Frid | Haralds Mama | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Eichborn

Frid Haralds Mama

Roman. »Sarkastisch, messerscharf, entlarvend und so klug erzählt.« Welt am Sonntag
1. Auflage 2025
ISBN: 978-3-7517-8388-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Roman. »Sarkastisch, messerscharf, entlarvend und so klug erzählt.« Welt am Sonntag

E-Book, Deutsch, 320 Seiten

Reihe: Eichborn

ISBN: 978-3-7517-8388-0
Verlag: Eichborn
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte ...



Johanna Frid, geboren 1988 in Stockholm, veröffentlichte 2017 ihren ersten Lyrikband, mit dem sie fürSveriges Radio Lyrikpreisnominiert wurde. Ein Jahr später erschien ihr Romandebüt,NORA - BRENN OSLO BRENN, wiederum mit dem wichtigen Dagens Nyheters Kulturpris ausgezeichnet. HARALDS MAMA ist ihr zweiter Roman, der ebenfalls Leser:innen und Kriterer:innen begeisterte. Johanna Frid gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen in der schwedischen Gegenwartsliteratur.

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1


Jemand sagte meinen Namen, im Befehlston. Nicht wie ein freundlicher Gruß, sondern wie wenn man in der Sprechstunde beim Onkologen aufgerufen wird. Ein Todesurteil. Es war nur ein Name. Die Frau, die ihn gerufen hatte, betrachtete mich mehr oder weniger lächelnd. Ich trug schmal geschnittene schwarze Hosen mit Bügelfalte und eine Seidenbluse, darunter ein seidenes Unterhemd mit breiter Spitzenkante und ein Paar helle Wildlederschuhe mit hohem Absatz. Über der Schulter hatte ich meinen Mantel drapiert. Er war cremeweiß und französisch.

»Ach, hallo«, sagte ich. Hallo und ach. Mein Mund war trocken, nuschelte ich ein wenig? »Lange nicht gesehen.«

»Das stimmt.«

Das letzte Mal hatten wir uns im Oktober gesehen. Nein, im September. Jetzt war es Dezember, und sie hatte eine gigantische Daunenjacke, Stepphosen und Winterstiefel an. Eine Axt in ihrer Hand wäre nicht weiter aufgefallen, damit könnte sie sich, wenn nötig, durch die norrländischen Wälder hauen und nebenbei noch einen Bären schlachten.

»Im Herbst haben wir uns gesehen«, sagte ich. Ich versuchte selbstsicher zu klingen. Meine Stimme war zu dünn und angespannt. Sie schnitt durch mein Ohr, wo sie zu einer spitzigen Nadel wurde. Ich hoffte, dass sie mich nicht umarmen würde, so in einer Art flauschiger Strafe. Das perfekte Verbrechen.

»Ich wollte trotzdem Hallo sagen«, erwiderte sie bestimmt. »Das war mir wichtig.« Ihr Gesicht sah aus diesem Winkel seltsam aus, irgendwie angefressen vom starken Licht. Die Sonne schien wirklich zu intensiv, es war fast schon anstrengend. »Ganz gleich, was man voneinander hält, sollte man sich doch zumindest Mühe geben. Grundlegende Höflichkeit zeigen. Also, ich finde so etwas wichtig.«

»Das finde ich auch«, log ich.

Ohne zu fragen, zog sie einen Stuhl heraus. Der war aus Metall, und schickte kratzende elektrische Blitze durch meinen Kopf. »Ich darf mich doch wohl hier hinsetzen?«, fragte sie und setzte sich. Das Leben war ein absurdes Theaterstück. Hoffentlich war ich nur eine unbedeutende Zuschauerin, die jederzeit den Saal verlassen konnte. Das Amphitheater. Um welche Art von Sitzplatz es sich auch immer handelte.

»Und jetzt sehen wir uns doch wieder«, stellte sie fest. Ich war eine Zuschauerin, die den Saal nicht verlassen konnte. Wir befanden uns auf einem sehr kleinen Flugplatz irgendwo in Nordschweden. Tatsächlich so weit nördlich, wie man nur kommen kann, ohne in Norwegen oder Finnland zu landen. Schlicht gesagt: Wir waren nirgends. Es gab nicht den kleinsten Ort in der Nähe, der öffentliche Nahverkehr war im Grunde nicht existent. Vielleicht war dies nicht mal ein Flugplatz – das Flugfeld teilte er mit einer militärischen Luftbasis, und technisch gesehen befanden wir uns in dem zivilen Teil, den man Flughafen nennen konnte. War das spannend genug als Gesprächsthema? Konnte man damit eine Konversation aufrechterhalten? Was war mit dem Gebäude, der Umgebung?

