Friðriksdóttir | Walküren | E-Book | www.sack.de
E-Book

E-Book, Deutsch, 314 Seiten

Friðriksdóttir Walküren

Frauen in der Welt der Wikinger
1. Auflage 2024
ISBN: 978-3-406-81755-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark

Frauen in der Welt der Wikinger

E-Book, Deutsch, 314 Seiten

ISBN: 978-3-406-81755-7
Verlag: C.H.Beck
Format: EPUB
Kopierschutz: 6 - ePub Watermark



Walküren entschieden in der nordischen Mythologie über das Geschick von Kämpfern auf dem Schlachtfeld. Auch andere Frauen treten in den isländischen Heldensagen als starke und einflussreiche Figuren auf, die eine bedeutende Rolle in den Machtkämpfen ihrer Gemeinwesen spielten. Aber wie sah die Wirklichkeit hinter den Sagen aus? Die Mediävistin Jóhanna Katrín Friðriksdóttir beschreibt auf Grundlage der neuesten historischen und archäologischen Forschungen die erstaunlichen und vielfältigen Lebenswelten der Wikingerinnen, die nicht nur als Ehefrauen, Mütter und Witwen, sondern auch als Dichterinnen, Mäzenatinnen und Herscherinnen bezeugt sind. Die isländischen Sagas sind Geschichten von Krieg und Kampf, Treueschwüren und Verrat, Mord und Rache, Entbehrungen und Siegen. In dieser Literatur waren Frauen oftmals mit einer beträchtlichen Handlungsmacht ausgestattet und in verschiedenen Machtpositionen vertreten. In anderen Bereichen wurden sie jedoch systematisch unterdrückt und ausgeschlossen. Wir lesen von herzzerreißenden Schicksalen von Mädchen und Frauen, deren traumatische Erfahrungen auch heute noch tief berühren. Der Band bietet einen ausgewogenen Einblick in die Lebenswelten der Wikingerfrauen und zugleich eine Einführung in die dramatische und faszinierende Welt dieser mittelalterlichen Helden- und Heldinnengeschichten aus dem hohen Norden.

JÓHANNA KATRÍN FRIÐRIKSDÓTTIR ist Mediävistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Forscherin an der Norwegischen Nationalbibliothek. Nach ihrer Promotion in Oxford unterrrichtete sie an der Yale University und hatte Forschungsstellen an der Harvard University und in Reykjavik inne. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen auf den Wikingern, der isländischen Saga-Literatur und Mythologie sowie der Gendergeschichte.
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1

Säuglingsalter und Kindheit


Aber um Swanhild  saßen die Mägde, die ich von den Kindern  am meisten liebte; Swanhild war so  in meinem Saal, als wäre sie ein glänzender  Strahl der Sonne.[1]

Diese ergreifenden Zeilen einer Mutter, in denen sie der Liebe zu ihrer Tochter Ausdruck verleiht, werden von der Heldin Guðrún geäußert, einer Frau, die im Laufe ihres bewegten Lebens eine Tragödie nach der anderen erleidet. Guðrún entstammt der Dynastie der Gjúkungen und wird von ihrer eigenen Mutter zu einer unheilvollen Ehe gezwungen. Auf brutale Weise verliert sie drei Brüder, zwei Ehemänner, ihre Tochter und vier Söhne. Diese Geschehnisse bilden die Kernerzählung der in den eddischen Dichtungen überlieferten altnordischen Heldensagen, die im Codex Regius sowie der Prosaparaphrase Völsunga saga (siehe Einleitung) zusammengetragen sind. Doch Guðrún war nicht ausschließlich ein Opfer, sondern für einige dieser Tode ist sie sogar selbst verantwortlich: Wir begegnen in Guðrún einer Kindsmörderin.

