von unwiderstehlicher Liebenswürdigkeit und Klugheit. Herr Sottje, er hörte nicht, wenn man das "Herr" wegließ, war der einzige in der Familie, der es sich heute von Herzen schmecken ließ. Ja, er zeigte sogar eine gewisse neidische Gefräßigkeit, als sei es ihm Prinzipiensache, dem leichtfertigen Pudel keine einzige Gräte übrig zu lassen. Herr Sottje war ein zäher Hausphilister und tat keinen unnötigen Schritt auf die Straße hinaus.
Kaum halb geleert ward die Terrine fortgetragen, und Fritz humpelte vorsichtig und kümmerlich auf und ab, um zu sehen, was er leisten könne. Johann hatte dem Kopfschütteln und Gesichterschneiden eine Weile nachdenklich zugesehen; nun stand er auf und sagte in seiner gelassenen Art:
"Dann ist es wohl am besten, ich geh nach Curslak, Fritz."
Der ältere Bruder hielt den schmerzenden Fuß hoch vor Verwunderung. Johann besorgte diese auswärtigen Geschäfte niemals, konnte man sie dem Jungen anvertrauen? Er zwinkerte so über die große Gestalt hin und meinte endlich: "Ja, glaubst du, daß du damit fertig wirst? Wenn du meinst, wär es wohl gut, denn die Sache ist dringend."...




