Frieß / Schiersner | Aus Sorge um die Gesundheit | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, Band 14, 442 Seiten

Reihe: Forum Suevicum

Frieß / Schiersner Aus Sorge um die Gesundheit

Geschichte der Medizin in der Region
1. Auflage 2021
ISBN: 978-3-7398-0575-7
Verlag: UVK Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Geschichte der Medizin in der Region

E-Book, Deutsch, Band 14, 442 Seiten

Reihe: Forum Suevicum

ISBN: 978-3-7398-0575-7
Verlag: UVK Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Die Medizingeschichte hat sich in der Vergangenheit geweitet zu einer Kulturgeschichte des Medikalen. Erforscht werden zwar weiterhin aufsehenerregende Krankheiten und Seuchen, die ganze Generationen und Gesellschaften fest im Griff hatten, berühmte Ärzte, Heiler oder auch Patienten und deren Biographien, medizinische Einrichtungen vom Operationssaal bis zum Sanatorium und mehr oder weniger erfolgreiche Therapien. Indes haben sich die Perspektiven auf die Phänomene verändert. So gilt heute das Interesse vor allem den Einstellungen und Praktiken, die mit Gesundheit und Krankheit zu tun hatten, sowie dem Prozess der 'Medikalisierung'. Für solche prozessbezogenen Aspekte ist ein epochenübergreifender regionalgeschichtlicher Ansatz besonders ergiebig. Umgekehrt weitet eine Kulturgeschichte des Medikalen auch den Horizont für neue regionalhistorische Fragen, etwa danach, wie medikale Regionen und Räume entstanden und entstehen und wie sie sich mit anderen vergleichen lassen. Der Tagungsband widmet sich diesen Fragestellungen in Längsschnitten vom (späten) Mittelalter bis in die Zeitgeschichte.

Professor Dr. Dietmar Schiersner lehrt Geschichte und ihre Didaktik an der PH Weingarten. Dr. Peer Frieß ist Ministerialrat in der Bayerischen Staatskanzlei München.
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PEER FRIESS/DIETMAR SCHIERSNER

Einführung


Wer auch nur oberflächlich die Forschungsaktivitäten im deutschsprachigen Raum zur Kenntnis nimmt, der bemerkt: Medizingeschichte boomt – und das nicht erst, seit die Corona-Pandemie die ›Sorge um die Gesundheit‹ ins Zentrum des öffentlichen Interesses gerückt hat. In Deutschland, Österreich und der Schweiz beschäftigen sich über 40 Institute schwerpunktmäßig mit medizingeschichtlichen Fragestellungen.1 Mehr als 100 Museen und Sammlungen widmen sich der Medizin im allgemeinen bzw. der bunten Vielfalt medizinhistorischer Themen von der Anästhesie bis zur Psychiatrie im besonderen.2 Eine Vielzahl von Ausstellungen und wissenschaftlichen Tagungen belegen die Produktivität der medizinhistorischen Forschung auf nationaler und internationaler Ebene.3 In den letzten Monaten wurden knapp 50 Symposien zu den unterschiedlichsten medizinhistorischen Fragestellungen organisiert. Die Bandbreite der Themen reichte von ›Objekte als Quellen der Medizingeschichte‹ über ›Hof- und Leibärzte in der Frühen Neuzeit‹ bis zu ›Religiöse Heiler im medizinischen Pluralismus in Deutschland‹.

Dieser kursorische Überblick belegt nicht nur die gegenwärtige Attraktivität medizinhistorischen Forschens insgesamt; er zeigt auch ausschnitthaft die Vielfalt der Perspektiven – denen im übrigen viele weitere aktuelle hinzuzufügen wären. Sieht man sich die einzelnen Beiträge dieser Tagungen an, wird außerdem deutlich, wie die im Grunde klassischen Themen der Sachkultur und Personengeschichte eine innovative Richtung bekommen. Gerade als Körpergeschichte nimmt die Medizingeschichte, um hier nur noch einen Aspekt zu nennen, gendergeschichtliche Ansätze seit Jahren sehr gewinnbringend auf.