Wie es dazu kam, dass Guðrún ihre eigenen Kinder tötete, ist eine komplizierte Geschichte. Sie ist keineswegs seit jeher so kaltblütig, doch die permanenten Fehden und Morde, von denen ihre Welt geprägt ist, hinterlassen schließlich ihre Spuren. Ihre Konflikte reichen weit in die Vergangenheit zurück und entstehen durch Gier und Verrat anderer Menschen. So hatte es Guðrúns zweiter Ehemann Atli auf das Gold ihrer Brüder abgesehen, weshalb er diese in eine Falle lockte und umbrachte. Ihre Brüder wiederum hatten Guðrúns ersten Ehemann und ihren Schwurbruder Sigurðr den Drachentöter wegen ebenjenes Goldes ermordet. Dennoch ist der Mord an ihren Brüdern für Guðrún ein schwerer Schlag, den sie Atli nicht verzeihen kann. Deshalb entschließt sie sich zur schlimmsten nur denkbaren Rache und ermordet die beiden gemeinsamen kleinen Söhne. Ein Dichter beschreibt, wie die Jungen sich von ihrer Mutter in die Arme nehmen ließen, als sie nach ihnen rief. Guðrúns Söhne fürchteten sich zwar und spürten, dass etwas nicht stimmte. Sie wehrten sich, weinten jedoch nicht, und ihre Mutter schnitt ihnen schließlich die Kehle durch. Anschließend mischte sie ihr Blut mit Bier, briet ihr Fleisch und setzte es ihrem Vater vor, der damit unwissentlich zum Kannibalen wurde. Nach dem unheilvollen Mahl beginnt sich Atli um seine Söhne zu sorgen und erkundigt sich nach ihrem Verbleib. Doch es ist zu spät. Triumphierend prahlt Guðrún gegenüber ihrem Gatten mit ihrer Rache und offenbart ihm, was sie mit den Leichen der gemeinsamen Söhne getan hatte:

Deine Söhne verlorst du,  […]; ihre Schädel siehst du  gebraucht als Bierschalen, den Trank bereitet ich dir so:  Ich mischt ihr Blut drunter.

Ich nahm ihre Herzen  und briet sie am Spieß, dann reicht ich sie dir,  sagte, sie sei’n vom Kalb; […]  nichts ließest du übrig, du kautest gierig,  trautest deinen Backenzähnen.[2]

Guðrúns Ekel vor Atlis unfeiner Art zu essen ist deutlich erkennbar. Ihr Abscheu hängt möglicherweise mit Atlis Kannibalismus und ihrer eigenen Rolle dabei zusammen. Sie vollendet den Rachefeldzug für ihre Brüder, indem sie Atli ersticht und danach seine Halle in Brand steckt. Damit sind sowohl sein Geschlecht als auch sein Reich ausgelöscht.

Jahre später begegnen wir Guðrún erneut, inzwischen ist sie bei Ehemann Nummer drei angelangt. Zu diesem Zeitpunkt hat sie einen weiteren Verlust erlitten: Ihre jugendliche Tochter Svanhildr, verheiratet mit einem eifersüchtigen älteren Mann, war ungerechtfertigt des Ehebruchs beschuldigt und von ihrem Gatten dafür umgebracht worden. Trauernd, aber unbeugsam, schickt Guðrún ihre beiden anderen Söhne, Hamdir und Sörli, auf den Weg, um die Schwester zu rächen. Dabei wissen alle drei, dass sie von diesem Rachefeldzug nicht zurückkehren werden. Genau wie zuvor ihre kleinen Halbbrüder flehen Hamdir und Sörli ihre Mutter an und versuchen, sie umzustimmen, doch vergebens. Selbst von der Aussicht, ihre gesamte verbliebene Familie zu verlieren, lässt sich die eiserne Guðrún nicht von ihrem Plan abbringen. Rache ist wichtiger für sie als das Leben ihrer Kinder.

Aus heutiger Sicht wirkt eine derart erbarmungslose Haltung, bei der Blutsverwandte lediglich einen Kollateralschaden im Nullsummenspiel der Ehre darstellen, bizarr, krank und abstoßend und wirft zudem die Frage auf, ob Kinder den Menschen der Wikingerzeit nur als Mittel zum Zweck für ihr Streben nach Rache dienten. Andere Texte lassen auf einen strengen oder regelrecht herzlosen Umgang mit Kindern schließen. In der Laxdæla saga (Die Saga von den Leuten aus dem Laxárdal) sucht eine betrogene Frau ihren früheren Partner unerwartet bei Tagesanbruch auf, bringt die gemeinsame Tochter zu ihm und setzt das Kind somit bei ihrem Verflossenen aus.[3] In mittelalterlichen Rechtstexten finden Kindsmorde zwar indirekt, aber durchaus plausibel Erwähnung, und ein spanischer Reisender, der im 10. Jahrhundert die Stadt Haithabu besuchte, berichtet, dass die Bewohner ungewollte Kinder ins Meer warfen, wenn sie diese nicht ernähren konnten.[4] Solche Beispiele erwecken den Eindruck, dass Säuglinge und Kleinkinder für die Wikinger kein Anlass zur Freude waren, sondern als verzichtbare, ungeliebte Objekte angesehen wurden, die man nach Belieben aussetzen oder töten konnte.

