Freitag | Das Haus des Leuchtturmwärters | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins

Freitag Das Haus des Leuchtturmwärters


1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7499-5058-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 352 Seiten

Reihe: HarperCollins

ISBN: 978-3-7499-5058-4
Verlag: HarperCollins
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



1962: In einem kleinen Haus am Fuße des Leuchtturms ist Else aufgewachsen. Seit dem Tod ihrer Mutter lebt sie hier allein mit ihrem Vater, der für die Wartung des Leuchtfeuers zuständig ist. Doch je älter sie wird, desto kritischer sieht sie das strenge Regime der DDR und beschließt zu fliehen.
1992: Nach der Wende erinnert sich die Autorin Franzi an ihre wunderschöne Kindheit als Tochter eines Leuchtturmwärters und kehrt zurück an die Ostsee in das Haus am Leuchtturm. Hier hofft sie, Inspiration für ihren neuen Thriller zu finden, doch dann entdeckt sie unter einem losen Dielenbrett ein altes Tagebuch und beginnt zu lesen ...

»Die Drehbuch- und Roman-Autorin Kathleen Freitag verschränkt in ihrem gefühlvollen Roman gekonnt zwei Zeitebenen miteinander.«Münchner Merkur

»Eine wunderbare Lektüre für verregnete Tage oder gemütliche Urlaubstage.«Gesundheit aktiv



Kathleen Freitag, geboren in Berlin, arbeitete nach ihrem Studium der Germanistik, Geschichte und Politik als Dramaturgin, verfasste Drehbücher u.a. für die ARD-Erfolgsserie 'In aller Freundschaft' und war als Lektorin tätig. Heute lebt sie mit ihrer Familie in der Nähe von Hamburg und schreibt mit Begeisterung als freiberufliche Autorin Geschichten für Kinder und Erwachsene. 'Die Seebadvilla' ist ihr erster Roman.

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FRANZI
1992

Die Allee schlängelte sich unaufgeregt durch die weite Landschaft. Windschief säumten die Linden die schmale Straße, die mehr einem Betonschachbrett glich als einer Landstraße. Hinter den Bäumen lagen die Felder. Der Weizen, der hier überwiegend angebaut wurde, wuchs hoch und kräftig. Wie kleine Farbtupfer sprenkelten weißgelbe Margeriten und blaue Kornblumen sowie roter Mohn den goldseidigen Getreideteppich. Bei jedem Windstoß verbeugten sich die Halme ehrfürchtig vor den Gesetzen der Natur. Das sanfte Rascheln klang wohlig und vertraut. In weiterer Entfernung leuchteten auch ein paar Rapsfelder in kräftigem Gelb. Das Meer war jedoch immer noch nicht zu sehen. Franzi musste sich eingestehen, dass der Weg länger war, als sie ihn in Erinnerung hatte.

Beinahe stapfend folgte sie der Straße. Ein Auto, das sie hätte mitnehmen können, war schon lange nicht mehr an ihr vorbeigefahren. Die beiden Koffer, die sie bei sich trug, wurden gefühlt mit jedem Schritt schwerer. Nun ärgerte sie sich, dass sie die alte Reiseschreibmaschine ihrer Großmutter eingepackt hatte statt der Elektrischen, die sie vorletztes Jahr von Peter zum Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Sie hatte das Ding gar nicht gewollt, schließlich liebte sie es, beim Schreiben die runden Typenhebel mit den Buchstaben auf die papierbespannte Schreibwalze sausen zu lassen. Die Geräusche, die sie dabei erzeugten, entwickelten sich in ihrem Kopf zu einer Melodie, die den Takt ihres Schreibens vorgab. Es half ihr, sich zu konzentrieren. Zumindest hatte es bei ihren ersten drei Romanen geholfen. Hätte Peter ihr nur einmal richtig zugehört, hätte er das auch gewusst.

Schweiß bildete sich auf ihrer Stirn, doch Franzi hatte keine Hand frei, um ihn wegzuwischen. So lief sie weiter.

Plötzlich riss das Riemchen ihrer rechten Sandale, und Franzi stolperte beinahe über die lose Sohle. Sie stellte die Koffer am Straßenrand im Schatten einer breiten Linde ab. Auf den Größeren setzte sie sich und zog den kaputten Schuh aus. Verärgert warf sie ihn in den schmalen Graben, der den Straßenrand säumte. Auch die Schuhe waren ein Geschenk ihres Ex. Kein Wunder also, dass ihre Liebe eher einer Stichflamme geglichen hatte als einem wohlig-warmen Kaminfeuer, dachte sie bei sich.