Die Medizingeschichte hat sich offenkundig längst geweitet zu einer Kulturgeschichte des Medikalen. Erforscht werden zwar weiterhin aufsehenerregende Krankheiten und Seuchen, die ganze Generationen und Gesellschaften fest im Griff hatten, berühmte Ärzte und Ärztinnen, Heiler oder auch Patientinnen und Patienten und deren Biographien, medizinische Einrichtungen vom Operationssaal bis zum Sanatorium und mehr oder weniger erfolgreiche Therapien. Indes haben sich die Perspektiven auf diese Phänomene verändert. So gilt heute das Interesse ganz im Sinne der Neuen Kulturgeschichte oder der Historischen Anthropologie vor allem den Einstellungen und Praktiken, die mit Gesundheit und Krankheit zu tun hatten, sowie dem Prozess der sog. ›Medikalisierung‹. Bezeichnet wird damit einerseits ein spezieller Aspekt von obrigkeitlicher bzw. staatlicher ›Biopolitik‹,4 andererseits aber auch der generelle säkulare Bedeutungszuwachs, den medikale Diskurse im Alltag der ›westlichen‹ Zivilisationen über Jahrhunderte hinweg gewannen, während religiöse Bewertungen und Strategien ihren Stellenwert verloren.5 Nicht nur der ökonomische Rang, sondern auch die mentale Präsenz, den bzw. die das medizinische System gegenwärtig bei uns hat, ist vorläufiges Ergebnis einer langfristigen Entwicklung.6

›Medikalisierung‹ schließt dementsprechend auch politisch-fiskalische, ökonomische, soziale oder mentalitätsgeschichtliche Fragestellungen mit ein. Die Einführung einer Impfung etwa ist nicht nur im Hinblick auf deren medizinhistorische Genese und Wirkungsgeschichte von Interesse. Vielmehr lässt sich z. B. auch fragen, welche Effekte die Maßnahmen für die Bürokratie, die ggf. schichten- oder gruppenspezifische Wahrnehmung des Staates oder das Bedrohungsbewusstsein der Menschen zeitigten.7 Wallfahrten, die Berührung bestimmter Reliquien oder das Sprechen von Gebeten sind – um nur ein weiteres Beispiel zu nennen – nicht nur Phänomene der Frömmigkeitsgeschichte und unter religiösem Aspekt bedeutsam; solche ›vormodernen‹ Praktiken geben auch Aufschluss über das Verhältnis von individueller und sozialer Dimension von Krankheit, woran sich, noch fundamentaler, erkennen lässt, wie sehr die Semantiken im Begriffsfeld von ›Krankheit‹ und ›Gesundheit‹ vom jeweiligen historischen und kulturellen Kontext abhängig waren bzw. sind.

Liegt der Schwerpunkt der aktuellen medizinhistorischen Forschung stärker auf derartigen thematischen, epochen- oder personenbezogenen Fragestellungen, war es Ziel der Tagung des Memminger Forums, die verschiedenen Ansätze integrativ zu verbinden, um am Beispiel Schwabens und seiner Nachbarn die Entstehung und Entwicklung einer medikalen Region näher zu untersuchen. Nicht der herausragende Arzt, das vorbildliche Krankenhaus oder die Folgen einzelner Seuchen sollten im Fokus stehen, sondern vielmehr die Frage, was die Menschen in einer Region aus Sorge um ihre Gesundheit unternahmen, um sich vor Krankheit und Tod zu schützen.

Gerade ein solch epochenübergreifender landeshistorischer Ansatz kann die aktuellen prozessbezogenen Fragestellungen einer Kulturgeschichte des Medikalen aufgreifen und den Horizont für neue Fragestellungen öffnen. Aus diesem Blickwinkel geht es dann beispielsweise nicht mehr nur um die Darstellung der medizinischen Versorgung in einer Stadt oder Region, sondern darüber hinaus um die Frage, ob oder wie entsprechende Einrichtungen – vom Pilgerziel über das Spital bis zum Kurzentrum – kommunikative Zusammenhänge im Raum schufen und medikale Regionen entstehen ließen, die sich gegebenenfalls mit anderen vergleichen lassen. In einem abstrakteren Verständnis gehören hierher auch die inzwischen häufiger verfolgten Fragestellungen einer Raumgeschichte des Medikalen, die den Blick z. B. auf transitorische Räume wie Wartezimmer oder Krankenwagen lenkt. Immer geht es dabei darum, wie Räume durch medikale Praktiken generiert werden.8