Nun wird den Wikingern durchaus ein Hang zur Brutalität nachgesagt, doch dieser bezog sich vor allem auf Raubzüge im Ausland, wo sie «Fremde» und Feinde mit Gewalt überzogen, jedoch weniger ihr eigen Fleisch und Blut. Waren diese Menschen wirklich so skrupellos, die eigenen Kinder auf grausamste Weise auszusetzen oder gar zu ermorden? Indem sie ihnen die Kehle durchschnitten, sie ertränkten, hilflos ihrem Schicksal überließen oder in eine Schlacht – und damit in den sicheren Tod – schickten? Liebten die Wikinger ihre Kinder denn gar nicht? Die Antwort darauf lautet kurz und bündig: doch, selbstverständlich. Auch wenn ihre Vorstellungen von Elternschaft vermutlich wenig mit heutigen Gepflogenheiten gemein hatten, sorgten die meisten von ihnen gut für ihre Kinder und bemühten sich nach Kräften darum, dass es ihnen körperlich und seelisch an nichts fehlte. Obgleich Heldensagen nur sehr bedingt dazu taugen, historische Ereignisse zu rekonstruieren, ist es wichtig festzuhalten, dass diese Quellen die Opferung von Kindern zur Wahrung der Familienehre oder aus anderen Gründen weder rechtfertigen noch idealisieren. Ganz im Gegenteil. Im eddischen Gedicht Guðrúnarhvöt (Gudruns Aufreizung) bringt Guðrún zwar entschlossen und «lachend» Hamdir und Sörli ihre Rüstungen und ist sich gewiss, dass diese ihre Schwester rächen werden. Nach deren Aufbruch bricht sie jedoch in Tränen aus.[5] Es bleibt unklar, ob sie vor Reue weint, doch in jedem Fall erkennt Guðrún, dass sie sich mit der schrecklichen Tatsache abfinden muss, ihre Söhne in den sicheren Tod geschickt zu haben. Aus dem Gedicht geht jedoch hervor, dass sie sich dessen bewusst ist, wie sie durch ihre Entscheidungen negativ geprägt wurde. Die altnordischen Sagen geben uns Aufschluss darüber, welch hoher Preis mit dem Festhalten an einer Kultur verbunden war, die unnachgiebig auf Ehre beharrte, und sie belegen, wie stark die Nachfahren der Wikinger durch die Auswirkungen des Rachestrebens geprägt waren. Die Legenden um Guðrún zeugen von den inneren Kämpfen und der Reue, die viele der Akteure erlebt haben mögen, wenn das Wahren der Ehre um jeden Preis mit der Liebe zu einem Kind kollidierte.

Guðrúns Geschichte eröffnet auch Einblicke hinsichtlich der geschlechtsspezifischen Einstellung gegenüber Töchtern und ihrem Wert. Guðrún besteht darauf, Svanhildr zu rächen, denn für sie ist der Mord an ihrer Tochter genauso ein Verbrechen an ihrer Familie wie das Töten eines Ehemanns oder Bruders. Ihr Ehrgefühl verlangt Wiedergutmachung, selbst wenn dafür das Leben ihrer Kinder geopfert werden muss. Svanhilds Tod hat dabei nicht nur eine soziale Dimension (die Ehre war gewissermaßen eine Währung, um den sozialen Status aufrechtzuerhalten), sondern auch eine emotionale. Inmitten all des grausamen Blutvergießens und der Gewalt, die Guðrún verübt hat und weiterhin verübt, und trotz der starren...


JÓHANNA KATRÍN FRIÐRIKSDÓTTIR ist Mediävistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie arbeitet als Forscherin an der Norwegischen Nationalbibliothek. Nach ihrer Promotion in Oxford unterrrichtete sie an der Yale University und hatte Forschungsstellen an der Harvard University und in Reykjavik inne. Ihre fachlichen Schwerpunkte liegen auf den Wikingern, der isländischen Saga-Literatur und Mythologie sowie der Gendergeschichte.



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