E-Book, Deutsch, 288 Seiten
Fredriksson Geliebte Tochter
1. Auflage 2011
ISBN: 978-3-10-401379-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 288 Seiten
ISBN: 978-3-10-401379-4
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Marianne Fredriksson wurde 1927 in Göteborg geboren. Als Journalistin arbeitete sie lange für bekannte schwedische Zeitungen und Zeitschriften. Im Jahre 1980 veröffentlichte sie ihr erstes Buch. Sämtliche Romane der Autorin wurden in Deutschland große Bestsellererfolge. Die Autorin starb am 12. Februar 2007.
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1.
Sie war nach Norden unterwegs, um ihrer Mutter mitzuteilen, dass sie ein Kind zur Welt bringen werde, aber nicht die Absicht habe, zu heiraten. In der Großstadt war der Spätsommer noch immer mit sattem Grün gegenwärtig, aber schon nördlich von Sala flammte das erste Rot in den Ahornbäumen auf, und als sie sich Bollnäs näherte, schleuderte der Nordwind ganze Hände voll goldener Birkenblätter gegen die Windschutzscheibe.
Sie schaltete die Wagenheizung ein.
Ihre Mutter war ein nüchterner Mensch. Wenn sie hörte, dass der Embryo noch nicht einmal zwölf Wochen in ihr wuchs, würde sie von Abtreibung reden. Und Katarina würde den Vorschlag ohne weitere Erklärung zurückweisen. Sie konnte ja schlecht erzählen, dass sie schon einmal eine Ausschabung hatte vornehmen lassen. Vor drei Jahren. Und dass sie seither die Frage quälte, wer das Kind, das nicht hatte geboren werden dürfen, wohl gewesen sein mochte.
Sie hatte ihrer Mutter von der Abtreibung damals nichts gesagt. Unnötig, sie zu beunruhigen. Unnötig auch, ihrer Mutter Einblick in ihr Leben zu gewähren. Hier in den Dörfern des Ljusnantals hätte man sie als Hure bezeichnet. In Wirklichkeit mochte sie einfach Männer und konnte jedes neue Verliebtsein unglaublich genießen. Und sie gehörte zu den Frauen, die verliebt sein nie mit Liebe verwechselten.
»Nichts mag ich lieber, als im Bett neue Techniken zu lernen«, hatte sie einmal zu einer Freundin gesagt, die in ihrer Rolle als Gattin und Mutter Erfüllung fand. Die Freundin hatte in ihr Lachen nicht eingestimmt, sondern sie für recht bedauernswert gehalten.
Genau wie ich dich bedaure, das hatte Katarina für sich behalten. Und sie hatte dabei an den Mann gedacht, der zu Hause vor dem Fernseher den Babysitter machte, immer wieder auf die Uhr sah und nur auf seine Frau wartete.
Sie hatten sich vor dem Restaurant getrennt. Und die Worte der Freundin waren schmerzlich haften geblieben. Wie ein Stachel.
Ein Verhältnis hatte bei ihr nie lange gehalten, höchstens ein halbes Jahr, länger hielt sie eine Liebelei kaum durch. Ihrer eigenen Erfahrung nach. Nur manchmal, wenn die Trennung allzu sehr schmerzte, hatte sie sich gefragt, ob sie nicht etwa die Flucht ergriff, weil ihr Zärtlichkeitsbedürfnis zu groß geworden war.
Ich fürchte mich vor restloser Hingabe, dachte sie.
Und jetzt will ich ein Kind haben, es lieben, es an meiner Brust nähren, durch Nächte und Tage tragen. Der Gedanke erschreckte sie so sehr, dass sie eine Pause einlegen, aus dem Wagen steigen, tief durchatmen und ihrem Herzen zureden musste, doch etwas langsamer zu schlagen.
Sie stand in der Parknische und blickte über das Flusstal hin. Ohne zu sehen. Die alten Bedenken meldeten sich wieder: Ich werde das nicht schaffen, nicht durchhalten, die Bedürfnisse des Kindes nicht erkennen. Ich werde mich wie verrückt nach dem Zeichentisch im Architekturbüro sehnen.