Peter und sie hatten sich vor vier Jahren kennengelernt, kurz nachdem sie ihren ersten Roman veröffentlicht hatte. Er hatte damals eine Juniorprofessorenstelle an der Historischen Fakultät der Hamburger Universität innegehabt. Schon zu Beginn ihrer Beziehung hatten sich die Unterschiede offenbart. Während sie mit Vorliebe nach einem langen Tag am Schreibtisch durch die Bars St. Paulis gezogen war, hatte er weiter bis in die Morgenstunden über seiner Doktorarbeit gebrütet. Nur zweimal war er spontan gewesen. Das erste Mal, als er sie in einem kleinen Standesamt am Hafen geheiratet hatte. Und dann noch einmal, nachdem Grabowski auf der Pressekonferenz am 9. November 1989 versehentlich die Mauer geöffnet hatte. Noch in der Nacht waren sie in seinen kleinen VW Käfer gestiegen und für eine Stippvisite nach Ostberlin gefahren.

Dass ausgerechnet er ein Jahr und einen großen Streit später in die wiedervereinte Stadt zurückgekehrt war, um einen Job bei der Gauck-Behörde anzufangen, hatte sie mehr als überrascht.

Franzi kramte in ihrer Jackentasche und zog eine zerknüllte Zigarettenschachtel heraus. Sie drehte und wendete die knisternde Hülle. Noch fünf Zigaretten warteten darin, geraucht zu werden. Sie zögerte und war drauf und dran, ihrem Verlangen nachzugeben. Doch schließlich steckte sie die Packung wieder zurück in ihre Tasche und blickte auf. Die Sonne stand bereits tief und kitzelte die ersten hohen Wipfel des Kiefernwaldes, der am Horizont emporragte.

Erst jetzt bemerkte sie, dass sie den Wald aus Kindertagen kannte. Früher hatte sie jeden Abend neben ihrem Vater am Fenster gestanden und mit ihm auf ebenjene dicht bewachsene Baumgruppe geblickt. Ungeduldig hatte sie ihn dabei immer wieder gefragt, wann es endlich so weit sei. Doch er hatte sich von seiner Jüngsten nie aus der Ruhe bringen lassen. Erst wenn die Konturen der dicken kerzengeraden Baumstämme vor dem bloßen Auge verschwammen, hatte er genickt. Verlässlich wie die Gezeiten hatte er so jeden Abend den Sonnenuntergang vorhergesagt.

Franzi seufzte erleichtert, weit entfernt war sie von ihrem Ziel also nicht mehr. Sie streifte auch die zweite Sandale von ihrem Fuß, schnappte sich die Koffer und betrat nun barfuß die Straße. Auf dem warmen Asphalt ging sie entschlossenen Schrittes weiter.

Und tatsächlich, hinter der nächsten Biegung konnte sie den Leuchtturm endlich sehen.

Eine Viertelstunde später stand Franzi vor dem rotbraunen Turm. Ein erleichtertes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht, während sie die beiden Koffer auf dem sandigen Trampelpfad abstellte, der von der Landstraße zu der Anhöhe führte. Ein wenig ehrfürchtig blickte sie sich um.

Es war gut vierzehn Jahre her, dass sie das letzte Mal an dieser Stelle gestanden hatte. Und doch war alles so, wie sie es in Erinnerung hatte. Das Gras stand jetzt höher als damals, und die drei Stufen zur Eingangstür des Leuchtturmes verschwanden hinter dornigen Brombeerstrauchästen. Die schwere Holztür war mit einem dicken Vorhängeschloss verriegelt. Die schmalen Fenster, die wie Perlen auf einer Kette übereinandergereiht der dicken runden Backsteinmauer etwas Verwunschenes gaben, waren provisorisch mit Brettern zugenagelt. Ob die Scheiben noch intakt waren, konnte Franzi von hier unten nicht sehen. Die beiden dicken weißen Streifen, die unterhalb der Galerie zur Tageskennung für die Seefahrer den Turm umrundeten, waren verblasst. Das Geländer der kleinen Aussichtsplattform, die den Turm umgab, hatte durch die Witterung an der einen oder anderen Stelle Rost angesetzt. Gepflegt hatte das wetterempfindliche Metall wohl seit Jahren niemand mehr. Doch der gläserne Laternenaufbau unter der Kuppel des Turmes hatte von seiner alten Pracht nichts eingebüßt.

