Frietsch | Die Goldene Spur in Hermann Hesses Steppenwolf | E-Book | www.sack.de
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E-Book, Deutsch, 144 Seiten

Frietsch Die Goldene Spur in Hermann Hesses Steppenwolf

Interpretation, Analyse und Betrachtung
unverändert
ISBN: 978-3-911069-11-3
Verlag: resilienz-verlag.de
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Interpretation, Analyse und Betrachtung

E-Book, Deutsch, 144 Seiten

ISBN: 978-3-911069-11-3
Verlag: resilienz-verlag.de
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Hermann Hesse beschreibt in seinem 1927 erschienenen Roman Der Steppenwolf die Midlife-Crisis des 50-jährigen Privatgelehrten Harry Haller. Erzählt wird die Geschichte seines Lebens zwischen bürgerlicher Existenz und Künstlertum, Verzweiflung, Leiden an sich selbst, Depressionen, Selbstmordgedanken, Selbsterkenntnis, Verliebtsein und Jazzmusik. Ein Buch für den interessierten Leser, für den Schulunterricht, für jemanden, der Hilfe bei der Lektüre sucht ... Aus dem Inhalt: Die Radiomusik des Lebens Hermann Hesse und die Entstehung des Steppenwolf Kommentar und ausführliche Inhaltsangabe Personen - Leitmotive - Dualismus Psychologische Behandlung Hesses bei Josef Bernhard Lang Der musikalische Bauplan des Romans Individuation und Selbstwerdung in Hesses Steppenwolf Aussagen zum Roman Psychologisch motivierte Deutung nach Carl Gustav Jung

Wolfram Frietsch, Dr. phil., M. A., Studium der Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft und Politikwissenschaft; 1. und 2. Staatsexamen für den höheren Schuldienst; Deutscher Lehrerpreisträger 2015. Dozent in der Erwachsenenbildung; Lehrbeauftragter und Autor; Vorsitzender der gemeinnützigen Gesellschaft für angewandte Philosophie Baden-Baden e. V. Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Resilienz & Literatur e. V.
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Ein Buch für den interessierten Leser, für den Schulunterricht, für jemanden, der Hilfe bei der Lektüre sucht ...


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Aus dem Inhalt:
Die Radiomusik des Lebens
Hermann Hesse und die Entstehung des Steppenwolf
Kommentar und ausführliche Inhaltsangabe
Personen - Leitmotive - Dualismus
Psychologische Behandlung Hesses bei Josef Bernhard Lang
Der musikalische Bauplan des Romans
Individuation und Selbstwerdung in Hesses Steppenwolf
Aussagen zum Roman
Psychologisch motivierte Deutung nach Carl Gustav Jung


Hermann Hesse und die Entstehung des Steppenwolf


Hermann Hesse zieht es 1919 ins Tessin, genauer nach Montagnola. Dort lernt er Ruth Wenger, die 22-jährige Tochter der Schweizer Schriftstellerin Lisa Wenger und ihres Mannes Tonio, eines Fabrikanten, kennen. Hesse ist 42 Jahre alt.

1923 lässt sich Hesse von seiner ersten Frau Maria Bernoulli scheiden und heiratet am 11. Januar 1924 Ruth Wenger. Eine konventionelle Ehe scheint es nicht zu sein. Die meiste Zeit leben beide getrennt. Hesse zieht es nach Basel und Zürich. Drei Jahre später, im April 1927, trennen sie sich wieder.

Ruth ist Sängerin. Hesse erlebt sie in Aufführungen von Mozarts Zauberflöte und Don Giovanni. Ende 1924 probt Ruth Hesse Die Zauberflöte für das Ludwigsburger Schloss und im November 1927 wohnt Hesse einer Aufführung des Don Giovanni in Zürich bei. Beide Opern werden im Steppenwolf verarbeitet. Hesse nimmt im „Magischen Theater“ Bezug auf den Schlussakt des Don Giovanni. Über Die Zauberflöte lässt er Harry Haller im Gespräch mit dem Professor sagen, sie sei ihm „das Liebste auf der Welt“.

Der Steppenwolf erscheint im Juni 1927 zusammen mit der ersten Hesse-Biografie zum 50. Geburtstag des Dichters, verfasst von seinem Freund Hugo Ball. Ball ist mit seinen Lautgedichten und seinem szenischen Spiel auf der Bühne nicht nur Mitbegründer des Dadaismus, sondern eine führende Gestalt dieser Bewegung. Im September 1926 hatte Ball mit der Arbeit an der Biografie begonnen und 1927 erkrankte er schwer an Magenkrebs. Hesse besucht seinen Freund jeden zweiten Tag. Hugo Ball stirbt am 14. September 1927.

