E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Frerichs Texte und Kontexte
1. Auflage 2023
ISBN: 978-3-7578-8473-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Ein Lesebuch
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
ISBN: 978-3-7578-8473-4
Verlag: BoD - Books on Demand
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Petra Frerichs, geb. 1947 in Wetzlar; Abitur 1969 auf dem Zweiten Bildungsweg am Hessenkolleg Wetzlar; Studium an der Justus-Liebig-Universität in Gießen in den Fächer Deutsch/Literaturwissenschaft und Sozialwissenschaften, Promotion zur Dr. phil. 1979; seit 1969 verheiratet mit Joke Frerichs; berufliche motivierte Standortwechsel (Gießen, Bremen, Bielefeld, Köln). Langjährige Tätigkeit am Institut zur Erforschung sozialer Chancen in Köln; zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen. Seit 2005 als Literaturvermittlerin tätig, Veröffentlichungen in Form von literarischen Besprechungen, Rezensionen, Essays in eigenen Büchern sowie als Beiträge im Blog der Republik.
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Der Roman erschien 1989; an ihn soll über 30 Jahren später erinnert werden. Denn es handelt sich um ein seltenes Dokument biographisch-literarischer Entschlüsselung eines Gelehrtenlebens, das voller Widersprüche, Ambiguitäten und Obsessionen war, nämlich das des Georg Christoph Lichtenberg, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelebt und gewirkt hat. Körperlich mit dem Makel der Kleinwüchsigkeit und doppeltem Buckel aufgrund eines verdrehten Brustkorbs versehen, verfügte er kompensatorisch über genialische Geisteskräfte, die so vielfältig waren (in den Bereichen Mathematik, Astronomie, Physik, Satire/Literatur, Philosophie), dass sie schon wieder zum Problem wurden: Noch gegen Ende seiner Lebenszeit fragte sich Lichtenberg selbst, was er denn nun sei – ein Identitätsproblem war es weniger als eines der Entscheidung. Denn Forscher, Wissenschaftler, Gelehrter war er allemal.
Henning Boëtius zeichnet mit viel Einfühlungsvermögen ein realistisches Bild von Lichtenberg, den er stets nennt, aus der Kinder- und Jugendzeit gewählt, um so nah wie möglich an seiner Hauptfigur dran zu sein. Dabei wird sichtbar, dass bestimmte Eigenschaften, Vorlieben und Abneigungen, Verhaltensmuster von Kindheit an angelegt waren: so die Einsamkeit, die er, weil selbstgewählt, als Stärke empfand; so die Leidenschaft des Beobachtens und sich als Kind dabei Versteckens, als kröche er in sein Schneckenhaus; so die Liebe und Sexualität, die er anfangs nur erleben konnte, wenn er blieb; er war auch von klein auf ein großer Träumer, und aus späteren Jahren heißt es dazu:
Hier soll nun keine Rekonstruktion des Lebensweges Lichtenbergs aufgrund des Romans vorgenommen werden, vielmehr soll das Augenmerk auf die Person und die schon angedeuteten Dilemmata gelegt werden, so wie sie der Roman bereitstellt.
Das Problem, sich nicht entscheiden zu können oder zu wollen bzw. anderes zu wählen als zu erwarten war, zeigt sich bereits bei der Wahl seines Studienortes: nicht nach Gießen (damals die hessische Metropole der naturwissenschaftlichen Forschung und akademischen Ausbildung) zog es den gebürtigen Darmstädter, sondern nach Göttingen, wo der berühmte Mathematiker A. G. Kästner lehrte. Und nach Studienabschluss wollte er, wenn auch nur als Hauslehrer, unbedingt in Göttingen bleiben, auch wenn ihm eine lukrative Professur in Gießen zugesagt war. Ein Studienfreund bescheinigt ihm, über ungewöhnliche Talente zu verfügen, die Georg seines Erachtens verschleudere. Zu diesen zählt vor allem, Und weiter:
Das ging nicht spurlos an Georg vorbei, zumal er auf den Freund bauen konnte. Auch er selbst ist sich klar darüber, dass er viel zu zögerlich ist in seinen Entscheidungen und seiner schon früh angelegten Affinität zu England nachgehen sollte. Und so unternimmt er dann auch seine erste große England-Reise, wo ihm König Georg III. höchst persönlich nicht nur einen freundlichen Empfang bereitet, sondern ihm auch alle möglichen Annehmlichkeiten, Kontakte und Beziehungen angedeihen lässt, die ihm förderlich sein sollen.
