E-Book, Deutsch, Band 16, 454 Seiten
Reihe: Forum Suevicum
Frieß / Schiersner Beschwert und überladen?
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-381-12973-7
Verlag: UVK Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Die Rolle regionaler Ressourcenkonflikte im Bauernkrieg von 1525
E-Book, Deutsch, Band 16, 454 Seiten
Reihe: Forum Suevicum
ISBN: 978-3-381-12973-7
Verlag: UVK Verlag
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark
Dr. Peer Frieß, Ministerialrat a.D. Prof. Dr. Dietmar Schiersner lehrt Geschichte des Mittelalters und der Frühen Neuzeit an der Pädagogischen Hochschule Weingarten.
Autoren/Hrsg.
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Christian Pfister
Wärme, Kälte und eine angesagte Katastrophe. Klimatische Interpretationselemente zur Entstehung des Bauernkriegs 1471–1524
1. Demografisch und klimatisch bedingte Ressourcenkonflikte
Ressourcenkonflikte ergaben und ergeben sich in der Regel aus dem Zusammenspiel von Witterungs- und Klimaeffekten mit den sich verändernden politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Voraussetzungen der betroffenen Gruppen der Gesellschaft. Sie äußerten sich üblicherweise in der Form von Lebensmittelteuerungen und sozialen Unruhen im Gefolge von Missernten.1 Fest steht, dass der Ausbruch des Bauernkrieges von 1525 nicht auf eine Teuerung der Grundnahrungsmittel zurückzuführen ist.2 Vielmehr liegt ihm vor allem ein längerfristiger eingeschränkter Zugang der Unterschichten zur Ressource Kulturland zugrunde, der sich durch ein rasches Bevölkerungswachstum verschärfte. Offen ist, wann und unter welchen klimatischen Bedingungen das Bevölkerungswachstum eingesetzt hat. Ferner stellt sich die Frage, ob sich klimatisch bedingte Ressourcenkonflikte um Brennholz als Folge einer Reihe von kalten Wintern in den Forderungen der aufständischen Bauern niedergeschlagen haben. Schließlich ist auf eine Kumulation von Unwetterkatastrophen im Juli 1524 hinzuweisen, die das Fass möglicherweise zum Überlaufen brachten.
Bis zum Ende des 14. Jahrhunderts halbierten wiederholte Pestwellen die europäische Bevölkerung. Die Nachfrage nach Getreide sank so stark, dass die Preise für Brotgetreide selbst auf Missernten kaum mehr reagierten. Unter diesen Bedingungen lohnte es sich, Grenzertragsflächen in Dauergrünland umzuwandeln.3 Der Wald gewann wieder an Boden. Die vor der Pest verbleibende Waldfläche in West- und Mitteleuropa dürfte sich etwa verdoppelt haben.4 Es stellt sich die Frage, wann und unter welchen Bedingungen der oben genannte Wachstumsprozess eingesetzt hat, und inwieweit sich dieser über mehrere Generationen hinweg veränderte.
Der Aufsatz untersucht diesen Prozess anhand von Aufzeichnungen der Witterungs- und Klimaverhältnisse in historischen Dokumenten in Verbindung mit Hinweisen auf die demografische Entwicklung. Er ist wie folgt aufgebaut: In einem ersten Schritt wird dargelegt, wie Temperaturen vor der Verwendung von thermometrischen Messungen mit den Methoden der Historischen Klimatologie geschätzt werden. In einem zweiten Schritt wird die saisonale und jährliche geschätzte Temperaturentwicklung von 1460 bis 1539 anhand von Indikatoren aufgezeigt. Im dritten Kapitel werden aufgrund der Klimaentwicklung Mutmaßungen über den Verlauf des Bevölkerungswachstums angestellt. Ferner wird auf die häufigen kalten Winter zwischen 1508 und 1517 und die Kumulation von Katastrophen im Juli 1524 hingewiesen. Abschließend werden die Ergebnisse zu einer Gesamtinterpretation zusammengefügt.
2. Narrative Witterungsberichte zur Schätzung von Temperaturen
Instrumentell gemessene Tagestemperaturen sind in der Meteorologie die Ausgangsgrößen, aus denen Mittelwerte der Temperatur berechnet werden. Für die vorinstrumentelle Periode vor dem frühen 18. Jahrhundert stehen in West- und Mitteleuropa narrative Daten, oft in Verbindung mit sogenannten Proxydaten, zur Verfügung. Unter diesen versteht man quasiobjektive Temperaturzeiger in der naturnahen Umwelt, wie die Breite und Dichte von Baumringen, die Entwicklungsstadien von Pflanzen (phänologische Daten), Angaben zur Größe und Qualität der Weinernten (önologische Daten), solche zur Dauer der Schneebedeckung sowie zur Vereisung von Flüssen und Seen. Solche Temperaturzeiger flochten Chronisten vom ausgehenden 12. Jahrhundert an in ihre Berichte von Extremereignissen ein, um dieselben auf eine überzeitlich vergleichbare Basis zu stellen.5 Vom frühen 18. Jahrhundert an liegen systematische Beobachtungen zur Pflanzenentwicklung und zur Dauer der Schneebedeckung vor.6 Vom ausgehenden 15. Jahrhundert an sind Wettertagebücher überliefert, in denen die Autoren – meist in Vorformen der heutigen Agenda – das Wetter von Tag zu Tag mit ein paar Worten aufzeichneten.7 Kilian Leib (1471–1553), ein Prior des Augustinerklosters in Eichstätt, untersuchte den Wert astrometeorologischer Vorhersagen für die Landwirtschaft anhand von täglichen Aufzeichnungen von 1513 bis 1531 systematisch. Er kam zum ernüchternden Schluss, dass sie nicht zuverlässig seien.8
