E-Book, Deutsch, 264 Seiten
Frerichs Streuwiesen. Ein Lesebuch
1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7568-7824-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
E-Book, Deutsch, 264 Seiten
ISBN: 978-3-7568-7824-6
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Joke Frerichs, geb. 1945, Dr. rer. pol.; Studium der Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie und Germanistik; berufliche Tätigkeit im Feld der Sozialforschung, in Leitungsfunktion und empirischer Forschung; seit 2006 freier Autor und Schriftsteller; zahlreiche literarische Veröffentlichungen (Romane, Gedichte, Essays, autobiografische Texte etc.).
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Kurt Drawert: Deutsche Zustände
Wer die gegenwärtigen Befindlichkeiten in unserer Gesellschaft verstehen will, sollte nicht nur auf die politischen Großereignisse schauen, die im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Ebenso wichtig ist es, sich die subjektive Seite der Veränderungen klarzumachen, die sich in den letzten Jahren in beiden Teilen Deutschlands vollzogen haben.
Der Schriftsteller Kurt Drawert kennt beide Seiten; er hat sie intensiv erlebt und beeindruckende Texte darüber geschrieben. In seiner Lyrik und Prosa finden sich zahlreiche Zeugnisse eines verzweifelten Kampfes um persönliche und politische Orientierung in Zeiten zunehmender (Habermas).
In seiner Gedichtsammlung (2002) sucht Drawert ein Ventil für die Demütigungen und Zurichtungen, denen er in seiner bisherigen Lebensgeschichte offenbar hilflos ausgeliefert war. Man spürt fast in jeder Zeile das Ringen des Schriftstellers um eine adäquate Sprache für sein Streben nach Selbstvergewisserung. Er ist ein Suchender, der zu wissen scheint, dass er nicht findet, wonach er sucht.
Sein Erfahrungsraum war lange Zeit der Osten Deutschlands. Hier hat er eine unglückliche Kindheit erlebt; unter der geistigen Enge gelitten und versucht, den Zumutungen von Elternhaus, Schule und Behörden zu widerstehen. Voller Verbitterung berichtet er von diesen Erfahrungen; ihm geht es darum, sie endlich abzustreifen; vergessen zu machen. In seinem Prosatext (1992) hat Drawert die Erfahrungen seiner Kindheit und Jugend in der DDR reflektiert und eindringlich geschildert. Es sind Zeugnisse des (Selbst)Hasses und eine einzige Anklage – insbesondere adressiert an den regimetreuen Vater, der seinem Sohn ohne jedes Verständnis begegnet und an eine soziale Umgebung, die in einer Mixtur aus Anpassung und Gleichgültigkeit die Existenz des Heranwachsenden bedroht.
Drawert konfrontiert schon früh die DDR-Wirklichkeit mit der Nazi-Vergangenheit, die sich hinter der sozialistischen Welt nur zu kaschieren versucht. Der behauptete könne nicht darüber hinwegtäuschen, dass man es versäumt hatte, sich ernsthaft mit dem Nationalsozialismus auseinander zu setzen. Damit knüpft Drawert an Brecht an, der nach dem 17. Juni 1953 bemerkt hatte: Brecht beschwerte sich darüber, dass es ein Tabu war, von der Nazizeit zu sprechen und dass Bücher am Erscheinen gehindert wurden, wenn diese davon handelten.
Drawert konstatiert bereits Anfang der 90er Jahre, dass die deutsche Wiedervereinigung das Gebiet der ehemaligen DDR zu einer Laborschale zur Herstellung rechtsradikaler Bewusstenseinszustände gemacht hat.
Er legt damit gewissermaßen den der DDR bloß, der Vielen erst nach den Untaten der NSU bewusst zu werden begann.
Drawerts primäres Anliegen als Schriftsteller ist es, aufzuzeigen, wie insbesondere die instrumentalisiert wurde, indem man Jugendlichen einen bestimmten Sprachkanon eintrichterte. Zeitweilig reagiert er darauf mit als einer hilflosen Form des Widerstands. Er versucht zu überleben, indem er sich möglichst selbst verleugnet und unsichtbar macht. Alles abbrechen, ein Anderer werden – das ist leicht gesagt, zumal, wenn einem auch die Sprache allmählich abhanden gekommen ist. Wenn die Sprache ihre Eindeutigkeit eingebüßt hat und die Begriffe das nicht hergeben, was sie verheißen, dann werden sie zur nackten Hülse; wieder und wieder gebraucht, wiederholt, gedankenlos dahergesagt, ohne dass auch nur nach ihrem Sinn gefragt würde. Für einen Heranwachsenden, der hinreichend sensibel ist, gibt es keinen Ausweg, keine Alternative. Alles ist verbaut. Hat er die Wirklichkeit so weit durchschaut, dass ihm alles nur noch als Lug und Trug erscheint, bleibt nur eine Art innerer Emigration, Verbitterung, Verzweiflung.
Lange, zähe Jahre gehen dahin. Enttäuschung folgt auf Enttäuschung; Desillusionierung auf Desillusionierung, bis nichts mehr bleibt als die bloße Verneinung all dessen, was einem aufgetragen wird und einen umgibt. Und dann – 1989 – gibt es doch für eine kurze Zeit die Hoffnung auf Besserung. Nur für kurze, sehr kurze Zeit scheint sie auf: die Hoffnung, dass Es ist die Hoffnung darauf, dass die Menschen einen Sinn in sich haben, deren Text sie nur noch nicht kennen und deren Sprache sie nur noch nicht zu sprechen gelernt haben. Gleichwohl sind sie auf die Straße gegangen, zu Hunderttausenden, selbst auf die Gefahr hin, zu sterben. Sie sind auf die Straße gegangen, weil sie den Sinn in sich wahrgenommen haben und auf der Suche nach einer Sprache für diesen. Auf der Suche nach einem Diskurs,
Die Zeit der Illusion währt nur kurz. Es gelingt nicht, eine neue Sprache zu kreieren, die Begriffe zu klären, ihnen neue Bedeutungen zu geben. Die Sprache bleibt dem System der Unterwerfung zu sehr verhaftet.
Das Beeindruckende an Drawerts Texten ist, dass sie keine abstrakten Erörterungen bleiben. Vielmehr versuchen sie, die individuellen Voraussetzungen der historischen Umwälzung in den Blick zu nehmen. Wenn man so will: . Dabei wird klar, dass ein Sozialisationsprozess, der auf Anpassung und Unterwerfung beruhte, nicht einfach abgestreift werden kann – auch nicht in Phasen revolutionärer Veränderung. Immer wieder versucht der Autor, durch lebensgeschichtliche Rückblenden den Grad individueller Entfremdung aufzuzeigen. Deutlich wird, dass das aus der Notwehr geborene, aus Verweigerung und Abkehr bestehende Verhalten des Protagonisten bei weitem nicht ausreicht, um sich selbst – geschweige denn die gesellschaftlichen Umstände zu verändern. Zu tief haben sich die Spuren der Erziehung im alten System eingegraben. Es spricht für Drawerts Aufrichtigkeit, dass er den Verästelungen dieser persönlichen Prägungen schonungslos nachspürt – ohne den Versuch zu machen, sich in irgendeiner Weise herauszureden oder zu legitimieren. Der ganze Text zeugt vom Ringen, Klarheit für sich selbst zu schaffen.
Dieses Vorhaben gestaltet sich für den Autor umso schwieriger, als auch die wenig an Perspektiven bietet. Die Übersiedelung in den Westen bringt neue Probleme mit sich. An die Stelle des Mangels und der Enge tritt nunmehr die Überflutung mit Reizen der Konsumwelt.