»Du bist wahrscheinlich grade erst angekommen, oder?«, sagte sie. »Du hast wahrscheinlich nicht die ganze Nacht hier gesessen. Hast du die ganze Nacht hier gesessen?«

»Ich bin heute früh angekommen.«

Sie schien unbeeindruckt.

»Also, ich habe ja das Auto genommen. Winterreifen. Ich bin die ganze Nacht gefahren. Einmal durchs ganze Land.«

»Von Smygehuk aus? Das ist doch der südlichste Zipfel Schwedens, oder?« Ein Himmelfahrtskommando, hoffentlich.

»Hier nimmt man es aber ganz genau, höre ich!« Sie lachte. Ihr gewöhnliches, herzliches Lachen. »Nein, natürlich aus Linköping. Ich verpasse den Geburtstag eines Enkelkinds, um hier zu sein.« Umständlich zog sie den Reißverschluss ihrer Daunenjacke herunter. »Also, im Laufe der Jahre bin ich natürlich schon eine ganze Reihe Helikoptereinsätze geflogen. So eine kleine Fahrt hin oder her ist da nicht die Welt.«

»Das ist wirklich ganz unglaublich.« Meinte ich unglaublich wie in fantastisch oder wie in unwahrscheinlich? Keine Ahnung. »Und Bengt ist natürlich auch da? Steht in den Kulissen bereit?«

»Bengt ist draußen auf Der Insel.« Diese stählerne Stimme. »Wir müssen jetzt anfangen vorzuziehen. Den Porree.«

Ich hatte es immer schon vermessen gefunden, dass sie das Sommerhaus der Familie so betonte, als gäbe es nur die eine Insel. So wie die Hauptstadt, oder der Messias. Oder Mama.

»Natürlich, ihr setzt jetzt die Kartoffeln.« Ich wollte nicht wissen, wann man Kartoffeln setzt. Im Sommer? Ich hatte so ein vages Bild von rotwangigen Knechten in karierten Hemden, die munter und rhythmisch auf einem Acker arbeiteten. Vielleicht stammte das von einer Chipstüte.

»Nicht vor April.«

Ich vermochte mein Gesicht nicht in die Sorte Falten zu arrangieren, die es aussehen ließen, als würde mir ihr Gemüsebeet irgendetwas bedeuten. Diese deprimierende »Datsche«, die mich einfach nur wünschen ließ, die Altersdemenz möge mich früh abräumen. Wusch.

Die Sonne schien unbarmherzig herein und legte sich in großen Rechtecken über den Boden. Sie wandte das Gesicht zum Licht und demonstrierte Genießen. Da draußen gab es wirklich nichts zu sehen. Glitzernde Schneeweiten. Ich machte Anstalten, aufzustehen, doch ihre kleine Meditation erwies sich als Finte. Sofort schlug sie zu.

»Wie ich hörte, hattest du einen Hotelaufenthalt geplant«, sagte sie. »Natürlich magst du so was.« Sie lachte wieder, und ich sah die Plomben in ihrem Mund.

»Ja, genau. Wir beide.«

»Du.«

»Es ist ein Spa.«

Sie verzog keine Miene.

»Pool. Sauna …« Erfolglos versuchte ich, auf noch mehr bezeichnende und offensichtliche Eigenschaften von Spa-Anlagen zu kommen.

»Soll ja Leute geben, die das mögen. Teuer, sage ich nur. Wo man genauso gut zu Hause baden kann.«

»Wir haben eine Duschkabine.«

»Ach, stimmt ja. Ist eine Weile her, dass ich dort war.« Sie nickte mir zu. Wie bei einem altmodischen Spielzeug war ihr Kopf in einer monotonen Bewegung gefangen.

»So lange, dass du schon wieder vergessen hast, wie unser Bad aussieht?«, fragte ich und versuchte ein eigenes herzliches Lachen. Sie ging nicht darauf ein.

