E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Reihe: Memoranda
Freyberg / Dickmann / Nielbock-Yoon Die Sterne leuchten am Erdenhimmel
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-948616-97-7
Verlag: Memoranda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Science Fiction aus Südkorea
E-Book, Deutsch, 204 Seiten
Reihe: Memoranda
ISBN: 978-3-948616-97-7
Verlag: Memoranda Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Mit einer Geschichte von Kim Bo-Young, einem der einzigartigsten und bedeutendsten Autoren Südkoreas, sowie mit einer Geschichte von Bora Chung, Autorin von Der Fluch des Hasen (Cursed Bunny), eine Kurzgeschichtensammlung, die für den Internationalen Booker Prize 2022 auf der Shortlist stand.
Autoren/Hrsg.
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Kim Bo-Young
Die Sterne leuchten am Erdenhimmel
Mein lieber Bruder,
dein Brief ist gut bei mir angekommen. Es tut mir leid, dass ich so spät antworte.
Du musst dir keine Sorgen um meine Gesundheit machen. Ich verstehe deinen Wunsch, aber ich habe nicht vor, mich behandeln zu lassen. Egal wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es mir dadurch besser geht. Es ist nicht nur wegen der Nebenwirkungen oder Risiken. Mein Zustand ist ein Teil von mir. Und daran möchte ich auch nichts ändern.
Hör nicht immer auf das, was unsere Eltern sagen. Sie reden so, als hätte ich eine tödliche Krankheit. Es scheint, als würden sie auch nach über 30 Jahren, die ich doch nun schon lebe, diesen Gedanken nicht aufgeben wollen. Ganz im Gegenteil: Mit jedem Tag, den ich älter werde, scheinen sie sich sicherer zu sein, dass meine Zeit wohl endlich gekommen ist.
Es ist natürlich wahr, dass Patienten mit meiner speziellen Form der Narkolepsie nicht lange leben. Es ist auch wahr, dass ich im Vergleich zu anderen schnell ermüde, leichter reizbar bin oder auch ein schlechteres Urteilsvermögen besitze. Aber man kann ohne Probleme leben, auch wenn man ab und zu plötzlich bewusstlos wird. Es ist nur ein wenig schwer, soziale Kontakte zu halten.
Nachdem ich auf diese Insel gekommen bin, habe ich mir auch wieder die gleiche Kiste zusammengebaut, wie ich sie damals im Schulwohnheim benutzt habe. Das Holz wurde genau auf die Größe eines Menschen zurechtgeschnitten, mit Fenster und Löchern zum Atmen. Wenn es dann an der Zeit ist, lege ich mich in die Kiste und schließe sie. Es ist zum einen, um mich zu schützen, während ich ohnmächtig bin, aber auch, um nicht von anderen Menschen gestört zu werden.
Zum Glück halten die Leute hier das Ganze nur für die Exzentrizität von jemandem, der sehr schlau ist. Sie glauben, dass ich in der Kiste meditiere. Ich frage mich, was sie für ein Gesicht machen würden, wenn sie wüssten, dass ich darin bewusstlos bin und mindestens fünf oder sechs Stunden lang nicht aufwachen kann. Viele Leute glauben, dass Narkolepsie eine ansteckende Krankheit ist, also rede ich nicht unbedingt darüber. Natürlich ist meine Krankheit nicht ansteckend. Eines von tausend Kindern wird mit diesen Symptomen geboren. Wenn du Kinder mit leichten Symptomen und Menschen, die gar nicht wissen, was für eine Krankheit sie überhaupt haben, mit einrechnest, werden es noch viel mehr sein.
Unsere Eltern machen sich immer Sorgen, dass ich nie wieder aufwache, wenn ich ohnmächtig werde. Sie wecken mich, kaum dass ich das Bewusstsein verloren habe, und schütteln mich wieder und wieder, wenn ich es nicht schaffe, wach zu bleiben. Als ich jünger war, sind sie noch extremer gewesen, sodass ich noch öfter ohnmächtig geworden bin. Bevor du geboren wurdest, war ich ein so schwaches Kind, dass ich mich kaum auf den Beinen halten konnte. Mein Kopf schien mit Nebel gefüllt zu sein, und ich konnte nicht mal mehr richtig denken. Ich hatte zahlreiche Halluzinationen, und die Nerven in meinem Körper waren oft so sehr überreizt, dass ich nicht mehr in der Lage war, vernünftige Urteile zu fällen.
