Fricker | Gesund genug | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

Fricker Gesund genug


1. Auflage 2022
ISBN: 978-3-7152-7005-0
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

E-Book, Deutsch, 240 Seiten

ISBN: 978-3-7152-7005-0
Verlag: Atlantis Literatur
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Als bei Hanne in Berlin das Telefon klingelt, ahnt sie, was kommt. Ihr Vater liegt im Sterben. »Da kann man einmal sehen«, hat der Gesundheitsfanatiker immer mit Genugtuung gesagt, wenn es andere erwischte. Nun leidet er selbst an Darmkrebs im Endstadium. »Da kann man einmal sehen«, würde Hanne jetzt gern zu ihrem Vater sagen. Alle hat er mit seinem Bio-Wahn und Reinlichkeitsfimmel terrorisiert, die Familie zu einer Sekte gemacht - in einer Zeit, als Gemüseraffel und Demeter noch längst kein Mainstream waren. Aber soll Hanne es ihm jetzt wirklich heimzahlen?Am Sterbebett erinnert sie sich an ihr Erwachsenwerden jenseits des väterlichen Diktats, an ihren Sommer als Mother's Help in London, an das Erwachen und Auskosten einer wilden Freiheit. Als sie zufällig eine Mappe mit alten Zeichnungen entdeckt, leuchtet plötzlich eine völlig unbekannte Seite dieses pedantischen Vaters auf. Hatte auch er einmal einen Freiheitstraum? Wo ist der hin?Gesund genug ist ein Roman über eine »bio- dynamische« Radikalisierung und das Scheitern am eigenen Anspruch. Ursula Fricker erzählt berührend von den letzten Geheimnissen zwischen einer Tochter und ihrem Vater.

Ursula Fricker, 1965 in Schaffhausen geboren, hat sechs  Romane veröffentlicht, u.a. ihr viel beachtetes Debüt Fliehende Wasser (2004), Außer sich (2012), nominiert für den Schweizer Buchpreis, und Gesund genug (2022). Die in der Märkischen Schweiz bei Berlin lebende Autorin wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt im Herbst 2022 mit dem Georg Fischer Kulturpreis der Stadt Schaffhausen. Für Fangspiele (2024) erhielt sie einen Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und den Brandenburgischen Kunst-Förderpreis für Literatur.
Fricker Gesund genug jetzt bestellen!

Autoren/Hrsg.


Weitere Infos & Material


GEHEN


Wo warst du denn?

Vater griff nach meiner Hand. Und bis heute habe ich nie eine hilflosere Geste gesehen als die Bewegung dieser Hand, die ins Leere griff. Ich trat näher und hockte mich neben das Sofa auf den Boden. Jetzt bin ich ja da, sagte ich. Nuna fuhr ihm mit der Schnauze ins plattgelegene Haar. Steif und schmal lag Vater auf dem schmalen Sofa. Nichts an ihm war noch zum Fürchten.

Wie dünn er ist, war mir bei meinem letzten Besuch aufgefallen, aber ich hatte mir weiter keine Gedanken gemacht. Weil Vater immer schon dünn war, vielleicht nicht ganz so ausgemergelt, aber dünn. Sehnig, sportlich, sein Schritt federnd, der Gang aufrecht, jugendlich wirkte er, kerngesund. Kurz vor der Diagnose hatte er noch einen Termin bei seiner Heilpraktikerin, und wie immer, nachdem er bei dieser Frau in Jestetten gewesen war, rief er mich an, stolz, als hätte er eben eine außergewöhnliche Leistung vollbracht; nichts als Licht habe sie in seiner Iris gesehen, gleißendes Licht, noch nicht einmal kleinste Verschattungen, nicht den Hauch einer Krankheit. Regelmäßig ließ Vater sich von dieser Frau seine tadellose Gesundheit beglaubigen, so auch im Dezember.

Drei Wochen später fehlte ihm die Kraft, am Morgen aufzustehen. Er hatte auch keine Kraft mehr, sich zu wehren, als Mutter ein Taxi bestellte und mit ihm ins Kantonsspital fuhr. Also weisch, erzählte sie, noch am selben Tag rief sie mich an, das ganze Bett ist voller Blut gewesen. Das Blut sei ihm einfach aus dem Darm gelaufen, und jetzt sei er schon verkrebst bis zum Hals, sie machten ihn nicht mehr auf, sie machten gar nichts mehr, zwei, drei Monate blieben ihm, oder nicht einmal.

Hatte nicht alles mit diesem Buch angefangen? Eines Tages lag auf dem Tisch ein neues Buch. Schreiend grün mit gelber Schrift, ein Kinderbuch? An den großen gelben Buchstaben übte ich lesen:

SONN-SEI-TIG-LE-BEN

Wie leben? Sonnseitig!