Dieser zentralen Thematik nähern sich die für den Druck überarbeiteten Vorträge auf verschiedene Weise. Die ebenso klassische wie pragmatische Gruppierung der Aufsätze nach Stadt, Land und raumübergreifenden Ordnungen kann ganz in diesem Sinne als dezidiert raumsensibler Zugriff verstanden werden. Die Gliederung folgt der Strukturierung der Tagung des Memminger Forums vom 15. bis 17. November 2019. Dem städtischen Gesundheitswesen (Sektion 1) wurden medikale Phänomene auf dem ›Land‹ (Sektion 2) an die Seite gestellt. Regional übergreifende Gesundheitspolitiken (Sektion 3) nahmen ergänzend eine Perspektive ›von oben‹ ein. Zeitlich erstrecken sich die Tagungsbeiträge vom späten Mittelalter bis in die Zeitgeschichte. Räumlich umfasst ihr Horizont im Schwerpunkt das südlich der Donau gelegene Schwaben, ergänzt um Beiträge aus den Nachbarregionen Bayern, Tirol, Vorarlberg und Württemberg.

Die der städtischen Perspektive gewidmete erste Sektion eröffnet STEFAN DIETER, der am Beispiel der Reichsstadt Kaufbeuren zeigt, wie sich das spätmittelalterliche Vertrauen auf die Wirkmächtigkeit von Heiligen als Nothelfer auf das konkrete Handeln einer Stadtgesellschaft auswirkte und in der sakralen Topographie einer Stadt und ihrer unmittelbaren Umgebung niederschlug. Insbesondere die Auswahl der Patrozinien für die um Kaufbeuren errichteten Kirchen und Kapellen erweist sich für die zentrale Fragestellung der Tagung als aufschlussreich. Wenn man das Bildprogramm der städtischen Kirchen mitberücksichtigt, entsteht ein über die Stadtmauern von Kaufbeuren hinausgreifender, gleichsam medikaler Sakralraum, in dem dreizehn der Vierzehn Nothelfer zum Schutz der Bewohner aufgeboten wurden.

Dass den Menschen des Spätmittelalters zugleich bewusst war, wie begrenzt die Wirkung der Anbetung von Heiligen war, macht PATRICK STURM deutlich. Wirklichen Schutz vor Seuchen schien nur die Flucht geboten zu haben. An zahlreichen Beispielen süddeutscher Reichsstädte zeigt er, dass das spätmittelalterliche Konzept der Flucht aus der Stadt in die umliegenden Dörfer oder Nachbarstädte im Laufe des 16. Jahrhunderts durch verschiedene Vermeidungsstrategien zunächst ergänzt und dann schrittweise abgelöst wurde. Dadurch wurde einerseits die weitere Verbreitung der Seuche eingedämmt und andererseits die Handlungsfähigkeit städtischer Gremien auch in Pestzeiten gewährleistet. Dieser rationalere und pragmatischere Umgang mit der Seuche zu Beginn des 16. Jahrhunderts, der auf Abschottungs- und Quarantänemaßnahmen setzte, verwandelte gleichzeitig das ursprünglich als positiv und gesund wahrgenommene Umland in eine zumindest in Seuchenzeiten bedrohliche und krankmachende Nachbarschaft.

ANNEMARIE KINZELBACH untersucht drei ganz unterschiedliche Institutionen: das Leprosorium und das Spital der Reichsstadt Überlingen sowie das von den Fuggern 1560 gestiftete Schneidhaus in Augsburg, eine der ältesten privaten chirurgischen Einrichtungen in Europa. Gemeinsam ist ihnen eine weit ausgreifende Raumwirksamkeit. So kamen etwa die Patienten des Fugger’schen Schneidhauses aus insgesamt 467 verschiedenen Orten der näheren und weiteren Umgebung Augsburgs. Gleichzeitig wird deutlich, dass Gründung und...



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