French | Totengleich | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 2, 784 Seiten

Reihe: Mordkommission Dublin

French Totengleich

Kriminalroman
1. Auflage 2009
ISBN: 978-3-10-400105-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Kriminalroman

E-Book, Deutsch, Band 2, 784 Seiten

Reihe: Mordkommission Dublin

ISBN: 978-3-10-400105-0
Verlag: S.Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Dem Tod wie aus dem Gesicht geschnitten Als die junge Polizistin Cassie Maddox in ein verfallenes Cottage außerhalb von Dublin gerufen wird, schaut sie ins Gesicht des Todes wie in einen Spiegel: Die Ermordete gleicht ihr bis aufs Haar. Wer ist diese Frau? Wer hat sie niedergestochen? Und hätte eigentlich Cassie selbst sterben sollen? Keine Spuren und Hinweise sind zu finden, und bald bleibt nur eine Möglichkeit: Cassie Maddox muss in die Haut der Toten schlüpfen, um den Mörder zu finden. Ein ungeheuerliches Spiel beginnt. Die junge irische Kriminal-Literatin Tana French erzielte mit ?Totengleich?, ihrem zweiten Roman, einen außergewöhnlichen Erfolg bei den Lesern und wurde von der Kritik in eine Reihe mit Crime-Autorinnen wie Minette Walters, Elizabeth George oder Val McDermid gestellt.

Tana French schreibt Romane und Kriminalromane von mächtiger Spannung und Schönheit. Die vielfach ausgezeichnete Autorin zeichnet mit ihrer eindrücklichen Sprache ?markante Natur- und Gesellschaftsbilder und schaut tief in die Seelen der Menschen. Ihre Werke stehen weltweit ganz oben auf den Bestsellerlisten. Tana French wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. ?Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.
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I


Dies ist Lexie Madisons Geschichte, nicht meine. Ich würde Ihnen gern die eine erzählen, ohne in die andere hineinzugeraten, aber das funktioniert nicht. Früher dachte ich, ich hätte uns eigenhändig an den Rändern zusammengenäht, den Faden festgezurrt, und ich könnte die Naht jederzeit wieder auftrennen, ganz nach Belieben. Jetzt denke ich, dass sie schon immer tiefer reichte und weiter, dass sie unterirdisch verlief, außer Sichtweite und völlig außerhalb meiner Kontrolle.

Mein Anteil ist jedoch klar: alles, was ich getan habe. Frank macht ausschließlich die anderen verantwortlich, in erster Linie Daniel, wohingegen Sam offenbar meint, es wäre auf seltsam spiegelverzerrte Weise Lexies Schuld. Wenn ich sage, dass es nicht so war, werfen sie mir einen Seitenblick zu und wechseln das Thema – ich habe allmählich das Gefühl, dass Frank denkt, ich hätte irgendeine schleichende Variante des Stockholm-Syndroms. So etwas kommt bei verdeckten Ermittlern tatsächlich vor, aber in diesem Fall nicht. Ich will niemanden schützen, es ist niemand mehr da, der geschützt werden könnte. Lexie und die anderen werden nie erfahren, dass man ihnen die Schuld gibt, und wenn, wäre es ihnen egal. Aber unterschätzen Sie mich nicht. Mag sein, dass jemand anderer die Karten ausgeteilt hat, aber ich habe sie vom Tisch genommen, ich habe jede Karte gespielt, und ich hatte meine Gründe. Über Alexandra Madison müssen Sie vor allem eines wissen: Sie hat nie existiert. Frank Mackey und ich haben sie erfunden, vor langer Zeit, an einem strahlenden Sommernachmittag in seinem staubigen Büro auf der Harcourt Street. Er wollte Leute in einen Drogenring am University College Dublin, dem UCD, einschleusen. Ich wollte den Job, vielleicht mehr, als ich je irgendetwas im Leben gewollt hatte.

Er war eine Legende: Frank Mackey, noch nicht mal vierzig und bereits Leiter von verdeckten Operationen. Der beste Undercovercop, den Irland je hatte, hieß es, verwegen und furchtlos, ein Seiltänzer ohne Netz, niemals. Er schlenderte in IRA-Zellen und Verbrecherbanden hinein wie in seine Stammkneipe. Man hatte mir die Geschichte erzählt: Als »die Schlange« – ein Berufsgangster und Oberirrer, der einmal einen seiner eigenen Leute zum Krüppel geschlagen hatte, weil der ihm kein Bier spendieren wollte – misstrauisch wurde und drohte, ihm die Hand mit einer Nagelpistole zu durchschießen, sah Frank ihm kaltblütig in die Augen und bluffte, bis die Schlange ihm auf den Rücken klopfte und zur Entschuldigung eine nachgemachte Rolex schenkte. Frank trägt sie noch heute.