»Spa, soso. Das muss aber auch jemand bezahlen.« Sie seufzte. Sollte ich behaupten, einen Blankokredit aufgenommen oder das Geld zusammengehurt zu haben? Oder ihr einfach den Mund mit meinen Steuererklärungen stopfen?

»Manchmal will man sich etwas gönnen. Ein bisschen feiern.«

»Feiern? Was denn?« Sie hatte das Gesicht einer alten Raucherin, mit dünnen Linien um den Mund.

Ich habe grade eine ästhetische Intimchirurgie machen lassen, und wir wollen die Herrlichkeit einweihen.

Sie kollerte. »Was willst du denn wohl feiern?« Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ihr Blick gefährlich glitzerte, brandgelb und furchteinflößend mit schmalen Pupillen, aber ihre Augen sahen immer noch aus wie von saurem Regen gespeiste Weiher. »Eine Sünde ist das, so viel Geld für so was auszugeben. Aber vielleicht ist das eine Generationenfrage. So wie man auch immer das neueste Handymodell haben muss.«

Ihr Gesicht softete die Umgebung ab, verwandelte sie in Hintergrundrauschen und machte die übrigen Wartenden zu gesichtslosen Statisten. Ich saß immer noch auf dem Stuhl, von dem mich zu erheben ich nicht geschafft hatte. Ich wollte aufstehen oder wenigstens die Beine übereinanderschlagen, mir eine Locke hinters Ohr streichen, war aber auf peinliche Weise festgefroren. Am liebsten hätte ich mein Gesicht in den Händen verborgen. Kuckuck. Ihr wurde anscheinend langsam warm in den dicken Klamotten. Sie redete weiter, an meinem Passus nicht interessiert.

»Nun, was uns betrifft, wird es kein Poolgeplantsche geben. Einfach auf direktem Weg zur Insel. Im Winter ist es da auch sehr schön. Aber das kannst du ja nicht wissen. Bengt wird nicht gerade begeistert sein, wenn wir kommen, aber ich glaube, er fährt dann einfach für ein paar Tage nach Linköping. Dann kriegt er ein bisschen Zeit für sich alleine, und wir haben Zeit für uns.« Sie lachte mit weit geöffnetem Mund. War das, was ich als herzlich interpretierte, in Wirklichkeit ein verzweifeltes, hysterisches Lachen?

»Wir werden es uns einfach eine Woche gut gehen lassen. Oder zwei, oder drei. Wir haben es so gut da draußen. Einfach nur gut. Und im Grunde hatten wir es auch letzten Sommer sehr gut dort.« Sie wandte den Blick ab. In meinen Schläfen begann es zu pochen. »Wenn man sich mal all das andere wegdenkt, das da passiert ist.« Sie sah mich wieder an, und jetzt war ihr Tonfall forsch.

»Man muss nach vorne denken! Die Insel ist ein wohltuender Ort. So ist es einfach. Sie bedeutet uns sehr viel. Wir haben sie ja schon lange in der Familie. Manchmal fließen die Jahre einfach ineinander. Wenn ich nach einem späten Bad am Abend so dasitze, während die Sonne untergeht und das Handtuch immer noch feucht ist, dann ist es, als könnte ich meinen Vater nach mir rufen hören. Nicht, weil ich Hellsehen könnte oder irgendwie spirituell wäre oder so«, versicherte sie mir. Es bestand nicht die geringste Gefahr, dass ich sie in irgendeiner Weise für spirituell halten könnte.

»Und dann wieder fühlt es sich genauso an,...


Dahmann, Susanne
Susanne Dahmann war nach dem Studium der Geschichte, Skandinavistik und Philosophie in Vertrieb und Lektorat eines Sachbuchverlags tätig. Sie arbeitet als freie Übersetzerin aus dem Schwedischen in Marbach am Neckar.

Frid, Johanna
Johanna Frid, geboren 1988 in Stockholm, veröffentlichte 2017 ihren ersten Lyrikband, mit dem sie für Sveriges Radio Lyrikpreis nominiert wurde. Ein Jahr später erschien ihr Romandebüt, NORA - BRENN OSLO BRENN, wiederum mit dem wichtigen Dagens Nyheters Kulturpris ausgezeichnet. HARALDS MAMA ist ihr zweiter Roman, der ebenfalls Leser:innen und Kriterer:innen begeisterte. Johanna Frid gilt als eine der wichtigsten neuen Stimmen in der schwedischen Gegenwartsliteratur.



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