Franzi fragte sich, ob die Fresnel-Linse, die das Licht der zuletzt auch elektrisch betriebenen Glühlampe über viele Jahre bis weit hinaus ins Meer geschickt und die Seefahrer vor den tückischen Gewässern an der hiesigen Ostseeküste gewarnt hatte, noch intakt war.

Neben dem Turm stand das Wärterhaus, in dem sie die vier glücklichsten Jahre ihrer Kindheit verbracht hatte. Auch dieses eher schlichtere Gebäude war von außen verriegelt und wurde offensichtlich ebenso seit Jahren nicht genutzt. Der Efeu hatte die Mauern, die zwei separate Wohnungen beherbergten, fast erobert.

Im hinteren Teil des weitläufigen Grundstücks konnte sie das Maschinenhaus erspähen. Früher durfte sie diesen kleinen Verschlag, in dem auch das Notstromaggregat stand, nicht betreten.

Das Meer, das sich hinter der kleinen Anhöhe des Leuchtturmgehöfts auftat, konnte sie von hier aus noch nicht sehen. Die Büsche vor dem Abhang, der zum Strand hinunterführte, waren hochgewachsen. Doch das Rauschen der Wellen, die mit gemächlicher Geduld auf dem sandigen Küstenstreifen ausliefen, war auch hier klar und deutlich zu hören. Bei dem vertrauten Geräusch schlug Franzis Herz höher.

Aus der Tasche ihrer Jeansjacke zog sie einen Schlüsselbund, den sie in Lüstrow von der Sekretärin im Gemeindebüro bekommen hatte. Der Bürgermeister, mit dem sie postalisch den Mietvertrag für eine Wohnung im Wärterhaus inklusive Zugang zu allen Gütern des Gehöfts abgeschlossen hatte, war nicht da gewesen, was Franzi keineswegs bedauert hatte. Bei ihrem ersten und einzigen Telefonat hatte er eher einen unangenehmen Eindruck gemacht. Ihre Idee, den Sommer über am Leuchtturm wohnen zu wollen, hatte er nur belächelt. Doch das Geld, das sie ihm für die Miete angeboten hatte, hatte er trotzdem gerne angenommen. Offensichtlich hatte er von seinen westdeutschen Amtskollegen schnell gelernt, was Kapitalismus bedeutete.

Ihre Wohnung in Hamburg hatte sie für die kommenden Monate untervermietet. Ein Zurück gab es also nicht mehr. Sie würde die nächste Zeit hier am Meer in Schreibklausur verbringen.

Franzi steckte den Schlüssel für die vordere Wohnung ins Schloss. Der Leuchtturmschlüssel hing noch nicht am Bund. Den sollte sie später aber noch bekommen, hatte man ihr versprochen.

Die Wohnungstür ließ sich nur schwer öffnen und knarrte, als Franzi sie aufstieß. Ein muffig-feuchter Geruch schlug ihr entgegen. Offensichtlich war lange niemand mehr hier gewesen, um die Räume zu lüften.

Sie erkannte einiges wieder, als sie sich umsah. Die eichenfurnierten Schränke in der Küche, in der ihre Mutter mit Vorliebe Kompott aus Rhabarber, Pflaumen oder Äpfeln vom eigenen Gehöft eingekocht hatte. Das gezuckerte Obst hatte dann in der ganzen Wohnung einen lieblich-sauren Duft verströmt, den Franzi noch heute in der Nase hatte, wenn sie an ihre Kindheit zurückdachte.

Auf der Schranktür neben dem Spültisch klebte noch immer ein Aufkleber mit einer weißen Taube darauf, die einen Zweig im Schnabel trug. Alle Jungpioniere hatten in der Schule einen solchen Aufkleber geschenkt bekommen. Franzi hatte ihren stolz nach Hause getragen und sogleich einen passenden Platz für das sozialistische Friedenssymbol gesucht. Dass sie sich ausgerechnet den guten Küchenschrank dafür ausgesuchte hatte, war ihrer Mutter nicht gerade recht gewesen. Doch ihr Vater hatte ihr beigestanden und ihren Einsatz für den Weltfrieden gelobt.

Die anderen Räume waren nur noch spärlich eingerichtet, wie Franzi feststellen musste. Die meisten Möbel waren vermutlich nach der Automatisierung des Leuchtturms hinausgetragen worden....



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