Ich war eine blutige Anfängerin, hatte die Polizeiakademie Templemore erst vor einem Jahr abgeschlossen. Als Frank ein paar Tage zuvor in einem internen Rundschreiben nach Cops suchte, die studiert hatten und für Anfang zwanzig durchgingen, trug ich eine neongelbe Weste, die mir zu weit war, und lief Streife in einer Kleinstadt im County Sligo, wo die meisten Einheimischen beängstigend ähnlich aussahen. Ich hätte seinetwegen nervös sein müssen, aber ich war es nicht, nicht im Geringsten. Ich wollte den Job zu sehr, um noch Platz für irgendetwas anderes zu haben.

Seine Bürotür stand auf, er saß auf der Kante seines Schreibtisches, in Jeans und einem verschossenen blauen T-Shirt, und blätterte in meiner Akte. Das Büro war klein und sah unordentlich aus, als würde er es hauptsächlich als Lagerraum nutzen. Der Schreibtisch war leer, nicht einmal ein Familienfoto. Auf den Regalen lagen außer Unterlagen Blues-CDs, Boulevardblätter, ein Poker-Spiel und eine rosa Frauenstrickjacke, an der noch das Etikett hing. Ich beschloss, dass ich den Typ mochte.

»Cassandra Maddox«, sagte er und blickte auf.

»Ja, Sir«, sagte ich. Er war mittelgroß, stämmig, aber fit, mit breiten Schultern und kurz geschnittenem braunen Haar. Ich hatte jemanden Unscheinbaren erwartet, der praktisch unsichtbar wäre, wie der »Krebskandidat« aus , aber dieser Bursche hatte ein raues, offenes Gesicht und eine Präsenz, die ein Hitzeflirren in der Luft zurückließ. Er war nicht mein Typ, aber ich war ziemlich sicher, dass er bei Frauen gut ankam.

»Frank. ›Sir‹ ist was für Schreibtischhengste.« Er sprach klassisch Dubliner Akzent, dezent, aber mit Vorsatz, wie eine Herausforderung. Er rutschte vom Schreibtisch und streckte die Hand aus.

»Cassie«, sagte ich und schüttelte sie.

Er deutete auf einen Stuhl und setzte sich wieder auf die Schreibtischkante. »Hier steht«, sagte er und tippte auf meine Akte, »Sie sind gut unter Druck.«

Es dauerte einen Moment, bis ich begriff, was er meinte. Als ich noch in der Ausbildung in einem heruntergekommenen Viertel von Cork stationiert war, hatte ich einmal einen schizophrenen Teenager beruhigt, der in Panik geraten war und sich mit dem Rasiermesser seines Großvaters die Kehle durchschneiden wollte. Ich hatte die Geschichte schon fast vergessen. Erst in dem Moment wurde mir klar, dass ich wahrscheinlich deshalb für den Job in die engere Wahl gekommen war.

»Ich hoffe«, sagte ich.

»Sie sind, wie alt – siebenundzwanzig?«

»Sechsundzwanzig.«

Das Licht, das durchs Fenster fiel, schien mir ins Gesicht, und er musterte mich mit einem langen, prüfenden Blick. »Sie könnten für einundzwanzig durchgehen, kein Problem. Hier steht, Sie haben drei Jahre studiert. Wo?«

»Trinity. Psychologie.«

Seine Augenbrauen schnellten hoch, gespielt beeindruckt. »Aha, ein Profi. Warum haben Sie keinen Abschluss gemacht?«

»Ich hab eine bislang unerforschte Allergie gegen angloirische Akzente entwickelt«, erklärte ich.

Das gefiel ihm. »Würden Sie am UCD Ausschlag kriegen?«

»Dann nehme ich meine Antihistamine.«

Frank hüpfte von seinem Schreibtisch und ging zum Fenster, winkte mir, ihm zu folgen. »Okay«, sagte er. »Sehen Sie das Pärchen da unten?«

Ein junger Mann und eine junge Frau kamen plaudernd die Straße hoch. Sie kramte einen Schlüssel hervor und schloss die Tür zu einem tristen Mietshaus auf, in dem sie verschwanden.

»Erzählen Sie mir was über die beiden«, sagte Frank. Er lehnte sich gegen das Fenster, hakte die Daumen in seinen Gürtel und sah mich an.

»Beides Studenten«, sagte ich. »Büchertaschen. Sie waren im Supermarkt einkaufen – die Einkaufstüten von Dunne’s. Sie hat mehr Geld als er, ihre Jacke war teuer, aber er hat einen Flicken auf der Jeans, und zwar nicht aus modischen Gründen.«

»Sind sie ein Paar? Befreundet? WG-Mitbewohner?«

»Ein Paar. Sie sind enger nebeneinander hergegangen, als Freunde das tun würden, die Köpfe enger zusammen.«

»Sind sie schon lange zusammen?«

Mir gefiel das, die neue Art, wie mein Verstand funktionierte. »Eine Weile, ja«, sagte ich. Frank zog fragend eine Braue hoch, und einen Moment lang war ich mir nicht sicher, woher ich das wusste, dann machte es klick. »Sie haben sich beim Sprechen nicht angesehen. Frische Pärchen sehen sich ständig an. Ältere müssen sich nicht mehr so oft vergewissern.«