Ich werde … Die Liste nahm kein Ende, und die Summe ergab: Ich werde das Kind an seinem Lebensnerv schädigen.
Der Wind biss sich durch die Kleider, sie fror und ging zum Wagen zurück. Setzte sich hinein. Sie hatte es nicht mehr besonders weit; wenn sie die Pause ein bisschen hinauszögerte, konnte sie sich auf das bevorstehende Gespräch vorbereiten. Ihre Mutter würde also sagen: Abtreiben. Sie selbst würde sagen: Aber ich will das Kind haben. Ihre Mutter würde einige Zeit verstreichen lassen und es schließlich aussprechen: Mutterschaft liegt dir nicht.
Sie würde das Gesicht in Falten legen wie immer, wenn sie etwas Unangenehmes zu sagen hatte, und ihre Argumente träfen absolut zu. Katarina hatte sich im Kreis kichernder Mädchen nie wohl gefühlt und Babys immer abstoßend gefunden. Genau wie die verdammten Tage, die sie Monat für Monat in Rage brachten.
Und Katarina würde klein beigeben, in die Großstadt zurückkehren und den Embryo absaugen lassen.
Als sie den Blinker drückte, um anzuzeigen, dass sie auf die Fahrbahn hinauswollte, hatte sie Schwierigkeiten, im Rückspiegel etwas zu erkennen. Ihre Augen waren voll Tränen. Als sie aber in die Abzweigung zum Sommerhaus ihrer Mutter einbog, hatte sie sich wieder unter Kontrolle und ein Lächeln bereit.
Sie fuhr auf den Vorplatz und stellte fest, dass er kleiner geworden war. Der Wald wanderte langsam, aber unaufhaltsam auf das Haus zu. Das dornige, undurchdringliche Schlehengestrüpp gewann die Oberhand.
Mein Gott, war es hier öde. Und still. Die Singvögel waren nach Süden gezogen, die heimischen Vögel waren noch nicht auf das Futterhaus angewiesen. Nicht einmal eine Elster schrie.
So einsam.
Noch bevor sie die Handbremse angezogen hatte, war ihre Mutter da. Die beiden Frauen schauten sich eine Weile nur an. Aus reiner Freude. Dann folgte eine lange, feste Umarmung, die Fluten von Wärme hervorrief.
Als sie einander schließlich losließen, sagte Mama: »Ist ja schrecklich, wie blass du bist, Kindchen.« Katarina antwortete wie erwartet, dass sie von der weiten Fahrt müde sei. Und Hunger habe.
Und Mama antwortete wie erwartet: »Ich habe ein sahniges Kartoffelgratin im Ofen. Und frisch gefangene Lachsforellen.«
Eigentlich wollte Katarina jetzt kein warmes Essen, sagte aber mit dem notwendigen Lächeln: »Das wird fein schmecken.«
Sie hätte viel lieber geweint.
»Du frierst, komm, gehen wir ins Haus«, sagte Mama.
Nur nicht von der Norm abweichen, dachte Katarina. Warum werden wir nie wirklich warm miteinander.
Die Antwort war einfach:
Die Gefahr, einander wehzutun, ist zu groß.
»Trag dein Gepäck rauf in die Kammer, ich mache inzwischen das Essen fertig«, sagte Elisabeth.
Katarina nahm den Umweg über die Veranda, blieb dort stehen und beobachtete, wie draußen der breite Strom seine Farbe vom hellsten Blau ins Ultramarin, zu Lila und an den Ufern entlang zu goldenem Grün wechselte. Im Tal hoben sich die roten Häuser wie Schmuckstücke von den blauen Bergen auf der anderen Seite ab. Als Kind war sie überzeugt gewesen, dass die Berge quer übers Wasser miteinander sprachen, Geheimnisse austauschten und sich alter Erzählungen erinnerten. Sie hatte viel darüber nachgedacht, wie das zugehen mochte, hatte ihre Mutter danach gefragt, und die hatte geantwortet, dass die Berge schon seit Jahrtausenden in einer Welt lebten, zu der die Menschen keinen Zugang hatten.