Zur Schätzung vorinstrumenteller Temperaturen hat die Historische Klimatologie9 einen synthetischen Proxy als Schnittstelle zwischen vorinstrumentellen und instrumentellen Daten in Form eines Index geschaffen. Bei diesem handelt es sich um einen numerischen Wert, der auf der zusammenfassenden Interpretation der gesamten für einen Monat oder eine Jahreszeit verfügbaren Information beruht.10 Am weitesten verbreitet ist der sogenannte Pfister-Index,11 der sieben Klassen auf einer Skala von –3 bis +3 umfasst (Grafik 1). Diese beziehen sich auf Abweichungen von einer Referenzperiode im 20. Jahrhundert. Sofern für einen Zeitraum nur beschreibende Daten vorliegen, sind Indizes –1, 0 oder +1 zu setzen, ungeachtet des narrativen Inhalts der Beschreibung. Indizes 2, 3 oder –2, –3 bleiben jenen Fällen vorbehalten, für die sowohl beschreibende Berichte als auch Verweise auf Temperaturzeiger vorliegen, die meteorologisch stimmig sind.12
Der tschechische Geograph Petr Dobrovolný erarbeitete mit seinen Kollegen Schätzwerte der monatlichen, jahreszeitlichen und jährlichen Temperaturen seit 1500, welche auf der Auswertung von Pfister-Indexreihen aus Deutschland, der Schweiz und den tschechischen Ländern beruhen.13 Die daraus resultierende zentraleuropäische Temperaturreihe besteht bis 1759 aus geschätzten Messwerten auf einer monatlichen, saisonalen und jährlichen Zeitskala in der Form von Abweichungen vom Mittelwert 1961–1990, einschließlich eines Schätzfehlers.14 Anschließend liegen Messwerte vor. Saisonale Indizes für die Periode 1460 bis 1499 finden sich in einem Appendix bei Pfister und Wanner.15 An sich könnten auch die Niederschlagsverhältnisse mit der Methode der Indizes untersucht werden, wie Petr Dobrovolný und seine Koautoren für die tschechischen Länder gezeigt haben.16
Grafik 1: Der siebenstufige Temperatur- und Niederschlags Pfister-Index17
Doch für Deutschland, die Schweiz und Österreich handelt es sich dabei noch um ein Forschungsdesiderat. Die Indexmethode wird anhand von drei Beispielen erläutert:
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Der April 1473 war im französischen Metz »heiß«. Anfang Mai begannen die Reben zu blühen. Anfang Juni waren die ersten Kirschen reif, was einem Vegetationsvorsprung von 3–4 Monaten entspricht.18 Dies führt zu einem Index der Frühjahrstemperatur von +3.
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Im Dezember 1473 blühten in Basel verbreitet Blumen bei »frühlingshafter Wärme«, und der Winter 1474 blieb wie jener von 1473 »regnerisch ohne Frost«.19 In beiden Fällen wird ein Index von +3 gesetzt.
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Im Winter 1514 dauerte die Kälte von Mitte November bis Anfang Februar. Die Eisdecke auf dem Rhein und auf der Mosel trug geladene Wagen. Eisbedeckt war auch der Zürichsee.20 Dies rechtfertigt einen Temperaturindex von –3, was einer geschätzten Abweichung der Wintertemperatur von –4,6 °C +/– 0,69 °C entspricht.21
3. Ein Wechselbad von Wärme und Kälte
Grafik 2: Indizes der Jahrestemperaturen 1460–1548, 7-jährige gleitende Mittel
Daten: Online Anhang DOI 10.7892/boris.148155.
Grafik 2 vermittelt einen Überblick über die geschätzten Jahrestemperaturen in Form von Pfister-Indizes. Die diesen zugrunde liegenden saisonalen Daten sind im Online-Anhang enthalten.22 Die Angaben für den Herbst sind vor 1500 lückenhaft und generell wenig differenziert. Im Folgenden werden die saisonalen Indizes anhand der oben erwähnten digitalen Dokumentation diskutiert. In den 1460er Jahren ist weder für den Winter, das Frühjahr noch für den Herbst eine warme Jahreszeit dokumentiert, und es lässt sich kein einziges warmes Jahr ermitteln. Zwei kalte und ein strenger Winter sowie drei kalte und ein bitterkaltes Frühjahr wurden verzeichnet. Warm waren drei Sommer, doch standen ihnen zwei kalte und eine sehr kalte Jahreszeit gegenüber.
Das Jahr 1473 gilt nach heutigen Kenntnissen in West- und Mitteleuropa als das wärmste und trockenste im verflossenen Jahrtausend.23 Es war der Höhepunkt eines mehrjährigen Wärmeschubs innerhalb der Kleinen Eiszeit: Dieser ist möglicherweise auf längerfristige Veränderungen in der Oberflächentemperatur des Nordatlantiks zurückzuführen.24 Nach einem Kälteschock im Jahr 1477 kehrte die Wärme 1479 zurück.
In den 1480er Jahren sanken die Temperaturen, und Klimaanomalien häuften sich. Abgesehen von zwei warmen Sommern (1483 und 1484) war die Vegetationsperiode in den Jahren 1485, 1488 und 1489 kühl. 1481 war ein ›Jahr ohne Sommer‹. Das Jahr 1491, ein annus horribilis, gehört zu den verheerendsten des verflossenen Jahrtausends. Der Rhein bei Köln und der Zürichsee waren eisbedeckt. Zwischen dem 30. Dezember und dem 8. Januar wurden gewaltige Schneemassen aufgetürmt, welche die Menschen in ihren Behausungen einschlossen. Dann schmolz ein Warmluftvorstoß mit Dauerregen die angehäuften Schneemassen, was viele...




