E-Book, Deutsch, Band 1, 480 Seiten
Reihe: Die Völkerkriege
Frenz Der Groll der Zwerge
1. Auflage 2017
ISBN: 978-3-10-403757-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Völkerkriege 1
E-Book, Deutsch, Band 1, 480 Seiten
Reihe: Die Völkerkriege
ISBN: 978-3-10-403757-8
Verlag: S. Fischer
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Bernd Frenz (* 1964) schreibt schon seit vielen Jahren Fantasy- und Science-Fiction-Romane. Er gehörte zu den Hauptautoren der Endzeitserie »Maddrax«, schrieb für den »Perry Rhodan«-Kosmos und verfasste drei »S.T.A.L.K.E.R.«-Romane. Mit seiner Trilogie über die »Blutorks« hat er sich einen festen Platz in der deutschen Fantasy-Landschaft erobert.
Autoren/Hrsg.
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Felsheim
1.
Selbst unter seinesgleichen galt Orm Eisenbeiß als knurriger Gesell, dem nur selten ein freundliches Wort über die Lippen schlüpfte. Dunkler Groll und immerwährende Gereiztheit pochten abwechselnd in seinem spärlich bewachsenen Schädel. Gute Laune bedeutete bei ihm kaum mehr als die Zeit zwischen zwei Wutausbrüchen. Manch wohlmeinende Gemüter behaupteten zwar, erst die Erfahrungen der Großen Schlachten hätte ihn hart und unnachgiebig gemacht, doch viele, die ihn schon von Kindesbeinen an kannten, versicherten mit heiligem Ernst, dass Orm von jeher ein Stinkstiefel gewesen sei. Die Entbehrungen und Gräuel der Kriege hätten nur prächtig gedeihen lassen, was ohnehin schon tief in seiner Brust geschlummert habe.
Vielleicht war das der Grund dafür, warum er selbst im Schlaf mit sich und der Welt zu hadern schien. Für gewöhnlich klang sein Schnarchen wie das Knurren eines angriffslustigen Tieres, und sein Gesicht verzerrte sich dabei, als litte er unter ständiger Atemnot. Doch manchmal – selten zwar, aber mit den Jahren immer öfter – stahl sich auch nackte Angst in seine Züge, immer dann, wenn er im Schlafe zu wimmern begann.
Orm hatte andere Steinmetze darüber hinter seinem Rücken tuscheln hören, deshalb vermied er es mittlerweile, in der Öffentlichkeit einzunicken, obwohl das einem Zwerg seines Alters ohne Gesichtsverlust zustand.
Aber an jenem verhängnisvollen Tage, als der Zwist zwischen den Alten Völkern wiederaufflammte, war er dennoch eingeschlafen. Zum Glück in einer leeren Grabkammer der dritten Tiefebene, in der er den Augen und Ohren der anderen entzogen war. So bemerkte niemand, wie seine Augäpfel heftig unter den geschlossenen Lidern umherwanderten, und keiner hörte die halberstickten Laute in seiner Kehle, als er von träumte.
Von plötzlich aufbrandendem Geschrei geweckt, schreckte Orm aus dem Albtraum auf. »Verflixt und zerstückelt!« Anstatt sich die schlaftrunkenen Augen zu reiben, langte er instinktiv nach der Peitsche an seiner Hüfte. »Was geht da bloß vor?«
Inzwischen übertönte hämmernder Steinschlag die entsetzten Rufe aus Troll- und Zwergenkehlen. Das lang anhaltende Grollen, das von den Felswänden widerhallte, jagte Orm kalte Schauer über den Rücken. Da hagelte weit mehr durcheinander als nur der Abraum eines vollen Lastkorbes, das war deutlich zu hören.
Und zu spüren!
Nein, Orm täuschte sich nicht. Das leichte Zittern, mit dem der ausgehöhlte Berg seine Stiefelsohlen kitzelte, war eindeutig. Die gesamte Nekropole erbebte in ihren Grundfesten!