»Wohnen sie zusammen?«

»Nein, sonst hätte er automatisch auch nach seinen Schlüsseln gesucht. Das da ist ihre Wohnung. Sie teilt sie sich aber mit wenigstens einer Person. Sie haben beide zu einem Fenster hochgeschaut, wollten nachsehen, ob die Vorhänge auf waren.«

»Wie ist ihre Beziehung?«

»Gut. Sie hat ihn zum Lachen gebracht – Männer lachen meistens nicht über die Scherze von Frauen, außer sie sind noch in der verliebten Phase. Er hat beide Einkaufstüten getragen, und sie hat ihm die Tür aufgehalten, bevor sie rein ist: Sie gehen fürsorglich miteinander um.«

Frank nickte. »Sehr gut. Undercoverarbeit ist zur Hälfte Intuition – und ich meine nicht irgendwelchen Hellsehermist. Ich meine, Sachen wahrnehmen und analysieren, ehe du überhaupt merkst, dass du es tust. Der Rest ist Schnelligkeit und Mumm. Wenn du etwas sagen willst oder tun willst, dann tust du es schnell und mit völliger Überzeugungskraft. Wer aus Unsicherheit zögert, ist geliefert, womöglich tot. Sie werden die nächsten ein, zwei Jahre überwiegend keine Kontakte haben. Haben Sie Familie?«

»Tante und Onkel«, sagte ich.

»Freund?«

»Ja.«

»Sie werden sie kontaktieren können, aber nicht umgekehrt. Meinen Sie, die kommen damit klar?«

»Das werden sie müssen«, sagte ich.

Er lehnte noch immer lässig am Fensterrahmen, aber ich bemerkte ein stechendes blaues Funkeln: Er beobachtete mich genau. »Hier geht’s nicht gerade um ein kolumbianisches Kartell, und Sie werden hauptsächlich mit den untersten Chargen zu tun haben – jedenfalls am Anfang, aber Sie müssen sich darüber klar sein, dass der Job gefährlich ist. Die eine Hälfte dieser Leute ist die meiste Zeit zugeknallt, und die andere Hälfte nimmt ihr Geschäft sehr ernst, was bedeutet, dass keiner von denen ein Problem damit hätte, Sie zu töten. Macht Sie das nervös?«

»Nein«, sagte ich, und das meinte ich auch so. »Überhaupt nicht.«

»Wunderbar«, sagte Frank. »Holen wir uns Kaffee und fangen wir an.«

Ich brauchte eine Sekunde, um zu begreifen, dass das alles war: Ich war dabei. Ich hatte ein dreistündiges Einstellungsgespräch und einen Haufen bizarrer Tests mit Tintenklecksen und Fragen über meine Mutter erwartet, aber so arbeitet Frank nicht. Ich weiß bis heute nicht, wann genau er die Entscheidung getroffen hat. Lange Zeit habe ich auf den passenden Moment gewartet, um ihn danach zu fragen. Jetzt bin ich nicht mehr sicher, ob ich überhaupt wissen will, was er in mir gesehen hat, was ihm verraten hat, dass ich dafür geeignet war.

Wir holten uns angebrannt schmeckenden Kaffee und eine Packung Schokokekse...


Wasel, Ulrike
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.

French, Tana
Tana French begeistert Krimi- und Literatur-Liebhaber:innen gleichermaßen. Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet die irische Autorin markante Gesellschaftsporträts und schaut tief in die Seelen der Menschen. Tana French wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Tana French lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.

Timmermann, Klaus
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.

Tana FrenchTana French begeistert Krimi- und Literatur-Liebhaber:innen gleichermaßen. Mit ihrer eindrücklichen Sprache zeichnet die irische Autorin markante Gesellschaftsporträts und schaut tief in die Seelen der Menschen. Tana French wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet; ihre Romane stehen weltweit auf den Bestsellerlisten. Sie wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Tana French lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.

Tana French schreibt Romane von mächtiger Schönheit und Spannung. Die vielfach ausgezeichnete Autorin zeichnet mit ihrer eindrücklichen Sprache markante Natur- und Gesellschaftsbilder und schaut tief in die Seelen der Menschen. Ihre Werke werden von Kritik und Publikum weltweit gefeiert und stehen ganz oben auf den Bestsellerlisten. Tana French wuchs in Irland, Italien und Malawi auf, absolvierte eine Schauspielausbildung am Trinity College und arbeitete für Theater, Film und Fernsehen. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren beiden Kindern im nördlichen Teil von Dublin.

Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.
Ulrike Wasel und Klaus Timmermann übersetzen als außergewöhnlich kreatives und erfahrenes Duo viele bedeutende Autorinnen und Autoren aus dem Englischen und Amerikanischen, unter anderem Tana French, Dave Eggers und Delia Owens.



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