Immer schon hatte er wohl sonnseitig leben wollen, wer will das nicht, hatte aber nie gewusst, wie. Voilà. Gelb auf grün, schwarz auf weiß. So einfach. Alles, was man bisher gemocht und genossen hatte, war in Wahrheit Gift. Schinken und Weißbrot, Schokolade, Gipfeli, Sonntagsbraten, Spaghetti, weißer Reis, Kaffee, Kuchen. Alkohol und Tabak sowieso. Aber leider war nicht nur die landläufige Nahrung vergiftet, sondern auch die Luft. All die Wände und Teppiche mit ihren Ausdünstungen, ganz zu schweigen vom Zigarettenqualm, von den Abgasen der Autos und Fabriken. Alle Welt wollte Alwin Tobler vergiften, insbesondere die Fleischlobby, die Zuckerlobby, die Pharmalobby, die Autolobby. Lösung? Verzichten. Auf alles. Für die Umwelt, für die Gesundheit. Für ein ewig langes Leben. Aber nicht nur das. Wenn man verzichtet, bleibt man nicht nur gesund bis in alle Ewigkeit, nein, man fühlt sich auch besser als jene, die nicht verzichten, reiner, purer. Man zieht eine Grenze, man errichtet eine Mauer. Die dort, wir hier. Man fühlt sich haushoch überlegen.

Wo das Buch plötzlich herkam?

Wer hat es entdeckt, gekauft?

Ich, sagte Vater.

Ja du, sagte Mutter.

Das Buch stand noch immer dort drüben im Regal, der grasgrüne Rücken leuchtete zwischen anderen Büchern; viele dieser Art waren im Lauf der Jahre hinzugekommen, ein Rudel, eine Herde, eine Horde. Ein Mob. Noch heute weiß ich die meisten Titel auswendig: ,

Nichts anderes hat er gelesen, so lange ich denken kann.

Und jetzt das.

Während andere neunzig werden.

Als Fleischfresser.

Als Kettenraucher.

Ein Zug setzt sich in Bewegung. Fort. Ich bin sechzehn und reise nach England, um Mother’s Help zu werden, den ganzen Sommer über werde ich in London leben und arbeiten, bevor im Herbst meine Schneiderlehre beginnt. Ich in London! Michael, mein großer Bruder, begleitet mich. Wir lehnen uns aus dem Fenster und winken, die beiden Menschen am Bahnsteig werden kleiner, immer kleiner, verschwinden, sind verschwunden, ein Mann, eine Frau, Vater und Mutter. Noch nie bin ich ohne meine Familie verreist. Noch nie bin ich im Ausland gewesen, noch nie am Meer.

Basel – Calais.

Wind schlägt mir ins Gesicht und Regen, der Zug seufzt über Weichen, schaukelt, schwankt, sucht sich seinen Weg durch dieses verworrene Gewirk aus Gleisen, bunte Lichter mischen sich mit kaltem Niesel, glänzen, glitzern, blinken durch die Nacht. Komm, ruft Michael aus dem Abteil, vor ihm auf dem Tischchen liegt eine Tafel Schokolade, Trüffelschokolade, er grinst. Geschwisterlich teilen wir uns die verbotene Speise. Und wenn es etwas wie Freiheit gibt, denke ich, dann beginnt sie genau: jetzt! Schokolade essen, wann immer man Lust auf Schokolade hat.

Als Erstes am frühen Morgen sehe ich Türme.

Wie großköpfige Wesen von einem anderen Planeten wachen sie über weites graues Regenland, der Zug fährt und fährt, ich stehe am Fenster. Kein Auge zugetan, keinen Moment verpassen will ich. Mir ist, als führe der Zug immerzu sacht abwärts, mir ist, als müssten wir doch gleich da sein, am Meer sein, gleich. Und ich weiß, wir werden nicht vor elf Uhr null sechs da sein, so sagt es der Fahrplan, nichts zu machen, nichts zu sehen, nur dieses platte Land und diese turmartigen Aliens.

Das sind Wassertürme, sagt mein Bruder.

Pa-tam Pa-ta-tam Pa-tam, machen die Räder, Pa-ta-tam.

Woher er das schon wieder weiß, er ist halt älter, denke ich, da weiß man so etwas, die Zeit vergeht viel zu langsam, es wird heller, ein bisschen, dann wieder dunkler, mehr Regen, stärkerer Regen, Schlagregen, es wird neun Uhr, zehn Uhr, elf Uhr, wie groß, staune ich, ein einziges Land sein kann.

Gare de Calais Ville, rufe ich, Michael, wir sind da.

Fast, winkt mein Bruder lässig ab und beginnt, die Sachen zusammenzupacken. Ich kann gar nicht aufhören, meinen Kopf zum Fenster hinauszustrecken, ob ich schon das Meer sehen kann, ich rieche es, rufe ich, Salz, ich fahre mir mit der Zunge über die Lippen, der Regen hat aufgehört, die Wolken sind wie abgeschnitten über der Küste. Der Zug setzt sich wieder in Bewegung, zeitlupenlangsam schleifen die Waggons dem Endbahnhof zu, ein paar Minuten später sind wir da: Calais Maritime. MARITIME.