Auf einen Schlag hellwach, sprang der Oberste Steinmetz in die Höhe, richtete seine Lederschürze mit sicheren Griffen und strich sich den schlohweißen Bart glatt, bevor er die aufgerollte Trollpeitsche vom Gürtel löste. Zwar lag die Zeit der Sklaverei lange zurück, doch Orm gehörte zu jenen Zwergen, die weiterhin darauf schworen, dass sich aufrührerische Trolle durch nichts besser zur Räson bringen ließen als durch lautes Peitschenknallen.
Schlecht gelaunt, aber gut gerüstet, schlug er das Bärenfell am Eingang zur Seite, bevor er ins Freie stürmte. Direkt in die grauen Staubwolken hinein, die durch den Seitengang des Westschachtes wallten. Orm kniff die Augenlider zusammen, doch zu spät. Der mehlfeine Steinnebel hüllte ihn bereits vollständig ein, durchdrang seinen Bart, kroch ihm unter die Kleidung, legte sich auf seine Lungen und stach ihm in die Augen, bis sie tränten.
, fluchte der Zwerg still in sich hinein.
Hustend kämpfte sich Orm nach links, in Richtung der neuen Talsohle, wo die hochstehende Sonne die im westlichen Lichtschacht aufsteigenden Schleier langsam zu lichten begann. Der Radau entsprang in der Tiefe, dort, wo seine fleißigen Zwerge neue Grabkammern aus dem Fels schlugen, daran bestand kein Zweifel. Den linken Arm auf das Gesicht gepresst, um Mund und Nase zu schützen, stürmte er die Stufen der nächstgelegenen Treppe hinab. Vorbei an pockennarbigen Wänden, die noch zu glätten und zu schleifen waren, obwohl dort bereits eine Grabkammer für die Bestattung eines Toten aus dem Geschlecht der Odemar vorbereitet wurde.
Auch ohne den umherwirbelnden Staub, der jeden Atemzug zur Qual machte, wäre die Sicht schummerig gewesen. Denn hier unten, auf der vierten Tiefebene, hatten sich die Zwerge so weit in den Berg gewühlt, dass es zwischen den Felswänden nur noch zur Mittagszeit richtig hell wurde, wenn die Sonne senkrecht am Himmel stand.
Mit brennenden Augen tastete sich Orm unter einem Steinbogen hindurch, hinter dem ein halbkreisförmiger Absatz lag. Obwohl er nur mit Mühe sehen konnte, hielt er kurz vor den ersten Stufen inne.
Orks, Menschen oder anderes Gezücht wären wohl haltlos ins Leere gestolpert, doch dem Volk der Zwerge war die Arbeit in Bergwerken und dunklen Stollen über unzählige Generationen in Fleisch und Blut übergegangen. Selbst in tiefster Finsternis spürten Orm und seinesgleichen, wo vorspringende Felsnasen und abgrundtiefe Spalten lauerten.
Umgeben von keifenden Stimmen, die sich gegenseitig die Pest, schwindende Manneskraft und noch Schlimmeres an den Hals wünschten, verschnaufte er einige Herzschläge lang. Zum Glück klarte die Sicht allmählich wieder auf. Nachdem er mehrmals mit den Augenlidern gezwinkert hatte, um den Tränenfluss anzuregen, schälten sich die ersten Kontrahenten des lautstarken Streits aus den absinkenden Staubnebeln hervor.
Obwohl sie gleichermaßen grau eingepudert waren, ließen sich beide Parteien gut voneinander unterscheiden. Auf der einen Seite die Zwerge, die mit ihren unterschiedlich großen Hämmern, den Meißeln und den Lederschürzen deutlich als Steinmetze zu erkennen waren. Ihnen gegenüber standen die doppelt so großen Trolle, die außer ihren Schulterpolstern, auf denen für gewöhnlich die Lastkörbe ruhten, nur einfache Lendenschurze um die Hüften trugen. Den anfallenden Abraum, für den sie zuständig waren, klaubten die lederhäutigen Riesen mit bloßen Händen auf, ansonsten verfügten sie über mannshohe Brechstangen, mit denen sie die Abbrucharbeiten gehörig beschleunigten.