Ein zweiter mehrwöchiger Aufenthalt Jahrzehnte später bescherte Lichtenberg alles, was er sich nur denken und wünschen konnte, nämlich beste Forschungsbedingungen, tiefe Freundschaften, Anerkennung und Reputation, fürstliche Bezahlung u.a.m. Recht eigentlich geht es ihm hier in jeder Hinsicht besser als in Göttingen, er wird hofiert und eingeladen, auf Dauer in England zu bleiben – doch Lichtenberg zögert und zagt, bis er sich dagegen entscheidet und nach Deutschland zurückkehrt. Ganz nach dem Muster, sich nicht festlegen zu wollen, sich nicht entscheiden zu können. Und das, wo er Englisch wie seine Muttersprache spricht, wo er Shakespeare und dessen Theater rühmt, weil es von breiten sozialen Schichten verstanden und in Scharen besucht wird, was auch mit der Sprache zu tun hat. Seine Leidenschaft für das Theater gründet darin, dass ihm das fiktive Leben auf der Bühne als England sollte sein Leben lang Lichtenbergs heimliche Liebe bleiben. Ausdruck davon ist, dass er sich (teures) englisches Bier schicken ließ, das er als ansah.
Lichtenberg, auch in Deutschland längst Professor der Physik, war ein Forscher durch und durch. Er liebte das Beobachten und Experimentieren, ordnete von früh bis spät Versuche an und machte so manche bahnbrechende Entdeckung; so etwa fand er heraus, dass die Elektrizität doppelpolig in plus und minus angelegt ist oder was es mit der Luft und der Thermik auf sich hat; sein ganzer Stolz waren seine kostbaren Instrumente und sein Observatorium. Er wechselte ein Forschungsgebiet, wenn sein Interesse daran erlahmte, gegen ein anderes; war überwiegend Naturwissenschaftler, aber auch in der Philosophie beschlagen (seine Kant-Lektüre war ihm ein erotisches Vergnügen); seine privat organisierten Vorlesungen wurden in späteren Jahren von hunderten Studierenden aufgesucht. Sein Name erlangte Berühmtheit, er war eine höchst anerkannte Kapazität, wenn auch nicht ohne Neider und Konkurrenten. Ihn suchten Geistes- und Standesgrößen aus Wissenschaft, dem Adel, Klerus und der Kunst auf oder heim, wie man will: Der Besuch der Großfamilie etwa, im Schlepptau war der kam einer Heimsuchung gleich, und an der Schreibweise des Namens von Goethe wird die abschätzige Beurteilung des Gastgebers deutlich.
Auch Klopstock kommt nicht gut weg. Ein Hochwürden des geistigliterarischen Lebens, den Lichtenberg als geladener Gast einer kulturellen Veranstaltung so erlebt: Und als Klopstock bei der Verabschiedung Lichtenbergs diesem mit beiden Händen aufs Schiff hilft, indem er ihn hochhievt, wird spöttisch bemerkt:
Lichtenberg war ein Meister der Satire und des Spotts, er war angriffslustig gerade gegenüber Respektspersonen und Berühmtheiten wie etwa dem großen Schweizer Physiognomiker In einem Zeitschriftenartikel unter dem Titel schreibt er unter anderem:
Lichtenberg nimmt hier Partei für die sozial und körperlich Benachteiligten, all die, die unter Not und ungesunden Bedingungen aufgewachsen sind und deshalb nicht über die ebenen Gesichtszüge und den perfekten Körperbau verfügen wie die Wohlhabenden (und er bezieht sein eigenes Schicksal der körperlichen Versehrtheit voll mit ein); deswegen all diese für minderwertig anzusehen, verbittet er sich. Man kann in dieser Polemik durchaus eine...