Schon fast gestorben lag Vater vor mir. Puppenhaft steif wirkte sein Körper, über Bauch und Hüfte beulte ein dickes Windelpack die beige Rohseidenhose aus. Die zerarbeiteten Hände lagen geballt auf der Brust. Die Lider vibrierten, der Mund stand halb offen. Mit einem hohlen Geräusch strömte der Atem ein und aus und ein und aus.

Besiegt. So könnte man es sehen.

Selten, immer seltener, hatten wir Mutters Eltern im Emmental besucht. Zehn Jahre alt war ich, der Großvater sterbenskrank, da musste man halt, da musste man hinfahren. Still und heimlich war ein Tumor gewachsen in Großvaters Leber. Kindskopfgroß sei er schon, sagte Großmutter. Wir standen an Großvaters Bett. Er habe nicht mehr lange, sagte Großmutter, vielleicht erlebe er nicht mal mehr seinen neunzigsten Geburtstag. Und er habe die ganze Zeit nichts gesagt, kein Wort, bis man den Krebs schon habe sehen können, was hast du denn da, habe sie gefragt und natürlich sofort gewusst, was er da hatte, was denn sonst. Ich legte meine Hand auf Opas Hand, die freundliche Müllerhand, klebte da etwa noch Mehl unter den Nägeln? Wie er erst noch stark gewesen war. Wie er mich genommen hatte und hochgehoben und ich auf seinen runden, mit einem schneeweißen Haarkranz geschmückten Kopf hinuntersah, auf die verschmitzt blitzenden Augen. Als hätte er nicht gewollt, sagte Großmutter, dass man ihm noch helfen kann. Das Rumpeln und Schleifen der Mühle war zu hören, nie stand die Dorfmühle still, Tag und Nacht wurde Korn zu feinem Weißmehl gemahlen, zu Tode gemahlen, sagte Vater immer, da kann man einmal sehen, begann er, mit schreiend lauter Stimme, um den Lärm zu übertönen, was passiert, wenn man ein Leben lang solchen Dreck frisst.

Pause.

Mutter weinte. Ich weinte nicht, ich hasste. Ihn, diesen Vater. Was kann man tun als Kind, wenn man den Hass nicht zeigen darf? Sich füllen lassen von diesem giftigen Gefühl? Aufhören zu empfinden, aufhören zu denken, weil man sonst vor Abscheu platzen muss? Woher wusste er eigentlich so genau, dass unser Essen gut und das Essen der anderen schlecht war? Wie konnte er so etwas einfach behaupten? Und warum schmeckte alles, was in seinen Augen richtig, gut und gesund war, so fürchterlich schrecklich? Und warum behauptete er, das fürchterliche Essen schmecke gar nicht fürchterlich, sondern fein, warum also log er die ganze Zeit? Und warum war er so geschwätzig, wie er sonst schweigsam war, wenn es um die Verkommenheit der Welt und um seinen eigenen eisernen Willen, allen Versuchungen zu widerstehen, ging? Und warum war er so böse zu Menschen, die gut und freundlich waren, die sich solche Mühe gaben, ihm alles recht zu machen, und ihm trotzdem nichts recht machen konnten?

Ich schämte mich.

Für Vater. Und gleichzeitig dafür, dass ich mich für meinen eigenen Vater schämte. Du spinnst doch, sagte da Großmutter, du bist doch … so etwas zu sagen, das ist doch …, und es war das erste Mal, dass ich Großmutter die Fassung verlieren sah. Ihr Kopf schüttelte sich, ihr...


Fricker, Ursula
Ursula Fricker, 1965 in Schaffhausen geboren, hat sechs  Romane veröffentlicht, u.a. ihr viel beachtetes Debüt Fliehende Wasser (2004), Außer sich (2012), nominiert für den Schweizer Buchpreis, und Gesund genug (2022). Die in der Märkischen Schweiz bei Berlin lebende Autorin wurde vielfach ausgezeichnet, zuletzt im Herbst 2022 mit dem Georg Fischer Kulturpreis der Stadt Schaffhausen. Für Fangspiele (2024) erhielt sie einen Werkbeitrag der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und den Brandenburgischen Kunst-Förderpreis für Literatur.



Ihre Fragen, Wünsche oder Anmerkungen
Vorname*
Nachname*
Ihre E-Mail-Adresse*
Kundennr.
Ihre Nachricht*
Lediglich mit * gekennzeichnete Felder sind Pflichtfelder.
Wenn Sie die im Kontaktformular eingegebenen Daten durch Klick auf den nachfolgenden Button übersenden, erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Ihr Angaben für die Beantwortung Ihrer Anfrage verwenden. Selbstverständlich werden Ihre Daten vertraulich behandelt und nicht an Dritte weitergegeben. Sie können der Verwendung Ihrer Daten jederzeit widersprechen. Das Datenhandling bei Sack Fachmedien erklären wir Ihnen in unserer Datenschutzerklärung.