Ehe und Arbeit am Steppenwolf zwischen 1924 und 1927 sind geprägt von Spannungen, resultierend aus inneren Kämpfen und Auseinandersetzungen, Gedanken an Selbstmord, therapeutischen Sitzungen und weltlichem Vergnügungen. Der Biograf Joseph Mieleck beschreibt es so:

Ein eher prüder Künstler und Denker wurde plötzlich so etwas wie ein Weltkind. Ein schüchterner Außenseiter, der sich in seinem Arbeitszimmer, im Konzertsaal und in der Natur am wohlsten fühlte, wurde nun zum häufigen Besucher von Bars und Tanzsälen. Als Liebhaber klassischer Musik lernte er nun Jazz schätzen. Hesse wurde für kurze Zeit ein Harry Haller, ein Mann mittleren Alters, der über die Stränge schlug. Bekannte runzelten die Brauen, und Freunde machten ihm Vorhaltungen wegen seines neuen Lebensstils. Hesse selbst war weniger beunruhigt. Er wußte, daß diese Selbstbehauptung seines allzu lange unterdrückten sinnlichen Ichs fast unvermeidbar war; er erkannte den therapeutischen Wert und war außerdem überzeugt, daß es sich um nicht mehr als ein Zwischenspiel handle. Und so war es auch. Ende 1926 war die Krise überwunden, und Hesse durch sie ausgewogen und klüger (Mileck, 143f).

Hesse frischt den Kontakt zu Ninon Ausländer auf. Sie hatte 1919, 14-jährig, einen Brief an Hesse geschrieben, den er wohlwollend beantwortete. 1926 treffen sie sich in Zürich. Ein Jahr später zieht sie bei ihm ein. In den folgenden Jahren veröffentlicht er Narziß und Goldmund und den Roman Das Glasperlenspiel (1943), für den er 1946 den Nobelpreis erhält. Hermann Hesse stirbt am 9. August 1962.

Hesse und die Psychologie


Neben den offensichtlichen Parallelen des Steppenwolf-Romans zu Hesses Leben – die Besuche von Wirtshäusern, Maskenbällen, Jazzabenden und ein gewisses „Vagabundenleben“ – gibt es noch einen anderen, eher verborgenen Zusammenhang. Der Roman erhält eine biografische Tiefenstruktur, die von der Begegnung Hesses mit dem Analytiker Josef B. Lang und der Auseinandersetzung mit der Gedankenwelt des Schweizer Psychologen C.G. Jung beeinflusst ist. Es lohnt sich, näher darauf einzugehen, weil sich darin zahlreiche Schlüssel zum Verständnis des Romans finden.

2006 wurde der Briefwechsel zwischen Hermann Hesse und dem 1881 geborenen und um vier Jahre jüngeren Psychologen Josef Bernhard Lang veröffentlicht, der die Zeit zwischen 1916 und 1944 abdeckt. 1945 stirbt Lang an einer Hirnblutung.

Lang war Analytiker aus dem Umfeld C.G. Jungs. Im Frühjahr 1916 trifft Hesse mit ihm zusammen und lässt sich von ihm analysieren. Hesse laboriert an einer inneren Verwirrung, ausgelöst durch einen Nervenzusammenbruch bei seiner Arbeit in der Gefangenenfürsorge, den Tod seines Vaters und die eigene Ehekrise.5

Auf Anraten seines Hausarztes sucht er [Hermann Hesse] das Kurhaus Sonnmatt bei Luzern auf. Dort empfiehlt man dem Vereinsamten einen jungen Luzerner Arzt und Analytiker, den damals etwa fünfunddreißigjährigen Jung-Schüler J. B. Lang, der rasch zu Hesses vertrautem Freunde wird (Ball, 107).

Lang, dessen Schwerpunkt in der therapeutischen Arbeit u.a. der Traumanalyse liegt, ermuntert Hesse, sich den eigenen Träumen zu stellen, sie aufzuschreiben und darüber zu erzählen. Bereits 1916 regte er ihn an, wieder mit dem Malen fortzusetzen. 1926 gelang es Lang, Hesse dazu zu bewegen, das Tanzen zu lernen, einen Maskenball zu besuchen und sich der sinnlichen Seite des Lebens zu stellen. Das ist deshalb bemerkenswert, weil Hesse pietistisch erzogen war und ihm Vergnügungen, Zeitvergeudungen und Ausschweifungen von Kindheit an suspekt gemacht wurden.

