E-Book, Deutsch, 1556 Seiten
Frenssen Gesammelte Werke
2. Auflage 2017
ISBN: 978-80-268-7438-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Peter Moors Fahrt nach Südwest, Hilligenlei, Die drei Getreuen, Die Brüder & Jörn Uhl
E-Book, Deutsch, 1556 Seiten
ISBN: 978-80-268-7438-6
Verlag: e-artnow
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dieses eBook: 'Gesammelte Werke' ist mit einem detaillierten und dynamischen Inhaltsverzeichnis versehen und wurde sorgfältig korrekturgelesen. Gustav Frenssen (1863-1945) war ein deutscher Schriftsteller. 1896 veröffentlichte er sein erstes größeres Werk, Die Sandgräfin, und 1901 den Entwicklungsroman Jörn Uhl, der beim Publikum und bei der Kritik großen Erfolg hatte. 1905 erschien Hilligenlei und 1906 Peter Moors Fahrt nach Südwest über den Aufstand der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, von denen jeweils zwei Monate nach Erscheinen über 100 000 Stück verkauft waren. Seine Werke erreichten eine Gesamtauflage von rund drei Millionen Exemplaren. Inhalt: Die drei Getreuen Jörn Uhl Hilligenlei Peter Moors Fahrt nach Südwest Die Brüder
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Zweites Kapitel
Es dehnte sich eine gerade Heidefläche vom Dorf bis an den Wald. Wenn man lang hingestreckt in der Heide lag wie Heim Heiderieter, dann sah man an diesem Maitag, der etwas nebelig war, nichts weiter als auf der einen Seite den Wald, einen bescheidenen, von den Weststürmen niedergehaltenen Wald, auf der anderen Seite den Kirchturm, einige Strohgiebel und Baumkronen. So viel sah man, mehr nicht. Das übrige, der Rest der Welt, lag für Heim Heiderieter im Nebel, obgleich er nun schon sechzehn Jahre alt war und den Krieg gegen Frankreich mitgemacht hatte und bei Pastor Frisius den alten Griechen Homer ins Deutsche übersetzte.
Am Rand der Heide, nach Westen zu, nicht weit vom Dorfe, versuchte ein breites niedriges Strohdach, das an den Seiten fast bis zur Erde reichte, über die Heide zu sehen. Es stand so recht träge im Nebel. Dort wohnte Heim Heiderieters Vater; eine Mutter hatte er längst nicht mehr; Geschwister hatte er nie gehabt. So bekam er reichlich Gelegenheit, ein echter Heiderieter zu werden.
Die Heiderieter wohnten seit fast dreihundert Jahren in jenem Haus am Rand der Heide. Sie waren immer am besten zu wege, wenn auf der Heide der Nebel lag. Den Heiderieters hatte die Welt, wie sie sich zeigt, die Erscheinungen um sie her, immer in Nebel und Dunst gelegen. Darum war ihr Erbe auch nicht größer geworden, auch nicht wertvoller. Zwar gehörte ihnen neben einigem Ackerland in der Marsch die Heide; aber diese lag noch in alter Wüstheit da wie zur Zeit des ersten Heiderieters; und diese Leute behielten immer Platz genug, ihre langen Leiber in das Heidekraut zu legen und in den Nebel zu sehen, welcher die Welt vor ihren träumenden Augen verbarg.
Pastor Frisius sagt: »Die Heiderieter sind träge und arbeitsscheu;« aber Pastor Frisius ist kein Menschenkenner und hat noch dazu schweres Blut. Lehrer Haller sagt: »Es ist ein feiner interessanter Menschenschlag;« aber Lehrer Haller wird körperlich immer schwerer, nimmt das Leben immer leichter und macht seine Betrachtungen im hellen Sonnenschein.
Die Wahrheit ist in keinem; sie steht aber zwischen ihnen: Die Heiderieter sind fein und faul.