Dank der Frau, die eine Weile für uns kochte, wurde ich mir meiner »Ohnmachtsanfälle« bewusst. Sie war nicht sehr gebildet, aber eine ausgesprochen weise Frau. Als Kind hatte sie an Asthma gelitten und gelernt, wie man mit einer Krankheit lebt. Sie sagte zu mir, ich solle sie nicht bekämpfen. Die Krankheit sei nur ein Freund mit schlechter Laune, und sie schlug vor, gemeinsam einen Weg zu finden, damit ich auch weiterhin mit ihm leben konnte. Wenn ich sie nicht getroffen hätte, wäre ich wie andere Narkolepsiepatienten früh gestorben. Und selbst wenn ich mein jetziges Alter erreicht hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht in so guter physischer und psychischer Verfassung wie jetzt.
Sie ließ mich ohnmächtig werden. Auch wenn ich sechs oder acht Stunden lang bewusstlos war, hat sie mich nie geweckt. Als unsere Eltern davon erfuhren, waren sie außer sich vor Wut. Sie haben sogar versucht, sie wegen Kindesmissbrauchs anzuzeigen.
Nach ein paar Wochen wurde ich allmählich gesünder und konnte wieder essen. Danach war ich in der Lage, nach draußen zu gehen und Sport zu treiben, und irgendwann konnte ich selbst die Zeit kontrollieren, in der ich das Bewusstsein verlor. Da wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich nicht dumm war.
Unsere Eltern können immer noch nicht akzeptieren, dass ich regelmäßig das Bewusstsein verliere. Es ist ihnen jedes Mal peinlich, wenn ich mich in die Kiste lege. Sie halten mich oft fest und sagen: »Gib nicht auf. Du kannst gesund werden.« Deshalb bin ich von zu Hause weg. Um zu leben. Ich hoffe, du weißt, dass sich meine Liebe zu ihnen und meine Liebe zu dir trotzdem nicht verändert hat.
Ich empfehle auch anderen Narkolepsiepatienten meine Methode, aber es ist immer schwierig, ihre Eltern zu überzeugen. Die meisten Eltern sind entsetzt, wenn man ihnen sagt, sie sollen ihre Kinder das Bewusstsein verlieren lassen. Die meisten Patienten, die meiner Methode folgen, berichten jedoch, dass sie gesund geworden sind. Wer sagt, dass es nicht funktioniert, so meine Meinung, hat mir wahrscheinlich nicht geglaubt und sein Kind heimlich geweckt. Es gibt nicht viele Eltern, die es ertragen können, stundenlang dabei zuzusehen, wenn ihr Kind wie tot daliegt.
In einem Buch, das ich gelesen habe, steht, dass die meisten Narkolepsiepatienten eine geringe Intelligenz aufweisen. Das ist Quatsch. Auch nach jahrelanger Forschung wissen Menschen, die ihr ganzes Leben mit dieser Krankheit verbracht haben, immer noch wesentlich mehr darüber als diese sogenannten »Experten«. Die Symptome, die bei Narkolepsiepatienten auftreten, entstehen, weil sie die Narkolepsie bekämpfen. Eigentlich müssen wir das Bewusstsein verlieren, aber die Behandlung zielt immer nur darauf ab, dies zu verhindern.
Es gibt auch Bücher, die erklären, dass Patienten mit Narkolepsie Symptome von Schizophrenie zeigen. Ich vermute, dass eine solche Interpretation aufgrund der bizarren Halluzinationen zustande kam, die während einer Ohnmacht auftreten. Ich kann den Zusammenhang auch nicht erklären, aber die Halluzinationen treten, während ich wach bin, nicht auf, und sie schaden auch weder mir noch anderen.