Sie wanderte mit dem Blick zurück, sah die Nachmittagssonne in den kleinen Fensterscheiben der Veranda glitzern und nahm den Zitronenduft wahr, der den Topfpflanzen auf dem Fensterbrett entströmte. Die Doktor-Westerlund-Blume, die für die Lunge gut sein sollte, ließ vor Wassermangel welk die Blätter hängen.
Nach Verlassen der Veranda blieb Katarina auf der Schwelle zum großen Zimmer stehen. Die Flickenteppiche hatten vor Schmutz alle Farbe verloren. Der durchgesessene Lehnstuhl vor dem Kachelofen war auch grau und schäbig, und es fehlte die rote Decke, die Mama für gewöhnlich drüberhängte. Auf dem Tisch standen wie immer Zinnleuchter, doch die Kerzen fehlten. Der gestreifte Tischläufer war faltig, und in der bauchigen Tonvase steckten keine Wiesenblumen.
Alles sah verändert aus und eigenartig traurig.
»Zu Tisch!«
Die Stimme ließ durchblicken, dass Essen eine Gottesgabe war.
Ich halte das nicht aus, dachte Katarina. Aber im Küchenherd brannte Feuer und verbreitete Gemütlichkeit und Wärme, das Essen schmeckte gut, und sie hatte erstaunlich großen Hunger.
Für zwei essen, dachte sie und fand sich albern. Der Embryo war so klein, dass er wohl kaum Bedürfnisse hatte.
Dann hörte sie sich sagen: »Wenn du den ganzen Sommer hier im Wald verbringst, Mama, vereinsamst du viel zu sehr.«
Das Gesicht der Mutter vertiefte sich gleichsam, die Fältchen wurden zu Falten, als sie den Blick nach innen kehrte.
»Die Einsamkeit belastet mich nicht. Aber die Lebenskraft lässt nach.«
Katarina erschrak, fasste sich ans Herz und sagte:
»Mama, du bist hoffentlich nicht krank?«
»Nein, nein, hör zu.«
Sie sprach langsam. Es war ihr wichtig.
»Ich habe von diesem Sommer so viel erwartet. Ich wollte draußen auf dem Vorplatz stehen und die Kraniche nordwärts ziehen sehen. Und ich wollte in hohen Gummistiefeln den Bächen bergauf zu den Quellen folgen, lauschen, den Kuckuck hören, am Wasserfall stehen bleiben und die Lachse springen sehen.«
Sie verstummte, als müsse sie nach Worten suchen.
»Ich wollte jede Frühlingsblume genießen, zuerst die Leberblümchen, dann die Buschwindröschen, Himmelschlüssel, du weißt schon, bis zu den Mittsommerblumen und hinein in den Herbst. Ich habe alles gesehen, immerzu gesehen, aber …«
Sie suchte Katarinas Blick und fuhr dann fort:
»Am schwierigsten war der Tag, an dem die Schwalben zu ihren Nestern unter dem Dach heimkehrten. Du weißt, wie sehr wir uns immer gefreut haben, wie wir auf der Vortreppe standen und den Schwalben ein Begrüßungslied sangen.«
Katarina nickte und versuchte zu lächeln.
»Aber jetzt …«, sagte sie, »nichts. Ich habe wohl mitgekriegt, dass es unter der Dachtraufe schwirrte, und dann habe ich mich mit dem Gefühl in die Küche gesetzt, dass ich gestorben bin.«
Vor dem Fenster fiel die Dämmerung ein, Katarina sagte: »Du bist überarbeitet, Mama.«
»So dachte ich anfangs auch. Aber das stimmt nicht. Es ist das Alter. Langsam und unaufhörlich schleicht es sich an. Zum Schluss versagen die Sinne, Augen, Nase und Ohren, der Kontakt zum Herzen oder der Seele oder was für Worte einem eben dazu einfallen, schwindet.«
Katarinas Blicke wanderten hinaus in das blaue Dunkel,...




