E-Book, Deutsch, 172 Seiten
Freitag, der Dreißigste
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-948949-09-9
Verlag: Edition Subkultur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Roman
E-Book, Deutsch, 172 Seiten
ISBN: 978-3-948949-09-9
Verlag: Edition Subkultur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Sascha muss raus. Raus aus dem Sauerland, weg von ihrer Familie. Es verschlägt sie nach Hamburg. Doch auch dort lässt die Vergangenheit sie nicht los. Sie muss unbedingt Svenja finden, die Freundin ihres Bruders. Doch Sascha kennt weder ihren Nachnamen, noch weiß sie, wie Svenja aussieht. Robert ist raus. Raus aus seinem Job, raus aus seinem alten Freundeskreis. Ohne einen Plan, wie es weitergehen soll, schlägt er sich weiter die Nächte in seiner Lieblingskneipe um die Ohren. Er muss zu sich selbst finden und will der Künstler werden, der er immer schon sein wollte. Doch Robert weiß nicht, wie er damit anfangen soll. An einem Spätsommertag in Hamburg treffen Robert und Sascha aufeinander und ihre gemeinsame Geschichte beginnt. Sie begeben sich auf eine emotionale Reise, auf der sie Kiezoriginalen, Heizungsablesern, russischen Komponisten, einem Baum mit Postanschrift und nicht zuletzt immer wieder ihrer eigenen Biografie begegnen.
Autoren/Hrsg.
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Kapitel 1
Über’m Fluss, an wald’gen Hängen
Zelte, Feuer angefacht.
Und von Lärm und von Gesängen
Widerhallt die stille Nacht.
Das Ziel war fast erreicht. Sascha hatte jegliches Gefühl für Raum und Zeit verloren. »Nächste Ausfahrt Münster Nord«, ertönte es aus dem eingebauten Navi ihres VW-Busses. Hier musste sie raus und danach rein. Rein in ihr neues Leben als Studentin an der medizinischen Fakultät der Universität Münster. Fahrradstadt und katholisches Epizentrum Nordrhein-Westfalens. Aber wer wie Sascha aus dem Sauerland stammte, würde sich damit wohl arrangieren können. Ihr Blick fiel auf das blaue Ausfahrtsschild. Noch fünfhundert Meter bis Münster Nord. Doch darüber stand eine andere Stadt. Hamburg. Hatte Martin nicht immer davon geschwärmt? »Sascha, wenn wir mal groß sind, ziehen wir an die Elbe. Raus aus der miefigen Provinz, rein ins Leben.«
Jetzt war Martin fort und sie auf dem Weg nach Münster. Aus den Lautsprechern erklang bereits zum dritten Mal das dritte Klavierkonzert von Sergej Rachmaninow. Sie liebte dieses Stück. Es war die einzige Musik, die in ihr wirkliche, tiefe Gefühle auslöste. Da hatte Martin noch so oft versuchen können, sie von seiner Pop- oder Rock-Musik zu begeistern. Wahr und ehrlich fühlte sich für sie nur Rachmaninow an. Und da eigentlich auch nur das dritte Klavierkonzert.
Hamburg. Noch nie war sie dort gewesen. Gerne hätte sie Martin einmal bei einer seiner Reisen dorthin begleitet. Aber es hatte sich einfach nie ergeben. Und jetzt, wo Martin nicht mehr da war und sie, von zu Hause aus gesehen, bereits die halbe Strecke hinter sich hatte, könnte sie doch einfach … Neben ihr tauchte die Ausfahrt auf. Das Allegro des Klavierkonzertes näherte sich seinem Höhepunkt. Und Sascha trat das Gaspedal weiter durch. Es war eher ein Impuls als eine rational getroffene Entscheidung. Aber sie wollte noch nicht ankommen. Sie wollte weiter in Richtung Norden fahren, weiter Rachmaninow lauschen, weiter fort von zu Hause, das Sauerland hinter sich lassen. Sie wollte nach Hamburg, zum Sehnsuchtsort ihres Bruders, in die Stadt, die er ihr unbedingt zeigen wollte. Ihr Studium in Münster würde sowieso erst Ende des Monats beginnen. Und auch wenn ihre kleine, angemietete Studentenbude bereits bezugsfertig war, brauchte sie doch sicher nicht lange, um sich dort einzuleben und in Münster zurechtzufinden. »Nehmen Sie die nächste Ausfahrt und wenden Sie«, sprach die freundliche Stimme des Navigationssystems nun zu ihr. Sie schaltete das Gerät aus und schaute nach vorne in den weiten, grauen Himmel über dem Münsterland. Es hatte angefangen zu regnen und Sascha schaltete den Scheibenwischer ein. In knapp drei Stunden würde sie Hamburg erreichen. Und dann? Im Moment wollte sie nur Rachmaninow hören und fahren. Immer weiter weg.