Diese Geschichten werden dir fremd sein. Weil ich früher nie über so etwas geredet habe. Unsere Eltern wollten das auch nicht. Sie haben dir immer nur meine normale Seite gezeigt, also die Seite, die sie auch anderen Menschen zeigen würden. Sie waren sehr bemüht, vor dir zu verbergen, dass ich bewusstlos wurde, haben geglaubt, dass dir das helfen würde; und in gewisser Weise mögen sie damit recht gehabt haben.
Ich habe keine andere Wahl, als alles, was mich betrifft, selbst zu beurteilen und zu entscheiden. Du lebst in einer Welt, umgeben von Menschen, die wie du sind, und hältst es für selbstverständlich. Für Menschen wie uns aber sieht die Welt ganz anders aus. Wir haben weder Lehrer noch Schüler, keine Kollegen oder Orte, denen wir wirklich angehören. Wir müssen uns selbst beibringen, den Alltag zu meistern sowie ein System und eine Umgebung zu schaffen, die zu uns passen. Und wir sind ständig mit Leuten konfrontiert, die uns »Du kannst gesund werden« an den Kopf werfen. Es ist schwierig. Du kannst dir nicht vorstellen, wie viele Kinder mit Narkolepsie kämpfen und gerade dadurch ihren Körper und ihr Gehirn völlig zerstören.
»Geheilt« zu sein bedeutet aus meiner Sicht, ein anderer Mensch zu werden, als ich es bin. Aus der Sicht anderer Menschen mag das egal sein, denn man erschafft ja eine neue Person, die genauso wie sie ist, aber aus meiner Sicht würde ich dabei mich selbst verlieren. Ich würde alles von mir aufgeben.
»Es ist nur eine Krankheit.« Ich glaube, ich kann deine Stimme hören. »Was ist komisch daran, gesund werden zu wollen?«
Du hast doch sicher schon mal von Sichelzellen gehört. Dabei handelt es sich um missgebildete rote Blutkörperchen, die eine schwere Anämie verursachen. Sie sollen in der Region, in der sie vorkommen, aber wirksam gegen Fieber sein. Ich frage mich, ob meine Krankheit nicht auch aus irgendeinem Grund aufgetreten ist. Ist sie vielleicht nicht ebenso dafür gemacht, mich an irgendein Umweltproblem anzupassen? Wie könnte es sonst sein, dass so viele Menschen an diesen Symptomen leiden?
Du fragst dich vielleicht, wie eine immer wiederkehrende Bewusstlosigkeit im Leben helfen soll. Egal, wie man es sieht, es ist auf keinen Fall effizient. Während ich bewusstlos bin, kann ich mich nicht schützen oder irgendetwas Produktives tun. Ich meine, während andere lernen und sich weiterentwickeln, bleibt mir nichts anderes übrig, als ohnmächtig dazuliegen.
Das Bewusstsein zu verlieren ist schmerzhaft, aber es hat auch etwas Gutes. Ich liebe die Halluzinationen, die du so sehr fürchtest. Ich hoffe, du denkst jetzt nicht komisch von mir.
Als Kind habe ich immer geglaubt, dass es irgendwo eine Welt voller Narkolepsiepatienten gibt. Und die Menschen dort finden einander nicht seltsam, sie lächeln und werden ohnmächtig, und bevor sie das Bewusstsein verlieren, sagen sie ganz natürlich zueinander: »Hab eine gute Ohnmacht!« Und wenn sie aufwachen, so dachte ich, würden sie einander grüßen mit: »Bist du gut in Ohnmacht gefallen?« Vielleicht lachst du. Aber ich stelle mir das auch heute noch ernsthaft vor.
Ich erforsche derzeit eine Höhle auf einer Insel. Es ist unglaublich faszinierend. Mit jedem Schritt, den man geht, entfaltet sich eine andere Welt vor einem. Du wärst überrascht, wie lebendig und pulsierend diese augenscheinlich von...