Im übrigen war der junge Arzt, wie es der Analytiker sein muß, aber wohl selten ist, völlig ohne private Voreingenommenheit, ohne persönliches Interesse; bereit, bis zur Selbstverleugnung die schweren Stauungen seines Patienten zu entfesseln. Er war der geborene Arzt für jene Symptome, die der Fachmann unter dem Begriff der „Zwangsneurose“ zusammenfaßt; Symptome, die man durch ein Aufspüren und Zutagefördern der ursprünglichen, aber verdrängten oder verhohlenen Anlage zu beseitigen sucht. Hesse hinwiederum trug, von früher Kindheit her, eine religiöse Symbolwelt in sich, die, allzu lange vor einer argwöhnischen und frostigen Umgebung verborgen, ihrer Auswirkung harrte. Vor allem mußte es dem Arzte wichtig sein, die Erstarrung und Vereinsamung seines Freundes zu lösen. Viel war gewonnen, wenn es gelang, die konventionelle Kruste zu sprengen, die schreckenden Traumbilder aufzunehmen und sie an traditionelle Symbolreihen anzuschließen (Ball, 111).

Im Jahre 1916 gibt es Aufzeichnungen zu zwölf Sitzungen Langs mit Hesse. Es folgen 60 weitere. Hesse führt von 1916 bis 1917 ein Traumtagebuch.

Die Kladde des Arztes verzeichnet im Mai 1916 zwölf analytische Sitzungen, teils auf Sonnmatt, teils in der Luzerner Wohnung. Anfang Juni bereits verläßt der Dichter das Sanatorium und begibt sich wieder nach Bern, wiederholt aber in der Folge öfters seine Besuche, die jeweils etwa drei Stunden währen. Im ganzen verzeichnet das Merkbuch noch etwa sechzig Sitzungen, die sich vom Juni 1916 bis November 1917 erstrecken. Die Frucht dieser Unterhaltungen sind teilweise Hesses „Märchen“ und völlig der „Demian“; der letztere entstand 1917 vehement, wie übrigens fast alle Schriften des Dichters. In wenigen brennenden Monaten war das Buch niedergeschrieben (Ball, 107).

In diese Zeit fallen umfangreiche Literatur-Studien Hesses zu Mythologie, Symbolik und Religion. Er interessiert sich auch für die Gnosis, die er sehr wahrscheinlich durch ein Buch C.G. Jungs kennenlernt.

Gnosis


Die Gnosis ist eine religiöse Glaubensrichtung, die im 2./3. Jahrhundert nach Chr. ihre Blüte erreichte. Gnosis geht von einem strengen Dualismus von Gut und Böse, Seele und Materie aus und nimmt an, dass die Welt von einem Demiurgen (Baumeister) erschaffen sei. In jedem Menschen gebe es einen Funken, eine Ahnung oder Gewissheit, die ihn die dunklen, materiellen Verstrickungen erkennen lasse und ihn antreibe, sich von der Verhaftung an die körperliche Welt zu lösen, um zum himmlischen, lichten Leben zurückzukehren.

Deutlich wird dies in der gnostischen Erzählung „Das Lied der Perle“, die vom Abstieg der Seele aus dem Himmel (Geist) auf die Erde (Materie) und deren Wiederaufstieg erzählt. Personifiziert wird die Seele durch einen jungen Mann, der den Auftrag erhält, in Ägypten, mitten im Meer, eine Perle zu holen. Damit er seine edle Herkunft nicht vergisst, treffen seine Eltern mit ihm gemeinsam eine Übereinkunft und schreiben diese in sein Herz. Er vergisst aber fern der Heimat, woher er kommt, wird durch einen Brief seiner Eltern daran erinnert und reist mit der Perle zurück.

Die „Seele“ vergaß ihre himmlische Herkunft und nur ein dunkles Begehren, ein Ahnen, eine Sehnsucht erinnerte sie an ihre göttliche Abstammung. Doch das genügte, um ihren Wiederaufstieg in den Himmel zu ermöglichen. Die materielle Welt stellt ein Gefäß dar, in dem die Seele gefangen genommen ist. Die Sehnsucht, sich davon zu befreien und zum überirdischen, ewigen Seelenort zurückzukehren, ist dem Menschen unbewusst präsent. Einen Reflex davon haben wir im Steppenwolf durch Ausdrücke wie „goldene Spur“, das Gefühl einer unbewussten Sehnsucht, die spontanen Glücksmomente, die Haller an die Ewigkeit gemahnen oder dass es das „Heimweh“ sei, das uns nach...


Frietsch, Wolfram
Wolfram Frietsch. Dr. phil., M. A.
Studium der Neueren deutschen Literaturwissenschaft, Musikwissenschaft, Mediävistik und Politikwissenschaft;
1. und 2. Staatsexamen fu¨r die Laufbahn des höheren Schuldienstes;
Autor, Vortragender, Dozent in der Erwachsenenbildung mit den Schwerpunkten Philosophie, Literatur, Politik, Musik, die Psychologie C. G. Jungs und Betriebliche Kommunikation;
Vorsitzender der Gesellschaft fu¨r angewandte Philosophie in Baden-Baden;
Vorsitzender des gemeinnu¨tzigen Vereins Resilienz und Literatur e. V.



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