Für anspruchsvollere Tätigkeiten waren Trolle nicht zu gebrauchen. Und wäre es nach Orm gegangen, hätten die plumpen Gesellen ohnehin keinen einzigen Fußbreit in die heiligste aller Grabstätten setzen dürfen. Schließlich war Felsheim nicht irgendeine Totenstadt, sondern Nekropole schlechthin, in der schon seit grauer Vorzeit die reichsten und edelsten Zwerge ihre letzte Ruhestätte fanden.
Leider waren die beengten Verhältnisse der unteren Ebenen für schweres Gerät ungeeignet, und ein Troll schaffte bei jedem Gang ebenso viel Gewicht die Stufen hinauf wie drei kräftige Zwerge, brauchte dafür aber nur einmal bezahlt zu werden. Das genügte den Hütern, um großzügig über das alte Gebot hinwegzusehen, dass es nur Zwergen reinsten Blutes erlaubt war, Felsheim zu betreten.
Wie die meisten Angehörigen seines Volkes, so glaubte auch Orm nicht an helfende oder strafende Götter, sondern ausschließlich an die Macht der Ahnen sowie an Tugenden wie Tatkraft, Fleiß und Handwerkskunst, die jeden Zwerg im Leben weiterbrachten. Und mit größter Wahrscheinlichkeit auch in der jenseitigen Welt, die sie nach ihrem Tode erwartete. Trotzdem war er davon überzeugt, dass sich aus den alten Traditionen und Ritualen Kraft schöpfen ließ, die nicht für eine Handvoll Gold vergeudet werden durfte.
Aber in diesem Punkt vertraten die Herren von Felsheim eine andere Meinung. Allein die Hüter bestimmten über das Schicksal der Nekropole, mochte Orm auch seit Jahrzehnten die Aufsicht über die Steinmetze innehaben. Das hatten ihm Hezio und die anderen beiden des Dreigestirns deutlich vor Augen geführt. Ebenso wie die Möglichkeit, dass er jederzeit durch einen jüngeren und einsichtigeren Aufseher ersetzt werden konnte.
Also musste er parieren, so schwer es ihm auch fiel.
Und so sehr es ihm die Laune verhagelte.
»Tölpel! Tumbes Gesindel!« Borstels helle Stimme, die sich bei Aufregung besonders schrill in die Höhe schraubte, verdrängte die trüben Gedanken. »Dieses Missgeschick ist allein eure Schuld!«
Erst beim Anblick der klagenden Geste, mit der Borstel Flammenhaar auf eine Stelle neben den bereits in den Berg geschlagenen Kammern deutete, wurde sich Orm des vollen Ausmaßes der Katastrophe bewusst. Da, wo sich eigentlich eine massive Steinwand in der staubgeschwängerten Luft abzeichnen sollte, klaffte ein riesiges Loch im Fels. Groß und breit wie ein Troll war die Öffnung. Mit wild gezackten, beinahe ausgefranst wirkenden Rändern, von denen tiefe Risse ausgingen. Die blitzförmig verlaufenden Spalten bereiteten Orm gehöriges Magengrimmen. Angesichts der höher gelegenen Grabstätten vermochte jede Erschütterung der Talsohle weitere Abbrüche nach sich ziehen. Nicht auszudenken, wenn dabei eines der belegten Gräber Schaden erlitt.
»Was willst du denn, du Wicht?« Natürlich war es Archat, der aufseiten der Trolle das Wort ergriff. Ein grober Klotz, der noch die Zeit der Knute kannte, sich aber...