Wenn der Arbeiter die Kartoffeln zeigt, die er gebaut hat, so greift er in den Sack und sagt: »So sind die Kleinsten!« und noch einmal und sagt: »So sind die Größten! Die übrigen sind zwischen ihnen.« Wenn man es so mit den Heiderieters macht, so war der Größte von ihnen jener, der vor zweihundertfünfzig Jahren lebte, dessen Name in der Kunstgeschichte des Landes mit Anerkennung genannt wird. Er war, wie jeder Kunstverständige weiß, ein Bildhauer. Weil aber die Zeit und die Menschen ihm keine Gelegenheit boten, in edlem Stein oder Erz Großes zu schaffen, so ist er bei kleinen Dingen geblieben. Es stehen aber in etlichen Häusern im Land, z. B. im Schloß vor Husum, einige Kamine, an andern Stellen einige steinerne Thoreinfassungen, welche einen edlen und dabei lebhaften Stil zeigen. Von seinem Leben weiß man wenig. Er soll eine ritterliche Erscheinung gewesen sein und durch eine Liebesgeschichte von jenen Schlössern vertrieben sein, in denen er sein reichlich Brot fand. Danach hat er in einer Hansastadt als ein Meister, der Kunst und Handwerk zu verbinden verstand, in Ansehen gelebt. Sein Alter aber und sein Ende war auf dem Heidehof. Dies ist merkwürdig. War die Heiderietersche Natur noch einmal wieder zum Vorschein gekommen? Und war es die feine Seite oder die faule?
Der Kleinste aller Heiderieter war der Lebende, der Vater von Heim.
Was ist von ihm zu sagen?
Wenn man vom Wald her nach dem Hofe geht, kommt man über ein weites Stück Heideland, dessen Boden unter der Heide kleine kurze Wellen zeigt. Dies Land hatte sein Vater einst mit Mühe urbar gemacht und einen guten Roggen auf ihm gebaut und war gestorben. Sein Sohn besäte die Fläche nicht; die Heide lief wieder darüber hin. Darunter lagen, wie erstarrte Wellen, die Ackerfurchen. Es ist ferner zu sagen, daß einmal von irgend einem boshaften Menschen der Vorschlag gemacht wurde, ihn zum Kirchenbaumeister zu machen. Aber Pastor Frisius lehnte entschieden ab, da er sich zu wenig von einem Kirchenbaumeister verspräche, der nicht sein eigenes Haus, nicht einmal seinen eigenen Kopf sauber hielte.
Nein! Dieser Heiderieter war nicht fein, der war nur faul!
Er hat sich in den letzten zwanzig Jahren seines Lebens damit beschäftigt, die Hünengräber aufzuschließen, die auf seiner Heide lagen. Er hat sich so lange damit befaßt, sich so einseitig damit beschäftigt, daß sein Sohn Heim zu dem Glauben kam, man fülle das Leben am würdigsten aus, indem man nach Lust und Liebe interessante Dinge ausgrabe oder, da man doch nicht alle Gräber der Welt öffnen könnte, im Sommer auf der Heide liegend, im Winter hinterm Ofen sitzend, darüber nachgrüble, was wohl darin sein könne. So war er im Begriff, ein echter Heiderieter zu werden.
Über den Namen Heiderieter ist viel Streit. Er bedeutet nach Lehrer Halter einen Heidereiter, also einen Mann, der als ein Jäger oder Wächter über die Heide reitet; nach Pastor Frisius einen Heidereißer, also einen Mann, der die Heide aufreißt, urbar macht. Wenn man die Heiderieter vom letzten bis zum ersten nach dieser letzten Erklärung mißt, so ist nur jener eine, Heims Großvater, dieses Namens würdig gewesen. Alle anderen hatten sich nicht die Mühe gegeben, die immer vordringende Heide von dem Strohdach fern zu halten, unter dem sie träumend saßen.
Heim lag in der Heide und sah seinem Vater zu, der seit einigen Tagen langsam und bedächtig ein Grab aufgrub. Man hörte das weiche Arbeiten des Spatens, das leise Hinabrutschen der Erde. Weiter nichts. Die beiden Menschen schwiegen: sie sprachen überhaupt nicht miteinander. Jeder spann seinen eigenen Traum, an Stoff zum Grübeln fehlte es einem Heiderieter nie.
Da klirrte der Spaten gegen den Stein.