Es war schon elf Uhr und Robert hatte langsam wirklich Hunger. Der Kaffee stand seit einer halben Stunde vor ihm und der Duft war verflogen. So wie die Roberts Hoffnung, Marie würde doch noch zum Frühstück auftauchen. Er hatte ihr am Freitag eine Textnachricht geschrieben. Anzurufen hatte er sich nicht getraut, aber er wollte sich mit ihr zum Frühstück verabreden. »Wenn eine Tür zu geht, geht woanders eine neue auf«, hatte ein früherer Freund immer zu ihm gesagt, wenn dieser den Job wechselte. Robert war da nicht so erfahren. Er war eher der konstante Typ. Das wollte er auch Marie erzählen und vielleicht ein wenig Mitleid von ihr erhaschen. Bislang hatte die Masche immer gut funktioniert. Na ja, was heißt hier Masche und was heißt immer? Er erinnerte sich an die Zeit, als er die Ausbildung zum Steuerfachangestellten nach der Zwischenprüfung abgebrochen hatte. Er hatte es einfach nicht mehr ausgehalten. Dieses öde, langweilige Buchhalterdasein sollte ein Ende haben, noch bevor es angefangen hatte. Er wollte kein Sklave der Gesellschaft sein, er wollte was erleben, sein Leben leben. Dennoch fühlte er sich leer, kaputt und niedergeschlagen, so als hätte er den Kampf gegen die Ausbildung verloren, ohne den um die Freiheit gewonnen zu haben. Damals hatte er das erste Mal auf der Mitleidsschiene eine Mitreisende gefunden. Anna war auf dieselbe Berufsschule gegangen und hatte seinen glühenden Ausführungen zu den nun für ihn offenstehenden Türen zugehört. Sein Blick war wohl etwas verklärt gewesen. Genau genommen war sie ihm tagelang aus dem Weg gegangen, und erst als er das Praktikum beim NDR angenommen hatte, hörte sie seinen Ausführungen über das Leben inmitten kleinerer oder größerer Persönlichkeiten zu. Da hatte er ihre Aufmerksamkeit gewonnen. Nur leider nicht ihr Herz. Das hatte sie inzwischen an einen anderen Mitschüler verschenkt, an den, der immer gesagt hatte: »Wenn eine Tür zu geht, geht woanders eine neue auf.« Vielleicht würde Maries Tür ja aufgehen, hatte Robert gehofft. Aber schon, als sie ihm recht spät auf seine Nachricht geantwortet und ihn auf »irgendeinen Tag nach dem Wochenende« vertröstet hatte, war ihm eigentlich klar, dass diese Tür geschlossen bleiben würde. Er hätte danach nicht schreiben sollen, was ihm passiert war. Hatte er aber. Er war nicht mehr ganz nüchtern gewesen. Aber hatte er wirklich geglaubt, sie würde seine Einladung zum Frühstück in das romantischste Café in Eimsbüttel an einem Dienstagvormittag annehmen?