Der Graukopf legte das Gerät hin und ging nach dem Heidehof hinüber. Er hatte wie gewöhnlich den Kasten vergessen, in den er die gefundenen Gegenstände hineinzulegen pflegte. Sein alter greiser Rock hing vorn bis auf die Kniee herunter: Haar und Bart, grau, fast weiß, standen wirr um den großen Kopf, sein Gang war schwerfällig und die Haltung seines kurzen Körpers durch Alter und Trägheit gebeugt.
Heim lag und sah dem Alten nach. Dann erinnerte er sich, daß der Spaten geklirrt hatte. Er schob seinen letzten Traum in die Sonntagsstube seiner Seele, die sehr groß war, und richtete seine klugen Augen auf die Stelle, wo der Stein aus der Erde hervorsah. Langsam kroch er näher, mit langen Armen und Beinen im Drillichanzug und schweren Schnürschuhen: eine große, graue Eidechse. Auf dem Leibe liegend, versuchte er, die beiden Steine, welche die Umrandung des Grabes bildeten, ein wenig auseinander zu rücken; aber das gelang ihm nicht. Es war nichts Hastiges in seinen Bewegungen, als er nun die lange, braune Hand mühsam zwischen die Steine hindurchzwängte und den schutterfüllten inneren Raum vorsichtig befühlte. Da ging ein Ruck durch den langen Körper, ein kleines Häuflein brauner Erde flog aus der Steinritze, gleich darauf ein fingerbreiter, gelber Reifen, ein Armband.
»Nun hab' ich drei!« sagte er leise und nahm den Reifen und wendete ihn hin und her und wog ihn in der Hand. »Drei! . .. Aber dieser ist der schwerste ...« Er sah nachdenklich auf den Reifen in seiner Hand. »Wenn ich ihn nur endlich brauchen könnte! Endlich 'mal! Drei hab' ich nun. Und noch keinen gebraucht!«
Über die Heide kam der Alte. Schwankend, undeutlich erschien seine zusammenhanglose Gestalt in dem Nebel. Er hatte den Kasten unter dem Arm und eine Eisenstange in der Hand.
»Faß an!« sagte er.
Also mußte Heim aufstehen und die Stange anfassen. Als es dem Alten nicht gelang, den großen Deckstein zu schieben, legte Heim sich davor; da wich er.
Beide beugten sich nieder und sahen in die Kammer.
»Eine Maus!« sagte der Alte.
»Ein Maulwurf!« sagte Heim und wischte vorsichtig die Spur weg, welche dem Eindruck eines Fingers glich.
Es fiel kein Wort, während sie sorgfältig die Erde untersuchten und die kleinsten Scherben und Stücke, in den Kasten legten. Nun war die Urne beseitigt. Der Alte ließ seine Finger leicht tastend über die Erde gleiten und hob den Kopf.
»Du kannst nach Hause gehn,« sagte er.
Da ging Heim mit gemächlich langen Schritten, die Hände tief in den Hosentaschen, über die Heide, aber nicht nach dem Heidehof zu, sondern nach dem Wodanshügel, der am Rand des Waldes lag. Und während er so dahin ging, lächelte er hochmütig: »Jetzt findet er den Dolch ... na, laß ihn!«
Nach zehn Minuten hatte er den Hügel erreicht und setzte sich zwischen die beiden Weißbirken auf die bankartige Erhöhung von Heidesoden und fing an, das Armband an dem harten Stoff seiner Jacke blank zu reiben. So arbeitete er mit stiller und verschlossener Miene wohl zwei Stunden lang; nur in den halbgeöffneten Augen war Leben, buntes Leben, wie in den Heidegräbern. Er malte sich aus, wie er die drei Reifen brauchen würde, und in welcher Weise das große herrliche Ereignis wohl eintreten könnte.
Die Sonne hatte die Nebel besiegt, sie lag klar und warm im Westen, mit den goldenen, ausgestreckten Flügeln fast schon auf dem Meer. Man mußte aber wissen, daß es das Meer war; von selbst kam kein Mensch darauf. Aber die mächtige silberne Planke am Rand der Erde, die da im Westen steht, als trennte sie das Reich Gottes von dem Reich der Menschen, das ist die Nordsee, die in der Ebbe zurückgetreten ist.
Der Weg, der aus der Welt in die Einsamkeit dieser Heide führte, kam schräg hinter dem Wodanshügel aus...