Robert dachte an die Zeit zurück, als sich aus dem Praktikum eine Ausbildung ergeben hatte, doch das dritte Ausbildungsjahr wurde für ihn zu einer Katastrophe. Alles, was er sich für sein Leben vorgenommen hatte, zog an ihm vorbei, ohne ihn mitzunehmen. Dieses Jahr war die pure Langeweile. Zwar hatte er ein paar Kollegen kennengelernt und ein paar Freundschaften in seiner neuen Heimat gefunden, aber waren das echte Freunde? Er war in Eckernförde groß geworden. In direkter Nachbarschaft zum Strand. Da hatte er Freunde gehabt. Freunde, mit denen er die Schule geschwänzt und die Nachmittagsstunden am Strand verbracht hatte. Meistens hatten sie Skat gespielt. Das machte man in seinem norddeutschen Umfeld so. Egal wo. Ob bei sich zu Hause, bei Freunden zu Hause, mit Freunden im Urlaub oder eben am Strand. Aber immer mit Freunden. Ging auch nicht anders. Zum Skat brauchte man mindestens drei Leute. Gut, das geht auch zu zweit. Das nennt man dann Bauernskat. Aber das ist so, wie »Koyaanisqatsi« in schwarz-weiß zu sehen oder die »Quadrophenia« von The Who in mono zu hören. Sie waren damals eine eingeschworene Gemeinschaft. Sie hatten die ersten Drinks probiert, die ersten Zigaretten geraucht und sich wilde Pläne für die Zukunft gemacht. Sie hatten eine Band gegründet, Die Drei Asse, und hatten Skatpunk gespielt. Zumindest hatten sie es so genannt. Was es wirklich war, wusste heute keiner mehr so genau. Vermutlich war es eher eine Art Country auf im Offbeat gespielten Akustikgitarren. Sie hatten angefangen, ein Konzeptalbum über die Stadt Altenburg zu schreiben. Dort war das Skatspiel erfunden worden. Die Platte sollte »Ich hab da noch was im Ärmel« heißen. Aber keiner von ihnen war je in Altenburg gewesen und außerdem kam dann das Abitur dazwischen. Dennoch kam ihm dieser kurze Ausflug in Country-Gefilde zugute, als er die Kollegen vom Rundfunk näher kennenlernte. Er hatte von Die Drei Asse erzählt und da einige von ihnen auch aus Norddeutschland kamen, traf man sich das ein oder andere Mal zum Skat spielen und Country hören. Mehr war von den neuen Freunden nicht zu erwarten. Aber Robert richtete sich in seinem Leben ein. Er kam damit zurecht. Als dann jedoch die Lehre zu Ende war, wurde er nicht vom NDR übernommen. Das war eher ungewöhnlich, hatte aber vermutlich damit zu tun, dass Robert, wenn er nicht Skat spielte und trank, alleine ins Karlssons ging und dort trank.
Der Himmel war dunkel und wolkenverhangen, als Sascha ihren VW-Bus über die Elbbrücken steuerte. Eigentlich war es Martins Auto, aber der brauchte es ja nicht mehr und sie war sich sicher, er würde nichts dagegen haben. Er hatte seiner kleinen Schwester nie etwas verboten, hatte stets versucht, sie vor dem Übel der Welt zu beschützen und ihr dabei zu helfen, trotz der schwierigen Umstände ihr Leben zu meistern. Ohne ihn hätte sie sich nicht um einen Platz für den Studiengang Medizin beworben, hätte nach der ersten Absage nicht weiter daran geglaubt und nicht die nötigen Wartesemester in ihrem Beruf ausgeharrt. Ohne Martin würde sie weiterhin am Klinikum in Schmallenberg als Krankenschwester arbeiten. »Wenn du nur wirklich willst und an dich glaubst, kannst du alles erreichen«, hatte er zu ihr gesagt. An sich geglaubt hatte Sascha zwar nie wirklich, viel zu groß waren ihre Selbstzweifel, aber dank Martin verfolgte sie ihren Weg weiter. Und dann kam eines Tages die Zusage aus Münster. Sie hatte nicht mehr dran geglaubt. Im Gegensatz zu ihrem großen Bruder, der sofort eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank holte, als sie ihm den Brief zeigte. Ihren Eltern wollte sie vorerst nichts davon erzählen. Sie wusste ja, wie ihr Vater zu der Idee stand, dass seine Tochter studieren wollte. Und ihre Mutter würde sie auch nicht unterstützen. Dafür hatte sie zum Glück Martin. Mit ihm zusammen kümmerte sie sich um die organisatorischen Angelegenheiten, suchte eine Wohnung, erkundigte sich über das Angebot der Uni Münster und darüber, worauf sie alles vor dem Beginn ihres Studiums achten musste.
Jetzt aber fuhr sie nach Hamburg hinein, hatte Münster im wahrsten Sinne des Wortes einfach links liegen lassen. Für eine fixe Idee, für ein Gefühl. Sie hatte immer weiter Rachmaninow gehört und den Bus in Richtung Norden gesteuert. Und nun hatte sie die Elbbrücken passiert und fuhr an den Deichtorhallen vorbei –...




